Leonardo: Der Vitruvianische Mensch

Leonardo, Proportionsstudie des menschlichen Körpers, genannt „Vitruvianischer Mensch“, Detail, Metallgallustinte, laviert, über Vorzeichnung mit Metallstift; kreisförmige Zirkeleinstiche und -vertiefungen, 345 × 246 mm (Venedig, Gallerie dell’Accademia)
Was ist der Vitruvianische Mensch?
Leonardo da Vinci schuf um 1490 eine in Mailand eine Federzeichnung, die unter dem Titel Der Vitruvianische Mensch (italienisch Uomo Vitruviano) in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Sie zeigt einen nackten Mann von vorne in zwei sich überlagernden Körperhaltungen. Der Männerakt mit ausgestreckten Armen und Beinen ist in ein Quadrat eingeschrieben, während er mit leicht erhobenen Armen und gespreizten Beinen in einen Kreis passt.
Das nur 34,5 × 24,6 cm große Blatt Leonardos zählt zu den am häufigsten reproduzierten Werken der Kunstgeschichte. Zugleich ist es aufgrund seiner Bedeutung und seiner Erhaltung eines der am seltensten im Original gezeigten: Aus konservatorischen Gründen verlässt Der Vitruvianische Mensch das Depot der Gallerie dell’Accademia in Venedig nur in großen Abständen.1
Der Vitruvianische Mensch diente einst als Illustration zu Vitruvs Architekturtraktat De architectura libri decem. Doch ist sie weit mehr. Leonardo schuf mit Vitruvianische Mensch ein visuelles Manifest neuplatonischen Denkens über das Verhältnis von Mensch und Kosmos. Vermutlich handelt es sich um das einzige erhaltene Blatt, das sich unmittelbar mit Leonardos verlorenen Buch über Malerei und die menschlichen Bewegungen In Verbindung bringen lässt, das Luca Pacioli am 9. Februar 1498 in einem Brief an Ludovico il Moro als bereits abgeschlossen erwähnt.2
Steckbrief
Künstler | Leonardo da Vinci (Vinci 1452 – 1519 Cloux-Amboise ) → Hier erfährst du alles Wichtige zu Leonardo da Vinci |
Titel | Studio di proporzioni del corpo umano, detto „Uomo Vitruviano“ [Proportionsstudie des menschlichen Körpers, genannt „Vitruvianischer Mensch“] |
Datierung | um 1490 |
Epoche | Reniassance → Was ist die Renaissance? |
Technik | Metallgallustinte, laviert, über Vorzeichnung mit Metallstift; kreisförmige Zirkeleinstiche und -vertiefungen; teils spätere Stichelritzungen und Perforierungen (19. Jahrhundert) |
Bildträger | Weißes Papier |
Maße | 345 × 246 mm |
Aufbewahrungsort | Venedig, Gallerie dell’Accademia, Gabinetto Disegni e Stampe, Inv.-Nr. 228 |
Beschriftungen | Autographer Text Leonardos (Vitruv-Paraphrase und Proportionsangaben); Notationen von der Hand Francesco Melzis |
Provenienz | Francesco Melzi – Kardinal Cesare Monti (1770) – Venanzio de’ Pagave (1777) – Giuseppe Bossi (1818) – Luigi Celotti (1822) – seit 1822 Gallerie dell’Accademia |
Inhaltsverzeichnis
- Was ist der Vitruvianische Mensch?
- Bildbeschreibung
- Die geometrische Konstruktion im Detail
- Entstehung des Vitruvianischen Menschen
- Ein Rechenfehler und Leonardos Mathe-Kenntnisse
- Leonardos verlorene Proportionsstudien
- Bedeutung
- Provenienz
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Literatur
- Anhang A: Vitruv, De architectura, Buch III, Kapitel 1 (vollständig)
- Anhang B: Leonardos vollständiger Text auf dem Blatt
Bildbeschreibung
Das Blatt zeigt einen nackten, muskulösen jungen Mann in zwei übereinandergelegten Positionen: Einmal mit geschlossenen Beinen und waagrecht ausgebreiteten Armen in Schulterhöhe – dem Quadrat einbeschrieben (homo ad quadratum) –, einmal mit gegrätschten Beinen und schräg erhobenen Armen, mit den Fingerspitzen den umschließenden Kreis berührend (homo ad circulum). Der Zirkel für den Kreis wurde exakt im Nabel angesetzt; die entsprechende Einstichvertiefung ist am Original noch sichtbar.3 Über und unter der Figur, in einer für Leonardo charakteristischen Spiegelschrift, sind zwei Textblöcke sowie eine mit Zirkel und Lineal gezogene metrische Maßskala angeordnet.
