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Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie Mit Zeichnung, Körper und Musik im Kunsthaus Graz

Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie (Cover, Vfmk)

Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie (Cover, Vfmk)

„MEHR MU TZ UMZ EI CH NEN“ Verstanden? Das zumindest verortnete sich Constantin Luser am 3. August 2007. Darüber Ideenskizzen zum "TUBARÜCKGRAD“, das im Laufe des Jahres zum „Vibrosaurus“ wurde. Zwei Doppelseiten davor findet sich Lusers Beschäftigung mit Wilhelm Reichs Orgontheorie, die ihn wohl zum Bau seines eigenen Akkumulators inspirierte. Seit Jahren schon steht im Regal gegenüber von meinem Schreibtisch ein Katalog der Wiener Secession: James Turrells „Perceptual Cells“, die der amerikanische Lichtkünstler 1992 in Wien präsentierte. Das Cover zeigt eine technische Zeichnung. Die Umrisse eines Menschen (rudimentär), die technische Vorrichtung (mit genauen Beschriftungen) und das Licht (rosa). Genau daran erinnerte mich die zweite Doppelseite aus dem Ausstellungskatalog von Constantin Luser aus dem Verlag für moderne Kunst. Im Werk Lusers geht es mitnichten um spirituelle Qualitäten von Licht, auch wenn er das Licht im Space 01 präzise dirigierte. In seiner Grazer Rauminstallation zähmt die Musik „die Bestie“ – Schallwellen statt Lichtwellen also. Wobei der Schall dann doch wieder aus der Zeichnung, der unendlichen Linie Lusers kommt. Dass auf seinen Blättern wie in der Installation alles miteinander verbunden ist, wird schnell auf den Doppelseiten seines Tagebuchs sichtbar: Meschenkonglomerate amalgamiert er mit Menschen in technischen Vorrichtungen, Knochen, Formen, Texten, Gedanken. Splitter, Fragmente, alles verwachsen. Constantin Lusers Zeichnungen zwingen zu einem wandernden Blick, lassen sich nur langsam erobern und wirken wie Panoramen des 19. Jahrhunderts, anstelle von Landschaften quasi die Gedankenwelt des Künstlers, aber en miniature. Natürlich ausschnitthaft, aber Ordnung ist da, definitiv, alles schön neben- und nicht übereinandergestapelt. Mit Feinliner gezeichnet, sonst ginge das nicht.

 

Constantin Luser in Graz

Die Grazer Personale Constantin Lusers wurde von Katrin Bucher Trantow und Katia Huemer kuratiert, die beide auch den ersten umfassenden und reich bebilderten Katalog des ausgebildeten Industriedesigners und Abgängers der Angewandten (Klasse Kowanz) herausgegeben haben. In den schwierig zu bespielenden, weil wie ein „utopisches Raumschiff“ (Bucher Trantow) wirkenden, architektonisch dominanten Space 01 setzte Luser eine ortsspezifische Großinstallation, die aus einer betretbaren Raumzeichnung am Boden, hängenden, filigranen Drahtobjekten und fünf interaktiven Instrumenten bestand.

 

 

Kern der Schau ist ein zellenartiger Raum aus Messingblech, der sowohl in seiner goldenen Leuchtkraft wie auch seiner kristallinen Form auf den organischen Raum des Space 01 reagiert. Der „Akkumulator“ (2016) ist als Raum im Raum betretbar und enthält eines der gezeichneten Tagebücher des Künstlers. Gleichzeitig funktioniert die Messingzelle auch als Resonanzraum und ist mit trompetenartigen Fortsätzen verbunden, die sich tentakelartig über den gesamten Raum verteilen. Die geschlossene Form des „Akkumulators“ streckt seine Fühler in die Umgebung aus, empfängt und strahlt aus. Das hat was von einer Nervenzelle, oder? Darüber hinaus erinnert er mich mit seiner komplexen Geometrie an den Stein im berühmten Meisterstich „Melancholia I“ von Albrecht Dürer und Tomás Saracenos „Biosphere“ (2009). Über die formale Analogie hinausgehend, arbeiten alle drei mit der Symbolkraft von Wissen, Leben, Lebensräumen.

