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Yael Bartana Wenn ihr wollt, ist es kein Traum. Fragen an Freud und Herzl

Yael Bartana, "Wenn ihr wollt, ist es kein Traum" (Neonschrift), Ausstellungsansicht aus der Wiener Secession (7.12.2012-10.2.2013), Neon-Schriftzug "Wenn ihr wollt, ist es kein Traum", Foto: Alexandra Matzner.

Yael Bartana, "Wenn ihr wollt, ist es kein Traum" (Neonschrift), Ausstellungsansicht aus der Wiener Secession (7.12.2012-10.2.2013), Neon-Schriftzug "Wenn ihr wollt, ist es kein Traum", Foto: Alexandra Matzner.

Yael Bartana (* 1970) verwandelt den sonst lichtdurchflossenen Hauptausstellungsraum der Wiener Secession in ein dunkles, von mystischen Nebelschwaden durchzogenes Kino. Sie zeigt auf der riesigen Videoleinwand eine Dokumentation des im Mai 2012 auf der 7. Berlin Biennale abgehaltenen „Ersten Internationalen Kongresses“ der Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP). Diese von ihr in der Filmtrilogie „… And Europe Will Be Stunned“ (2007─2011) etablierte, fiktive Organisation tritt für ein Rückkehrrecht der Juden in Polen ein: 3,300.000 Menschen sollen in das „Land ihrer Sehnsucht, das Land ihrer Väter und Vorväter“ übersiedeln, denn diese 3 Millionen können das Leben der 40 Millionen Polen ändern. Doch welche Konsequenzen hätte die Umsetzung dieses „Traums“ in der Realität?

Yael Bartana in der Wiener Secession

Die Installation von Yael Bartana in der Wiener Secession lässt sich grob in drei Bereiche gliedern: dem großen, runden Versammlungstisch samt Mikrofonen, Abstimmtafeln und Maske mit den Gesichtszügen des mythischen Gründers der JRMiP, dahinter in Schwarz-Weiß ein Videomitschnitt der Diskussion in Berlin; insgesamt drei „Schreine“ im rechten „Seitenschiff“ der Secession, zwei sind gefüllt mit Dokumenten und persönlichen Besitztümern von Sigmund Freud1 (1856-1939) und Theodor Herzl2 (1860-1904), dazwischen einer mit Objekten aus der Geschichte der JRMiP3; im linken Seitenschiff befinden sich ein Leuchtkasten mit einer Netzwerkanalyse von Sigmund Freud und Theodor Herzl. Die Biografien und das Wirken von Herzl und Freud ließ sie zu Gründervätern der JRMiP werden; oder anders formuliert, die Organisation entwuchs aus ihren Ideen. Hier befindet sich auch der Neon-Schriftzug „Wenn ihr wollt ist es kein Traum“. Nebelschwaden ziehen durch den dunklen Raum. Sowohl die Tafel als auch der Schriftzug leuchten dadurch fast unheimlich aus dem Dunkel auf.

 

 

Wunscherfüllung und Symbolaneignung

Das von Yael Bartana mit aller Ernsthaftigkeit zur Disposition gestellte, utopische Konstrukt der JRMiP das Erstaunliche an der Secessionsausstellung. Weniger spannend scheint die Frage an Freud und Herzl, was die beiden sich denken würden, wenn sie wüssten, was aus ihren Ideen geworden ist. Die Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) lässt sich gleichermaßen als ein Kommentar auf die aktuelle Situation im Nahen Osten und der EU als auch als einen Teil der aktuellen Diskussion über den Nahen Osten und die EU verstehen.