Technisch handelt es sich um eine Kombination aus Metallstift-Vorzeichnung, in Metallgallustinte ausgeführten Federlinien und einer lavierten Halbtonlage zur plastischen Modellierung des Körpers. Dieser Aufwand ist für Leonardos Proportionsstudien selten, was die besondere programmatische Bedeutung des Blattes unterstreicht.4 Erst im Vorfeld der monografischen Ausstellung von 2009 kam durch technische Untersuchungen ein bislang unbeachteter Sachverhalt ans Licht: Der spätere Sammler Giuseppe Bossi, der das Blatt in seinen eigenen (nie vollendeten) Publikationen zur Proportionslehre abbilden wollte, hatte den Körperumriss mit einem Stichel nachgezogen – die Rille ist bis heute erkennbar – und an zwölf ausgewählten Punkten kleine Löcher eingestochen, um die geometrische Konstruktion exakt auf einen anderen Bildträger zu übertragen. Eine 3D-Abtastung von 2014 bestätigte, dass Bossis Rille tatsächlich nur die sichtbaren Konturen nachzeichnet.5 Das heutige Erscheinungsbild des Blattes wurde nachweislich im 19. Jahrhundert verändert, als es als Vorlage für die Forschung genutzt wurde.
Der obere Textblock paraphrasiert Vitruvs Regel, dass der wohlgeformte Mensch mit gespreizten Armen und Beinen, auf dem Rücken liegend, mit Nabel als Zirkelmittelpunkt einen Kreis beschreibt, der Finger- und Zehenspitzen berührt; der untere, ausführlichere Block listet die Proportionsverhältnisse der einzelnen Körperteile im Detail auf (Kopf, Fuß, Elle, Spanne der Arme usw.).6 Leonardo selbst beginnt den oberen Block mit dem knappen Verweis, mit dem er die antike Autorität für seine Konstruktion ausdrücklich benennt:
„Vetruvio architecto mecte nella sua op(er)a d’architectura […]“
Die geometrische Konstruktion im Detail
Der Kreis: Nabel als Mittelpunkt
Für den homo ad circulum setzte Leonardo den Zirkel exakt im Nabel an. Der Radius entspricht dem Abstand zwischen Nabel und den bis Kopfhöhe erhobenen Fingerspitzen. Damit folgt er wörtlich Vitruvs Regel, dass der auf dem Rücken liegende Mensch mit gespreizten Gliedern einen Kreis um seinen Nabel beschreibt, der Finger- und Zehenspitzen berührt7.
Das Quadrat: das Schambein als zweiter Mittelpunkt
Für den homo ad quadratum wählt Leonardo dagegen einen anderen Bezugspunkt: das Schambein („ad os sub quo pendet penis“). Diese Entscheidung – zwei unterschiedliche Zentren für zwei unterschiedliche geometrische Figuren – stammt nicht von Vitruv, sondern von Leon Battista Albertis Tabulae dimensionum hominis, und ist der eigentliche Grund, warum Leonardos Lösung im Gegensatz zu allen anderen Bearbeitern des Themas (Cesariano, Tory, Agrippa, Figino) physiologisch überzeugend wirkt: Kreis und Quadrat müssen nicht denselben Mittelpunkt teilen8.
Das gleichseitige Dreieck zwischen den Beinen
Leonardo notiert selbst: Öffnet man die Beine so weit, dass man um ein Vierzehntel der eigenen Körperhöhe absinkt, bildet der Raum zwischen den Beinen ein gleichseitiges Dreieck – eine Beobachtung, die im Blatttext explizit festgehalten ist (siehe Volltext im Anhang).
Die Zehntel, Achtel und Sechstel des Körpers
Der untere Textblock zerlegt den Körper in eine Kette einfacher Bruchverhältnisse: Kopf = 1/8, Gesicht = 1/10, Brust bis Scheitel = 1/6, Fuß = 1/7 der Gesamthöhe. Diese Zehntel- und Achtel-Systematik entspricht nicht Vitruvs eigenem Achtel-Kopf-Schema, sondern Albertis Zehntel-Gesicht-System – Leonardo überträgt Alberti in die Bildsprache, nicht Vitruv9.
