Bonaventure Ndikung: Formen des Miteinander
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Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: „Es geht um Zusammenkünfte, Formen des Miteinander!“ Wie über Kolonialismus nachdenken? Ndikung und Pauline Doutreluingne über ihre Festwochen-Ausstellung „The Conundrum of Imagination“

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Pauline Doutreluingne, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Pauline Doutreluingne, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Curator at Large der documenta 14, unterstützt von Co-Kuratorin Pauline Doutreluingne, stellte für die Wiener Festwochen eine unter die Haut gehende, mit beeindruckenden Bildern arbeitende Gruppenausstellung zum Thema Kolonialismus zusammen. Künstlerinnen und Künstler repräsentieren die anti-hegemoniale Welt und werfen gleichzeitig eigene Blicke zurück - auf die Geschichte von Eroberung, Vernichtung, Neubenennung, Deutung, Klassifizierung seit dem 16. Jahrhundert. Ndikung und Doutreluingne gelingt eine vielseitige Schau, die durch Performances und Vorträge ergänzt und erweitert wird.

Den ersten Teil des Gesprächs bestritt Pauline Doutreluingne in der Ausstellung im Leopold Museum und führte an einigen Werken exemplarisch Thema der Schau und Zugang der beiden Kuratoren sowie der Künstlerinnen und Künstler aus. Der zweite Teil mit Bonaventure Soh Bejeng Ndikung fand nach der Performance von Ines Doujak statt und kreist um seine kuratorische Praxis, sein Konzept, seine Ausgangslage.

Das Gespräch für ARTinWORDS führte Alexandra Matzner auf Englisch.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Curator at Large der documenta 14, unterstützt von Co-Kuratorin Pauline Doutreluingne, stellte für die Wiener Festwochen eine unter die Haut gehende, mit beeindruckenden Bildern arbeitende Gruppenausstellung zum Thema Kolonialismus zusammen. Künstlerinnen und Künstler repräsentieren die anti-hegemoniale Welt und werfen gleichzeitig eigene Blicke zurück - auf die Geschichte von Eroberung, Vernichtung, Neubenennung, Deutung, Klassifizierung seit dem 16. Jahrhundert. Ndikung und Doutreluingne gelingt eine vielseitige Schau, die durch Performances und Vorträge ergänzt und erweitert wird.

Den ersten Teil des Gesprächs bestritt Pauline Doutreluingne in der Ausstellung im Leopold Museum und führte an einigen Werken exemplarisch Thema der Schau und Zugang der beiden Kuratoren sowie der Künstlerinnen und Künstler aus. Der zweite Teil mit Bonaventure Soh Bejeng Ndikung fand nach der Performance von Ines Doujak statt und kreist um seine kuratorische Praxis, sein Konzept, seine Ausgangslage.

Das Gespräch für ARTinWORDS führte Alexandra Matzner auf Englisch.

ARTinWORDS: Eure Ausstellung „The Conundrum of Imagionation“ findet an zwei Standorten statt. Der erste Teil ist im Leopold Museum zu sehen und der zweite im Performeum, d.h. der eine Teil in einem etablierten Museum und der andere in einem für das Theaterfestival Wiener Festwochen neu geschaffenen Raum. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Pauline Doutreluingne: Ich denke, es war für einige unserer Künstler bedeutend, einen Museumskontext zu bekommen. Wenn man an Arbeiten wie beispielsweise jene von John Akomfrah denkt, der einen HD-Film gemacht hat, der ein Setup mit einer gewissen Konzentration und Ruhe braucht. Wir wollten auch einen großen Raum und die Etabliertheit eines Museums wie des Leopold Museums. Letztere ist im Kontext unserer Ausstellung sehr wichtig, um ein größeres Publikum zu erreichen. Außerdem haben uns Besucherinnen und Besucher interessiert, die sich vielleicht noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben und womöglich keine Ausstellung über Kolonialismus besuchen würden.

