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David Roentgen Möbel als ästhetische und mechanische Meisterwerke

David Roentgen, Commode à vantaux (offen), Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), Elie Gervais (Schablonen und Schneiden der Marketerie), um 1775–1779 mit späteren Veränderungen, Eiche, Pinie, Walnuss, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, roter brocatellierter Marmor, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 89.5 x 135.9 x 69.2 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, The Jack and Belle Linsky Collection, 1982, Inv.-Nr. 1982.60.81)

David Roentgen, Commode à vantaux (offen), Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), Elie Gervais (Schablonen und Schneiden der Marketerie), um 1775–1779 mit späteren Veränderungen, Eiche, Pinie, Walnuss, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, roter brocatellierter Marmor, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 89.5 x 135.9 x 69.2 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, The Jack and Belle Linsky Collection, 1982, Inv.-Nr. 1982.60.81)

David Roentgen, geboren am 11. August 1743 in Neuwied in der Nähe von Frankfurt, war schon zu Lebzeiten eine Legende und einer der bedeutendsten deutschen Kunsttischler. Seine Werke entstanden während des Überganges vom Spätbarock zum Klassizismus. Hatte bereits sein Vater, Abraham Roentgen (1711–1793) mit seinen qualitätsvollen und präzise gearbeiteten Stücken den Ruhm der Werkstatt begründet, so war David Roentgen ab 1766/67 für die Steigerung der Bekanntheit weit über den deutschsprachigen Raum verantwortlich.

 

Ästhetik, Technik und Funktion

David Roentgen verband Schönheit und Mechanik in seinen Möbelstücken. Stilprägend für die Gestaltung von Roentgen-Möbeln war Frankreich ebenso wie England, wo der Vater seine Lehrjahre absolvierte. Beeindruckt durch die Errungenschaften in England, baute Abraham Roentgen einen kleinen Tischlerbetrieb zu einem profitablen Unternehmen aus, das regen Handel mit Rokoko-Möbel betrieb. Die Einflüsse des Londoner Geschmackes führten zu der Verarbeitung von Nußholz und dem Ankauf britischer Beschläge mit klassizistischen Dekoren. Die Verwandlungen im Inneren dieser äußerlich zurückhaltend gestaltenden Möbel trugen zum Amüsement der Aristokratie bei. Darunter befand sich der Kurfürst von Trier, einer seiner wichtigsten Auftraggeber. Bis Mitte der 1780er Jahre setzte David Roentgen mit seinen funktionellen und ästhetisch überfeinerten Kunststücken Maßstäbe.

 

 

Sehr beliebt waren technische Überraschungseffekte, die in den Möbeln, besonders in Schreibtischen, verborgen waren: Geheimschubladen und Fächer, die durch verborgene Federn und Hebel zu bedienen waren, erfreuten sich in Deutschland und Frankreich großer Beliebtheit. In der Manufaktur David Roentgens wurden Erfindungen, wie Rollläden, die durch das Herausziehen von Schreibplatten nach hinten glitten, oder Schubladenteile, die durch Federmechanismen in Bewegung hervortraten, weiterentwickelt. Das Möbelstück eignete sich dadurch als geschmackvoller Aufbewahrungsort für Wertgegenstände und Briefe. Johann Wolfgang von Goethe erwarb 1779 für Charlotte von Stein ein „Bureau à cylindre“ von David Roentgen.

 

„Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief und Geldfächer sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen können, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine süße Begleiterin nunmehr hineinzog. Alles war geräumig, köstlich und geschmackvoll.“ (Aus: Johann Wolfgang von Goethes Märchen „Die neue Melusine“, das er 1807 als Teil von „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ verfasste.)

 

Ebenist von Ludwig XVI. und Marie Antoinette

David Roentgen reiste nach seinen Lehrjahren in Neuwied nach Frankreich, orientierte sich an dem zeitgemäßen Geschmack, verfeinerte die Möglichkeiten der Gestaltung und wurde 1779 zum „Ébéniste-Méchanicien du Roi et de la Reine“, also zum „Ebenisten“ des Königs ernannt. Im folgenden Jahr wurde Roentgen in die Pariser Gilde der Möbeltischler aufgenommen.

Für Schloss Versailles fertigte David Roentgen vermutlich ein Paar Kommoden, das sich heute im Metropolitan Museum, New York, und um Victoria & Albert Museum, London, befindet.1 König Ludwig XIV. war bekannt für seine Vorliebe für Schlösser und Mechanik, weshalb David Roentgen eine glanzvolle wirtschaftliche Beziehung in Paris aufbauen konnte. Über Umwege gelang das New Yorker Möbelstück in den Besitz von Baron Mayer Amschel de Rothschild in Mentmore Towers, seiner Residenz in Buckinghamshire. 1964 wurde es versteigert und erzielte den damals höchsten Preis für ein Möbelstück. Die Käuferin Mrs. Belle Linsky stiftete es 1982 an das Museum. Elie Gervais (1721– 1791) lieferte die Zeichnungen mit Szenen aus der Commedia dell’arte und Arrangements mit Musikern und Instrumenten für die Marketerie-Schneider.

