Anna Boghiguian

Anna Boghiguian ist 1946 als Tochter eines armenischen Uhrmachers in Kairo geboren worden. Sie studierte in den 1960ern Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der American University in Kairo. In den frühen 1970er Jahren zog sie nach Montreal in Kanada, wo Boghiguian ein Kunst- und Musikstudium abschloss. Heute ist die in Kairo lebende und arbeitende Künstlerin für poetische Zeichnungen und Collagen berühmt, die seit den frühen 2010er Jahren zu raumfüllenden, bühnenhaften Installationen angewachsen sind. Der Themenkreis der viefältig interessierten Boghiguian erschließt sich über Reflexionen zu Literatur, Philosophie und Geschichte, wobei sie historische Strukturen - wie beisielsweise die Sklaverei und den Sklavenhandel - aufdeckt.

Künstlerbücher: Zeichnungen und Collagen zwischen Tagebucheintrag und krtischer Reflexion

Diesen Studien schlossen sich Jahre des Reisens an, welche der Künstlerin einen weiten Horizont bereiteten. Auf diesen Reisen zeichnete und collagierte Anna Boghiguian. Sie schuf ab den frühen 1980er Jahren erste Skizzenbücher und füllte Notizhefte. In ihnen kombinierte sie Bilder, Collagen und Texte zu Künstlerbüchern. Zeichnungen und Collagen begann sich zunehmend der Öffentlichkeit zuzuwenden. Zuerst taten sie in Form von Leporellos und dann wie Filmscreens in Erscheinung, seit 2010 setzt sie Anna Boghiguian in dreidiemensionalen Settings, bühnenbildartig in Szene.

Anna Boghiguian hat zudem mehrere Bücher illustriert, darunter einen Lyrikband von Konstantinos Kavafis, das „Carnet Egyptien“ von Giuseppe Ungaretti und „Farewell to Alexandria“ von Harry E. Tzalas. Für den Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfouz entwarf Anna Boghiguian eine Serie von zwanzig Buchumschlägen.

Das künstlerische Werk von Anna Boghiguian zeugt von vielen unterschiedlichen Einflüssen und Konzepten. So werden die Arbeiten der geduldigen Beobachterin als Interpretationen der Conditio humana, als Deutung des zeitgenössischen Lebens zwischen Poesie und Politik, zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem wahrgenommen. Dem liebevollen Blick auf die Menschheit entgeht aber mitnichten das nomadenhafte Leben all jener, deren Biografien durch Konflikte, Politik und globale Wirtschaftsinteressen beeinflusst werden.

Aufgeschlagene Bücher - bühnenbildhafte Installationen

Die Jahre 2011 und 2012 markierten wichtige Einschnitte in Boghiguians Werk: Auf der Biennale von Sharjah und nachfolgend der dOCUMENTA(13) in Kassel erweiterte Anna Boghiguian ihre Notiz- und Skizzenbücher um architektonische Strukturen zu raumgreifenden Installationen. Es handelt sich gleichsam um gigantische Bücher als „Pop-up“. Der Raum wird als kontinuierlich zwischen den Seiten und Knicken fließend gedacht. Die großen Installationen „Unvollendete Sinfonie“ (2011/12) und „Salzhändler“ (2015) können als aufgeschlagene Bücher interpretiert werden, als Räume für das Denken, als Erzählräume, welche das Publikum auf direkte und körperliche Weise ansprechen. Damit setzt sich Anna Boghiguian deutlich vom digitalen Zeitalter ab, denn ein Ausstellungsbesuch erfordert das Blättern und Lesen auf den Seiten. Indem Boghiguian die Herausbildung antiker Handelswege, beispielsweise jener für Salz, nachzeichnet, verdeutlicht sie bis heute vorhandene Spuren von Kolonialismus und Sklaverei. Die Impulse für ihre Kunst, die einer expressionistischen und gegenständlichen Sprache verpflichtet ist, gewinnt die Künstlerin aus ihrer Beobachtung des menschlichen Seins in einer globalisierten Welt.

Wichtige Ausstellungen

Wenn Anna Boghiguian auch ihr Atelier und Heim in Kairo behält, so lebt und arbeitet sie doch zwischen Europa, Asien, Afrika und den beiden Amerikas. 2015 gewann sie mit ihrer Installation im armenischen Pavillon den Goldenen Löwen der 56. Biennale von Venedig. Boghiguian nahm an zahllosen internationalen Ausstellungen teil, zu den wichtigsten zählten „Contemporary Arab Representations“ (2003), die 14. und 17. Biennale von Istanbul (2009 und 2015), die documenta 13 in Kassel 2012 und die 56. Biennale di Venezia 2015. Für ihre Gestaltung des armenischen Pavillons erhielt Anna Boghiguian den Goldenen Löwen.

Die erste Retrospektive des Werks von Anna Boghiguian wurde von für das Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, zusammengestellt. Die Ausstellung reiste an die Sharjah Art Foundation (16.3.–16.6.2018, Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate), in das Rupertinum (26.7.–11.11.2018, Salzburg, Österreich) und die Tate St. Ives (19.1.–6.5.2019, St. Ives, Großbritannien).

Beiträge zur Anna Boghiguian

19. September 2021
Vivian Suter, Tintin’s Sofa, Ausstellungsansicht Camden Art Center, London, 2020

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Werkschau der argentinisch-schweizerische Künstlerin, die 2021den Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim des Bundesamts für Kultur (BAK) erhalten hat.
19. September 2021
Hermann Carl Eduard Biewend, Ich und mein Luischen, Detail, 1851, kolorierte Daguerreotypie (Private Sammlung © Collection H. G.)

Schweinfurt | Museum Georg Schäfer: Frühe Jahre der Fotografie Neue Wahrheit? Kleine Wunder!

Erste Präsentation einer britischen Privatsammlung zu Louis Daguerre, Daguerreotypien aus EU & USA, Karikaturen, Stereofotografie, Porträts und einer seltenen Ambrotypie.
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London | Royal Academy: Der späte Constable

John Constable zählt zu den beliebtesten Künstlern Großbritanniens – und hat auch eine radikale Seite an sich. Vor allem das Spätwerk Constables weist eine freie und ausdrucksstarke Pinselschrift auf, die es gilt, in dieser Ausstellung der Royal Academy of Arts zu entdecken.