ARTinWORDS: Für euch steht das Leopold Museum also für die „weiße“ Kultur, der ihr etwas „Anderes“ bereichernd gegenüberstellt?

Pauline Doutreluingne: Genau, das Eindringen in die „weiße Kultur“ ermöglicht ein Aufbrechen von Meinungen und Narrativen. Natürlich sind wir aber auch im Performeum als Teil der Wiener Festwochen. Außerdem haben einige Künstlerinnen und Künstler sehr große Installationen gemacht, die auch gar nicht in so einem White-Cube hineinpassen würden.

 

Entdecker und nicht Entdeckte!

ARTinWORDS: Mir ist schon beim Durchgehen aufgefallen, dass ihr den White-Cube des Museums völlig verändert habt. Man findet das Weiß hauptsächlich im zentralen Raum, wo die Einführung in das Thema, das Konzept und eure Theorie passiert. Kannst du ein bisschen über die beiden Werkgruppen von Ahmet Öğüt und Abraham Onoriode Oghobase erzählen?

Pauline Doutreluingne: „Black Diamond“ von Ahmet Öğüt besteht aus zehn Tonnen Kohle in einem Bassin. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, in dem Berg nach einem Stück Mauer des Leopold Museums zu graben. Öğüt tauscht es dann gegen einen Diamanten aus. Es war darin versteckt…

ARTinWORDS: Es war darin versteckt? Wurde es schon gefunden?

Pauline Doutreluingne: Ja, wir haben nie damit gerechnet! Es wurde während der Eröffnung von einem jungen Mädchen gefunden. Jeder durfte nur eine halbe Stunde danach graben.

ARTinWORDS: Sie war die Glückliche!

Pauline Doutreluingne: Während seiner Performance führt er uns wie auf einer Schatzsuche durch das Museum. Seine Arbeit hat verschiedene Bedeutungsebenen: Einerseits bestehen Diamanten und Kohle aus den gleichen chemischen Bestandteilen, andererseits hinterfragt er den Wert der Dinge, den Wert der Kunst, den Wert von Rohstoffen und das mythische El Dorado. Dass man in ein fremdes Land fährt, um nach Glück zu suchen.

ARTinWORDS: Das führt mich zu einer anderen etwas verrückten Koinzidenz: Als ich Bonaventures Einführung zur Ausstellung las, fiel mir die Jahreszahl 1982 auf. Im gleichen Jahr begann Jean-Michel Basquiat ein wirklich berühmter afro-amerikanischer Star zu werden. Er wurde vom Kunstmarkt unglaublich gepuscht. Vor zwei Tagen ist eines seiner frühen Gemälde für 110 Mio. Dollar an einen japanischen Milliardär verkauft, der wirklich glücklich damit ist (→ Jean-Michel Basquiat bricht Rekorde). Man kann gut und gerne auch von Schatzsuche bei ihm sprechen. Es ist aber auch das erste Werk eines Afroamerikaners, das im neunstelligen Bereich verkauft wurde – und jetzt damit in die Riege von Picasso und Klimt aufgestiegen ist.

Pauline Doutreluingne: Es sieht so aus, als ob wir gerade in einem Zeitgeist leben, bei dem es nicht mehr wichtig ist, dass man aus einem etablierten, weißen Hintergrund abstammt. Aber es muss noch immer viel gearbeitet und analysiert werden, weil Basquiat eben dann doch nur eine Person ist.
Neben Öğüts Arbeit haben wir eine Serie von Abraham Oghobase aus Lagos, Nigeria, platziert, deren Titel „What if Austria had colonised Nigeria?“ schon auf seine Arbeitsweise hinweist. Es ist für diesen Fotografen das erste Mal, dass er in einem solchen Rahmen in Mitteleuropa ausstellt. Wir wollten seine Lithografien im White-Cube im Atrium präsentieren.

ARTinWORDS: Wurden die Werke in der Ausstellung eigens für die Ausstellung gemacht? Ich hoffe, ihr hattet ein gutes Budget!

