Eugène Delacroix

Eugène Delacroix (1798–1863) steht an der Schwelle von Salonmalerei und moderner Malerei, die nur sich selbst verpflichtet ist. In Auseinandersetzung mit dem Grand Style von Paul Delaroche und den Farbtheorien Michel Eugène Chevreuls (1786–1889) entwickelte er einen auf Farben und Pinselstrich basierenden Malstil. Obwohl Delacroix kaum Schüler hatte, wurde sein Personalstil und seine Überlegungen zu Kunst zu den folgenreichsten des 19. Jahrhunderts. Generationen von Impressionisten (Manet, Fantin-Latour, Bazille, Renoir), Spätimpressionisten (Cézanne, Van Gogh), Symbolisten (Moreau, Redon, Gauguin) und Pointillisten (Seurat, Matisse, Metzinger) bezogen sich auf oft ungeahnte Weise auf ihren 1863 verstorbenen Wegbereiter. Von Édouard Manet bis Wassily Kandinsky reicht die Ahnenreihe der Bewunderer von Delacroix‘ Mut, deren Verehrung um 1900 zu einem ersten Höhepunkt kam. Jahrzehnte später äußerte sich noch Pablo Picasso genauso direkt wie unverblümt: „Dieser Bastard. Er ist wirklich gut.“

„Die schönsten Werke sind die, welche die reine Fantasie des Künstlers ausdrücken.“1 (Eugène Delacroix am 8. August 1856)

Eugène Delacroix betrat als Hauptvertreter der Romantik in den frühen 1820ern die Bühne des Salons. In den folgenden Jahren musste er sich zwar in der öffentlichen Meinung Paul Delaroche (1797–1856) geschlagen geben, avancierte jedoch in den 1850ern zum berühmtesten Künstler Frankreichs (→ Delaroche und Gericault. Geschichtsbild).

 

Tod (Gastmahl) des Sardanapal

Delacroix' „Tod (Gastmahl) des Sardanapal“ (1827/28) verursachte im Salon einen Skandal. Delacroix kopierte 1846 das Gemälde für sich selbst, bevor es an den Sammler Daniel Wilson verkauft wurde. Einige der technischen Innovation der ersten Fassung sind hier zurückgenommen. Die Künstler der Moderne bewunderten, wie Delacroix den Raum nicht nach Perspektivregeln komponierte, sodass die Menge der Reichtümer und Lieblingsfrauen des Despoten Sardanapal quasi aus dem Nichts vor dessen gigantischem, von Elefanten getragenem Bett wie aufgetürmt erscheinen.

 

Porträts

Das großformatige Porträt von „Louis-Auguste Schwiter” (1826–1830, 217,8 x 143,5 cm, London, National Gallery) zeigt einen Sohn eines Generals und mit Delacroix‘ Jugendfreund verschwägerten Porträtisten. Schwiter selbst stellte ab 1831 regelmäßig am Pariser Salon aus und war auch vier Mal in der Royal Academy vertreten. So berichtete er, anglophil wie auch Delacroix, diesem 1833 in einem Brief enthusiastisch von Retrospektiven zu Joshua Reynolds und Thomas Lawrence. Vielleicht wurde das Porträt der 21jährigen Schwiter im Sommer 1826 ausgeführt, da er vom 1825 gemalten Porträt Thomas Lawrences „König Charles X.“ (Royal Collection) begeistert war. Der Malerkollege erscheint in eleganter, wenn auch zurückhaltender, englisch inspirierter Kleidung und steht vor einem englischen Landschaftsgarten. Dennoch wurde es im Oktober 1827 von der Salon-Jury abgelehnt. Niemand geringerer als Edgar Degas erwarb das Bild im Juni 18952 und hing es neben Ingres` Porträt von „Amédée-David, Comte de Pastoret” (1823/26, 103 x 83.5 cm, Art Institute Chicago).

