Khalil-Bey: Der Mann hinter Courbets Ursprung der Welt

Gustave Courbet, L’Origine du monde (Der Ursprung der Welt), 1866, Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm, Musée d’Orsay, Paris © bpk / RMN / Hervé Lewandowski.
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Wer war Khalil-Bey? |
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Vollständiger Name |
Halil Şerif Paşa [Pascha], genannt Khalil-Bey |
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Geboren |
wohl in den 1820er Jahren, in Ägypten |
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Gestorben |
12. Januar 1879 in Istanbul (Gehirnerkrankung / Syphilis) |
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Herkunft |
Sohn von Mehmed Şerif Paşa, einer der „Fürsten“ Ägyptens, verwandt mit der Familie von Mehmet Ali |
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Ausbildung |
Frankreich (Politikwissenschaft) |
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Diplomatische Laufbahn |
Gesandter (orta elçi) in Athen (ab 1856 oder 1858/59) und in St. Petersburg (ab Sept. 1861); Unterstaatssekretär im Außenministerium (1868–1870); Botschafter (büyük elçi) in Wien (ab August 1870); Außenminister (September 1872–März 1873); Justizminister (Juni–Okt. 1876); Botschafter in Paris (März–September 1877) |
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Paris-Aufenthalte |
1855 war Khalil-Bey als Kommissar für die Weltausstellung von 1855 nach Paris entsandt worden; ab etwa 1865 als Privatperson in Paris; von März bis September 1877 Botschafter in Paris |
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Kunstsammlung |
Bedeutende Sammlung europäischer Gemälde und Skulpturen; u.a. Ingres’ Bain turc (1862); Courbets Le Sommeil (1866, 20.000 Francs) und L’Origine du monde (1866); niederländische Barockmalerei sowie französisches Rokoko (Boucher). |
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Bekannte |
Sainte-Beuve (Literat), Villemessant (Journalist, Le Figaro), Courbet (Maler); Kontakte zu Yeni Osmanlılar (Jungtürken) |
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Charakter nach zeitgenössischen Urteilen |
Sir Henry Elliot (brit. Botschafter): »Mann von großer Intelligenz und Fähigkeit«; Villemessant: »Er fasst die moderne Zivilisation in ihrer vollkommensten Form zusammen«; zugleich bekannt als Spieler und Trinker |
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Spielschulden |
Hohe Verluste durch Glücksspiel (u.a. in Paris und Nizza) zwangen ihn 1868 zum Verkauf eines Großteils seiner Gemäldesammlung; L’Origine du monde war nicht unter den auktionierten Werken. |
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Politische Haltung |
Liberaler Reformer; befürwortete konstitutionelle Monarchie für das Osmanische Reich; Denkschrift 1867; an Verfassungsentwurf 1875/76 beteiligt (mit Midhat Paşa) |
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Tod |
12. Januar 1879, Istanbul (ehemals Konstantinopel); Todesursache: Gehirnerkrankung / Syphilis; im Alter von ca. 50 Jahren |
Halil Şerif Paşa, in der westlichen Kunstgeschichte fast ausschließlich als Khalil-Bey bekannt, war eine der faszinierendsten und widersprüchlichsten Figuren des 19. Jahrhunderts. Auf dem diplomatischen Parkett agierte der in Ägypten geborene und in Frankreich ausgebildete Staatsmann als hochintelligenter, liberaler Reformer. Er stritt für eine konstitutionelle Monarchie im Osmanischen Reich, fungierte als Botschafter in Athen, St. Petersburg, Wien und Paris und stieg in den 1870er Jahren sogar zum osmanischen Außen- und Justizminister auf.
Doch während ihn britische Diplomatenberichte einerseits als klugen Kopf schätzten, eilte ihm in Istanbul (ehem. Konstantinopel) gleichzeitig ein zweifelhafter Ruf voraus. Der Grund? Sein exzessives Pariser Leben, das heute vor allem mit Gustave Courbets ikonischem Bild L’Origine du Monde in Verbindung gebracht wird. Khalil-Bey war leidenschaftlicher Spieler, verkehrte in den berühmt-berüchtigten Salons der französischen Metropole und baute innerhalb kürzester Zeit eine der spektakulärsten Gemäldesammlungen seiner Epoche auf.
Wer war Khalil-Bey?