Pauline Doutreluingne: Ja, fast alle Werke wurden für die Ausstellung in Wien in Auftrag gegeben. Das war uns sehr wichtig! Wir wollten die von uns ausgewählten Künstlerinnen und Künstler auch unterstützen. Die hatten so die Möglichkeit neue Arbeiten – auch mit uns gemeinsam – zu entwickeln. Abraham Oghobase hat beispielsweise die Zinnstadt Jos in Nigeria und die Landschaft fotografiert. Die Fotografien belegen u.a. durch die künstlichen Seen den industriellen Abbau der Ressourcen durch die britischen Kolonialherren. Oghobase hat die Bilder in Schichten mit Fotografien des Europäischen Karpfen und österreichischen Statuen überlagert.

ARTinWORDS: Sind diese Skulpturen also wirklich österreichisch? Hat er die Bilder aus dem Internet oder ist er nach Österreich gekommen?

Pauline Doutreluingne: Er kam nach Österreich, um sie zu fotografieren. Er verwendet die Blickachsen der Heiligen, aber auch seinen eigenen Körper, mit dem er die verschiedenen Schichten an Fotografien entdeckt. Ich halte es für wirklich poetisch, wie er der Entdecker ist, anstatt der Entdeckte zu sein.

 

Die andere Seite der Hegemonie

ARTinWORDS: Das ist auch ein wirklich wichtiger Faktor in eurer Ausstellung: Ihr beschuldigt explizit niemanden, etwas verursacht zu haben, sondern es ist wichtig, dass die Künstlerinnen und Künstler aus allen Ecken der Welt kommen. Ich glaube mit Ausnahme von Australien sind alle Kontinente vertreten, oder?

Pauline Doutreluingne: Ja, es sind Stimmen von der anderen Seite der Hegemonie. Einige Künstlerinnen und Künstler stammen aus Europa wie Ines Doujak, aber sie hat so eine lange Erfahrung in ihrer Beschäftigung mit diesen Regionen. Alle arbeiten jahrelang an einem Werk, weil sie auch wissenschaftlich der Geschichte des Kolonialismus nachgehen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess für sie.

ARTinWORDS: Ein anderer wichtiger Aspekt der Ausstellung ist, dass sie nicht nur traditionelle Kunst zeigt, sondern ein TV-Drama.

Pauline Doutreluingne: Jean-Pierre Bekolo ist ein sehr berühmter Film- und Fernsehmacher in Kamerun. „Our Wishes“ wird heuer noch im Fernsehen in Kamerun ausgestrahlt werden. Er beschäftigt sich in dieser Fernseh-Serie mit der Zeit um 1880, also kurz vor der Aufteilung Afrikas auf der Kongokonferenz 1884/85. Man sieht die Diskussionen zwischen den Douala-Chiefs und den deutschen „Entdeckern“ in Bezug auf das, was dann die deutsche Kolonie wurde. Bekolo zeigt es aus einer zeitgenössisch afrikanischen Perspektive, weil Kolonialismus in der Schule nur aus der Sicht der Europäer gelehrt wurde. Er versucht, die Geschichte aus einer heimischen, afrikanischen Perspektive wieder zu erfinden.

ARTinWORDS: Bekolo bringt seine Rechercheergebnisse in ein populäres Format. Es ist kein neues Schulbuch oder ein wissenschaftlicher Artikel entstanden.

Pauline Doutreluingne: Nein, er beleuchtet das Geschehene aus der anderen Perspektive und hat für die Ausstellung eine Installation geschaffen, die einen typischen Raum im heutigen Kamerun re-konstruiert. Dieses Wohnzimmer ist in drei Bereiche geteilt, wo die Besucherinnen und Besucher drei verschiedene Folgen der Serie anschauen können. Am Tisch findet man seine Notizen, das Skript, das Szenario. Auf der anderen Seite hat er Möbel aus der Zeit um 1880 aufgestellt, historische Fotografien hängen dort an der Wand. In Bekolos Installation treffen drei verschiedene Zeitebenen und Perspektiven aufeinander. Gleichzeitig zeigt er auch her, was es bedeutet, einen Film zu konzipieren und zu drehen.

