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Alfons Walde Winter und Schnee aus Kitzbühl

Alfons Walde, Katalog des Leopoldmuseums

Alfons Walde, Katalog des Leopoldmuseums

Berühmt ist Alfons Walde für seine Darstellungen tief verschneiter Gebirgshöhen der Tiroler Alpen, sonntäglichem Dorfleben und Wintersport - weniger bekannt ist, dass er ein Frühwerk stark beeinflusst von Egon Schiele ist und er auch Stillleben und Akte schuf. Neben bereits Bekanntem soll daher auch den unbekannten Seiten von Waldes Œuvre – den in der Ausstellung so benannten „Verborgenen Blüten“ – Raum gegeben werden. Ziel der Kuratoren Gerd Ammann und Rudolph Leopold ist es aber auch, die Verankerung Waldes im Kunstgeschehen Österreichs aufzuzeigen. Vorbildhafte Schöpfungen von Gustav Klimt und Egon Schiele werden dem Frühwerk Waldes gegenübergestellt. Ferner finden die Tiroler Zeitgenossen – Prachensky, Wagner-Tyrol, Mulley, Nikodem und nicht zu vergessen Albin Egger-Lienz (1868–1926) – Platz in der Schau.

Kitzbühler Lächeln

Eines der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung ist das um 1924 entstandene Bild „Die Begegnung“, ehemals im Besitz des Kitzbüheler Grandhotels. Auf einer winterlich verschneiten Dorfstraße gehen zwei Frauen und ein Mann in Tracht gekleidet aneinander vorbei. Im Vorbeigehen blicken sie über ihre Schultern zurück, zeigen ihr strahlendstes Lächeln und heben grüßend den Kopf. Ihre monumentalen Körper dominieren das Bildfeld. Bewusst entindividualisiert Walde seine Protagonisten, indem er ihre Augen im Schatten der Kopfbedeckungen verschwinden lässt, indem er allen die gleichen kantigen Gesichtszüge verleiht. So erhält die Darstellung etwas Allgemeingültiges und wird der rein genrehaften Narration enthoben. Nicht das hübsche Detail, sondern große, fast grobschlächtige Formen faszinierten den Maler Walde, der ab der Mitte der Zwanziger-Jahre seine romantischen Motive in der Tiroler Alpenwelt fand.

 

Erste Orientierung an Egon Schiele

Alfons Walde wurde am 8. Februar 1891 in Oberndorf in Tirol geboren und wuchs in Kitzbühel auf. Obwohl er schon in der Realschule erste Skizzen und lavierte Zeichnungen machte, die auf ein künstlerisches Talent schließen ließen, wünschte der Vater ein technisches Studium. Im Jahr 1910 inskribierte Alfons Walde an der Bauschule der k. k. Technischen Hochschule in Wien. In den ersten Jahren beschäftigte er sich jedoch fast ausschließlich mit freien künstlerischen Fächern wie Freihand- und Aktzeichnen sowie Aquarellieren. Früchte dieser ersten künstlerischen Beschäftigung sind kleinformatige, meist quadratische Bilder in erdigen Tönen, die eine Beeinflussung durch die Malerei von Egon Schiele erkennen lassen. Dass Walde den um nur ein Jahr älteren Expressionisten persönlich kannte, zeigt ein Aquarell aus Privatbesitz (um 1914). Ein direkter Vergleich mit Schieles „Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter“ (1912; Leopold Museum) offenbart das Verbindende wie auch Trennende der beiden Künstler. Egon Schiele posierte selbst, inszenierte sich mit einer hochgezogenen und einer stark abfallenden Schulter. Die Hautfarbe wurde in dünner Ölfarbe in Braun-, Violett-, Rot- und Blautönen in deutlich sichtbarer Pinselschrift aufgetragen. Egon Schiele ging es nicht darum, ein repräsentatives Bildnis seiner selbst zu schaffen, sondern spielte mit den Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Gesichts und der Haltung, um die Seele – nach seiner Aussage „das Wahre“ - darstellbar zu machen. Das Portrait „Egon Schiele“ von Alfons Walde mutet im Vergleich realitätsnaher und doch unpersönlicher an. Frontal, nahezu klassisch, wird uns ein Büstenausschnitt einer ernsten Person präsentiert. Der Hautton des Aquarells erinnert in seiner Fleckigkeit an die Gestaltungsweise Schieles, das Auftragen der Farbe über einer Bleistiftvorzeichnung ist ebenso auffällig gleich. Die Farben sind aber in ihrer Auswahl weniger vom Naturvorbild gelöst, sondern wirken in ihrer Gesamterscheinung naturalistischer. Allen Bilder, die vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind, ist dieser von erdigen Farben dominierte Grundton eigen. Wichtig ist, dass sich Walde in den Motiven bereits auf jene Bildthemen konzentriert, die sein Hauptwerk der Zwanziger- bis Vierzigerjahre prägen werden: Landschaft, Schifahren und sportliche Ereignisse wie das „Gasslrennen“ sowie Bauern in ihren Sonntagstrachten.

