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Florenz | Museo degli Innocenti: Artemisia Gentileschi in Florenz

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 27. Juli 2026
Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes, Detail, um 1612–1613, Öl/Lw, 158.8 × 125.5 cm (Neapol, Museo e Real Bosco di Capodimonte (Q378) © ph. Luciano Romano / Museo e Real Bosco di Capodimonte 2016)

Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes, Detail, um 1612–1613, Öl/Lw, 158.8 × 125.5 cm (Neapol, Museo e Real Bosco di Capodimonte (Q378) © ph. Luciano Romano / Museo e Real Bosco di Capodimonte 2016)

Artemisia Gentileschi (1593–1654) darf mit Fug und Recht als die berühmteste Malerin des italienischen Barock bezeichnet werden. Im Herbst/Winter 2026/27 widmet das Museo degli Innocenti der Römerin eine Sonderausstellung mit Fokus auf ihre Florentiner Jahre. Hier lebte und arbeitete die junge Malerin von 1612/13 bis 1620, avancierte 1616 zur ersten Frau in der Accademia del Disegno, bildete sich umfassend weiter und wurde Teil des literarischen und künstlerischen Zirkels um den Dichter Michelangelo Buonarroti den Jüngeren (→ Artemisia Gentileschi: Biografie).

Artemisia Gentileschi a Firenze [Artemisia Gentileschi in Florenz]

Florenz: Museo degli Innocenti
21.10.2026 – 4.4.2027

Artemisia in Florenz (2026/27)

Hatte Rom für Artemisia Ausbildung, Vergewaltigung und Gerichtsprozess bedeutet, so bot Florenz erste sichtbare Erfolge, die Aufnahme in den Medici-Hof und ein soziales Netzwerk, das der talentierten Malerin eine eigenständige Karriere ermöglichte. Die von Arthemisia in Zusammenarbeit mit dem Istituto degli Innocenti organisierte Schau lässt Leihgaben aus internationalen Sammlungen in der Renaissance-Pinakothek des Hauses in Dialog treten mit Werken aus der eigenen Sammlung – darunter Gemälde von Domenico Ghirlandaio und Sandro Botticelli sowie eine Skulptur von Luca della Robbia. Für 2026/27 kündigt das Museo degli Innocenti damit eine Ausstellung an, die sich konzentriert mit dieser entscheidenden Phase in Artemisia Gentileschis Leben und Werk auseinandersetzt.

„Judith mit dem Haupt des Holofernes“ gehört zu den erfolgreichsten Kompositionen Artemisias. Der Palazzo Pitti besitzt eine Fassung von 1613/14. Die Grundidee stammt ursprünglich von Orazio Gentileschi, Artemisias Vater: Bereits um 1608/09 hatte er ein sehr ähnlich komponiertes „Judith und die Dienerin“ (Nationalgalerie Oslo) gemalt.1 Anders als bei Caravaggios blutiger Enthauptungsszene zeigen Vater und später auch Tochter nicht den Mordakt selbst, sondern den stillen, angespannten Fluchtmoment danach.2 Die junge Artemisia verdichtete Orazios eher erzählerisch-statisches Querformat in Florenz zu einer vertikalen, unmittelbareren Komposition mit stark reduziertem Hintergrund – eine Nähe zur Oslo-Fassung, auf die sogar die offizielle Florentiner Denkmalpflege in ihrer Katalogisierung des Palazzo-Pitti-Bildes ausdrücklich hinweist.3

Der Erfolg von Artemisias Neuinterpretation lässt sich an ihrer Verbreitung ablesen: Schon im 17./18. Jahrhundert entstanden Repliken u. a. in der Galleria Corsini in Florenz, im Palazzo Rosso in Genua und in der Sammlung Charpentier in Paris,4 und Artemisia selbst griff ihre eigene Bildfindung mehrfach neu auf – etwa Mitte der 1620er Jahre in einer größeren Fassung, die sich heute im Detroit Institute of Arts befindet, sowie in den 1640er Jahren in Versionen (Musée de la Castre in Cannes)und Museo di Capodimonte in Neapel).5 Über drei Jahrzehnte hinweg blieb damit ein und dieselbe, in Florenz entwickelte Grundidee ein verlässlicher Erfolg im eigenen Werkstattrepertoire.

Auch Orazio kehrte, unabhängig von seiner Tochter, zu dem Sujet zurück: In seinen Genueser Jahren (1621–1625) entstanden mindestens zwei weitere Fassungen – eine heute im Wadsworth Atheneum in Hartford, die als die eigenständigste gilt, sowie eine autographe Wiederholung mit kleinen Abweichungen in den Vatikanischen Museen.6 Wie begehrt Orazios Bildfindung in Künstlerkreisen war, zeigt sich daran, dass sein Bewunderer Anthonis van Dyck die Komposition in seinem Taccuino italiano [Italienisches Skizzenbuch] (um 1621–1627, British Museum) eigens festhielt.7

Dass Artemisia gut anderthalb Jahrzehnte später genau auf diese väterliche Genueser Fassung zurückgriff – wie ein 2021 bei Dorotheum versteigertes Spätwerk8 zeigt –, wurde bislang mit einer gemeinsamen Werkstattpraxis am Hof Karls I. erklärt: Vater und Tochter hätten an der Deckendekoration im Queen's House in Greenwich zusammengearbeitet, wobei Artemisia Zugang zu Orazios Kartons erhalten habe. Der aktuelle Forschungsstand relativiert das: Laut Keith Christiansen bat Orazio seine Tochter zwar ausdrücklich um Mithilfe bei den neun allegorischen Deckenbildern, doch traf Artemisia – die die Einladungen an den Hof Karls I. jahrelang ausgeschlagen hatte – so spät in London ein, dass sie an diesem Projekt gar nicht mehr mitwirken konnte.9 Die Bindung zwischen Vater und Tochter blieb dennoch bis zuletzt bestehen: Ein erst kürzlich Artemisia zugeschriebenes Bildnis zeigt vermutlich Orazio in London gegen Ende seines Lebens, signiert mit „Artimisia Lomi“ – ein Bekenntnis zur toskanischen Herkunft der Familie.

