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Kompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection

Kompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art, New York, Cover (Hatje Cantz)

Kompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art, New York, Cover (Hatje Cantz)

Bis zum 29.Mai 2011 zeigte der Martin-Gropius-Bau in Berlin die Ausstellung „Kompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art, New York. The Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection“. Die zwischen März 2003 und Mai 2005 von Harvey S. Shipley Miller unter Beratung von Gary Garrels und André Schlechtriem zusammengetragene Sammlung zeitgenössischer Zeichnungen – immerhin ca. 2.500 Arbeiten auf Papier von mehr als 650 Künstlern hauptsächlich aus den USA, England und Deutschland – repräsentiert einen umfassenden Überblick über die Zeichnung als künstlerisches Medium seit den 1960er Jahren. Ziel des Sammlers war es, diesen Überblick über die Vielfalt und Aktualität des Mediums zu einem bestimmten Zeitpunkt zu geben.

Diese erste Präsentation von 250 Zeichnungen von 120 Künstlern stellte bislang die größte Ausstellung zur Zeichnung im MoMA dar und konnte durch die Verantwortlichen der Berliner Festspiele und am Martin-Gropius-Bau, Joachim Sartorius und Gereon Sievernich, als dritte Station nach Deutschland gebracht werden.

 

 

Keine Enzyklopädie

„Kompass“ erhebt nicht den Anspruch einer enzyklopädischen Sammlung, konzentrierte sich der Sammler doch auf einige wenige Orte der Kunstproduktion, um dort tiefer in die Kunstszene einzudringen: New York, Los Angeles, London, Glasgow, Köln, Düsseldorf und Berlin waren neben den großen Kunstmessen jene Städte, deren Künstler in der Sammlung besonders präsent sind. Zu Diskussionen innerhalb des MoMA führten die Entscheidungen, den Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst zu legen und auch weniger beachtete Künstler anzukaufen. So gelang es, 350 teils junge Künstler erstmals ins MoMA zu bringen und der wiedererwachten Bedeutung der Zeichnung – zumindest aus der Sicht des Museums – Rechnung zu tragen. Initialzündung für das Großprojekt war die 2002 im MoMA gezeigte Schau „Drawing Now. Eight Propositions“ von Laura Hoptman. Die Kuratorin stellte fest, dass die Zeichnung als projektiertes, eigenständiges Bild mit erzählerischen Inhalten von jungen Künstlern wieder gepflegt wird. Diese Beobachtung konnte in den letzten Jahren durch ein verstärktes Interesse am Material Papier, im Sinne von Collage und Assemblage oder Cut out, ergänzt werden. Das Miller-Projekt stellt nun diese jüngste Entwicklung, etwa ein Drittel der Sammlungsobjekte stammt aus der Gegenwart, älteren Positionen aus den 60er und 70er Jahren gegenüber, sucht Traditionslinien aufzustellen und wenig beachtete Künstler in den Kanon aufzunehmen.

 

 

Zeichnen in seiner Vielfalt

Der Katalog beinhaltet „Eine Beurteilung zeitgenössischer Zeichnung“ von Christian Rattemeyer (S. 15-29) und ein Gespräch zwischen Harvey S. Shipley Miller, Gary Garrels mit Cornelia Butler und Christian Rattemeyer (S. 32-42), bevor im Bildteil 250 Zeichnungen von 120 Künstlern die Vielfalt zeichnerischer Produktion seit den 60er Jahren schlaglichtartig beleuchten. Christian Rattemeyers Text lässt deutlich seinen Wunsch erkennen, „Ordnung“ und „Kanon“ in die Vielgestaltigkeit künstlerischen Zeichnens zu bringen. Prinzipiell teilt er die Zeichnungen in zwei Typen, nämlich den traditionellen Typus und die neuen Ansätze, die allerdings großteils so neu gar nicht sind. Es geht ihm immer darum, Bezüge und Wahlverwandtschaften aufzudecken und die Einflüsse der Generationen untereinander abzustecken (z.B. Jasper Johns auf Nick Mauss). Deutlich mehr Erklärung erhält der Leser über die Künstler der „neuen Ansätze“, die nach Nicolas Bourriauds Aufsatz “Postproduction: culture as screenplay: how art reprograms the world” (2002) sich in den Dialog mit der Umwelt begeben, indem sie vorgefertigte Materialien aus den Massenmedien und Reproduktionstechniken nutzen. Erzählungen werden dabei fortgesponnen und neu interpretiert, die traditionelle Unterscheidung zwischen Original und Kopie wird dabei zunehmend aufgelöst. Diese seit den 90er Jahren zunehmend beobachtbare Hinwendung zum Collagieren und Assemblieren und Installieren von Arbeiten auf Papier wird in ihrer Radikalität jedoch sofort wieder gebändigt, findet Rattemeyer, ohne genauer zu differenzieren, auch für diese Ansätze sofort die entsprechenden Vorläufer.

Fazit: Ein Buch zum Blättern mit wunderbar vielen Abbildungen in bester Qualität (einzig bei so mancher doppelseitigen Abbildung über den Falz hätte man sich dagegen entscheiden können), jedoch wenig Neues über das aktuelle Zeichnen in den Texten.

 

 

Ausstellungskatalog

Christian Rattemeyer (Hg.)
30 x 25 cm, 320 S., 408 farbige Abb.
€ 39,95 [D] / CHF 56,90 / € 41,10 [A]
ISBN 978-3-7630-2577-0 (deutsch)
Hatje Cantz Verlag

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.