 

Wintermärchen Tirol

1924 – Walde war, nachdem er sein Architekturstudium nach dem Krieg in Wien abgeschlossen hatte, bereits seit drei Jahren wieder in Kitzbühel ansässig – gewann der nun schon bekannte Tiroler den ersten Wettbewerb, den das Tiroler Landesverkehrsamt unter dem Titel „Winterbilder“ ausgeschrieben hatte. Alfons Walde konnte den ersten und zweiten Preis erringen! Das Wintermärchen Tirol war geboren. In den Bildern des mondänen Wintersports verewigte er die Bedeutung des Bergdorfes Kitzbühel für die Entwicklung von Schilauf und Schisprung. Die Farbkombination von weißem, leuchtendem Schnee und tiefblauem Himmel fasziniert bis heute sein Publikum. Das Bild „Kristiania“ (um 1925) ist von Dynamik geprägt. Schnee wirbelt hoch! Ein schneidiger Schifahrer rast an uns vorbei und setzt mit einem gewaltigen Stockeinsatz zum nächsten Schwung an! Nur links hinten stehen einige Sportler, gelassen auf ihre Stöcke gestützt und sehen dem bunten Treiben auf der Piste zu. Es mühen sich Anfänger und brillieren Könner bunt gemischt. Zumeist sind es aber die Einheimischen, die Walde in seinen Bildern den perfekteren Umgang mit Schi und Stöcken zeigen lässt.

Der Tourismus ist jedoch nicht nur für das Finden von Bildthemen für Alfons Walde ausschlaggebend, sondern ermöglicht dem Maler ein ausgefülltes Auftragsbuch, indem er beliebte Kompositionen auf Wunsch vervielfältigt. Den Bekanntheitsgrad seiner Schöpfungen zu steigern, war schon früh das Anliegen des geschäftstüchtigen Malers. So gründete Walde 1923 einen Postkartenverlag, über den er bis 1950 über 1.000.000 Farbpostkarten und 200.000 Farbdrucke seiner Bilder verkaufte. Zusätzlich arbeitete die Tyrol-Werbung in ihren Plakaten mit seinen Motiven und verbreitete sie international als Image-Träger des Landes: Versprechen doch Darstellungen die das „Auracher Kirchl“ im Jahr 1934 massenhaft Schnee, blauen und wolkenlosen Himmel, entspannende Atmosphäre ohne den Lärm und den Gestank von Automobilen in einer dörflichen Umgebung!

 

Unbekannter Walde

Neben den populären Themen des winterlichen Gebirges gibt es noch den unbekannten Walde: die Akte und Stillleben. Beide Sujets ziehen sich über die gesamte Schaffensperiode und sind in der Ausstellung in einigen Beispielen zu sehen. Durch seine Qualität auffallend ist das kleinformatige Gemälde „Die Erotik“ (um 1925), in dem der uralte Topos einer sich in einen dunklen Pelz hüllenden, hellhäutigen Schönheit aufgenommen wird. Mit überlangen, dafür aber umso graziler wirkenden Fingern hält sie das herabgleitende Stück Bekleidung vor ihre Brust und lächelt mit ihrem verführerisch in Dunkelrot glänzenden Mund über die Schulter.

Waldes Interesse an weiblicher Schönheit lässt sich nicht nur an den erotischen Akten nachvollziehen, sondern ist auch durch zwei seiner Fotoalben in der Ausstellung erstmals belegbar: neben Landschaftsaufnahmen und der Dokumentation von bäuerlichen Sonntagsbräuchen finden sich einige Fotos von selbstbewussten, nackten, jungen Frauen, die für den Maler-Fotografen in der sommerlichen Gebirgswelt posieren!

 

Malen für Freunde und Familie

Mit dem Anschluss Österreichs 1938 begann für Alfons Walde eine schwierige Zeit – und mit dem Ausbleiben des internationalen Publikums brach sein Werk ab. Nach dem Kriegsende wandte er sich verstärkt der Architektur zu und malte nur noch für Freunde und Familie. Am 5. Dezember 1958 starb der 67-jährige an einem schweren Herzleiden – und hinterließ eines der populärsten Werke eines österreichischen Künstlers der Zwischenkriegszeit.

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.