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Ron Mueck „Man in a Boat“ im Theseustempel Ein Mann im Boot als Metapher für Leben und Tod

Ron Mueck, Man in a Boat, Detail von vorne (2000-2002), Ausstellungsansicht Theseustempel, Wien 2016, Installationsfoto: Alexandra Matzner.

Ron Mueck, Man in a Boat, Detail von vorne (2000-2002), Ausstellungsansicht Theseustempel, Wien 2016, Installationsfoto: Alexandra Matzner.

Ron Muecks „Man in a Boat“ (2000-2002) lässt sich 2016 im Theseustempel im Wiener Volksgarten bestaunen. Die Skulptur, die sich - wie Muecks langjähriger Galerist Anthony d'Offay berichtet - ständig auf Ausstellungen befindet, macht auf Einladung von Jasper Sharp Station im klassizistischen Tempel. Die strenge Architektur bietet für die mysteriöse Skulptur einen eigenartigen Referenzraum. Mueck verband ein gefundenes Ruderboot mit einer unterlebensgroßen, hyperrealistischen Skulptur, die auf den ersten Blick überrascht und verwundert...

 

Mueck im Theseustempel

Ein einzelner Mann in einem Boot. Er sitzt im wahrsten Sinn auf dem Trockenen. Und doch scheint der Mann in mittlerem Alter, nackt und nachdenklich in den Raum zu blicken. Justin Paton beschrieb Ron Muecks Werk als Betrag zum britischen Realismus1 und der sozialen Komödie, sind die Dargestellten doch immer aus ihrem vertrauten Kontext gerissen und scheinen ein wenig deplatziert in den Ausstellungsräumen. Die Einsamkeit der Figur ist typisch für den aus Australien stammenden Bildhauer Ron Mueck (* 1958), genauso wie die hyperrealistische Gestaltung der Oberfläche. Oder sollte man besser von Haut sprechen? Wenn Muecks Skulpturen nicht immer etwas unter- oder überlebensgroß wären, würden sie wie detailgenau aufbereitete Lebendgüsse wirken. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um minutiös erarbeitete Tonmodelle, die in Silikon (meist auch Fiberglas) abgegossen werden. Die handwerkliche Perfektion, verbunden mit einer nahezu unzeitgemäßen Langsamkeit in der Produktion, ist aus jeder Pore, aus jedem Härchen ablesbar.

So auch im Theseustempel im Wiener Volksgarten. Einst für die mächtige Theseus-Statue des Antonio Canova erbaut (heute: KHM, Stiegenhaus), rahmte der klassizistische Bau eine blütenweiße Kampfgruppe heroischer Natur. Die diesjährige Auswahl von Jasper Sharp fokussiert zwar bewusst wieder auf eine figurative Skulptur, bewegt sich jedoch auf einem völlig anderen Terrain. Ron Muecks Skulpturen, so erzählte sein langjähriger Galerist Anthony d’Offay, seien immer „Ausdruck eines starken Gefühls und Gedankens“2. Ziel wären nicht die Augentäuschung oder auch nur der Eindruck von lebensechten Darstellungen, sondern das Einfühlen der Betrachter_innen in die Figur. Im Gegensatz zu vielen wie aus dem Leben gegriffenen Figuren und Szenen in Muecks Werk, arbeitet er hier mit einem Quäntchen Irrationalität, gerade genug, um einen mysteriösen Grundton zu erzeugen. Dessen ungeachtet würde man „Man in a Boat“ gerne als Illusion von Realität akzeptieren, überraschte die Skulptur im Theseustempel nicht durch ihre Kleinheit.

Die unterlebensgroße Silikonfigur wirkt wie verloren in ihrem (echten) Ruderboot ohne Ruder, noch einmal gesteigert durch den Raum und seine strenge Architektur. Das Oberlicht wirft einen hellen, wandernden Sonnenfleck auf die abschließende Wand, doch der Mann wird davon nicht beschienen. Wohin treibt sein Boot? Ist es der Fluss des Lebens, dem er sich so passiv übergibt, oder gar schon Styx? Was mag er wohl sehen, was ihn so skeptisch blicken lässt?

Erstveröffentlichung: PARNASS 2/2016

 

 

Ron Muecks Arbeiten waren zu sehen in Einzelausstellungen u. a. in der Pinacoteca do Estado de São Paulo, der Fondation Cartier pour l’art contemporain in Paris, der National Gallery of Victoria in Melbourne, dem 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington, D.C., der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin und im Frans Hals Museum in Haarlem. Diese Ausstellung ist die erste Personale des Künstlers in Österreich.

Wiener Volksgarten. Anlage, Caféhaus und Theseustempel

  • 1958

    Ron Mueck wurde als Sohn deutscher Eltern, die beide als Spielzeughersteller arbeiteten, in Melbourne, Australien, geboren. Bereits als Heranwachsender fertigte er aus verschiedenen Materialien und Techniken in der Garage Puppen und phantastische Geschöpfe. Vom Unterricht in der Highschool abgesehen, hat er keine formelle künstlerische Ausbildung.
  • 1983

    Umzug nach London. Zu Beginn seines Werdegangs schuf Ron Mueck Modelle für Fernsehen und Film, unter anderem die Figur des Greif für „Dreamchild“ (1985) und Jim Hensons „Labyrinth“ („Die Reise ins Labyrinth“ mit David Bowie, 1986), „Sesamstraße“ und „The Muppet Show“.
  • 1990

    Gründete in London seine eigene Produktionsfirma, die Gegenstände für die Werbeindustrie produzierte.
  • 1996

