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Adrian Paci Motion Picture(s)

Adrian Paci, Still aus Centro di Permanenza Temporanea, 2007, Video, Farbe, Ton, 5’30’’, Courtesy Galerie Peter Kilchmann © 2010 Adrian Paci.

Adrian Paci, Still aus Centro di Permanenza Temporanea, 2007, Video, Farbe, Ton, 5’30’’, Courtesy Galerie Peter Kilchmann © 2010 Adrian Paci.

Videos und Gemälde von Adrian Paci (* 1969) hinterfragen Migration und Identität aber auch den Status des Bildes zwischen Abbildung und Symbol. Ausgangspunkt für viele seiner Arbeiten war die eigene Immigration nach Italien. 1997 hatte sich der albanische Künstler entschlossen, Shkodra zu verlassen und mit seiner Familie nach Mailand zu gehen. Mit der Auswanderung begann der ausgebildete Maler erstmals mit dem Medium Video zu experimentieren.

In „Albanian Stories“ (1997) zeigt uns Paci seine damals dreijährige Tochter Jolanda in Nahaufnahme. Sie erzählt vor der laufenden Kamera ein Märchen, eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Jolanda berichtet unbekümmert vom Hahn und von der Kuh, aber auch von den „Dunklen Mächten“, die sie mit Gewehren bedrohen, und wie der Hahn sie davor beschützt. Die märchenhafte Erzählung erhält erst durch ihre Anbindung an reale, politische Verhältnisse, an die dokumentierte Migration der Familie, einen tieferen Sinn und offenbart eine erschreckende Nähe, wie Paci es selbst formulierte, von „Tragödie und Spiel“[[Angela Vettese, “Adrian Paci: Conversation,” in: Adrian Paci: Raccontare (Ausst.-Kat. Galleria civica di Modena, Mailand), Mailand 2006, S. 19.]].

 

 

Auch die folgenden Videos vermitteln auf formal einfache Art Wirklichkeitserfahrungen im Bannkreis von Familie und Emigration. Hiermit schließt Paci an wichtige Fragestellungen der postkommunistischen Zeit an, in der europaweit auf globale Migrationsbewegungen mit verschärften Fremdengesetzen und erstarktem Territorialismus reagiert wird. Im selben Maß, wie Adrian Paci sich mit seiner Lebenssituation und auch jener der Zurückgelassenen auseinandersetzt, möchte er nicht als Sprecher der Albaner verstanden werden. Für ihn ist bis heute ein wesentlicher Aspekt, dass Albanien und Auswanderung vielleicht eher der Kontext seiner Arbeit als ihr Thema ist.[[Jan-Erik Lundström, Interview with Adrian Paci, in: Tema Celeste, Nr. 89 (Jan.-Feb. 2001) S. 56-57.]] Damit leistet der Künstler Widerstand gegen eine Instrumentalisierung seiner ästhetischen Praxis für politische Ziele – eine Vereinnahmung, die er als Sohn eines Malers während der kommunistischen Diktatur nur allzu gut kennenlernen konnte. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit Pacis Filme nicht trotzdem als eine kritische Intervention in das soziale und kulturelle Konfliktfeld Migration begriffen werden können. Ohne einen dokumentarischen Ansatz zu verfolgen, gelingt es Adrian Paci, die Vielschichtigkeit der miteinander verschränkten Prozesse spürbar zu machen: Er macht die marginalisierte Bevölkerung von Shkodra sichtbar, weist hin auf die allgegenwärtige Arbeitslosigkeit und das noch nicht funktionierende Stromnetz in Albanien (in „Turn on“, 2004), die Ausweglosigkeit von Migranten (in „Centro di Permanenza temporanea“, 2007), und er stellt die Frage, wie sie in der neuen Umgebung ihre „alte“ Kultur überhaupt an ihre Kinder weitergeben können (in „Apparizione“, 2000).

 

 

In seinem neuesten Video „Electric Blue“ zeigt Paci einen Mann, der im Bürgerkriegsalbanien der 1990er Jahre versucht, das ökonomische Überleben für sich und seine Familie zu sichern. Erneut erzählt Paci von den Auswirkungen von Krieg und gesellschaftlichen Umbrüchen auf den Menschen, von seinen Sehnsüchten, von Liebe und Leidenschaft. Das Video wurde gemeinsam mit dem Kunsthaus Graz produziert und ist jetzt in der ersten Retrospektive des Künstlers im Kunsthaus Zürich zu sehen. Unter dem Titel „Motion Picture(s)“ stellt die Kuratorin Mirjam Varadinis Videos und Malerei von Adrian Paci zusammen. Gleichzeitig fragt Adam Budak im Kunsthaus Graz nach „Human Condition“ und gruppiert um Pacis jüngste Arbeit künstlerische „Modelle für zeitgenössische Realitäten und Utopien“. Die Entwurzelung des Menschen in den modernen Konsum- und Arbeitswelten stehen dabei im Zentrum der Betrachtung.

 

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.