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Fotografie – Geschichte – Erinnerung Ausstellung "Memory Lab" im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie 2014/15

Tanja Boukal, Rewind: Obersalzberg, Detail, 2008/09, Fototransfer, verschiedene Größen, Foto: Alexandra Matzner. (c) Tanja Boukal.

„Im Versuchslabor der Erinnerung. Fotografie fordert die Geschichte heraus“ – so oder ähnlich könnte man Titel und Untertitel der Schau übersetzen. Die Herausforderung liegt aber vielleicht weniger im Medium selbst begründet als bei den Produzent_innen der Fotografien, die noch bis 21. März 2015 im MUSA ausgestellt sind. Entgegen der landläufigen Meinung, Fotografie wäre ein dokumentarisches Medium, das mit unbestechlichem Auge die Etappen der Geschichte aufzeichnet, strotzen die Fotografien, Videos und Installationen im MUSA nur so von subjektiven Blicken, persönlichen Zugängen und individuellen Recherchen zu historischen Ereignissen. Aus der 43 Namen umfassenden Künstler_innen-Liste des europäischen Gemeinschaftsprojekts wählten die Kuratoren Berthold Ecker und Gunda Achleitner dreizehn Positionen. Auffallend ist, dass nahezu alle in Serien arbeiten, und die Grenze zum bewegten Bild, der Installation (incl. Malerei und Zeichnung) aufgeweicht wurde. Das komplexe Verhältnis der Künstler_innen zur Geschichte und ihr Umgang damit im „Labor Fotografie“ ist Thema der Schau. Mit Ausnahme der weit ausgreifenden „Menschheits-Kulturgeschichte“ von Aura Rosenberg konzentrieren sie sich auf bestimmte Momente und forschen dem Unbegreiflichen, Unerklärlichen vergangener Tage und Entscheidungen nach.

Auf der Suche nach Geschichte

Die Herangehensweise von Lina Scheynius mag stellvertretend das kuratorische Konzept dieser spannenden Schau näher beleuchten. Die seit 2008 als professionelle Fotografin arbeitende und in London lebende Schwedin wurde mit persönlichen Aufnahmen bekannt, die sie über das Internet veröffentlichte. Die hier gezeigte Serie „Sarajevo“ entstand 2009 und war von dem Pariser Design Studio Be-Poles beauftragt. Be-Poles gestaltete gemeinsam mit der Fotograf_innen einen individuellen Stadtführern, wobei ihr völlig freie Hand gelassen wurde. In Erinnerung an den Bosnienkrieg (1992–1995) wählte Scheynius Sarajewo. Das Fotobuch sollte der Künstlerin zufolge eine Fortsetzung des „Tagebuch-Projekts“ sein, an dem sie seit ihren Kindheitstagen arbeitet. Gemeinsam mit einem Exfreund streifte sie durch die Stadt, sprach mit Menschen, versuchte zu verstehen, was passierte und was gerade los war und fotografierte alle Ecke, die ihr interessant vorkamen. Die Verbindung zu ihrer Person kam über die Aufnahmen von sich selbst und ihren Freunden im Hotelzimmer ganz direkt zustande. So stoßen Aufnahmen von Granateneinschlägen im Asphalt direkt an eine romantische Stadtansicht, der Fotografin im Bett auf Bilder eines Friedhofs und einen (offenbar) ausgestopften Wolf im Naturkundemuseum.

 

 

Dieser Versuch, einen emotionalen und direkten Kontakt mit der Vergangenheit herzustellen, zeichnet die ausgewählten Künstler_innen der Ausstellung „Memory Lab“ im MUSA aus. Ob Erwin Olaf in der Serie „Berlin“ (2012) der Großstadt der 1920er-Jahre seine Reverenz erweist, indem er Gemälde von Otto Dix reinszeniert und geschichtsträchtige Orte wählt, oder Andreas Mühe sich dem historisch belasteten Obersalzberg widmet.