    Ron Mueck fertigte für eine Ausstellung seiner Schwiegermutter, der portugiesischen Künstlerin Paula Rego, den spitzbübisch aussehenden „Pinocchio“ (1996, John and Amy Phelan Collection, New York). Durch diese Ausstellungsbeteiligung in der Hayward Gallery wurde Charles Saatchi auf Ron Mueck aufmerksam und beauftragte ihn mit weiteren Skulpturen.
  • 1997

    Mueck wurde mit einem Schlag als Künstler bekannt, als seine unterlebensgroße Skulptur „Dead Dad“ (1996–1997, Stefan T. Edlis Collection, Chicago) in der Ausstellung „Sensation: Works of Art from the Saatchi Collection“ in der Royal Academy in London gezeigt wurde.
  • 2000–2002

    Ron Mueck hatte eine Residency in der National Gallery, London, wo er in zwei Jahren vier Skulpturen erarbeitete, die 2003 ausgestellt wurden: „Mask II“ (2001), „Mother and Child“ (2001), „Pregnant Woman“ (2002, National Gallery of Australia), „Man in a Boat“ (2002, Anthony d‘Offay).
  • 2001

    Teilnahme an der 49. Biennale di Venezia mit „Boy“ (1999, Aarhus Kunstmuseum, Dänemark). Der Joseph H. Hirshhorn Bequest Fund erwarb die Skulptur „Big Man“ (2000).
  • Ron Mueck lebt im Norden von London und arbeitet jüngst auf der Isle of Wright.
24. April 2018
Felix González-Torres, Untitled (Lovers - Paris), Detail, 1993, Installationsansicht Theseustempel 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Félix González-Torres: Untitled (Lovers – Paris) Romantische Lichterketten im Theseustempel, Wien

Zwei Mal 42 Glühbirnen, in unregelmäßigen Abständen zu zwei Lichterketten verknüpft, hängen von der tonnengewölbten, klassizistischen Decke des Theseustempels. Ihrer beachtlichen Länge zum Trotz winden sie sich am Boden zu kleinen Lichtanhäufungen. Félix González-Torres' „Untitled (Lovers – Paris)“ (1993) bringt romantische Stimmung in den Volksgarten.
25. April 2017
Kathleen Ryan, Bacchante, Installation Theseustempel 2017, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Kathleen Ryan: Bacchante Theseustempel 2017

Die amerikanische Bildhauerin Kathleen Ryan (* 1984) legt ihre Bacchantin mitten in den Theseustempel. Für ihre erste Museumsaustellung – der Theseustempel wird vom Kunsthistorischen Museum bespielt und von Jasper Sharp kuratiert – lässt sie die Gefährtin des Gottes Bacchus (Dionysos) als Weintraube sensualistisch über einige Kaminrohre gleiten.
11. November 2016
Edmund de Waal, 2014 © Edmund de Waal, Foto: Alexandra Matzner.

Edmund de Waal. Lichtzwang Weiße Porzellangefäße in weißem Raum

Was bedeutete es wohl für Edmund de Waal für eine Ausstellung nach Wien eingeladen zu werden? Beim Pressegespräch fand er dafür keine Worte, sie waren für ihn, der seine Familiengeschichte in Romanform aufgearbeitet hatte, nicht fassbar. Stattdessen schuf er im Theseustempel einen weißen Raum, meditative Grundstimmung und ein musikalisches Werk aus unzähligen, kleinen, aber individuell geformten Porzellanbechern in zwei Vitrinen. Das Regal erinnern nicht von ungefähr an eine aufgeschlagene Doppelseite einer Publikation.
30. April 2015
Susan Philipsz, War Damaged Musical Instruments (Pair), Lautsprecher, 2015, Zweikanalklanginstallation, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, der Tanya Bonakdar Gallery, New York, und der Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin © Foto: KHM-Museumsverband.

Susan Philipsz War Damaged Musical Instruments (Pair)

Für die diesjährige Installation im Theseustempel beauftragte Jasper Sharp die britische Sound- und Installationskünstlerin Susan Philipsz. Die 1965 im schottischen Glasgow geborene Bildhauerin war jüngst auf der Manifesta 10 in St. Petersburg (2014) und der documenta 13 (2013) zu hören. Im Gespräch erklärt sie, wias sie aüf die Idee für das Wiener Stück brachte, und welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung aufgetreten sind.
16. April 2013
Besucher vor Richard Wright, No title, temporäre Wandzeichnung im Theseustempel, Wien, 2013, Foto: Alexandra Matzner (fotografiert am 16.4.2013, 10-11 Uhr)

Richard Wright Silberne Pyramide im Theseustempel

Richard Wright verwandelt das Innere des Theseustempels mittels einer silbernen Zeichnung an der Wand. Jasper Sharp, Kurator für zeitgenössische Kunst am KHM, lud den Turner Preisträger (2009) aus Schottland ein, eine temporäre Arbeit für den klassizistischen Bau im Volksgarten zu entwerfen. Mit einem subtilen Eingriff greift dieser nun die strenge Symmetrie des Gebäudes auf, spielt mit dem klassizistischen, vegetabilen Dekor der Decke und setzt der ondulierenden Linie eine messerscharf geformte Pyramide entgegen.
  1. Den britischen Realismus verfolgt Paton von Walter Sickert, Stanley Spencer über Lucian Freud zu Ron Mueck und Martin Parr, wobei letzterer wie Mueck auch die soziale Komödie einfließen lässt. Justin Paton, Three New Sculptures by Ron Mueck, in: Ron Mueck (Ausst.-Kat. Fondation Cartier, 16.4.-29.9.2013), Paris 2013, ohne Paginierung.
  2. Anthony d’Offay im Gespräch mit der Autorin am 19.4.2016.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.