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Papierschnitt als künstlerisches Medium Ausstellung "FINAL CUT" im Horst-Janssen-Museum

Ernst Oppliger, Arche Noah, 1987, Papierschnitt.

Ernst Oppliger, Arche Noah, 1987, Papierschnitt.

Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg präsentiert Papierarbeiten von 17 Künstler_innen aus Deutschland, Österreich, Belgien, der Schweiz, den USA und Japan. Die Kuratorinnen Paula von Sydow und Sandrine Teuber wählten jene zeitgenössische Positionen, in denen „das Ausschneiden als eine elementare Gestaltungsmöglichkeit mit künstlerischer Eigenständigkeit deutlich wird“ (Paula von Sydow). Der im Kerber Verlag erschienene Katalog belegt eindrucksvoll, wie Papier heute nicht nur als Träger verschiedener grafischer Techniken, sondern als Material für zwei- und dreidimensionale Objekte in Form von Bildern, Installationen oder Künstlerbüchern eingesetzt wird.

Runge und Matisse - die „Väter“ des Papierschnitts

Paula von Sydow bezieht sich in ihrem Einführungstext auf die beiden berühmtesten Papierschnittkünstler des 19. und 20. Jahrhunderts: Philipp Otto Runge (1777–1810) und Henri Matisse (1869–1954). Während Runge sich noch ausschließlich als Maler sah und seine Leidenschaft am Papierschnitt nur privat auslebte, konnte Matisse im hohen Alter seine gouaches découpées bereits als eigenständige Kunstwerke definieren. Der schwer kranke Matisse fügte seine Schnitte aus farbig grundiertem Aquarellpapier zu großformatigen Kompositionen und zum Künstlerbuch „Jazz“ (1947) zusammen. Beiden Künstler ist gemein, dass sie den Papierschnitt nutzten, um ihre pflanzlichen bzw. amorphen Figuren stark stilisiert und aus der Linie, dem Umriss und der einfarbigen Fläche zu gewinnen. Erst das Aufkleben auf Trägerpapiere macht aus diesen Schnitten im Kontrast (Runge) und in der Zusammenschau mit weiteren Formen (Matisse) Kunstwerke.

 

 

Vielfältiger Papierschnitt in der Kunst des 21. Jahrhunderts

Im Papierschnitt im frühen 21. Jahrhundert, so lässt sich mit der Ausstellung in Oldenburg argumentieren, haben sich sämtliche traditionelle Kriterien verwandelt. Er ist konzeptueller und dadurch inhaltsreicher geworden, stilistisch haben sich verschiedene Ästhetiken aus der Überlappung mit den Gattungen Collage, Skulptur, Video, Street Art ausgeprägt. So beschreibt den Begriffen Papierschnitt oder Paper Cutting jene Technik, deren wichtigste Arbeitsmaterialien noch immer Papier und Schere (Skalpell, Cutter) sind, die jedoch durch Collageverfahren ergänzt und dreidimensionale Aufbauten verräumlicht werden können.

Wie ein Blick auf die jüngste Produktion von Papierarbeiten im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg zeigt, haben verschiedenste Künstler_innen in seit den 1970er Jahren Papier als Werkstoff erfolgreich wiederentdeckt. Sie fügen riesige Bögen zu skulpturalen Objekten zusammen, kreieren raumfüllende Installationen und schneiden mit Skalpell oder Schere Texte wie Figuren in die Flächen, wobei dem Schattenwurf, der mit einigem Abstand vor der Wand montierten Stücke, gegebenenfalls genauso viel Bedeutung zukommt wie dem Objekt selbst. Die wenigsten der ausgestellten Künstler_innen sind ausschließlich in diesem Medium tätig, sondern haben damit ihr Ausdrucksspektrum erweitert. Von Sydow betont sogar, dass der Papierschnitt heute ein eigenständiges Medium innerhalb der zeitgenössischen Kunst sei, die Vielseitigkeit der aktuellen künstlerischen Positionen spreche nicht für eine Weiterentwicklung des klassischen Scherenschnittes und schon gar nicht für die Fortsetzung dieser Jahrhunderte alten Tradition (S. 12). Die Kuratorin versteht den „Papierschnitt als autonome künstlerische Geste“, so der Titel ihres Beitrags (S. 11-15) und fügt bereits berühmte und weniger bekannte Positionen zu einem vielseitigen Bild.

 

Was kann der Papierschnitt heute?