 

Die Rekonstruktion von Geschichte

Andreas Mühe beschäftigte sich für die Serie „Obersalzberg“ mit dem NS-Fotografen Walter Frentz (1907–2004), der als das „Auge des Dritten Reiches“ tituliert wurde.1 Zwischen 1939 und 1945 schoss er abertausende von Fotos, teils in Farbe, und wollte bis zu seinem Ende nur der „unbeteiligte Dokumentarist“ gewesen sein. Andreas Mühe reinszeniert berühmte Fotografien – allerdings in fragmentarischer Art, um die Subjektivität des Kameraauges zu belegen. Die Granden des Terrorregimes werden vereinzelt und vor leerer Bühne aufgestellt. Sie machen den Diener oder stemmen ihre Arme in die Hüften. Vor mausgrauem Hintergrund wirken sie trotz ihrer Uniformen gleichermaßen klein wie verklemmt. Frauen tauchen in dieser Serie nur als „Frisurenmodelle“, d. h. von hinten gesehen, auf. Ihre geflochtenen Haare erinnern frappant an die aktuelle Oktoberfest-Mode.

Eine Reinszenierung in Form einer Performance machte Steven Cohen 2007 in Wien, begleitet von der Wiener Fotografien Marianne Greber. Unter dem Titel „Cleaning Time (Vienna) – A Shandeh un A Charpeh. Heldenplatz“ säuberte er besagten Platz mit einer riesigen, roten Zahnbürste, an den Füßen Platteauschuhe, mit einem „Judenstern“ am Korsett. Die für das MUSA gewählte Fotografie zeigt den Protagonisten kniend, von hinten, mit einem großen Diamanten im After, vor ihm die übermächtige Exedra der Neuen Hofburg. Mit dieser Aktion aktivierte Cohen die Erinnerung an die „Säuberungsaktionen“ der Nationalsozialisten – sowohl die erzwungenen, entwürdigenden Dienste der Juden als auch deren Verfolgung.

 

Geschichte und Gegenwart

Wieviel Geschichte prägt sich in eine Stadt ein? So oder ähnlich könnte man auch die Fragestellung von Noro Knap beschreiben, als er für das Video „April 20“ (2011) eine aktuelle Aufnahme des Hviezdoslav Platzes in Bratislava mit einer 70 Jahre alten verband. Am 20. April 1941 wurde Hitlers Geburtstag unter seiner Anwesenheit offiziell gefeiert und der mit Fahnen geschmückte Platz von Ladislav Roller festgehalten. 70 Jahre später, am selben Platz, am selben Tag, zur selben Stunde und aus demselben Blickwinkel filmte Noro Knap die Anlage. Die Fahnen sind längst verschwunden, und die Menschen sind anders gekleidet. Die Architektur hat sich wenig verändert. Wie mag es mit den Überzeugungen der Bewohner_innen aussehen?

Das Verhältnis von Gegenwart und Geschichte ist auch das Thema von Tanja Boukal, die für „Rewind: Obersalzberg“ (2008/9) historische Aufnahmen von Adolf Hitler mit aktuellen Fotografien vom Touristenmagnet Kehlsteinhaus vermischte. Um die 300.000 Besucher_innen zählt das Kehlsteinhaus am Obersalzberg, das als einziges erhaltenes Gebäude an die Nazi-Diktatur erinnert. Die Authentizität des Ortes, sein historisches Erbe wird in Boukals Serie durch die Vermischung der Zeitebenen sichtbar gemacht. Auf vor Ort gefundenen Schieferplatten, mit denen die demolierten Häuser der Nazi-Größen gedeckt waren, bringt sie Fotografien von Tourist_innen und historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen Hitlers zusammen. Er sitzt am Kaffeetisch, während modern gekleidete Menschen an ihm vorbei gehen. Der Diktator mischt sich unters emotionslose Volk, das sich dessen Haus – aus welchen Gründen noch mal – ansieht.

 

Private Geschichten

Neben historischen Ereignissen, die Einschnitte in viele Leben bedeuteten, sind es aber auch die privaten Geschichten und Lebens(ver)läufe, die junge Künstler_innen interessieren. Tatiana Lecomte hat für „Die El-Alamein-Stellung. Eine Montage“ (2013) eine Fotosammlung aus dem Altpapiercontainer gerettet. Während 1942 dieser Strandabschnitt in Ägypten von deutsch-italienischen und alliierten Truppen noch heftig umkämpft worden war, verbrachte ein Paar in den 1960ern dort wieder einen Strandurlaub. In der Arbeit von Tatiana Lecomte finden diese beiden historischen Momente zueinander, da sie die privaten Aufnahmen mit Bildern der „großen Geschichte“ kombiniert.