Der Goldene Schnitt
Das Verhältnis von Quadratseite zu Kreisradius nähert sich dem Goldenen Schnitt an. Rocco Sinisgalli rekonstruierte 2003 erstmals geometrisch, wie sich dieses Verhältnis aus Albertis Nabel-Schambein-Maßen ergibt; Franca Manenti Valli stellte einen Bezug zu Proposition XI aus Buch II von Euklids Elementen her. Leonardo besaß und studierte diesen Text nachweislich.]note]Rocco Sinisgalli, 2003; Franca Manenti Valli, 2011; beide zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 150.[/note]
- Leonardo, Proportionsstudie des menschlichen Körpers, genannt „Vitruvianischer Mensch“, Metallgallustinte, laviert, über Vorzeichnung mit Metallstift; kreisförmige Zirkeleinstiche und -vertiefungen, 345 × 246 mm (Venedig, Gallerie dell’Accademia)
Entstehung des Vitruvianischen Menschen
Der Vitruvianische Mensch entstand im Umfeld eines heute verlorenen, systematischen Proportions-Traktats, an dem Leonardo etwa zwischen 1487 und 1490 arbeitete und das er nach Paciolis Zeugnis 1498 als abgeschlossen betrachtete.10 Zur Vermessung realer Modelle benutzte Leonardo ein eigens dafür gefertigtes Instrument, das er „el treccio“ nannte. Damit setzte der Künstler-Wissenschaftler einzelne Körperteile zueinander in Verhältnis und hielt die Ergebnisse in Kurznotizen fest.
Vitruvius oder Leon Battista Alberti?
Zahlengrundlage der Gesamtfigur ist dabei nicht in erster Linie Vitruvs Text selbst, sondern die Tabulae dimensionum hominis aus Leon Battista Albertis Traktat De statua (um 1435): Leonardo übernahm Albertis Verhältniszahlen, ersetzte aber dessen an Zwölfteln orientiertes System durch Zehntelbrüche und definierte – anders als bei Vitruv, wo der Körper acht Kopflängen misst – die Gesamthöhe als zehnfache Gesichtslänge.11 Die vielzitierte Abweichung, den Fuß nicht wie „kanonisch“ als Sechstel, sondern als Siebtel der Körperhöhe anzusetzen – wofür Leonardo den linken Fuß in eine auffällig unnatürliche Rückwärtsdrehung zwingen musste –, wurde in der Forschung lange als bewusste Korrektur Vitruvs gefeiert. Wie eng Leonardo sich dabei tatsächlich an Alberti hält, hat Paola Salvi anhand einer vollständigen Rekonstruktion von dessen Maßtabelle im Vergleich mit dem venezianischen Blatt gezeigt12.
Ein Rechenfehler und Leonardos Mathe-Kenntnisse
Die philologische Neuedition des Blatttextes durch Francesco P. Di Teodoro relativierte das Bild der Leonardo-Rezeption erheblich13: Leonardos eigenhändig notierter „Vitruv“-Text ist keine einheitliche, originalgetreue Abschrift, sondern ein Flickwerk aus mindestens zwei unterschiedlichen, ihrerseits fehlerhaften Handschriftentraditionen von De architectura. So ist die von Leonardo eingefügte Angabe „4 chubiti fa j’ passo [4 Ellen ergeben einen Doppelschritt]“ schlicht falsch, denn vier Ellen entsprechen sechs Fuß, ein Doppelschritt aber fünf Fuß. Dieser Rechenfehler hängt wohl mit Leonardos noch unzureichenden mathematischen Kenntnissen vor seiner Begegnung mit Pacioli (Ende 1496) zusammen.
