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Mailand | Palazzo Reale: Die Brueghels und die Anfänge der Bildgattungen in Europa

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 27. Juli 2026
Pieter Bruegel der Ältere, Der Hochzeitstanz, Detail, 1566, Öl auf Holz, 119.4 × 157.5 cm (Detroit Museum of Art, Inv.-Nr. 30.374)

Pieter Bruegel der Ältere, Der Hochzeitstanz, Detail, 1566, Öl auf Holz, 119.4 × 157.5 cm (Detroit Museum of Art, Inv.-Nr. 30.374)

Im Herbst 2026 findet eine großangelegte Ausstellung zur berühmten Malerfamilie Bruegel/Brueghel im Palazzo Reale, Mailand, statt! Der Titel –  „I Brueghel. The Origins of Pictorial Genres in Europe“ – zeigt, dass nicht nur die vier Generationen von Pieter Bruegel dem Älteren, über die Brüder Jan Brueghel dem Älteren und Pieter Brueghel dem Jüngeren zu Jan Brueghel dem Jüngeren eine wichtige Genealogie bietet, sondern diese Werkstatt auch im Zentrum der Entfaltung der Bildgattungen stand. Die Brueghels standen am Beginne von Landschafts- und Stilllebenmalerei, von Genremalerei und Allegorie.

Die Brueghels und die Anfänge der Bildgattungen in Europa

Italien | Mailand: Palazzo Reale
29.9.2026 – 31.1.2027

Die Brueghels in Mailand (2026/27)

Im Herbst 2026 zeigt der Palazzo Reale in Mailand eine der größten Ausstellungen der letzten Jahre zur berühmten Malerfamilie Bruegel/Brueghel. Der Titel – „I Brueghel. The Origins of Pictorial Genres in Europe" – verweist auf zwei Ebenen zugleich: zum einen auf vier Generationen einer Künstlerdynastie, von Pieter Bruegel dem Älteren über seine Söhne Jan Brueghel den Älteren und Pieter Brueghel den Jüngeren bis zu Jan Brueghel dem Jüngeren; zum anderen darauf, dass diese Familie im Zentrum der Entwicklung der modernen Bildgattungen stand. Mit den Brueghels begannen Landschafts- und Stilllebenmalerei, Genremalerei und Allegorie – Bildgattungen, die bis heute die europäische Kunstgeschichte prägen.

 

Pieter Bruegel der Ältere: der schwer fassbare Gründervater

Über Pieter Bruegel den Älteren selbst ist erstaunlich wenig gesichert überliefert; vieles davon hat eher den Charakter einer Legende. Sein Zeitgenosse und Biograf Karel van Mander beschrieb ihn im frühen 17. Jahrhundert als geistreichen und witzigen Künstler und als bleibenden Ruhm der Niederlande. Selbst sein Geburtsjahr ist nicht gesichert – vermutlich zwischen 1525 und 1530 – ebenso wie sein genauer Geburtsort, ein Dorf, dem sein Familienname entlehnt gewesen sein könnte. Bruegel starb 1569 in Brüssel, kaum über 40 Jahre alt, und hinterließ zwei Söhne, die ebenfalls Maler wurden: Pieter, „der Jüngere“ genannt, um ihn vom Vater zu unterscheiden, und Jan, seinerseits „der Ältere“ genannt, da aus seiner Linie später „Jan der Jüngere“ und dessen Bruder Ambrosius hervorgingen.

Pieter Bruegel der Ältere selbst gilt in der Kunstgeschichte als Ausnahmeerscheinung, dessen Werk sich kaum in den Manierismus einfügt. Sein großes Vorbild war Hieronymus Bosch, dessen Bildwelt er vor allem in seinen frühen Werken aufgriff. Auf seiner rund zweijährigen Italienreise, die ihn bis in die Straße von Messina führte, blieb er von den humanistischen Idealen der Renaissance auffallend unberührt: Statt Größe und Würde des Menschen zu feiern, zeigte er ihn oft in seiner Kleinheit angesichts einer übermächtigen Natur – verzerrt, derb, im vergeblichen Ringen mit Alltagssorgen, Lastern und Beschäftigungen, selbst in der Behandlung großer religiöser Themen. Charles Baudelaire beschrieb diese teuflisch-groteske Bildwelt Jahrhunderte später als eine Art von eigentümlicher, fast satanischer Gnade.

