Thomas Reinhold (* 1953), ehemals Neuer Wilder (→ Neue Wilde | Junge Wilde), der sich nun vornehmlich im Medium der Malerei bewegt, stellt in der Artemons Gallery, Wien, unter dem Titel „Zur Geometrie des Amorphen“ Arbeiten aus Werkreihen von 2006 bis heute vor. Die Titel der Gemälde künden an, worum es thematisch bei Reinhold geht, um die Wahrnehmung per se. „Transport und Kommunikation“, „Netze“, „Stäbchen und Zapfen“, „Ariadne“, „Passage“ oder „Matrix“ gehen auf unterschiedliche Teilbereiche des Sehereignisses und dessen kognitiver Verarbeitungsprozesse ein. Was sich dabei ergibt, kann man nicht anders beschreiben als mit dem Begriff der Synästhesie: Farbe wird bei Reinhold zu Raum, Farbe wird aber auch zu Zeit.
Österreich / Wien: Artemons Contemporary, Wien
21.4. – 30.5.2018
Reinholds Arbeitsweise ist prozessual angelegt: mit Terpentin abgemischte Farbe wird am Boden über das Anheben der Leinwandränder in bestimmte Bahnen gelenkt. Die Fließfähigkeit der Farbe kommt bei der Bewegung voll zum Tragen. Darauf folgt eine Trockenpause, nach dem er die nächste Farbschicht nach gleichem Schema, aber unterschiedlicher Farbverlaufsrichtung aufsetzt. Dieses Prozedere wiederholt der Künstler so lange bis zig Schichten übereinander liegen und – je nach Werkgruppe – eine netzartige, über mehrere Farbebenen bestimmte Struktur entstanden ist. Dem Arbeitsprozess selbst gehen Bleistiftzeichnungen voraus, die den Farbverlauf vorskizzieren und eine Art Ablauf festlegen. Die zeitaufwendige Arbeitsweise erfordert vom Künstler viel Geduld – diese wird auch in der Rezeption vom Betrachter wieder eingefordert, denn die Arbeiten sind bestimmt von feinen Farbdetails.
Die Farbflächen, die sowohl opak als auch transparent sein können, bekommen in der Schichtung eine eigene räumliche Dimension; einerseits durch die Flussbahnen, andererseits durch die Sichtbarkeit der einzelnen Schichten an der Bildoberfläche, welche auch den zeitlichen Aspekt sichtbar machen. Sehr passend ist in diesem Zusammenhang das Lokal der neuen Galerie, auch dieses verfügt über mehrere Tiefenebenen. Bereits beim Blick durch das Schaufenster werden einzelne Arbeiten auf nach hinten gestaffelten Wänden sichtbar. Die Auslage im ersten Stock ermöglicht noch die prominente Position eines größeren Werks. Es entsteht ein Darunter und Darüber, wie in den Gemälden von Thomas Reinhold.
Mit Reinhold ist Artemons ein farbenfroher Auftakt mit Tiefgang geglückt. Herwig Dunzendorfer erkennt in Reinhold einen „Rohdiamanten“, den die Wiener Galerienszene bisher noch nicht in seinem Facettenreichtum gewürdigt hat. Besonders schätzt er an dem Künstler seinen Umgang mit Farben, den dieser wiederum geradezu archäologisch betrachtet.