Selbst die berühmte „Korrektur“ des Fußmaßes auf ein Siebtel lässt sich, wie Di Teodoro anhand der im Blatt selbst genannten Verhältnisse (4 Ellen = 1 Mann = 24 Handbreiten = 6 Fuß) nachrechnet, nicht widerspruchsfrei mit den übrigen Angaben Leonardos vereinbaren. Diese dürften eher auf einer fehlerhaften Vorlage oder einem Rechenversehen beruhen als auf einem bewussten Eingriff Leonardos.14
Der Nabel und die Scham: zwei verschiedene Mittelpunkte
Auch die beiden Mittelpunkte der Konstruktion folgen Alberti, nicht Vitruv: Der Kreismittelpunkt liegt im Nabel (Albertis „ad umbelicum“), der Quadratmittelpunkt dagegen am Schambein („ad os sub quo pendet penis“). Leonardo verbindet zwei Körperhaltungen (stehend mit geschlossenen bzw. gespreizten Beinen) und zwei geometrische Figuren mit zwei unterschiedlichen Zentren, die den physischen (Genitalien) und den – in der zeitgenössischen Vorstellung – spirituellen Ursprungsort (Nabel) des Menschen markieren.15
Das Verhältnis von Quadratseite zu Kreisradius nähert sich dabei dem Goldenen Schnitt an; Rocco Sinisgalli rekonstruierte 2003 erstmals geometrisch, wie sich dieses Verhältnis aus Albertis Nabel-Schambein-Maßen ergibt, während Franca Manenti Valli einen Bezug zu Proposition XI aus Buch II von Euklids Elementen herstellt – einem Text, den Leonardo nachweislich besaß und studierte.16
Leonardos verlorene Proportionsstudien
Der Vitruvianische Mensch steht am Beginn einer über ein Jahrhundert reichenden Rezeptionskette verlorener Leonardo-Proportionsstudien: Über den flämischen Vermittler Jean Perréal, Geoffroy Torys „Champfleury“ (1529) und Agrippa von Nettesheims „De occulta philosophia“ (1533) gelangten geometrisierte Bewegungs- und Proportionsschemata schließlich in den erst in den 1560er Jahren kompilierten Codex Huygens (vermutlich von Carlo Urbino verfasst, The Morgan Library, New York) und in Notizen des Lombarden Enea Salmeggia.17
Bedeutung
Der Vitruvianische Mensch ist visuelles Kondensat der neuplatonisch-hermetischen Vorstellung vom Menschen als Mikrokosmos: „L’omo è detto dalli antiqui mondo minore [der Mensch werde von den Alten kleinere Welt genannt]“ notierte Leonardo selbst in einem Manuskript der 1490er Jahre. Die Analogie reicht über die arabische Hermetik und Autoren wie Brunetto Latini und Nikolaus von Kues bis zu Marsilio Ficino, der 1462/63 im Auftrag Cosimo de’ Medicis den Corpus Hermeticum aus dem Griechischen übersetzte und 1482 in seiner Theologia Platonica den Menschen zum „Mittelpunkt des Universums“ erklärte. Hierbei handelt es sich um eine Umdeutung des protagoreischen Satzes vom Menschen als „Maß aller Dinge“. Auch Giovanni Pico della Mirandola verortet in seiner Oratio von 1486 die Sonderstellung des Menschen im Kosmos in dessen Freiheit zur Selbstbestimmung.18
In diese Tradition schreibt sich Leonardo mit einem für ihn typischen Zusatz ein: Keine menschliche Untersuchung dürfe sich „wahre Wissenschaft“ nennen, die nicht durch mathematische Beweise gehe. Der Vitruvianische Mensch ist damit nicht allein Illustration eines antiken Textes zur Architektur, sondern das Manifest eines Programms, empirische Beobachtung – die Vermessung realer Körper – mit der rationalen Gewissheit der Geometrie zu verbinden: der Mensch als „modello del mondo“, als Modell und Maßstab der Welt.
Dargestellt ist dabei kein Porträt eines bestimmten Mannes, sondern der homo bene figuratus – der „wohlgeformte“, nach Vitruv „lobenswert proportionierte“ Idealkörper. Leonardo gewann das Bild dieses Mannes durch Vermessung mehrerer realer Modelle und Abgleich ihrer Abweichungen von einem konstruierten Ideal. Die Nacktheit der Figur zitiert bewusst antike Statuen, mit der Leonardo seit seiner Jugend im Skulpturengarten Lorenzo de’ Medicis in Florenz vertraut war.
Bis in die 1930er Jahre blieb das Blatt vor allem der Leonardo-Fachforschung und der akademischen Proportionslehre bekannt. Erst die große Mailänder Leonardo-Ausstellung von 1939 machte die Figur – als Symbol seines naturwissenschaftlich-rationalen Weltbilds – zu einer international bekannten Ikone, die heute von der italienischen 1-Euro-Münze bis zur elektronischen Gesundheitskarte reicht.
Provenienz
Nach Leonardos Tod 1519 verblieb das Blatt im Nachlass, den sein Schüler Francesco Melzi nach Mailand mitnahm. 1770 gelangte es in die Sammlung Kardinal Cesare Montis, 1777 in den Besitz Venanzio de’ Pagaves. 1818 erwarb es der Mailänder Maler, Kunsttheoretiker und -sammler Giuseppe Bossi, der es – wie die oben beschriebenen Stichel- und Nadelspuren belegen – für eine eigene, nie realisierte Publikation zur Proportionslehre vorbereitete. Nach Bossis Tod (1815 [sic]; seine Sammlung wurde postum 1818 erworben) gelangte das Blatt über den Kunsthändler Luigi Celotti 1822 gemeinsam mit rund zwei Dutzend weiteren Leonardo-Zeichnungen an die Gallerie dell’Accademia in Venedig, wo es sich bis heute befindet.19 Aus konservatorischen Gründen – die Tinte-Lavur reagiert empfindlich auf Licht – wird das Original nur selten gezeigt; zuletzt unter anderem in Venedig (1966, 1980, 1991, 1992, 1999, 2002, 2009 – monografische Ausstellung –, 2013, 2019), Mailand (1939, 2015), Florenz (1952) und Washington (1992).20
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was zeigt der Vitruvianische Mensch?