Khalil-Bey – vollständiger Name Halil Şerif Paşa – gehörte in den 1860er und 1870er Jahren zu den prominentesten osmanischen Diplomaten seiner Zeit. Sein Vater, Mehmed Şerif Paşa, zählte zu den „Fürsten“ Ägyptens und war mit der Familie des ägyptischen Gouverneurs Mehmet Ali verwandt. Halil Şerif wurde wohl in den 1820er Jahren in Ägypten geboren.1
Er erhielt seine Ausbildung in Frankreich, genauer in der Ägyptischen Schule in Paris, und wurde vornehmlich in Politikwissenschaften unterrichtet.2
Die diplomatische Karriere des Khalil-Bey
Khalil-Beys erster Einsatz erfolgte als Kommissär für die Weltausstellung von 1855 in Paris. Ab dem folgenden Jahr im ägyptischen Staatsdienst tätig – als Sekretär des Gouverneurs Abbas Paşa und als Direktor des Übersetzungsbüros im ägyptischen Außenamt – wechselte Khalil-Bey 1856, während des Pariser Kongresses, in osmanischen Dienst. In einem eigenhändigen französischen Brief an Großwesir Âli Paşa bewarb er sich um eine Stelle im osmanischen Außenministerium. Âli Paşa empfahl ihn wärmstens: Halil Bey kenne Französisch gut und besitze Wissen und Fähigkeit. Sultan Abdülmecid genehmigte die Anstellung im April 1856.3
Halil Bey bekleidete in der Folge eine Reihe hochrangiger diplomatischer Posten. Er diente als Gesandter (orta elçi) in Athen (ab 1856 oder 1858/59) und in St. Petersburg (ab September 1861), wo er sich mit den Balkankonflikten und der russischen Unterstützung nationaler Bewegungen auseinanderzusetzen hatte. Er berichtete intelligent über die Haltung des russischen Außenministers Gortschakow und verteidigte die osmanische Position, bisweilen mit einer Vehemenz, die an diplomatische Grenzen stieß.4 In dieser Zeit dürfte Halil-Bey zu sammeln begonnen haben.5
Spätestens ab 1865 ließ sich Halil-Bey in Paris als Privatperson nieder und mietete Räume vom englischen Sammler Lord Hertford in der Rue Taitbout.6 1868 kehrte er nach Istanbul zurück und wurde Unterstaatssekretär im Außenministerium. Anschließend diente er als Botschafter (büyük elçi) in Wien (ab August 1870), wo ihn der britische Botschafter Sir Henry Elliot als „Mann von großer Intelligenz“ bezeichnete,7 und – kurz – als Außenminister (September 1872 bis März 1873). Dieses Amt bekleidete er während der Amtszeiten von drei Großwesiren. Danach wirkte er als Justizminister (Juni bis Oktober 1876) und zuletzt als Botschafter in Paris (März bis September 1877). 1877 dürfte sein Gesundheitszustand bereits angeschlagen gewesen sein; er starb am 12. Januar 1879 in Istanbul an einer Gehirnerkrankung, im Alter von wohl etwa fünfzig Jahren.8
Politisch zählte Halil Şerif zu den liberalen Reformern im Osmanischen Reich. 1867 verfasste er eine Denkschrift, in der er für eine konstitutionelle Monarchie mit Gleichstellung von Christen und Muslimen eintrat.9 Er stand den Yeni Osmanlılar (Jungtürken) nahe, ohne je formelles Mitglied zu sein, unterstützte sie finanziell und in seinem Haus in Paris. Mit Midhat Paşa arbeitete er später an einem Verfassungsentwurf.10 Als Justizminister war er 1876 an der Absetzung zweier Sultane beteiligt. Seinen politischen Gegnern – namentlich dem ägyptischen Khediven Ismail und dem russischen Botschafter Ignatjew – war er ein entschlossener Widersacher.
