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Phantasiestücke. Über das Phantastische in der Kunst Werner Hofmann

Werner Hofmann, Phantasiestücke, Cover (Hirmer Verlag)

Werner Hofmann, Phantasiestücke, Cover (Hirmer Verlag)

„Warum kann ich mich an deinen sonderbaren phantastischen Blättern nicht sattsehen, du kecker Meister! – Warum kommen mir deine Gestalten, oft nur durch ein paar kühne Striche angedeutet, nicht aus dem Sinn?“, sinnierte E.T.A. Hoffmann in seinen 1814/15 geschriebenen „Fantasiestücken in Callots Manier“ über die Grafiken des französischen Künstlers. Werner Hofmann, ehemaliger Direktor der Hamburger Kunsthalle und ausgewiesener Kenner der Kunst des 19. Jahrhunderts, führt unter diesem Gedanken phantastische Werke der europäischen Kunstgeschichte seit dem Hochmittelalter zusammen.

Für ihn stellt die Phantastik „eine Art subversiven Parasiten im geordneten System der Mimesis“ dar, womit auch schon die Grundthese des Autors umrissen ist. Der Prozess der Verfremdung gründet sich nach Hofmann auf „Zweifel, Ironie und Skepsis an der realistischen, zweckorientierten Enge der Faktenwelt“. Von der Renaissance – der „Geburtsstunde“ dieser Kunstauffassung – zeichnet Hofmann eine Entwicklungslinie in Sprüngen nach, lässt die Definition von Schönheit durch Thomas von Aquin und Leon Battista Alberti (Ebenmaß, Unversehrtheit, Vollendung, Klarheit) weiterwirken, weshalb die Phantastik durch Abweichung, Tabubruch und Regelverstoß als deren „Gegenposition“ empfunden wird. Ihre „Geschichte“ erschließt Hofmann in der Folge in chronologisch aufgebauten Kapiteln, kaum ein Malerstar scheint ausgelassen. An den vielfach ganzseitig abgebildeten Werken kann man sich auch im Sinne von E.T.A. Hoffmann wirklich kaum sattsehen. Höllendarstellungen reihen sich an manieristische Capricci und romantische Albtraumbilder, dämonenhafte Wesen, Teufelsgestalten und überirdisch schöne Hexen der Symbolisten an surreale Gliederpuppen, die den Höhe- aber auch Schlusspunkt dieser Entwicklung nach Hofmann bilden. Weiter „ins Zeitgenössische“ wagt sich der Autor nicht mehr.

Fazit: Dieser Band ist ein gut gemachter Überblick über die Tradition der phantastischen Malerei und Grafik, die sich jenseits der Kategorie Schönheit in Bereichen des Zweideutigen, der Überraschung, der Verfremdung entwickelt. Für alle, die der heilen Weihnachtswelt etwas Subversives entgegensetzen wollen!

 

320 S., 109 Tafeln, davon 89 in Farbe
77 Abb. in Farbe & 40 in S/W
26 × 30 cm, Leinen, Schmuckschuber
ISBN: 978-3-7774-2941-0
€ 98,00 [D] | CHF 137,00 [CH]
Hirmer Verlag

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.