Einerseits stellt Bartana das Werden Israels vehement in Frage, wenn sie betont, dass über drei Millionen Juden nach Polen übersiedeln sollen, um alte Fehler wieder gut zu machen, das „gegenseitige Trauma ein für alle Mal zu heilen“4. Andererseits formuliert sie ihre Forderung aus der Filmtrilogie nun in einen Diskussionsprozess um. Ersteres lässt sich mit der seit einigen Jahren beobachtbaren Entmythisierung der Gründung Israels verbinden.5 Immer deutlicher trat bei einigen Historikern die These zutage, dass der Zionismus und die damit einhergehende Besiedelung Palästinas als ein „Kind“ des Kolonialismus begriffen werden müssen. Yael Bartana kehrt zentrale Begriffe der zionistischen Idee, wie beispielsweise den Begriff des „Erez Israel“, um, indem sie mit „dem Land unserer Sehnsucht, dem Land unserer Väter und Vorväter“6 mit Polen identifiziert. Der Mythos des leeren Landes, das es nur zu besiedeln und urbar zu machen galt, wird durch Hinweise auf die historische Diskussion um den zukünftigen Ort der Juden dekonstruiert: Nicht Uganda, nicht Argentinien oder Madagaskar, nicht einmal Palästina wäre das Ziel jüdischer Träume, sondern Polen. Die Frage nach einem Recht auf Rückkehr und auch Rückgabe der enteigneten Besitztümer (!), die die vertriebene palästinensische Bevölkerung im Exil quält, kanalisiert Yael Bartana in eine andere geographische Region. Wie müsse sich Polen verändern, um die 3,3 Millionen Einwanderer aufnehmen zu können? Welche Veränderungen müsste die EU durchmachen, um diese Idee Realität werden lassen zu können? Also, wie würden Nationalstaaten und überstaatliche Organisationen auf eine solch gewaltige Migrationswelle aus Israel reagieren? Mit der Kritik an Israel stellt sich Yael Bartana auf die Schultern von Hannah Arendt, die bereits 1946 feststellte, dass der nationalistisch geprägte Zionismus Herzls zur herrschenden Ideologie geworden war.

 

 

Yael Bartanas politischer „Flip“

2011 vertrat Yael Bartana mit ihrem Projekt Polen auf der 54. Biennale von Venedig. Dort zeigte sie die Kurzfilmtrilogie „… and Europe will be stunned“, die 2012 um den „Ersten Internationalen Kongresses“ der Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) erweitert wurde. Von der Geschichte auf der Leinwand und einer rezeptiven Haltung wurden Besucher_innen nun im Theater Hebbel am Ufer weggeholt und zur Teilnahme und Teilhabe aufgerufen. Aus einer Idee und der Schilderung der Gründung einer politischen Bewegung war nun eine politische Bühne geworden. „Meine Fiktion wurde eine Realität“, meinte Yael Bartana bei der Eröffnung der Wiener Ausstellung. Sie habe schon seit längerem nachgedacht, wie sie die Realität in einer direkteren Weise in ihre Kunst einbinden könne. Die ohnedies dünnen Grenzlinien zwischen Fiktion und Realität, zwischen Kunst und Politik wären nun fließend geworden. Bartan konstruiert mit der JRMiP eine neue Identität (auch Entität). Um deren Erfolg zu erreichen, arbeitet Yael Bartana mit sämtlichen etablierten Formen politischer Kommunikation wie emotionalen Reden, Logos, Fahnen, Abzeichen, runden Tischen, Diskussionen, Abstimmungen, etc. Bartana kreiert neue Symbole aus bereits im kollektiven Gedächtnis fest verankerten. Man erkennt sofort Bruchstücke nationalen Repräsentationen – wie den Davidstern, den Sternenkranz der EU und den polnischen Adler – und folgert die Glaubhaftigkeit dieser staatstragenden Organisation. Die Mechanismen der Macht und der Machtausübung werden von Logos bis Sitzordnungen so perfekt kopiert, dass sie eine automatische Unterwerfung der Teilnehmer des „Ersten internationalen Kongresses“ zur Folge hatten. Denn alle Diskutanten hielten sich – bei aller Freiheit künstlerischer Interaktion wie etwa den Tanzeinlagen zu Klezmer-Musik – an die ungeschriebenen Regeln von politischen Zusammentreffen. Das Spiel der politischen Bühne wird übernommen (mit allen Requisiten und Spielregeln), umgedreht („flip it!“) und wendet sich nun mit all seiner Absurdität gegen die herrschenden Verhältnisse.