Persönlichkeit und Pariser Jahre
Khalil-Bey galt als zutiefst westlich geprägter Osmanischer Staatsmann. Der Journalist Villemessant, Herausgeber des Figaro, der ihn in Wien besuchte, nannte ihn „die vollkommenste Verkörperung der modernen Zivilisation“11 – und schilderte ihn als eher kleinen Mann mit vollem, kurzem schwarzem Bart, Brille und lebhaften Augen. In seiner Pariser Zeit pflegte Halil engen Kontakt zu Sainte-Beuve, Villemessant und, vor allem in kunstsammlerischer Hinsicht, zu Gustave Courbet.12
Sein Pariser Haushalt war als Treffpunkt von vornehmen Spieler berühmt-berüchtigt; er spielte auch in Nizza. In Britischen Diplomatenberichten ist er gleichwohl als „wegen seiner Spielgewohnheiten und schlechten Gesellschaft in der Türkei wenig geachtet“ charakterisiert.13
Khalil-Bey und Gustave Courbet: Der Auftrag für den Ursprung der Welt
Khalil-Bey hatte ursprünglich Venus et Psyche [Venus und Psyche] (F 370 / C 357) kaufen wollen, das Courbet 1864 beim Salon eingereicht hatte und das abgelehnt wurde (dazu unten). Während Khalil-Bey das Bild erwerben versuchte, hatte bereits jemand anderes den Zuschlag erhalten. Courbet schlug dem Ägypter daraufhin vor, eine „Fortsetzung der Szene“ zu malen. Daraus entstand 1866 Le Sommeil, das zwei Frauen nach dem Liebesakt zeigt.
Im selben Jahr bestellte Khalil-Bey auch L’Origine du monde. Ob das provokante Sujet von Courbet oder vom Auftraggeber vorgeschlagen wurde, ist noch immer unklar.14 Die 2025 veröffentlichte, erst kürzlich entdeckte pornografische Korrespondenz zwischen Courbet und der Kurtisane Mathilde Carly de Svazzema legt jedoch nahe, dass Courbet das Motiv selbst beanspruchte: 1873 bot er Mathilde an, sie ebenso zu malen, obwohl sich die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nie getroffen hatten.15

Gustave Courbet

Courbets „L’Origine du monde“ entschlüsselt
Die Galerie Khalil-Bey: Von Ingres bis zum Pariser Auktionsereignis 1868
Neben seiner Spielleidenschaft war Halil Şerif ein ernsthafter Kunstkenner. Von Courbet erwarb er Le Sommeil (1866) für 20.000 Francs16 sowie L’Origine du monde (1866) – beide Gemälde waren für die private Betrachtung in seinen Gemächern bestimmt. Welches der beiden Bilder aus eigenem Antrieb gewählt wurde und welches auf Anregung des jeweils anderen entstand, ist für L’Origine bis heute nicht abschließend geklärt.
Hohe Spielschulden – oder auch der Umzug nach Wien (?) – zwangen den Staatsmann Mitte Januar 1868, einen Großteil seiner Gemäldesammlung zu versteigern. Der Auktionskatalog ist heute eine wichtige Quelle für die Zusammenstellung der Sammlung! Die Einleitung zum Versteigerungskatalog schrieb Théophile Gautier.17 Unter den versteigerten Gemälden befanden sich so kapitale Werke wie Ingres’ Bain turc (1862), das sich heute im Louvre befindet. Weitere Werke französischer Zeitgenossen aber auch von niederländischen Barockmalern schlossen sich an: Boulanger, Saint-Jean, Comet, Alfred Stevens, Chassériau, Isabey, Diaz, Decamps, Fromentin, Rousseau, Schenck, Vautier, Daubigny (→ Charles-François Daubigny: Wegbereiter des Impressionismus), Courbet (Jagdbilder), Eugéne Delacroix (L'Assassinat de l'évêque de Liège), Ingres (Das türkische Bad und eine Kopie nach Tizians Liegender Venus), Meissonier, Jean-Léon Gérome, Troyon kamen unter den Hammer. Auch wenn häufig zu lesen ist, dass Khalil-Bey eine Sammlung erotischer Kunst angelegt habe, so belegt ein Blick in der Auktionskatalog, dass sich darunter Landschaften, Blumenstillleben und Jagdbilder befanden, sogar Werke des Orientalismus nannte der Ägypter sein eigen.
„Die Badende, eine Studie von Courbet, dem ersten Meistermaler aus Ornans, der diesen Titel nirgends so sehr verdiente wie in Die Rehjagd und Der Fuchs. Schneeeffekte von bestechendem Realismus, die sich im Besitz der Galerie Khalil-Bey befinden.“18 (Théophile Gautier, 1868)