ARTinWORDS: Der Filmemacher verwebt Stränge verschiedener Erzählungen miteinander. Kann man es so ausdrücken?

Pauline Doutreluingne: Ja, er macht das, um die Vorstellungskraft hervorzukitzeln.

 

Im Kreis von Vorstellungen und Situationen

ARTinWORDS: War das der Grund, warum ihr den Titel „Conundrum of Imagination“ gewählt habt?

Pauline Doutreluingne: Der Titel kommt vom Schriftsteller und Poeten James Baldwin. Sein Gedicht „Conundrum of Imagination“ erzählt davon, wie Vorstellungen Situationen kreieren und Situationen die Vorstellung formen. Bonaventure schreibt in seiner Einleitung davon, wie Kolumbus von dem gefunden wurde, was er entdeckte. Geschichte kopfübergestellt. Der Raum von der Cooperativa Cráter Invertido ist ein Imaginationsraum. Sie ließen sich von mexikanischen Wandmalereien des 16. Jahrhunderts inspirieren, die von Indigenen gemalt worden sind. Wenn auch für die katholischen, spanischen Kolonialherren entstanden, webten die mexikanischen Künstler doch Symbole ihrer eigenen Gottheiten und Geistwesen in die christlichen Wandgemälde. Cooperativa Cráter Invertido macht kollektive Zeichnungen, bei denen sie sich von den Systemen der Kolonialherren aber auch der Kolonisation des Narcos-Regimes befreien. Ihre Symbole sind Archetypen: das offene Tor, das Auge. Die erweitern sie zu Mustern. Im hinteren Eck des Raumes liegt ein Kostüm mit dem Titel „Faceless of History“, das sie für Performances einsetzen. Die Cooperativa widmet es all den Millionen vergessenen Toten der Geschichte, über die niemand spricht.

Unter der Oberfläche

ARTinWORDS: Wir haben gerade eine unter die Haut gehende Performance von Ines Doujak gesehen, die den Titel „Skins“ trägt. Im Hintergrund hängen ihre schönen, bunten Collagen. In beiden Arbeiten beschreibt Doujak eigentlich den Einsatz von Bio-Waffen im Rahmen der Kolonialisation und darüber hinaus. Das Auslöschen indigener Population spielt in deinem Einleitungstext eine große Rolle: die Trias der „Gs“ – Gold, God, Glory – beschreibt Eroberung als Bereicherung, zur Ehre Gottes und dem eigenen Ruhm. Alles wirkt zusammen, um diese neu entdeckten Länder zu überfluten. Ziel ist offenbar, so viel wie möglich herauszupressen.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Genau! Wenn man so viel wie möglich herausbekommen möchte, muss man zuvor so viel als möglich zerstören. Bewusst und unbewusst. In einigen Fällen, wie es Ines in ihrer Performance von John erzählen ließ, wurden Krankheiten unbewusst eingeschleppt, weil die Entdecker und Eroberer sie aus der Alten Welt mitbrachten. Einige Seuchen wurden aber auch bewusst ausgelöst, um die Bevölkerung auszurotten. Das Beispiel mit den Pockendecken gegen die First Nations bei Pittsburgh, um sie militärisch zu besiegen. Es gibt aber auch Verschwörungstheorien, dass HIV künstlich geschaffen worden sei.

ARTinWORDS: Ich habe aus deiner Biografie gelernt, dass du ein studierter Biologe bist.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ja, ich bin Biotechnologe.