 

 

Um dieses Zentrum konzipierte Luser vier bespielbare „Instrumentengruppen“ bzw. „Gruppeninstrumente“: „Bandeon Intensivstation“ (2012), „Rotationsquintett“ (2006), „Der Baum“ (2013) und „Trommeliglu (Islam erreicht Nordpol)“ (2007). Von Lusers erstem Musikinstrument, dem gigantischen „Vibrosaurus“ (2008) mit zwei Tuben, 30 Waldhörnern und 28 Mundstücken, war das Modell in Graz. Die Kunstobjekte/Musikinstrumente verbinden sich über den Raum hinweg zu einem Orchester, bilden für sich gesehen aber auch einzelne Zentren im Raum aus. Fatos Üstek erinnert die Aufstellung an einen Spielplatz und sieht die Ausstellung als Aufforderung zum Spiel (S. 90–92). Luser markiert den Ort zusätzlich mit seinen Zeichnungen, der Bodenarbeit, die sich wie ein Tattoo in die Haut des Gebäudes einschreibt, und die hängenden Drahtskulpturen, deren sich im Wind verändernde Positionen, wandernde Schatten produzieren.

 

„Die Bewegung der Körper im Raum (die Körper des Publikums, der Kunstwerke etc.) evoziert die Prozesse der Subjektwerdung und produziert subjektive Erfahrungen als kulturell bewusste Entität, die ihrer Umgebung gegenüber verletzlich ist und doch die Kraft der Verbindlichkeit aufweist, diese auch zu formen. Dadurch verstärkt Lusers Praxis das Akustisch-Soziale und unterstreicht dabei, dass wir auch durch Klänge wahrnehmen.“ (Fatos Üstek, S. 93.)

 

 

Alles kommt aus der Zeichnung

Die Zeichnungen von Constantin Luser sind komplex, weisen viele Ebenen auf, sind angereichert mit Worten, Chiffren, Symbolen. Es handelt sich um abstrakte und figurative Liniengeflechte, ganze Systeme, die der Künstler in den dreidimensionalen Raum wachsen lässt. Die Linie, ob in Figur oder Buchstaben verwandelt, ist dabei nicht nur Erinnerungshilfe, gleichsam Notation, sondern folgt einem Bewusstseinsstrom, der sich assoziativ und in Ellipsen, selten in Parabeln bewegt. Nicht nur seine erste Galeristin, Christine König, fühlt sich dabei an surrealistische Techniken erinnert (S. 64). Die Zeichnung mutiert von einer flachen Angelegenheit zu dreidimensionalen Drahtgeflecht-Skulpturen, Installationen und Performances.

Interessant ist, wie differenziert sich Constantin Luser im Gespräch mit Bettina Steinbrügge über seine Zeichnungen äußert. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Arten zu zeichnen und sieht seine Darstellungen nicht als Abstraktionen. Stattdessen stellt sich die technische Zeichnung für ihn als konkrete Angabe dar. Im Gegensatz dazu steht für ihn die meditative Zeichnung, die losgelöst von der Idee etwas darstellen zu wollen einem Telefongekritzel gleicht. Wieder eine andere Kategorie bilden Wandzeichnung, Tagebuch und Drahtzeichnung, in denen der Künstler seine Gedanken verräumlicht, ergänzt durch Texte, Zahlen, Messwerte. Wenn Luser mit mehreren Stiften gleichzeitig zeichnet, ergeben die parallelen Linien den Effekt von Unschärfe. Genau die hohe Qualität der vielgestaltigen Zeichnung ist es, auf die Constantin Luser baut. Sei es die konkrete Konstruktionszeichnung, die neuartige Musikinstrumente beschreibt, die seine Fantasie zum ersten Mal geschaut hat, oder die assoziative, ungeleitete Zeichnung, die zwei- bis dreilinige Beschreibung, der das menschliche Hirn nur mit Unschärfe begegnen kann.

 

„Entlang der geführten Linie entwickelt er [Constantin Luser] ein Raum- und Zeitkontinuum, das den Prozesszeichnungen aus der Informatik ähnelt. In seinen linearen Konstrukten ergeben sich Ballungszentren und Weggabelungen aus Alltagsmomenten, die sich zu fantastischen, mitunter utopischen Räumen auswachsen.“ (Katrin Bucher Trantow, S. 18)

 

 

Gegen die Einsamkeit (des Zeichners)

