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Der unglaubliche Damien Hirst Ausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ im Palazzo Grassi und der Punta della Dogana

Damien Hirst, Treasures from the Wreck of the Unbelievable, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Damien Hirst, Treasures from the Wreck of the Unbelievable, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Damien Hirst nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Der ehemalige Sklave Cif Amotan II. – so die Legende – hätte das Schiff Apistos [„The Unbelievable“] voller Artefakte aus allen Herren Ländern in einem Sturm verloren. Im Jahr 2008 wäre es aufgefunden und die Objekte auf Kosten des Künstlers seither geborgen worden. Die Werke wurden seither restauriert, Museumskopien angefertigt und aufgearbeitet. Soweit die Geschichte.

Treasures from the Wreck of the Unbelievable. Damien Hirst

Italien / Venedig: Palazzo Grassi & Punta della Dogana
9.4. – 3.12.2017

 

Mythischer Schiffbruch

Schnell wird jedoch klar, dass es sich bei der Rahmenerzählung um einen Fake handelt – allzu zeitgenössisch und kaum stilisiert wirken die Gesichter, allzu groß ist der geografische Raum der Artefakte (von einem aztekischen Kalender zu einer griechischen Bärenjägerin, von ägyptischen zu hinduistischen Gottheiten), allzu bunt wirken die „Korallen“. Mickey Mouse, Goofy und ein Roboter tun ihr Übriges zur Störung der Zeitlinie. Die riesigen Exponate entstanden in den letzten Jahren und spiegeln durchaus populäre Filme über mythologische Gestalten wider. Als Skulpturen beeindrucken sie sogleich mittels ihrer außergewöhnlich monumentalen Formate, der Perfektion der Materialbehandlung, die beispielsweise auf maschinelle Bearbeitung von Stein schließen lässt. Damien Hirst zeigt gekonnt und mit viel Witz und Ironie, wie brutal antike Mythen, ihre Kämpfe, ihre Vergewaltigungen, ihre Opferungen, empfunden und dargestellt werden können. Die Heroen moderner popkultureller Geschichten – wie Mogli und sein Bär Balu – wirken im Vergleich dazu kindlich verspielt.

 

 

 

Hirst’s Giganten

Der britische Bildhauer, der mit Werken über Tod und Vergänglichkeit, aber auch über die Schönheit der Natur berühmt wurde, widmet sich erneut dem von ihm bevorzugten Themenkreis. Indem er Skulpturen auf dem Meeresboden der Witterung aussetzte, baute er die Alterung der Materialien mit ein. Ausgenommen davon sind einzig vergoldete Werke, die auch auf den in der Schau omnipräsenten Unterwasserfotografien unverändert im Licht glänzen. In vielen Arbeiten bringt Damien Hirst bunte Farbigkeit der Natur und hyperrealistische Abbilder von Menschen zusammen. Dahinter steht einerseits die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Farbigkeit antiker Skulptur (→ Die Farbigkeit antiker Skulptur) und andererseits eine Natur-Kultur-Dichotomie. Verwandlung (Metamorphose), von etwas Lebendigem in Stein, um so die Endlichkeit der Existenz zu überwinden, bei gleichzeitiger sichtbarer Alterung, Verletzung, Fragmentierung schwebt über allem. Geschichte, so Damien Hirst, ist auf Fragmenten aufgebaut. Die Potenz Hirsts in diesem Fall auf den gigantomanischen Formaten, der virtuosen Ausführung, der erdachten Geschichte incl. passenden Objekttexten in der Begleitbroschüre, museologischen Präsentationsformen (mit Korallenkruste, gereinigt und als vervollständige Kopien), beeindruckenden Unterwasseraufnahmen.

 

Künstlerische Antikenträume

Damien Hirst entwirft eine Welt der Antike, transponiert Wissen verschiedenster Fachbereiche auf aktuelle Körper, baut digitale 3D-Modelle und lässt seine Vision einer, nein, seiner Antike auferstehen. Vergleichbar ist dieses Vorgehen vielleicht mit Künstlern des Historismus wie Lawrence Alma-Tadema oder Leon Geromo, oder aktueller mit Filmregisseuren jüngerer Fantasy-Mythologien. Viele Objekte stehen unter Kitsch-Verdacht, wie die riesige sechsarmige Kali im wilden Kampf gegen die Hydra oder einer das Schwert schwingenden Athenerin auf einem riesigen Bären. Die Vergewaltigung einer Athenerin durch Minotaurus oder die Opferung der Ariadne machen nicht nur durch ihre Größen bestürzt. Dagegen wirkt so manche Goldmünze, so manche verrottete Waffe, so mancher Einhornschädel ziemlich beruhigend.

 

 

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.