Anna Jermolaewa geht in der Installation „The Fortierth Year“ (2012) ihrer eigenen Geschichte nach. Die seit 1987 in Wien lebende Künstlerin hatte ein Elite Kunstgymnasium in St. Petersburg besucht, bevor sie wegen Beteiligung an einer Untergrundzeitschrift von der Polizei gesucht wurde und geflohen ist. Ein im Internet wiedergefundenes Gruppenfoto Jermolaewas mit ihren Freunden aus dem Jahr 1986 brachte die Erinnerung daran wieder zurück. Die Clique hatte sich in jungen Jahren geschworen, an ihrem 40. Geburtstag Selbstmord zu begehen. Mit 42 machte sich die Künstlerin auf die Suche nach ihren alten Schulfreund_innen und fand sie in Boston, Hong Kong, Kanada und St. Petersburg verstreut. Während sie sie besuchte, nahm Jermolaewa Videos von ihren Gesprächen auf und zeichnete so die Lebensgeschichte ihrer Altersgenoss_innen nach. Der „großen Geschichte“ von Perestroika und Zerfall des Sowjetreichs stellt sie den Werdegang, die Hoffnungen und Träume ihrer Freund_innen gegenüber. Nur ein Freund weigerte sich aufgenommen zu werden. Stattdessen steuerte er Zeichnungen und Gouachen bei, die seine Sicht der Gesprächssituation wiederspiegeln.

 

Die Auswahl der Kuratoren Ecker und Achleitner zeigt sich als eine „geschichtsorientierte“, wenn man die Werke der weiteren Künstler_innen im Katalog betrachtet. Die Reduktion auf untenstehende dreizehn Künstler_innen, allesamt vertreten durch mehr als zwei Arbeiten bzw. Werkgruppen, tut der Aussage der Ausstellung gut und schärft sie in Richtung einer individuellen Recherche, die immer nur eine Annäherung sein kann. Dabei spielt Fotografie als Endprodukt wie auch in Form von Found Footage eine eminent wichtige Rolle.

 

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

  • Tanja Boukal (* 1976 Wien/A)
  • Steven Cohen (* 1962 Johannesburg/ZA, lebt und arbeitet in Lille/FR) & Marianne Greber (* 1963 Andelsbuch/A, lebt und arbeitet in Wien/A)
  • Marcell Esterházy (* 1977 Budapest/H, lebt und arbeitet in Paris/FR und Budapest)
  • Anna Jermolaewa (* 1970 St. Petersburg/RUS, lebt und arbeitet in Wien/A)
  • Noro Knap (* 1974 Bratislava/SK)
  • Tatiana Lecomte (* 1971 Bordeaux/F, lebt und arbeitet in Wien/A)
  • Andreas Mühe (* 1976 Karl-Marx-Stadt/D, lebt und arbeitet in Berlin)
  • Erwin Olaf (* 1959 Hilversum/NL, lebt und arbeitet in Amsterdam)
  • Gábor Ősz (* 1962 Dunaújváros/H, lebt und arbeitet in Amsterdam)
  • Marija Mojca Pungercar (* 1964 Novo Mesto/SLO, lebt und arbeitet in Ljubljana/SLO)
  • Aura Rosenberg (* 1949 New York/USA)
  • Lina Scheynius (*1981 in Vänersborg/Schweden, lebt und arbeitet in London/UK)
    Juraj Starovecký (* 1985 Trenčín/SK)

Merken

  1. Siehe: Hans Michael Kloth, Hitlers Kameramann Walter Frentz Das Auge des "Dritten Reiches", in: Spiegel (10.9.2008), http://www.spiegel.de/einestages/hitlers-kameramann-walter-frentz-das-auge-des-dritten-reiches-a-947893.html (letzter Aufruf 4.11.2014).
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.