Pieter Bruegel der Ältere, Der Hochzeitstanz, 1566, Öl auf Holz, 119.4 × 157.5 cm (Detroit Museum of Art, Inv.-Nr. 30.374)
Pieter Bruegel der Ältere, Der Hochzeitstanz, 1566, Öl auf Holz, 119.4 × 157.5 cm (Detroit Museum of Art, Inv.-Nr. 30.374)

Eine Dynastie über vier Generationen

Aus dieser Ausgangslage entwickelte sich eine Künstlerdynastie, die bis weit in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts aktiv blieb – zählt man angeheiratete Verwandte wie David Teniers den Jüngeren, der eine geborene Brueghel heiratete, oder Nachahmer wie Joseph van Bredael dazu, wird das Geflecht aus Namen, Namensvettern und Verwandtschaften noch unübersichtlicher (→ mehr zu Unterschied zwischen Bruegel und Breughel).

Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1637/38) war beim Tod des Vaters gerade einmal fünf Jahre alt und widmete seine Karriere weitgehend der Reproduktion von dessen Kompositionen, ergänzt um eigene Pastiches und Originalwerke im väterlichen Stil. Lange galt er deshalb vor allem als geschickter, aber letztlich zweitrangiger Kopist im Schatten des Vaters. Der Ausstellungskatalog Peasants and Proverbs des Barber Institute of Fine Arts zeichnet ein differenzierteres Bild: Nach dem frühen Tod Pieter Bruegels des Älteren 1569 war der Kunstmarkt regelrecht ausgehungert nach neuen Werken im gefragten Bruegel-Stil.1 Sein Sohn erkannte diese Marktlücke und belieferte sie systematisch. Brueghel der Jüngere stand einer Werkstatt vor, die laut Klaus Ertz' Werkverzeichnis mit über 1.400 zugeschriebenen Gemälden praktisch industriellen Maßstab erreichte, samt Lehrlingen, Gesellen und einer nachweislich seriellen Produktionstechnik: Für sein bekanntestes Bild, Zwei Bauern binden Brennholz, weisen technische Untersuchungen nach, dass mehrere Fassungen anhand derselben durchgepausten Vorzeichnung entstanden. Auch wirtschaftlich war er erfolgreicher als lange angenommen: Statt in Armut lebte er in einem zunehmend wohlhabenderen Antwerpener Umfeld und investierte gezielt in seine Werkstatt. Selbst seine Signatur – bewusst mit „h“ (BRVEGHEL), anders als die des Vaters (BRVEGEL) – war Teil dieser Marktstrategie: Käufer wussten so genau, wessen Werk sie erwarben, während der Familienname weiterhin Prestige verlieh.

Jan Brueghel der Ältere, „der Samtene“ oder „Blumenbrueghel“ genannt, kopierte dagegen nur wenige Bilder seines Vaters – und das bereits in seiner eigenen, miniaturhaft-feinen Bildsprache. Eine Gruppe kleinformatiger Höllen- und Feuerszenen auf Kupfer, die man Pieter dem Jüngeren lange zuschrieb, gilt heute als Werk seines jüngeren Bruders Jan Brueghel des Älteren. Jan Brueghel der Ältere entwickelte sich zum international gefragtesten Kabinettbildmaler Antwerpens, arbeitete unter anderem mit Peter Paul Rubens zusammen und erhielt Aufträge aus ganz Europa; die Sammlung des Mailänder Kardinals Federico Borromeo in der Pinacoteca Ambrosiana zeugt bis heute von diesem internationalen Renommee.

 

Die Marke Brueghel: eine frühe Form des Kunstmarketings

Eine kunstökonomische Studie von Kim Oosterlinck und Anne-Sophie Radermecker liest die Familiengeschichte zusätzlich als frühen Fall von Markenbildung. Als Pieter Brueghel der Jüngere 1584/85 unter dem Namen Peeter Bruegel in die Antwerpener Lukasgilde eintrat, gründete er faktisch ein eigenes Unternehmen: Weil Originale des Vaters rar und teuer geworden waren, belieferte er den Markt über mehr als vier Jahrzehnte mit Kopien und Varianten der väterlichen Kompositionen, unterstützt von einer Folge von Schülern und Gesellen. Trotz dieses geschickten Umgangs mit dem ererbten Namen blieb der wirtschaftliche Erfolg begrenzt: Archivalische Quellen – etwa die Geschäftsbücher der Antwerpener Kunsthandlung Forchondt oder ein Urteil des Kunsthistorikers F. J. van den Branden von 1883 – deuten eher auf bescheidene Preise und finanzielle Engpässe hin, als auf den großen Reichtum, den der Markenname vermuten ließe.