 

 

Von „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“ zu „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“

Der Titel der Soloschau – „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“ – nimmt Bezug auf den 1902 von Theodor Herzl publizierten, utopischen Roman „Altneuland“. Der bekannte Begründer des politischen Zionismus entwarf darin die Geschichte eines jungen Mannes, der mit gebrochenen Herzen Wien verlässt, um 1923 in Palästina eine moderne, weltoffene, saubere „Stadt der Zukunft“ voller modernster Technologie zu entdecken. Dass es sich bei dem Text aber nicht nur um eine phantastische Erzählung handelt, zeigt der Satz „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“ in der Einleitung. Die englische Übersetzung von „Altneuland“ machte daraus „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“. Yael Bartana nutzt diesen Übersetzungsfehler, um die für das jüdische Selbstverständnis so wichtigen Wiener Freud und Herzl miteinander in Beziehung zu setzen. Beide wohnten zwar in der Hauptstadt (von 1896 bis 1898 sogar beide in der Berggasse), dürften einander aber nie getroffen haben. Während sich Freud mit Träumen und dem in ihnen ausgedrückten unbewussten Gefühlen beschäftigte, war sich Herzl des immer stärker werdenden Antisemitismus nur zu klar bewusst und suchte eine politische Lösung.

Freud und Herzl stehen demnach für die verdeckte Wunscherfüllung im Traum und die Realpolitik. Beide miteinander zu verknüpfen, also die politischen Spannungen im Nahen Osten aufzulösen, indem Yael Bartana vorschlägt, dass 3,3 Millionen Juden nach Polen zurückkehren könnten, mag auf der politischen Bühne noch nicht genügen. Diesen enormen Druck machen die Diskutanten in Berlin spürbar. Eine Palästinenserin pocht vehement auf das Rückkehrrecht ihrer exilierten Landsleute. Eine Jüdin argumentiert gegen einen Massenexodus und für die Integration der arabischen Israeli, d.h. jener ca. 20 % der israelischen Staatsbürger_innen mit arabischer Herkunft und Sprache, die sich, wie ein Dokument aus dem Jahr 2006 belegt, als Bürger_innen zweiter Klasse fühlen.7 Die Gründung des Staats Israel wird als eine Geschichte von Besetzung, Imperialismus und Beherrschung gelesen. Der Nationalstaat wäre aus Massenmord und Vertreibung, Holocaust und Exil, geboren und hätte im Nahen Osten neues Leid hervorgebracht. Diese Situation könne jedoch nur unter größten emotionalen, aber auch wirtschaftlichen Anforderungen „geheilt“ werden.

 

Ein „Lösungsvorschlag“, der verwirrt

Yael Bartana geht es mit ihrer JRMiP darum, neue Verbindungen zu etablieren, anstelle den Ist-Zustand (nur) zu beschreiben. Wie groß die Irritation ist, die sie damit auslöst, wird schnell im Video klar. Wie die Diskussion zeigt, ist der „Lösungsvorschlag“ der JRMiP intellektuell und auch emotional heftig umstritten. Jedenfalls setzt Yael Bartana mit ihrer Installation einen Nachdenkprozess in Gang, den die Präsentation des historischen Narrativs wohl in dieser Form nicht bewirkt hätte. Auch auf die Gefahr hin, dass ein historischer Mythos durch einen anderen ersetzt wird.

Biografie von Yael Bartana (* 1970)

Yael Bartana, geboren 1970 in Kraf-Yehezkel (Israel), lebt und arbeitet derzeit in Tel Aviv und Amsterdam
Studium an der Bezalel Academy of Arts and Design, Jersualem, the School of Visual Arts, New York und the Rijksakademie, Amsterdam.
2006 und 2010 Teilnahme an der Sao Paolo Biennale
2007 Teilnahme an der documenta 12 in Kassel
2011 Yael Bartana repräsentierte Polen auf der 54. Biennale von Venedig.
2012 7. Berlin Biennale mit dem „Ersten Internationalen Kongress“ der Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP).