Doch wer oder was ist die „Bestie“? Der Mensch, die Gesellschaft, die aktuelle Wirtschaftsordnung? Constantin Luser hält das prinzipiell offen, auch wenn er im Gespräch mit Bettina Steinbrügge damit „die Angst oder die eigene, innere Bestie“ (S. 30) identifiziert. Für den Künstler selbst mag das die mit dem Prozess des Zeichnens verbundene Einsamkeit sein. Dem Alleinsein begegnet er durch die Erweiterung der Linie in die Musik, womit er sich selbst nicht nur in der Realisation dieser neuartigen Klangkörper in ein Netzwerk von Spezialisten begibt, sondern die Erkenntnis der geteilten Erfahrungswelt auf die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher überträgt. Katia Huemer deckt in ihrem Beitrag auf, welches Zusammenspiel von Professionalisten und Freunden das Werk Constantin Lusers über die letzten Jahre erst möglich machte. Es kommen der Instrumentenbauer Alois Mayr, der Komponist Peter Jakober, der Bandoneon-Stimmer Carsten Heveling, der Fotograf Markus Rössle aber auch der technische Berater Martin Huth, die Kuratoren Olivier Kaeser und Jean-Paul Felley, Jutta Stolitzka, Sophie Tappeiner (Kunsthandel Hofstätter), der wissenschaftliche Direktor des Leopold Museums Hans-Peter Wipplinger, der Designer Danijel Radić et alii zu Wort, um Constantin Lusers Arbeitspraxis aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten.

 

 

Constantin Lusers Kunstwerke wollen und sollen gespielt werden, wodurch sich auch ein im wahrsten Wortsinn spielerischer Zugang zu Lusers Grazer Ausstellung einstellte. In der Interaktion mit den von Luser selbst entwickelten Musikinstrumenten ergibt sich immer etwas Neues, Unvorhergesehenes. Im besten Fall formiert sich aus vereinzelten Nutzerinnen und Nutzern ein stimmgewaltiger Chor, der in ein Frage-und-Antwort-Spiel, ein aufeinander Hören eintritt, dessen Performance aber auch in einer lustbetonten und verwirrenden Kakophonie enden kann. Das in einem Katalog darzustellen, ist denkbar schwierig, auch wenn die reiche Ausstattung mit Bildern (geht über die Schau in Graz deutlich hinaus!) Lust auf so manches musikalische Experiment macht.

Kunst reflektiert, Kunst aktiviert, Kunst kommuniziert, Kunst verbessert, Kunst übertritt Grenzen, Kunst wirkt – ist aber auch vieldeutig und wird so oft nicht verstanden. Sich im Dickicht der Rationalität der emotionalen Direktheit der Musik zu bedienen, wirkt wie ein kluger Schachzug, um die Rezipientinnen und Rezipienten aus der von Logik und Wissen geprägten Umwelt zu befreien. Der im Zentrum positionierte „Akkumulator“ aus Messingblech lockt nicht nur Blicke auf sich, sondern ist geschlossener Raum und Schallkörper, Projektionsraum für Schall- und Gehirnwellen, wobei sich letztere als Linien im Tagebuch (wie in einem EEG) manifestieren. Die Besucherinnen und Besucher befanden sich gleichzeitig im Innen und Außen, konnten sich als integraler Bestandteil der Installation erfahren und/oder sie beurteilen. Im Katalog bietet genauso vielgestaltige wie polyvokale Texte zu den informativen Bildstrecken. Abgeschlossen wird die Publikation durch eine umfassende Werkliste (Auswahl seit 2001). Gedankenfäden von Constantin Luser zum Nach- und Weiterspinnen!

 

 

Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie - Inhaltsverzeichnis

Karin Bucher Trantow, Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie (S. 16–19) / Music Tames the Beast (S. 22–25)
Bettina Steinbrügge trifft Constantin Luser (4.1.2016). Wer ist die Bestie? (S. 30–39) Who is the Beast? (S. 40–47)
Katia Huemer, Mehrstimmig. Blick in ein Netzwerk (S. 52–69) Polyphonic. A Glimpse into a Network (S. 70–85)
Fatos Üstek, In a Sentimental Mood a. k. a. Verwöhne dich mit etwas Spielzeit (S. 90–93) In a Sentimental Mood a. k. a. Treat Yourself to Some Play-Time (S. 94–97)
Thomas D. Trummer, Die Kunst des Seinlassens (S. 100–103) The art of Letting Be (S. 106–109)
Installationsansichten Kunsthaus Graz (S. 112–125)

 