Auch die Zusammenarbeit Jan Brueghels des Älteren mit anderen renommierten Malern lässt sich in diesem Licht lesen: Gemeinschaftswerke mit Peter Paul Rubens (u. a. die Serie Die Fünf Sinne) oder mit dem Landschaftsmaler Joos de Momper dem Jüngeren gelten in der Forschung inzwischen als frühe Form des „Co-Brandings“, bei der sich zwei Künstlernamen gegenseitig aufwerteten. Die Nachfrage nach Werken mit dem Namen Brueghel schwankte allerdings erheblich: Nach einem Höhepunkt um 1600 brach der Markt im 18. Jahrhundert deutlich ein, bevor Ausstellungen, Kunsthändler wie Pieter de Boer und Robert Finck sowie die Werkverzeichnisse von Klaus Ertz die Marke Brueg(h)el im 20. Jahrhundert kunsthistorisch wie marktwirtschaftlich neu etablierten.2

 

Die Geburtsstunde der modernen Bildgattungen

Genau an dieser Schnittstelle setzt die Mailänder Ausstellung von 2026/27 an: Sie zeigt, wie die Brueghels und ihre Zeitgenossen im Verlauf von gut 100 Jahren die Grundlagen der großen europäischen Bildgattungen legten: Landschaft, Stillleben, Genreszene und Allegorie. Was bei Pieter dem Älteren noch Teil eines übergreifenden, oft moralisch aufgeladenen Bildprogramms war, verselbstständigte sich bei seinen Nachfahren zunehmend zu eigenständigen Gattungen mit eigenem Markt und eigenem Publikum.

Ein Projekt von Bernard Aikema (Universitá Verona); kuratiert von Carlotta Striolo.
Präsentiert vom Palazzo Reale mit Arthemisia.

FAQ (für Featured Snippets / AEO)

Wann findet die Brueghel-Ausstellung im Palazzo Reale statt?

Vom 29. September 2026 bis zum 31. Januar 2027.

Wandert die Ausstellung danach weiter?

Ja, geplant ist eine anschließende Station am Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, vom 1. März bis 6. Juni 2027 (Termin muss noch bestätigt werden).

Worum geht es in der Ausstellung?

Um vier Generationen der Malerfamilie Brueghel und ihre zentrale Rolle bei der Herausbildung der modernen europäischen Bildgattungen: Landschaft, Stillleben, Genrebild und Allegorie.

War Pieter Brueghel der Jüngere nur ein Kopist seines Vaters?

Lange galt er vor allem als Kopist im Schatten des Vaters. Der Ausstellungskatalog Peasants and Proverbs (Barber Institute of Fine Arts, Birmingham 2022) zeigt ihn stattdessen als geschäftstüchtigen Werkstattleiter, der die nach dem frühen Tod seines Vaters ausgehungerte Marktnachfrage systematisch mit einer großen, serientechnisch arbeitenden Werkstatt bediente.

Wer war Jan Brueghel der Ältere?

Der zweite Sohn Pieter Bruegels des Älteren, bekannt als „Samtbrueghel“ oder „Blumenbrueghel“. Anders als sein Bruder entwickelte er früh eine eigenständige, miniaturhaft-feine Bildsprache, arbeitete mit Rubens zusammen und war international gefragt.

Wer war Pieter Bruegel der Ältere?

Der Begründer der Dynastie (vermutlich zwischen 1525 und 1530 geboren, gestorben 1569 in Brüssel), einer der bedeutendsten Maler der niederländischen Renaissance, bekannt für Werke wie Die niederländischen Sprichwörter oder Der Kampf zwischen Karneval und Fasten.

Wer kuratiert die Ausstellung?

Die Ausstellung wird von Carlotta Striolo kuratiert; sie ist ein Projekt von Bernard Aikema.

Literatur

  • Peasants and Proverbs: Pieter Brueghel the Younger as Moralist and Entrepreneur, hrsg. von Robert Wenley (Ausst.-Kat. The Barber Institute of Fine Arts, Birmingham, 21.10.2022–22.1.2023), 2022.
  • Kim Oosterlinck und Anne-Sophie Radermecker, Der Künstlername als Marke: Das Unternehmen Brueg(h)el, in: Noble Begierden. Eine Geschichte des Kunstmarkts, hg. von Christian Huemer und Stephan Koja (Ausst.-Kat. Gartenpalais Liechtenstein, Wien, 30.1.–4.4.2026, S. 135–145.

 

Bilder

  • Pieter Bruegel der Ältere, Der Hochzeitstanz, 1566, Öl auf Holz, 119.4 × 157.5 cm (Detroit Museum of Art, Inv.-Nr. 30.374)
  1. Kim Oosterlinck und Anne-Sophie Radermecker, Der Künstlername als Marke, in: Noble Begierden. Eine Geschichte des Kunstmarkts, hg. von Christian Huemer und Stephan Koja (Ausst.-Kat. Gartenpalais Liechtenstein, Wien, 30.1.-4.4.2026), Wien 2026, S. 136–144.

Alexandra Matzner

Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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