  1. Der „Schrein“ von  Sigmund Freud enthält: einen iranischen Teppich, die Bücher „Die Traumdeutung“ (Ausgabe von 1919), drei Mal „Moses and Monotheism“ (englische Ausgabe 1955, hebräische Ausgabe, deutsche Ausgabe 1939) und „Totem und Tabu“ (Ausgabe 1922), Zigarren, Fotografie von Sigmund Freud mit Hund Jofi in Freuds Arbeitszimmer in der Berggasse 19, um 1935, antike Objekte: z.B. einen ägyptischen Hund, einen weiblichen Kopf (3.-4. Jh. v.Chr.) und eine Sphinx, eine Reproduktion von Jean-Auguste-Dominique Ingres` „Ödipus und die Sphinx“ (Original 1808), eine Fotografie vom Relief „Triumphzug mit Beutestücken aus dem Jerusalemer Tempel“ aus dem Titusbogen, ein Totem, eine Moses-Figur (Souvenir vom Mark in der Altstadt in Jerusalem), 50-Schillling-Münze mit dem Porträt von Sigmund Freud (2000) und die Replik einer Bronze-Medaille zu Freuds 50. Geburtstag (1906, Entwurf: Karl Maria Schweredtner). Der „Schrein“ für Sigmund Freud wurde gemeinsam mit der Hilfe von der Sigmund Freud Privatstiftung zusammengestellt.
  2. Der „Schrein“ von Theodor Herzl enthält: die Bücher „Der Judenstaat“ (hebräische Ausgabe 1950er) und „Altneuland“ (hebräische Ausgabe 1960er), eine Herzl-Karte mit diversen Unterschriften, eine Landkarte von Palästina, eine Postkarte 50 Jahre Zionistische Bewegung, Souvenirs vom Mark in der Altstadt in Jerusalem (Kamel, Esel, Menora mit Davidstern, Davidsterne, Moses, Holzschatulle mit Sand aus dem Heiligen Land), Spendenbox des Jewish National Fund, eine Fotografie von Herzl auf einem weißen Esel in Port Said, bei seiner ersten Reise nach Palästina (Oktober 1898), eine Fotografie von Herzl vor der Sphinx und den Pyramiden von Gizeh (März 1903), eine Fotografie Herzl in seinem Arbeitszimmer (um 1900), Flagge Israels und Herzls erster Entwurf dafür, eine Silbermedaille mit dem Porträt Theodor Herzls anlässlich des 20jährigen Bestehens des Staates Israel (1968), eine Herzl-Karte mit der Textzeile „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“.
  3. Der „Schrein“ der Jewish Renaissance Movement in Poland enthält: eine Baumwolltasche mit Aufdruck des JRMiP-Logos, produziert anlässlich des ersten Internationalen Kongresses der JRMiP in Berlin im Mai 2012, Schokomünzen mit JRMiP Logo, Plakat vom / Hammer des Vorsitzenden beim / Programmheft und Abstimmungskarte vom ersten Internationalen Kongresses der JRMiP, Brief von Slawomir Sierakowski, eine Fotografie mit der Aufbahrung von Slawomir Sierakowski, JRMiP Mitgliedskarte, Button und Logo aus Holz, Stempel mit JRMiP-Logo, Videostills, Armbinde (Requisite), Einladungskarten und Ausstellungskataloge von Yael Bartana.
  4. Zitiert nach dem Manifest der JRMiP-Bewegung, siehe: http://www.jrmip.org/?page_id=5 (letzter Aufruf 16.2.2013).
  5. Der international bekannteste und umstrittenste, israelische Historiker ist Shlomo Sand.
  6. Ebenda: „We want to return! Not to Uganda, not to Argentina od to Madagascar, not even to Palestine. It is Poland that we long for, the land of our fathers and forefathers.“
  7. „Since the Al-Nakba of 1948 (the Palestinian tragedy), we have been suffering from extreme structural discrimination policies, national oppression, military rule that lasted till 1966, land confiscation policy, unequal budget and resources allocation, rights discrimination and threats of transfer. The State has also abused and killed its own Arab citizens, as in the Kufr Qassem massacre, the land day in 1976 and Al-Aqsa Intifada back in 2000.“, zitiert nach: The National Committee for the Heads of the Arab Local Authorities in Israel, The Future Vision of the Palestinian Arabs in Israel, S. 5. (siehe: http://adalah.org/newsletter/eng/dec06/tasawor-mostaqbali.pdf).
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.