Die im Horst-Janssen-Museum unter dem Titel „Final Cut. Papierschnitt als eigenständigem künstlerischem Medium“ zusammengeführten Arbeiten stehen in unterschiedlichen ästhetischen Traditionen, wobei die Perfektion und die Virtuosität des Ausschneidens das Publikum noch immer faszinieren, die Beherrschung der Technik aber nicht zentrales Anliegen der Künstler_innen sind.

 

Papierschnitt als Ornament und unendliche Linie

Manche Papierschnitte wirken, als wären sie aus einer unendlichen Linie gebildet, die sich zu Mustern oder Figuren schlängeln. Der belgische Street Artist Kris Trappeniers bedient sich dieser Ästhetik, um Schablonen (auch: Stencils, Pochoirs) für seine Graffiti herzustellen. Er bezeichnet sich selbst als „paper sculptor“ und widmet sich vor allem dem Porträt. Dass er in einer musealen Präsentation vertreten ist, ist für ihn als Street Art Künstler außergewöhnlich und zeigt das weite Feld, das heute mit dem Begriff Papierschnitt verbunden ist.

 

 

Papierschnitt als Objekt

Eine der bekanntesten Künstlerinnen der Ausstellung ist Charlotte McGowan-Griffin (* 1975 London/Berlin). Sie entdeckte nach ihrer Ausbildung das „paper cutting“ und dass dafür Konzentration und Präzision im Schnitt nötig sind. Mit dem Begriff „cutting in“ betont die Künstlerin den gewaltsamen Akt des Hineinschneidens mit dem Messer aber auch ihre Abwendung von einer Tradition des Papierschnitts, nämlich Linien durch Herausschneiden der Flächen aus dem Papier zu gewinnen. McGowan-Griffin erweitert dadurch m.E. den installativen Papierschnitt mit Tendenz zum Environment hin zur Skulptur. Mit „The Origin of the World“ (2012, 285 x 250 x 75 cm) führt sie das gleichnamige Gemälde von Courbet in eine abstrakte Form über. Das so ostentativ präsentierte, weibliche Geschlecht des Skandalbildes wird unter McGowan-Griffins Skalpell zu einer nahezu einen Meter von der Wand abstehenden Riesenmasse. Der Ursprung der Welt ist eine dunkle Höhle, sie kann genauso leicht Angst wie Neugier auslösen.

Auch die Deutsche/Amerikanerin Christa Donner (* 1958) beschäftigt sich mit Körperbildern, in ihrem Fall prallen Bilder des Äußeren mit Ansichten aus dem Inneren unschön zusammen. Sie nutzt nicht nur die Kraft der Linie und der Schere, sondern auch Farben, um ihren wandfüllenden Installationen Wirkung zu verleihen.

Ganze Weltbilder lässt die in Leipzig ansässige Anette Schröter (* 1956) zusammenstürzen - oder vielleicht doch sich entfalten? Über einer Kompilation von Rückenfiguren von Caspar David Friedrich zerschellt die Welt wie in einem Comic. Die blitzartigen Ränder, die collagierten Gedanken lassen die sonst so ruhigen Kompositionen Friedrichs vergessen und im Chaos des 21. Jahrhunderts erstarren.

 

Die papierene Welt

Stefan Saffer (* 1969) zeigt „ARCHich“ (2013)1, wofür er in ein weißes Raster mit betont die schiefen Orthogonalen ARCH und Ich einschreibt. Scheinbar dahinter – als Collage ergänzt – ziehen sich aus Magazinseiten geschnittene Fluchtlinien in die Tiefe. Die traditionelle Flächigkeit des Papierschnitts wird in Saffers Arbeiten durch die Illusion der dritten Dimension sowie Bild- und Textelemente erweitert.

 

Bücher in 3D

Max Marek (* 1957) inszeniert seine Papierschnitte in Büchern. Einmal aufgeklappt, reihen sich Formationen an Schnitten in diesen Buchobjekten aneinander, die Seite für Seite übereinander lagernd immer unterschiedliche Einsichten und Durchsichten ermöglichen.

Die Übersicht verliert man gerne in Sandra Kühnes (* 1976) Büchern. Sie zerlegt im wahrsten Sinne des Wortes alle Formen von Atlanten, Karten und Oberfächenbeschreibungen der Erde. Anstelle einer Dekonstruktion tritt bei ihren Arbeiten aber eine gewisse Orientierungslosigkeit, verlieren die Linien so ganz aus ihrem Kontext gerissen doch gerne ihre Referenzfunktion. So führt die Schweizerin die grafischen Techniken der Weltbeschreibung u. a. auf ihre ästhetischen Qualitäten zurück.