ARTinWORDS: Deine frühere Beschäftigung scheint mit einigen Fragestellungen der Ausstellung - zumindest das Stück von Doujak – verbunden zu sein. Ist das ein Zufall?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ja, das war wirklich Zufall. Ich habe sie eingeladen, ohne zu wissen, wohin sie gehen würde. Ich war sehr glücklich, als sie mir sagte, dass sie sich mit Krankheiten beschäftigen wollte, weil mich das schon lange interessiert. In meinem Konzept spielt nämlich auch das Benennen von Dingen, Pläne als Mittel der Macht eine große Rolle. Ich habe meine Doktorarbeit in medizinischer Biotechnologie geschrieben.1 Meine Recherche basierte auf einer Zellen-Linie, die einer dunkelhäutigen Frau entnommen wurde. In den Kulturwissenschaften gibt es jetzt eine große Diskussion, wie die Zellen dieser Frau genutzt und ausgenutzt wurden. Du siehst, diese Auseinandersetzung zwischen „westlich“ und „nicht-westlich“ ist mein Metier.

 

Zeitalter der Entdeckungen und seine Auswirkungen

ARTinWORDS: Wie bist du dann zur Kunstwelt kommen?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ich bin nicht zur Kunstwelt gekommen, sondern die Kunstwelt zu mir.

ARTinWORDS: Das war dann wohl so, wie du die Geschichte von Kolumbus auf den Kopf stellst, der von Amerika entdeckt wurde! Ich verstehe.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Vielleicht war die Kunstwelt immer schon da. Mich interessiert, wie die Epoche der Aufklärung und er Industrialisierung den Blick auf die Welt verändert hat. Vor allem auf Arbeit, …

ARTinWORDS: … auf Zeit, auf Körper, …

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Die Teilung von Verstand und Körper, die Teilung der Disziplinen, das System der Produktivität usw. Seither muss man sich auf eine Sache konzentrieren, während davor der Universalgelehrte unterschiedlichste Interessen verbinden konnte.

ARTinWORDS: In diesem Zusammenhang kann man an Georg Büchner denken, oder berühmter noch ist Leonardo, die beide Kunst und Medizin miteinander verbunden haben.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Es gibt aber noch viele andere. Daher glaube ich auch nicht, dass man sich entweder für den Kunstbereich oder die Naturwissenschaften entscheiden muss. Sondern beide sind zu mir gekommen, nur weil ich präsent war.

 

 

Performance-Räume

ARTinWORDS: Ich finde deine Ausstellung deshalb auch sehr erfolgreich und interessant, weil sie nicht als White-Cube-Ausstellung geplant ist. Du und die von dir ausgewählten Künstlerinnen und Künstler lassen überwältigende Räume entstehen, in denen auch Techniken wie Bühnenbild, Installationen eingesetzt werden. Jeder Raum entwickelt so eine andere Atmosphäre. Dazu kommt noch, dass jede Künstlerin, jeder Künstler eine Performance entwickelt hat. War dir das von Anfang an wichtig, da die Ausstellung „Conundrum“ im Rahmen der Wiener Festwochen läuft?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ja, jeder war aufgefordert, es zu tun. Ich mag es, mit verschiedenen Szenarien zu arbeiten. Auch in meinem Art Space in Berlin, SAVVY Contemporary, gehen wir aus uns heraus. Das Selbst ist eine Komfortzone! Warum lernen wir nicht, wie wir aus uns herausgehen können?

ARTinWORDS: Einige machen Performances, andere Vorträge wie John Akomfrah.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ja, denn ich verstehe vieles als Performativ: Anwesend sein, Diskurs, direkter Kontakt mit Menschen und Gespräche entfachen.

ARTinWORDS: Ich muss gestehen, dass du mich bei der Pressekonferenz mit deiner Lebendigkeit und Leidenschaft beeindruckt hast. Du hast eindeutig einen intellektuellen Zug, was man dem Einleitungstext gut entnehmen kann, aber andererseits bist du auch sehr emotional. Entschuldige, wenn ich das so sage …

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Das ist kein Widerspruch! Es gibt verschiedene Arten, hingebungsvoll zu sein. Es ist wie … Ich denke, das banalste Beispiel ist Religion. Die Art, deinen Gott zu preisen, ist bei jedem unterschiedlich, genauso die Art mit Freunden zu sprechen. Ich bin leidenschaftlich, weil ich mich nur mit den Dingen beschäftige, die ich mich wirklich interessieren. Ich liebe es, Ausstellungen zu machen. Es ist kein Job, sondern es geht um Zusammenkünfte, Formen des Miteinander. Eine Galerie ist ein sicherer Ort, er kann aber auch sehr kontingent, vom Zufall bestimmt sein.