 

 

 

Innovation trifft Schönheit

In der Folge optimierte David Roentgen Produktion und Vertrieb seiner Möbel-Kunstwerke, indem er Möbellager in Paris, Berlin und Wien einrichtete, wo er mit Entwürfen warb, Aufträge generierte und in kurzer Zeit die Interessenten beliefern konnte. Duzende Fachkräfte, zeitweise sogar über 100 Personen arbeiteten in Roentgens Werkstatt. Durch kontinuierliche Fertigung stellte David Roentgen sicher, dass der Preis im Rahmen blieb. Genormte Einzelteile erleichterten den Transport der Möbel, die, zunächst zerlegt, nach der Anlieferung wieder zusammengebaut wurden. Ein „Verwandlungstisch“ ließ sich beispielsweise in acht Einzelteile zerlegen. Dadurch war es möglich, auch umfangreiche Transporte an den Hof von Katharina der Großen nach St. Petersburg in Russland durchzuführen, wie dies 1783 der Fall war. David Roentgen reiste selbst und in Begleitung seiner Mitarbeiter, um für die nötige Sorgfalt bei dem Zusammenbau zu sorgen. Zusätzlich wurden „Wartungsverträge“ abgeschlossen, um die Funktionstüchtigkeit der ausgefeilten Mechanismen zu gewährleisten.

 

 

 

1791 wurde David Roentgen mit dem Titel „Hoflieferant“ und „Königlich Preußischer Geheimer Kommerzienrat“ von Friedrich Wilhelm II. von Preußen ausgezeichnet. Schon seit 1790 zeigte der russische Hof kein Interesse mehr an Roentgens Kunstwerken. Aber auch die Auswirkungen der französischen Revolution betrafen Roentgens Manufaktur. Seine Geschäfte kamen nahezu zum Erliegen, seit 1792 wurden die Möbel nicht mehr in Neuwied hergestellt, 1795 besetzten die französischen Truppen das rechte Rheinufer und der Kunsttischler war zur Flucht gezwungen. Erst 1801 war ihm die Rückkehr möglich, er verkaufte die gelagerten Möbel, trieb Schulden ein und blieb bis zu seinem Tod 1807 ein wohlhabender Mann.

 

David Roentgen: Lebenswerk

David Roentgen schuf innerhalb von 50 Jahren ungefähr 2.000 Möbelstücke, darunter überwiegend Schreibmöbel, die der Steigerung der geistigen Regsamkeit der Epoche, ausgedrückt durch intensives Korrespondieren, entsprachen. Darunter fanden sich Mehrzwecktische, Klappschreibtische, Rollschreibtische, Flachschreibtische, Schreibkommoden (die aus Tischen und Kommoden entstanden), Schreibschränke, Stehschreibpulte, ebenso wie Kabinettschränke, Münz- und Geldkabinette und Uhrgehäuse. Zur Herstellung wurden verschiedene Elemente verwendet, wie massive Holzteile, Furniere, Schnitzereien, Metall-, Bein-, Perlmutteinlegearbeiten, übermalte, gravierte, gefärbte Holzeinlagen, vergoldete Messing oder Bronze-Beschläge. Bewegliche Bestandteile wie Gewichte, Seilzüge und Federn ermöglichten die Überraschungseffekte der Möbelstücke, darunter auch Spieluhren, die bei der Handhabung eine Melodie auslösen konnten. Die kaufmännischen und organisatorischen Fähigkeiten Roentgens machten es möglich, mit den Kunstwerken in und außerhalb Europas regen Handel zu treiben. Heute werden die Werke David Roentgens auf dem Kunstmarkt zu außergewöhnlich hohen Preisen angeboten und verkauft.

 

David Roentgen in Wiener Sammlungen

2008 erwarb Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein drei Möbel von David Roentgen für die Princley Collections: einen Rollschreibtisch „Bureau Cylindre“ (um 1780/82), eine Bodenstanduhr mit Orgel-Spielwerk (um 1793), sowie einen äußerst eleganten und fleingliedrigen Flachschreibtisch mit Verwandlungsmöglichkeiten (um 1780/95). Das Zylinderbureau besticht durch seine exzellent erhaltene Farbigkeit. Grundlage für den Marketeriedekor aus Blumenbouquetts mit gefüllten Rosen, kleineren Blüten, Gräsern und Ranken bildeten Blumenbouquetts nach Jean Pillement, die über die Vorlagensammlung des Londoner Verlegers Robert Sayer, zuletzt 1771 verlegt, in der Neuwieder Manufaktur immer wieder verwendet wurden.