Die um 1490 entstandene Federzeichnung Leonardo da Vincis zeigt einen nackten Mann in zwei übereinandergelegten Körperhaltungen, eingeschrieben in einen Kreis und ein Quadrat – als bildliche Umsetzung einer Proportionsregel, die der römische Architekt Vitruv formuliert hatte.
Wo befindet sich das Original heute?
In den Gallerie dell'Accademia in Venedig, Gabinetto Disegni e Stampe, Inv.-Nr. 228.
Warum wird das Original so selten gezeigt?
Die Tinte-Lavur-Zeichnung ist lichtempfindlich; aus konservatorischen Gründen bleibt sie meist im Depot und wird nur zu besonderen Anlässen ausgestellt.
Welche Maße hat die Zeichnung?
345 × 246 mm, ausgeführt in Metallgallustinte über einer Metallstift-Vorzeichnung, mit lavierten Schattenpartien.
Basiert die Proportionslehre auf Vitruv oder auf Alberti?
Leonardos Zahlengrundlage folgt in erster Linie Leon Battista Albertis Tabulae dimensionum hominis (De statua, um 1435), nicht unmittelbar Vitruvs Text selbst – er übernimmt Albertis Systematik, ersetzt aber Albertis Zwölftel-Brüche durch Zehntel.
Warum weicht Leonardos Fußmaß (1/7) von Vitruvs Angabe (1/6) ab?
Die Forschung deutete dies lange als bewusste Korrektur Leonardos. Die philologische Analyse Di Teodoros zeigt jedoch, dass sich der Wert nicht widerspruchsfrei mit den übrigen Maßangaben auf dem Blatt vereinbaren lässt – er dürfte eher auf einer fehlerhaften Textvorlage oder einem Rechenversehen beruhen.
Was bedeuten die Einstichlöcher und die Stichelrille im Original?
Sie stammen nicht von Leonardo, sondern vom späteren Besitzer Giuseppe Bossi, der um 1818 den Körperumriss nachzog und an zwölf Punkten einstach, um die Konstruktion für eine geplante, nie realisierte Publikation auf einen anderen Träger zu übertragen.
Was hat der Vitruvianische Mensch mit dem Goldenen Schnitt zu tun?
Das Verhältnis von Quadratseite zu Kreisradius nähert sich dem Goldenen Schnitt an; Rocco Sinisgalli rekonstruierte 2003, wie sich dies aus Albertis Nabel-Schambein-Maßen ergibt.
Wer besaß die Zeichnung vor der Gallerie dell'Accademia?
Nach Leonardos Tod ging sie an seinen Schüler Francesco Melzi, dann an Kardinal Cesare Monti (1770), Venanzio de' Pagave (1777) und Giuseppe Bossi (1818), bevor sie 1822 über Luigi Celotti an die Gallerie dell'Accademia gelangte.
Ist Leonardos Vitruv-Text auf dem Blatt fehlerfrei?
Nein: Di Teodoros Neuedition zeigt, dass der Text ein Flickwerk aus mindestens zwei fehlerhaften Handschriftentraditionen ist und mindestens einen nachweisbaren Rechenfehler enthält („4 Ellen = 1 Doppelschritt").
Literatur
Primärquellen
- Vitruv: De architectura libri decem [Zehn Bücher über die Architektur], 33 vor Christus [insbesondere Buch III, Kap. 1 wichtig für Leonardo]
- Vitruv, De architectura libri decem, Rom 1486 [erste gedruckte Ausgabe der Neuzeit].
- Giovanni Giocondo, De architectura libri decem, Venedig 1511 [mit 136 Holzschnitten die erste illustrierte Ausgabe der Neuzeit].
- Leon Battista Alberti, De statua, um 1435 (Tabulae dimensionum hominis).
- Marsilio Ficino, Theologia platonica, Florenz 1482.
- Giovanni Pico della Mirandola, Oratio de hominis dignitate, 1486.