ARTinWORDS: Aber auch risikoreich…

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Riskant genauso. Wir verwenden ihn, um zu sehen, wie wir diese Welt wahrnehmen. Der Prozess ist so bereichernd! Zum Intellektuellen: Der intellektuellste Mensch, den ich kenne, war mein Großvater, der nie zur Schule gegangen ist. Er war sich sehr bewusst, was er erlebte. Er hat vieles miteinander verglichen.

ARTinWORDS: Offenbar war er ein guter Beobachter? Das zeichnet sowohl einen Künstler wie einen Wissenschaftler aus.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Absolut! Das sind die Charakteristika, die ich für mich anwenden möchte.

 

Conundrum of Imagination „in the making“

ARTinWORDS: Lass uns noch kurz zur Ausstellung „Conundrum“ zurückkommen. Als du eingeladen worden bist, wie hast du das Konzept für die Ausstellung zusammengestellt.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Als die Wiener Festwochen mich kontaktiert haben, wussten sie, dass ich mich in der Mitte der documenta 14 befinde und nicht sehr viel Zeit habe. Ich hatte aber schon viel über James Baldwin gelesen und daran gedacht, etwas zu ihm zu machen. Die Festwochen haben mir die Möglichkeit eröffnet, etwas davon zu realisieren.

ARTinWORDS: Wie hat sich der neue Leiter Tomas Zierhofer-Kin mit seinem Programm eingebracht?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Er hat mir erzählt, wie er das Festival verändern möchte. Dabei hat er auch die Akademie des Verlernens erwähnt. Ich beschäftige mich mit dem Konzept des Verlernens schon seit Jahren, weißt du. Letztes Jahr war ich mit einem Projekt am Steirischen Herbst vertreten. Ich verwende die Vorstellungskraft daher als große Chance.

ARTinWORDS: Die Werke, die du und Pauline in der Ausstellung zusammenbringt, sind von einem ästhetischen Blickwinkel her sehr unterschiedlich. Du gehst offensichtlich von der Fragestellung aus. Das Medium spielt dabei eine untergeordnete Rolle, oder?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Damit hast du Recht. Sie sind alle sehr unterschiedlich und haben verschiedene Aussagen. Das ist so intendiert, weil ich nie Ausstellung nur mit Gemälden zum Beispiel machen würde. Das interessiert mich nicht. Formen und Medien sind nur Gefäße, die man aber braucht, um Ideen zu transportieren. Es ist für mich daher immer wichtig, Konzepte aus verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichen Media zu betrachten. Das interessiert mich!

ARTinWORDS: Alle Künstlerinnen und Künstler haben ihre Arbeiten aber mit viel wissenschaftlicher, historischer Recherche vorbereitet, das ist auffallend.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ja, das ist wahr. Nicht alle arbeiten mit wissenschaftlicher Recherche wie etwa Marco Montiel-Soto in „Permanent Storm für a Tropical Constellation“ im Performeum. Er macht eine phänomenologische Recherche, würde ich sagen. Er nach El Congo fahren und Erfahrungen machen. Genauso wie Entdecker es gemacht haben.

ARTinWORDS: Damit schafft er auch Quellen für die Zukunft.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ich würde sogar sagen, dass jedes Kunstwerk eine Quelle für die Zukunft, weil es die Welt aus einem bestimmten, historischen Blickwinkel erklärt. Marco geht wie ein Anthropologe vor, aber er versucht nicht …

ARTinWORDS: … zu analysieren?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Er versucht sie auch nicht zu definieren. Er ist nur ein Beobachter.