 

Bilder

  • Artemisia Gentileschi, Judith mit der Dienerin und dem Haupt des Holofernes, Öl auf Leinwand, 115 x 116,4 cm, gerahmt (Privatbesitz)

FAQ-Sektion

Wann und wo findet die Ausstellung „Artemisia Gentileschi in Florenz" statt?

Die Ausstellung läuft vom 21. Oktober 2026 bis zum 4. April 2027 im Museo degli Innocenti in Florenz. Organisiert wird sie von Arthemisia in Zusammenarbeit mit dem Istituto degli Innocenti.

Worum geht es in der Ausstellung?

Im Mittelpunkt stehen Artemisia Gentileschis prägende Florentiner Jahre (1612/13–1620): der Aufstieg zur ersten Frau in der Accademia del Disegno, ihre Kontakte zum Medici-Hof und ihre Freundschaft mit dem Dichter Michelangelo Buonarroti dem Jüngeren. Leihgaben treten dabei in Dialog mit der hauseigenen Sammlung des Museums, darunter Werke von Domenico Ghirlandaio, Sandro Botticelli und eine Skulptur von Luca della Robbia.

Warum ausgerechnet Florenz und nicht Rom oder Neapel?

Florenz war die Stadt, in der Artemisia nach der Vergewaltigung durch Agostino Tassi und dem Gerichtsprozess in Rom (1611/12) erstmals eigenständigen beruflichen Erfolg fand: 1616 wurde sie als erste Frau in die Accademia del Disegno aufgenommen, knüpfte Kontakte zum Medici-Hof und baute sich ein eigenes soziales und künstlerisches Netzwerk auf.

War Artemisia Gentileschi wirklich die erste Malerin in einer Kunstakademie?

Ja. 1616 wurde sie als erste Frau in die Florentiner Accademia del Disegno aufgenommen, der sie bis zu ihrer Rückkehr nach Rom 1620 angehörte.

Welches Gemälde zeigt das Titelbild des Artikels?

Das Titelbild zeigt Artemisia Gentileschis „Giuditta e la sua ancella" (Judith mit ihrer Dienerin), um 1613/14 in Florenz entstanden und heute in der Galleria Palatina im Palazzo Pitti. Es zeigt nicht die Enthauptung selbst, sondern den stillen Moment danach, in dem Judith und ihre Dienerin mit dem Kopf des Holofernes aus dem Feldlager fliehen.

Wie hängen Artemisia und ihr Vater Orazio Gentileschi künstlerisch zusammen?

Beide griffen unabhängig voneinander das Bildthema „Judith mit ihrer Dienerin" auf – Orazio bereits um 1608/09, Artemisia dann 1613/14 in Florenz mit einer eigenständigen, dynamischeren Neuinterpretation. Erst in ihrer Spätphase nach Orazios Tod 1639 griff Artemisia direkt auf eine Komposition ihres Vaters aus dessen Genueser Zeit zurück.

Wo kann ich mehr über Artemisia Gentileschis Leben und Werk erfahren?

Eine ausführliche Biografie mit allen Lebensstationen – Rom, Florenz, Venedig, Neapel und London – findet sich auf der ARTinWORDS-Themenseite zu Artemisia Gentileschi.

  1. A. Morandotti, Gentileschi padre, un alter ego di Caravaggio prezioso e lucente, in: Ausst.-Kat. Orazio Gentileschi, Musei Reali di Torino/Arthemisia, Turin 2025, S. 46–53, hier S. 51 (Abb. 4).
  2. Katalogeintrag „Giuditta e la sua ancella“, Soprintendenza Speciale per il Patrimonio Storico Artistico ed Etnoantropologico e per il Polo Museale della città di Firenze, https://catalogo.beniculturali.it/detail/HistoricOrArtisticProperty/0900162841 (Zugriff Juli 2026).
  3. Katalogeintrag „Giuditta e la sua ancella“, Soprintendenza Speciale per il Patrimonio Storico Artistico ed Etnoantropologico e per il Polo Museale della città di Firenze, https://catalogo.beniculturali.it/detail/HistoricOrArtisticProperty/0900162841 (Zugriff Juli 2026).
  4. Siehe Sammlungsangaben Detroit Institute of Arts; Musée de la Castre, Cannes; Museo di Capodimonte, Neapel.
  5. A. Rodolfo, Kat.-Nr. VI.27, in: Ausst.-Kat. Orazio Gentileschi, Turin 2025, S. 166–167.
  6. A. Rodolfo, Kat.-Nr. VI.27, in: Ausst.-Kat. Orazio Gentileschi, Turin 2025.
  7. Taccuino italiano, British Museum, Inv. 1957,1214.207, fol. 115v).
  8. vgl. Dorotheum, Auktion „Alte Meister I", 8.6.2021, Los 47 (Gutachten R. Lattuada, P. Carofano); Einordnung ergänzt nach Mann 2025.
  9. Keith Christiansen, Il viaggio di Gentileschi oltre Caravaggio, in: Ausst.-Kat. Orazio Gentileschi, Turin 2025, S. 26–27.

Alexandra Matzner

Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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