- Luca Pacioli, De divina proportione, Venedig 1509 (Widmungsbrief datiert 9. Februar 1498).
- Camillo Agrippa, Trattato di scientia d’arme, con un dialogo di filosofia, Rom 1553.
- Antonio Maria Venusti, Discorso generale, Venedig 1562.
Literatur zum Vitruvianischen Menschen
- Leonardo da Vinci. L’uomo modello del mondo, hg. von Annalisa Perissa Torrini (Ausstellungskatalog Gallerie dell’Accademia, Venedig, 17.4.–14.7.2019, Venedig 2019).
darin insb.: Perissa Torrini, „Intorno all’Uomo Vitruviano“, S. 17–34; Francesco P. Di Teodoro, „Vetruvio architecto mecte nella sua op(er)a d’architectura […]“, S. 35–41; Katalog-Scheda Kat.-Nr. 1, S. 148]. - Malvina Borgherini: [Beitrag zur technischen Untersuchung des Blattes], in: Perissa Torrini 2019 (s. u.), S. 93–100 [Tagungsband 2015].
- Jan Pieper, Leonardo da Vincis Homo ad Quadratum et ad Circulum, in: INSITU 2018/2, S. 243–258.
- Toby Lester, Die Symmetrie der Welt. Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung, Berlin 2012.
- Annalisa Perissa Torrini (Hg.), Leonardo: l’uomo vitruviano fra arte e scienza, Ausstellungskatalog Gallerie dell’Accademia, Venedig 2009/2010, Venedig 2009.
- Frank Zöllner, Anthropomorphismus. Das Maß des Menschen in der Architektur von Vitruv bis Le Corbusier, in: Otto Neumaier (Hg.), Ist der Mensch das Maß aller Dinge? Beiträge zur Aktualität des Protagoras, Möhnesee 2004, S. 307–344.
- Bernhard F. Scholz, Leonardo da Vincis Proportionsfigur. Beschreibung, Zeichnung, Stereotyp, Kontrafaktur, in: Texte, Bilder, Kontexte, Heidelberg 2000, S. 313–361
- Klaus Schröer, Klaus Irle, „Ich aber quadriere den Kreis …“. Leonardo da Vincis Proportionsstudie, Münster 2007 (Erstauflage 1998).
- Frank Zöllner, Leonardo, Agrippa and the Codex Huygens, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 48, 1985, S. 229–234.
- Frank Zöllner, Die Bedeutung von Codex Huygens und Codex Urbinas für die Proportions- und Bewegungsstudien Leonardos da Vinci, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 52, 1989, S. 334–352.
- Frank Zöllner, Vitruvs Proportionsfigur. Quellenkritische Studien zur Kunstliteratur im 15. und 16. Jahrhundert, Worms 1987.
- B. Reudenbach, In mensuram humani corporis. Zur Herkunft der Auslegung und Illustration von Vitruv III 1 im 15. und 16. Jahrhundert, in: Text und Bild, hg. von C. Meier / U. Ruberg, Wiesbaden 1980, S. 651–688.
Anhang A: Vitruv, De architectura, Buch III, Kapitel 1 (vollständig)
Hinweis: Eigene, freie Übersetzung aus dem Lateinischen zur inhaltlichen Orientierung.
[1] Die Anlage von Tempeln beruht auf der Symmetrie, die die Griechen analogia nennen. Symmetrie ist die Übereinstimmung der Maße der einzelnen Bauglieder untereinander und mit dem Ganzen, aus der sich die Proportion ergibt. Kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion ein wohlbegründetes Bauprinzip haben, wenn er nicht wie bei einem wohlgestalteten Menschen ein genaues Verhältnis der Glieder zueinander aufweist.
[2] Die Natur hat den menschlichen Körper nämlich so gebildet, dass das Gesicht vom Kinn bis zur Stirn und dem Haaransatz ein Zehntel der Gesamtgröße ausmacht; ebenso die geöffnete Hand von der Handwurzel bis zur Spitze des Mittelfingers. Der Kopf vom Kinn bis zum Scheitel ist ein Achtel der Höhe; vom oberen Brustbeinansatz bis zum Haaransatz ist ein Sechstel; bis zum Scheitel ein Viertel. Vom Gesicht selbst ist das Drittel vom Kinn bis zur Nasenbasis, ein weiteres Drittel von der Nasenbasis bis zur Linie zwischen den Augenbrauen, das letzte Drittel bis zum Haaransatz. Der Fuß ist ein Sechstel der Körperhöhe, der Unterarm ein Viertel, die Brust ebenfalls ein Viertel. Auch die übrigen Glieder haben ihre eigenen, kommensurablen Verhältnisse, die die großen Maler und Bildhauer des Altertums zu nutzen wussten, um Ruhm zu erlangen.
