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Kathleen Ryan: Bacchante Theseustempel 2017

Kathleen Ryan, Bacchante, Installation Theseustempel 2017, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Kathleen Ryan, Bacchante, Installation Theseustempel 2017, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Die amerikanische Bildhauerin Kathleen Ryan (* 1984) legt ihre Bacchantin mitten in den Theseustempel. Für ihre erste Museumsaustellung – der Theseustempel wird vom Kunsthistorischen Museum bespielt und von Jasper Sharp kuratiert – lässt sie die Gefährtin des Gottes Bacchus (Dionysos) als Weintraube sensualistisch über einige Kaminrohre gleiten.

 

Dass die am Pitzer College und der UCLA bei Charles Ray und Catherine Opie ausgebildete Kalifornierin für ihre Arbeit im Theseustempel eine Weintraubendole wählte, ist einer Serie geschuldet, an der Ryan gerade arbeitet. Zudem zeigt sich ihre Ausbildung zur Archäologin an den klassischen Vorbildern, die sie nicht zitiert, die aber die formale Lösung des Werks begleiteten bzw. es inhaltlich mitprägten. Eine Bacchante ist eine Jüngerin des Bacchus, eine sinnliche, ihre Sexualität auslebende Frau, die dem Weingenuss zuspricht. Caravaggio stellte sich selbst als (erkrankter) Gott des Rebensaftes dar, indem er eine Weintraube über seine Hand in ein Weinglas „rinnen“ lässt. Seine Nachfolger inszenierten auf die gleiche Weise auch üppige Frauen, kurz vor 1900 realisierte Augustin Moreau-Vauthier die Marmorstatue einer nackten, liegenden Bacchantin, die ikonografisch auf Gemälde u.a. von Peter Paul Rubens zurückgeht. Weibliche Sinnlichkeit, Antike und Kunstgeschichte als Gegensatz zur Modernität von Los Angeles, wo Kathleen Ryan aufwuchs, Gefühl und Inszenierung von Körperlichkeit sind Themen, die die Bildhauerin interessieren. Bereits als Kind, so erzählt sie, hätten sie alte Dinge interessiert und sie wollte Archäologin werden. Ihre Eltern nahmen sie in die Villa Getty mit, jenem Prachtbau zwischen Film-Set und Fantasieland (Ryan) des Milliardärs, in dem dessen außergewöhnliche Sammlung antiker Skulpturen präsentiert wird. In den Wiener Theseustempel eingeladen, schuf Kathleen Ryan ein Objekt, das seine Schwere geschickt verbirgt. Die roten Keramikrohre gemahnen an Fleischlichkeit und schaffen mit ihren Durchblicken Transparenz. Die schweren Zementbälle, vulgo Weinbeeren, sind mit Ketten aneinander geschmiedet und ergeben in Summe einen geschmeidigen Körper, der wie ausgegossen erscheint. Der Sockel aus dunklem Stein wird von dieser Struktur verlassen, sie greift in den Alltagsraum hinaus.

 

 

Biografie von Kathleen Ryan (* 1984)

  • 1984

    in Santa Monica, Kalifornien geboren
  • Studium der Archäologie und Kunst am Pitzer College
  • 2014

    Abschluss des Kunststudiums an der UCLA bei Charles Ray und Catherine Opie
  • Kathleen Ryan lebt und arbeitet in Los Angeles und New York.

Kathleen Ryan: Bilder

  • Kathleen Ryan, Bacchante, Installation Theseustempel 2017, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Kathleen Ryan, Bacchante, 2017, Beton, rostfreier Stahl, glasierte Terrakotta, Marmor, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der Galerie Josh Lilley, London © Foto: KHM-Museumsverband

Weitere Beiträge zur modernen und zeitgenössischen Kunst im Theseustempel

24. April 2018
Felix González-Torres, Untitled (Lovers - Paris), Detail, 1993, Installationsansicht Theseustempel 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Félix González-Torres: Untitled (Lovers – Paris) Romantische Lichterketten im Theseustempel, Wien

Zwei Mal 42 Glühbirnen, in unregelmäßigen Abständen zu zwei Lichterketten verknüpft, hängen von der tonnengewölbten, klassizistischen Decke des Theseustempels. Ihrer beachtlichen Länge zum Trotz winden sie sich am Boden zu kleinen Lichtanhäufungen. Félix González-Torres' „Untitled (Lovers – Paris)“ (1993) bringt romantische Stimmung in den Volksgarten.
11. November 2016
Edmund de Waal, 2014 © Edmund de Waal, Foto: Alexandra Matzner.

Edmund de Waal. Lichtzwang Weiße Porzellangefäße in weißem Raum

Was bedeutete es wohl für Edmund de Waal für eine Ausstellung nach Wien eingeladen zu werden? Beim Pressegespräch fand er dafür keine Worte, sie waren für ihn, der seine Familiengeschichte in Romanform aufgearbeitet hatte, nicht fassbar. Stattdessen schuf er im Theseustempel einen weißen Raum, meditative Grundstimmung und ein musikalisches Werk aus unzähligen, kleinen, aber individuell geformten Porzellanbechern in zwei Vitrinen. Das Regal erinnern nicht von ungefähr an eine aufgeschlagene Doppelseite einer Publikation.
19. April 2016
Ron Mueck, Man in a Boat, Detail von vorne (2000-2002), Ausstellungsansicht Theseustempel, Wien 2016, Installationsfoto: Alexandra Matzner.

Ron Mueck „Man in a Boat“ im Theseustempel Ein Mann im Boot als Metapher für Leben und Tod

Ron Mueck ist weltberühmt für hyperrealistische Skulpturen, in denen er Ängste, ja "Archetypen" (Anthony d'Offay) ausdrückt. Leicht unterlebensgroß sitzt ab nun ein nackter Mann in riesigem Boot im Theseustempel. Was mag er wohl sehen?
30. April 2015
Susan Philipsz, War Damaged Musical Instruments (Pair), Lautsprecher, 2015, Zweikanalklanginstallation, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, der Tanya Bonakdar Gallery, New York, und der Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin © Foto: KHM-Museumsverband.

Susan Philipsz War Damaged Musical Instruments (Pair)

Für die diesjährige Installation im Theseustempel beauftragte Jasper Sharp die britische Sound- und Installationskünstlerin Susan Philipsz. Die 1965 im schottischen Glasgow geborene Bildhauerin war jüngst auf der Manifesta 10 in St. Petersburg (2014) und der documenta 13 (2013) zu hören. Im Gespräch erklärt sie, wias sie aüf die Idee für das Wiener Stück brachte, und welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung aufgetreten sind.
16. April 2013
Besucher vor Richard Wright, No title, temporäre Wandzeichnung im Theseustempel, Wien, 2013, Foto: Alexandra Matzner (fotografiert am 16.4.2013, 10-11 Uhr)

Richard Wright Silberne Pyramide im Theseustempel

Richard Wright verwandelt das Innere des Theseustempels mittels einer silbernen Zeichnung an der Wand. Jasper Sharp, Kurator für zeitgenössische Kunst am KHM, lud den Turner Preisträger (2009) aus Schottland ein, eine temporäre Arbeit für den klassizistischen Bau im Volksgarten zu entwerfen. Mit einem subtilen Eingriff greift dieser nun die strenge Symmetrie des Gebäudes auf, spielt mit dem klassizistischen, vegetabilen Dekor der Decke und setzt der ondulierenden Linie eine messerscharf geformte Pyramide entgegen.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.