 

Virtuosentum

Zweifellos ringen einem die detailliert gearbeiteten Papierschnitte des Schweizers Ernst Opplinger (* 1950) Respekt ab. In mühevoller Kleinarbeit setzt er die Tradition des ornamentalen Papierschnitts bis in die heutige Zeit fort. Die Fragilität seiner Arbeiten erfordert, dass sie hinter Glas präsentiert werden.

Virtuosentum ist auch das Thema von Andreas Kocks (* 1960). Seine virtuosen Linienschwünge sind Mischformen aus Cut-Outs und Zeichnung, komplex miteinander in Beziehung gebracht. Die Linien scheinen alle Wände, an denen sie räumlich montiert sind, zu sprengen. Dynamik und das Spiel mit dem Ornament sind Kocks Markenzeichen!

 

Japanische Perspektiven

Mit Noriko Ambe (* 1967) und Yuken Teruya (* 1973) sind auch zwei japanische Künstler_innen vertreten. Im Land der aufgehenden Sonne ist Papier traditionellerweise ein wichtiges Ausgangsmaterial für Objektkunst, wie auch die reiche Tradition an Origami belegt. Schon im 19. Jahrhundert wurden Färberschablonen, so genannte Katagami, in Europa als Kunstwerke angesehen und von Jugendstilkünstlern nachgeahmt. Jedes handgeschöpfte Papier, so sind sich japanische Künstler_innen bis heute sicher, ist ein Unikat und individuell zu gestalten. Entgegen dieser jahrhundertealten Tradition, das Papier wertzuschätzen, nutzt Yuken Teruya einfache Klopapierrollen als Ausgangsmaterial seiner raumfüllenden Installationen. Teruya konstruiert ganze Wälder und zeigt damit nicht nur die Herkunft des Papiers aus Zellulose an, sondern stellt auch die Frage nach deren Wertigkeit, der Zerstörung der Umwelt, dem Konsumismus.

Noriko Ambe nutzt – wie auch Max Marek (* 1957) – u.a. existierende Illustrierte, nutzt die Massen an Seiten wie bildhauerisches Material, wobei in der Zusammenschau sich auch so manche interessante Bildinformation „ergibt“. Beide aus Japan stammende Künstler_innen arbeiten unabhängig von der heimischen Tradition mit industriellem Papier als „armem Material“ und sind damit einem globalen, seit der Nachkriegszeit auch in Japan.

 

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

Noriko Ambe (* 1967, Saitama, JP), Christa Donner (* 1958 in Dippoldiswalde), Felix Droese (* 1950, lebt in Düsseldorf, DE), Esther Glück (* 1973 in Löffingen, lebt in Berlin, DE), Birgit Knoechl (* 1974 in Wien, AUT), Andreas Kocks (* 1960 in Oberhausen, lebt in München und New York, DE/USA), Sandra Kühne (* 1976 in Windhoek, Namibia, lebt in Zürich, CH), Max Marek (* 1957 in New York, lebt in Berlin, DE), Charlotte McGowan-Griffin (* 1975 in London, lebt in London und Berlin, GB/DE), Ernst Oppliger (* 1950 in Meikirch, lebt in Bern, CH), Stefan Saffer (* 1969 in Forchheim/Oberfranken, lebt in Berlin, DE), Hansjörg Schneider (* 1960 in Eckernförde, Holstein, SH (DE), lebt in Berlin, DE), Annette Schröter (* 1956 Meißen, lebt in Leipzig, DE), Yuken Teruya (* 1973 in Okinawa, JP), Stefan Thiel (* 1965 in Berlin, DE), Kris Trappeniers (Leuven, BE) und Tilmann Zahn (* 1966 Osnabrück, lebt in Basel, CH)

 

Final Cut. Papierschnitt als eigenständiges künstlerisches Medium: Ausstellungskatalog

P. von Sydow, S. Teuber (Hg.)
Mit Beiträgen von R. Altstatt, A. Buchwald, S. Ewald, B. Heinrich, R. Krolzcyk, I. Lähnemann, G. Lebzelter, E. Linhart, A. Lütgens, J. Moster-Hoos, C. Otto, R. Reinking, S. Siebel, P. von Sydow, S. Teuber, A. Tietken und J. Weichardt
ISBN 978-3-86678-943-2
Kerber Verlag

  1. Magazin Collage, weißes Tape, Silber Gaffer Tape auf Museumskarton, 36 x 42 cm.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.