Nicht mehr das in der Tradition des Rokoko stehende Zylinderbureau, sondern der viel modernere Typus des Flachschreibtischs, zeigt die Entwicklung der Möbelkunst Ende des 18. Jahrhunderts. Wurde noch ein Jahrzehnt zuvor ganz im Sinne des auslaufenden Rokoko der Wert eines Luxusmöbels auch durch den Reichtum, die Qualität und die Eleganz der Maketerien bestimmt, ist es jetzt ein extremer Purismus. Anstelle von komplexen Ornamenten wird die Aufmerksamkeit nun auf die Proportionen, auf die Wahl der Hölzer und vor allem auf die Qualität der Ausführung gelenkt. Schreibtische wie Bodenstanduhr gehören zu den „mechanischen Möbeln“ Roentgens, für die er eng mit dem Uhrmacher und Erfinder Peter Kinzing zusammenarbeitete. Die drei Möbel werden aktuell im Stadtpalais Liechtenstein präsentiert.

 


 

Das im MAK  Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst in Wien befindet sich ein Kabinettschrank, der 1776 für Karl Alexander von Lothringen und Bar (1712–1780) geschaffen wurde. Die Marketerie-Szenen wurden ebenfalls von Januarius Zick (1730–1797) entworfen und stellten die Künste, Wissenschaften und Handel dar. Apoll thront auf dem obersten Bereich des Möbelstückes über einer Uhr. David Roentgen schuf insgesamt drei Versionen dieses Kabinettschrankes. Das Roentgen-Möbel des MAK ist derzeit in der Restaurierung. ARTinWORDS bemüht sich, einen exklusiven Einblick in die Arbeiten zu erhalten.

 

David Roentgen: Bilder

  • David Roentgen, Commode à vantaux, Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), Elie Gervais (Schablonen und Schneiden der Marketerie), um 1775–1779 mit späteren Veränderungen, Eiche, Pinie, Walnuss, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, roter brocatellierter Marmor, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 89.5 x 135.9 x 69.2 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, The Jack and Belle Linsky Collection, 1982, Inv.-Nr. 1982.60.81)
  • David Roentgen, Commode à vantaux (offen), Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), Elie Gervais (Schablonen und Schneiden der Marketerie), um 1775–1779 mit späteren Veränderungen, Eiche, Pinie, Walnuss, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, roter brocatellierter Marmor, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 89.5 x 135.9 x 69.2 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, The Jack and Belle Linsky Collection, 1982, Inv.-Nr. 1982.60.81)
  • David Roentgen, Rolladen-Schreibtisch, Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), um 1776–1779, Eiche, Pinie, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, Perlmutt, teilweise vergoldetes und bearbeitetes Leder, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 135.9 x 110.5 x 67.3 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, Rogers Fund, 1941, Inv.-Nr. 41.82)
  • David Roentgen, Rolladen-Schreibtisch (offen), Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), um 1776–1779, Eiche, Pinie, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, Perlmutt, teilweise vergoldetes und bearbeitetes Leder, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 135.9 x 110.5 x 67.3 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, Rogers Fund, 1941, Inv.-Nr. 41.82)
  • David Roentgen, Januarius Zick (Entwürfe für die Marketerie), Rolladen-Schreibtisch, Marketerie, um 1776–1779, Eiche, Pinie, Mahagoni, Kirsche, Weißbuche, Ahorn, Buchsbaum, Perlmutt, teilweise vergoldetes und bearbeitetes Leder, vergoldete Bronze, Eisen, Stahl und Messing, 135.9 x 110.5 x 67.3 cm (The Metropolitan Museum of Art, New York, Rogers Fund, 1941, Inv.-Nr. 41.82)
  • David Roentgen, Rollschreibtisch „Bureau Cylindre“, um 1780/82, Mahagoni, diverse Edelhölzer, Messingeinlagen, Bronzebeschläge vergoldet, 131 x 115,5 x 66,5 cm (© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna, Inv.-Nr. MO 2273)
  • David Roentgen, Flachschreibtisch mit Verwandlungsmöglichkeiten, um 1780/95, Mahagoni, vergoldete Bronzebeschläge, 113 x 114 x 61 cm (© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna, Inv.-Nr. MO 2274)
  • David Roentgen, Peter Kinzing, Bodenstanduhr mit Orgel-Spielwerk, um 1793, Wurzelholz; Messing, vergoldet, um 180 x 80 x 80 cm (© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna, Inv.-Nr. MO 2275)
  • Abraham Roentgen, Pultschreibtisch, 1768-69, © Schloss Favorite bei Rastatt
  1. Daniëlle O. Kisluk-Grosheide, Wolfram Koeppe, William Rieder, European Furniture in The Metropolitan Museum of Art: Highlights of the Collection, New York, S. 173ff. Das Victoria and Albert Museum führt noch den Schlosser Peter Kinzing (1745–1816) als vierten „Kollborateur“ an. Im Metropolitan Museum befinden sich wichtige Dokumente privater wie offizieller Natur: Korrespondenz von David Roentgen an seinen Sohn und Bruder, Briefe von König Friedrich II. von Preußen oder seinen Agenten, Zahlungsbestätigung für Möbelstücke für Katharina II, sowie der Autopsiebericht Dr. M. G. Thilenius von 1807.
Dr. Birgit Schmidt
Dr. Birgit Schmidt, freischaffende Kunsthistorikerin in Wien, Spezialistin für Alte Meister, Künstlerinnen und die Wiener Schule der Kunstgeschichte