Links und Videos

Constantin Luser über seine Ausstellung im Kunsthaus Graz

https://www.youtube.com/watch?v=0aHAl-dGb_w

Constantin Luser Homepage

Constantin Luser – Aus dem Inneren der Zeit (Cast your art)

Karin Katrin Bucher Trantow zu Constantin Luser

 

Constantin Luser (* 1976): Biografie

1976 in Graz geboren
1995–1999 Ausbildung zum Industriedesigner an der FH Joanneum in Graz
1999–2001 Studium Konzeptkunst bei Renee Green an der Akademie der bildenden Künste Wien
1999–2004 Studium Transmediale Kunst bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst (heute: die Angewandte) in Wien
2001 Christine König nahm Constantin Luser unter Vertrag (bis 2006)
2003 „Lichtschreibmaschine“ Telekom-Hochhaus, Graz
2005 Art Basel: performativer Zeichenauftritt
2006 „Panoptikum“ in der Christine König Galerie; „Rotationsquintett“ gemeinsam mit dem Architekten Lukas Gelehr und dem Musiker Matthias Makowsky entwickelt und umgesetzt von Alois Mayer (nö. Instrumentenbauer)
2007 BC21 Boston Consulting & Belvedere Contemporary Art Award (Katalog)
2008 „Vibrosaurus“ gemeinsam mit Martin Huth, „Drehbaum“
2011 „Das Rote Seil“ gemeinsam mit Stefan Arztmann
2012 „Bandeon Intensivstation“
2013 „Tangosaurus“ für das Foyer des Musiktheaters in Linz
2014 Einzelausstellung in der Kunsthalle Krems
2016 Einzelausstellung im Kunsthaus Graz, Space01

 

Constantin Luser: Werke

  • Constantin Luser, Lukas Galehr, Matthias Makowsky, Rotationsquintett, 2006, Tuba, Posaune, Trompete, Kinderkarussell, Courtesy Privatsammlung
  • Constantin Luser, Vibrosaurusmodell, 2007
  • Constantin Luser, Trommeliglu (Islam erreicht Nordpol), 2007, 200 Tamburine, Pauke, 3 Tablas, Courtesy Skulpturenverleih
  • Constantin Luser, Molekularorgel (Detail), 2010
  • Constantin Luser, Bandoneon Intensivstation, 2012, 8 Bandoneons, Metall, Holz, Courtesy Skulpturenverleih
  • Constantin Luser, Tangosaurus, 2013, im Foyer des Musiktheaters in Linz
  • Constantin Luser, H3: Das Inselkollektiv, Versenkung, 2015
  • Constantin Luser, H7: Gute Aussichten / Schiffbruch, 2015, Messing, Unterteil eines Schiffsmodells oder Spielzeugs: Holz, 20. Jahrhundert
  • Constantin Luser, Kunsthaus Graz Bodenzeichnung, 2016, Marker, Fineline
  • Constantin Luser, Ausstellungsansicht im Kunsthaus Graz, Space 01, 2016
  • Constantin Luser, Akkumulator, 2016, Messing verschraubt, Tuba
  • Constantin Luser, Akkumulator (Innen), 2016, Messing verschraubt, Tuba
  • Constantin Luser, Messingobjekte

 

Abbildungen aus dem Ausstellungskatalog: Constantin Luser: Musik zämt die Bestie

  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 4–5: Tagebuch 22. Jän. 2013 – 9. Nov. 2015 – mit dem Ausstellungskonzept.
  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 28–29: Tangosaurus, 2013, Konstruktion
  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 50–51: Molekularorgel, 2010, Konstruktion
  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 16–17: Der weiße Raum, 2005
  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 20–21: EHEN aus: ENTGEHEN, VERSTEHEN, VERGEHEN. 2002 & Lichtschreibmaschine, Nordfassade des Telekom- Hochhauses, Graz, 2003
  • Constantin Luser: Musik zähmt die Bestie, Ausstellungskatalog Kunsthaus Graz, S. 30–31: Installationsansicht Kunsthalle Krems, 2014

 

Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie: Ausstellungskatalog

Katrin Bucher Trantow, Katia Huemer (Hg.)
mit Beiträgen von Karin Bucher Trantow, Katia Huemer, Bettina Steinbrügge, Thomas D. Trummer, Fatos Üstek
Hardcover, 28 x 22 cm, 152 Seiten
ISBN 978-3-903004-88-7 (dt./engl.)
VfmK Verlag für moderne Kunst

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.