ARTinWORDS: Damit geht es wieder um die Offenheit, keine Systematik zu erschaffen. Was würdest du den Besucherinnen und Besuchern deiner Ausstellung, Vorträge, Performances empfehlen?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Zeit! Ich würde empfehlen, dass sie sich Zeit nehmen, hinsetzen, die Filme ansehen, die Werke nicht zu hastig betrachten. Wir alle glauben, keine Zeit zu haben. Das neoliberale Konzept, vieles machen und erleben zu wollen… Nein, nehmt euch Zeit! Jedes Werk ist wie ein größerer Essay. Geht unter die Oberfläche. Es geht nicht nur um das Offensichtliche, was man sehen kann. Versucht die Subtexte zu lesen. Die ganze Ausstellung ist auf Subtexten aufgebaut!

 

 

Programm Lectures & Performances

Freitag, 19.5., Performeum

  • 19:30 Uhr Ho Rui An: Solar: A Meltdown (Lecture Performance)

Samstag, 20.5., Leopold Museum

  • 16:00 Uhr Ahmet Ögüt: In search of museum inside the museum (Lecture)
  • 17:00 Uhr – Ines Doujak, John und Lukas Goldmann: Skins (Performance)

Sonntag, 21.5., Performeum

  • 18:30 Uhr, Cooperativa Cráter invertido: Kamsamida kamdamida – A Wölk in the Darkness (Performance)
  • 19:30 Uhr, Abraham Onoriode Oghobase: What if Austria had colonized Nigeria? (Lecture)

Donnerstag, 25.5., Performeum

  • 20:00 Uhr, Marco Montie.-Soto: Expedition on a permanent storm (Lecture)
  • 21:00 Uhr, Viron Erol Vert: Dreamstory – Live drawing seccion mit dem Musiker Hanno Hinkelbein (Performance)

Freitag, 26.5., Performeum

  • 20:00 Uhr, Naufus Ramirez-Figueros: Bird Séance (Performance)
  • 21:00 Uhr, Matrix Botanica: Pilgrimage with the Animals (Musikperformance)

Samstag, 27.5., Performeum

  • 20:00 Uhr, Jean-Pierre Bekolo: Our Wishes (Lecture)
  • 21:00 Uhr, Filipa César & Louis Henderson: Op-film: A critical archaeology of optical technologies from the lighthouse tot he GPS (Lecture)

Sonntag, 28.5., Performeum

  • 20:00 Uhr, John Akomfrah: Of Time And The City: ein Lichtbildvortrag von John Akomfrah über seine neuste Arbeit (Lecture)
  • 21:00 Uhr, Mathieu Kleyebe Abonnenc: Wacapou, a room in my mother’s house (Lecture)

 

Conundrum: Bilder

  • Ahmet Öğüt, Black Diamond, 2010–2017, Installation im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Abraham Onoriode Oghobase, What if Austria had colonised Nigeria?, 2017, Installation im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Jean-Pierre Bekolo, Our Wishes, 2017, Filminstallation im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Jean-Pierre Bekolo und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, 2017 im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Ho Rui An, Solar: A Meltdown: Arbeiten ohne zu schwitzen, laufend seit 2014, Installation im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Ines Doujak, Skins, 2016, Ausstellungsansicht im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • John Akomfrah, Preliminal Rites Series, 2017, Installation im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • John Akomfrah, Tropikos, 2016, HD Filmstill © Smoking Dogs Films; Courtesy Lisson Gallery.
  • John Akomfrah, Preliminal Rites Triptych Series, 2017, Installation Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Pauline Doutreluingne, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Marco Montiel-Soto, Permanent Storm for a Tropical Constellation, 2017, Installation im Performeum, © Foto: Lisa Rastl.

Merken

  1. Lymphoid-spezifische Umlagerungs- und Mutationsmechanismen in chronischer myeloischer Leukämie, 2007, angenommen von der Heinrich Heine Universität, Düsseldorf, Anm. Alexandra Matzner.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.