[3] Ebenso sollen sich auch die Glieder von Tempelbauten im Verhältnis zum Ganzen entsprechen. Der Nabel ist von Natur aus der Mittelpunkt des menschlichen Körpers: Legt man einen Menschen mit ausgestreckten Händen und Füßen auf den Rücken und setzt die Zirkelspitze auf seinen Nabel, so berühren die Finger- und Zehenspitzen beider Hände und Füße den Umfang eines um ihn beschriebenen Kreises. Und ebenso, wie sich am Körper eine Kreisfigur ergibt, lässt sich an ihm auch eine quadratische Figur finden: Misst man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel und legt dieses Maß an die ausgebreiteten Arme an, so erweist sich die Breite gleich der Höhe – wie bei Flächen, die nach dem Winkelmaß genau quadratisch ausgeführt sind.
[4] Da die Natur den menschlichen Körper somit so proportioniert hat, dass die Glieder in einem festen Maßverhältnis zur Gesamtgestalt stehen, haben die Alten mit Recht entschieden, auch bei der Ausführung ihrer Werke ein genaues Verhältnis zwischen den einzelnen Gliedern und der Gesamtform einzuhalten – vor allem bei den Tempeln der Götter, Werken, in denen Vorzüge wie Mängel für immer fortbestehen.
[5] Sie übernahmen von der Natur des Menschen auch die Maßeinheiten, die für alle Bauwerke unerlässlich sind, wie Finger, Handbreite, Fuß und Elle, und teilten sie in die vollkommene Zahl ein, die die Griechen téleion nennen. Als vollkommen galten den Alten die Zahl Zehn – weil sie aus den zehn Fingern der Hände hervorgeht, aus denen sich die Handbreite ergibt – ebenso wie die Zahl Sechs, weil beide Zahlen aus sich selbst vollkommen sind.
[6] Denn wie zehn Finger den Zehner ergeben, so ergeben auch sechs Teile – vier Finger die Handbreite und sechs Handbreiten den Fuß – die vollkommene Zahl Sechs. Und der Fuß, den Doppelschritt hinzugerechnet, ergibt die Zahl Zehn.
[7] Wenn also die Natur den menschlichen Körper so gebildet hat, dass die Glieder in ihrem Verhältnis zur Gesamtgestalt der vollkommenen Zahl entsprechen, so scheinen die Alten mit Recht festgelegt zu haben, dass auch bei der Ausführung ihrer Werke die einzelnen Bauglieder ein genau abgestimmtes Verhältnis zur Gesamterscheinung aufweisen sollen.
[8] Daher haben sie, nachdem sie diese Maßeinheiten an allen Bauwerken angewandt hatten, im Besonderen bei den Tempeln der Götter eine solche Übereinstimmung der Glieder hergestellt, dass sowohl die Teile untereinander als auch mit dem Gesamtwerk in vollkommenem Einklang stehen.
[9] Diese Prinzipien der Symmetrie hat man an allen bedeutenden Bauwerken beobachtet – vor allem an den Tempeln, in denen die Wirkung der Proportion über Generationen hinweg Bestand haben und geprüft werden sollte.
Anhang B: Leonardos vollständiger Text auf dem Blatt
Hinweis: Eigene Übersetzung aus dem italienischen Original (Spiegelschrift); Transkription nach dem allgemein bekannten, gemeinfreien Wortlaut des Blatts.
Oberer Textblock
„Vitruv, der Baumeister, legt in seinem Werk über die Architektur dar, dass die Maße des menschlichen Körpers von Natur aus folgendermaßen verteilt sind: 4 Finger ergeben eine Handbreite, 4 Handbreiten ergeben einen Fuß, 6 Handbreiten ergeben eine Elle, 4 Ellen ergeben die Höhe eines Mannes, 4 Ellen ergeben einen Doppelschritt, und 24 Handbreiten ergeben einen Mann; diese Maße verwendete er in seinen Bauwerken. Öffnest du die Beine so weit, dass du um ein Vierzehntel deiner Höhe sinkst, und breitest und hebst du die Arme, bis deine ausgestreckten Finger die Höhe deines Scheitels berühren, so wisse: Der Mittelpunkt der gespreizten Glieder ist der Nabel, und der Raum zwischen den Beinen bildet ein gleichseitiges Dreieck."
Unterer Textblock
„So weit ein Mann die Arme öffnet, ist gleich seiner Körperhöhe. Vom Haaransatz bis zur Unterkante des Kinns ist ein Zehntel der Körperhöhe eines Mannes; von der Unterkante des Kinns bis zum Scheitel ist ein Achtel der Körperhöhe; von der Brustoberkante bis zum Scheitel ist ein Sechstel; von der Brustoberkante bis zum Haaransatz ein Siebtel des ganzen Mannes. Von den Brustwarzen bis zum Scheitel ist ein Viertel des Mannes. Die größte Schulterbreite enthält für sich ein Viertel des Mannes. Vom Ellbogen bis zur Fingerspitze ist ein Fünftel des Menschen, und vom Ellbogen bis zur Achsel ist ein Achtel desselben. Die ganze Hand ist ein Zehntel des Mannes; der Ansatz der Geschlechtsteile markiert die Mitte des Mannes. Der Fuß ist ein Siebtel des Mannes. Von der Fußsohle bis unterhalb des Knies ist ein Viertel des Mannes. Von unterhalb des Knies bis zum Ansatz der Geschlechtsteile ist ein Viertel des Mannes. Der Abstand von der Kinnunterkante zur Nase und vom Haaransatz zu den Augenbrauen ist jeweils gleich groß und, wie das Ohr, ein Drittel des Gesichts.“
- Zu Technik, Maße, Inventarnummer, Beschriftungen siehe: Katalogeintrag Nr. 18, in: Leonardo da Vinci. L'uomo modello del mondo, hg. von Annalisa Perissa Torrini (Ausst.-Kat. Galleria dell'Accademia, Venedig, 17.4.-14.7.2019), 2019, S. 148.
- Luca Pacioli, Brief an Ludovico Sforza vom 9. Februar 1498, zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 21.
- Ausst.-Kat. Venedig 2019 (Perissa Torrini, Hg.), Katalog-Scheda Kat.-Nr. 1, S. 148.
- Malvina Borgherini, technische Untersuchung 2009–2010 und 3D-Abtastung 2014, zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 32, Anm. 27.
- Malvina Borgherini, technische Untersuchung 2009–2010 und 3D-Abtastung 2014, zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 32, Anm. 27.
- Vgl. Vitruv, De architectura 3,1,2–3; Perissa Torrini 2019, S. 22.
- Vgl. Vitruv, De architectura 3,1,2–3; Perissa Torrini 2019, S. 22.
- Leon Battista Alberti, De statua (Tabulae dimensionum hominis), um 1435; vgl. Perissa Torrini 2019, S. 22–23.
- Leon Battista Alberti, De statua (Tabulae dimensionum hominis), um 1435; vgl. Perissa Torrini 2019, S. 22–23.
- Luca Pacioli, Brief an Ludovico Sforza vom 9. Februar 1498, zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 21.
- Leon Battista Alberti, De statua (Tabulae dimensionum hominis), um 1435; vgl. Perissa Torrini 2019, S. 22–23.
- Paola Salvi, 2011/2012, zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 22 und S. 150.
- Francesco P. Di Teodoro, „Vetruvio architecto mecte nella sua op(er)a d'architectura […]": filologia del testo e inciampi vitruviani nel foglio 228 di Venezia, in: Ausst.-Kat. Venedig 2019, S. 35–41, hier S. 36.
- Di Teodoro 2019, S. 38–40 (Nachrechnung anhand der im Blatt genannten Maßverhältnisse).
- Leon Battista Alberti, De statua (Tabulae dimensionum hominis), um 1435; vgl. Perissa Torrini 2019, S. 22–23.
- Rocco Sinisgalli, 2003; Franca Manenti Valli, 2011; beide zit. n. Perissa Torrini 2019, S. 150.
- Frank Zöllner, Die Bedeutung von Codex Huygens und Codex Urbinas für die Proportions- und Bewegungsstudien Leonardos da Vinci, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 52, 1989, S. 334–352; ders., Leonardo, Agrippa and the Codex Huygens, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 48, 1985, S. 229–234.
- Vgl. Perissa Torrini 2019, S. 17–18, mit Verweis auf Marsilio Ficino, Theologia platonica, 1482, und Giovanni Pico della Mirandola, Oratio, 1486.
- Provenienzangaben nach Perissa Torrini 2019, S. 33, Anm. 1.
- Leonardo Venedig 2019 (Perissa Torrini, Hg.), Katalog-Scheda Kat.-Nr. 1, S. 148.