 

Orientalismus

„Nur Delacroix hat die Dekoration in unserer Ära verstanden; er ging sogar soweit, dessen harmonische Bedingungen zu ändern. […] In der Dekoration hat gemalte Arbeit nur Wert, weil sie vielfarbig ist.“3 (Pierre-Auguste Renoir)

Anfang des Jahres 1832 besuchte Delacroix eine jüdische Hochzeit in Tangier, wo er Notizen und Skizzen von den Innenräumen machte, wo nur die Frauen tanzten. Zwischen 1837 und 1841 entstand seine „Jüdische Hochzeit“, die er 1841 am Salon präsentierte. Es war eines der ambitioniertesten und teuersten Gemälde, das Delacroix in Anschluss an seinen Aufenthalt in Marokko schuf. Der ursprüngliche Auftraggeber fand den geforderten Preis zu hoch, weshalb der Künstler es an Prinz Philippe, Duc d`Orléans, einen führenden Sammler zeitgenössischer Kunst verkaufte. Dieser schenkte die „Jüdische Hochzeit“ am Musée du Luxembourg, nach dem Tod des Künstlers kam es in den Louvre. In ihm und einigen weiteren eröffnete er den Betrachterinnen und Betrachter einen exkulsiven Einblick in eine sonst verschlossene, geheimnisvolle Welt. In der Folge entzündete sich Delacroix' Fantasie sich vor allem an kämpfenden arabischen Reitern.4

 

Öffentliche Aufträge

Im Jahr 1833 wurde Eugène Delacroix vom Minister für öffentliche Arbeiten, Adolphe Thiers, beauftragt, den Salon du Roi in der Abgeordnetenkammer (Chambre des Députés) im Palais Bourbon mit einer Serie von allegorischen Darstellungen an Decke und Wänden zu dekorieren (1837–1837). Damit hatte Delacroix seinen ersten öffentlichen Auftrag errungen. Fünf Kuppeln und 20 Pendentife waren mit Darstellungen von Theologie, Poesie, Legislative, Geschichte und Philosophie zu schmücken. Für die Kuppel der Theologie wählte Delacroix Adam und Eva, den Zinsgroschen, die Enthauptung von Johannes den Täufer und den Sündenfall. In der Nachlassauktion 1864 wurden über 150 Zeichnungen und Skizzen zu diesem Projekt verkauft, jedoch keine zu Adam und Eva.

Nach der Restaurierung der Galerie des Apollo im Louvre durch Charles Le Brun im 17. Jahrhundert wurde erst wieder im 19. Jahrhundert Eugène Delacroix beauftragt, die noch leeren Deckenkompartimente mit Szenen aus der Apollo-Legende zu füllen. Eigentlich sollte die Galerie den Sonnenkönig Ludwig XIV. glorifizieren, Delacroix sah sich vor die Aufgabe gestellt, der Malerei und den skulpierten Dekorationen des 17. Jahrhunderts etwas entgegenzuhalten. Daher studierte er für die Darstellung des „Apollo tötet die Python“ (aus Ovids Metamorphosen) Darstellungen von Rubens und Veronese. Zeitgenössische Kritiker wollten in der Themenwahl den Künstler selbst im Kampf gegen den ihm gegenüber feindlich eingestellten Kulturbetrieb sehen, der ihm schon so lange offizielle Ehrungen versagte. Andere meinten eine Allegorie auf den sozialen Fortschritt zu erkennen, der Künstler selbst verwies auf den künstlerischen Genius verkörpert durch Apoll.

 

Die Impressionisten reihen sich um Eugène Delacroix

Eines der berühmtesten Gründungswerke des Impressionismus ist Henri Fantin-Latours „Hommage an Eugène Delacroix“ (Februar 1864), das der Künstler ein Jahr nach dem Ableben des verehrten Vorbildes am Salon präsentierte. Fantin-Latour selbst, die Künstlerfreunden Edouard Manet (direkt neben dem Porträt rechts stehend), James Abbott McNeill Whistler, Alphonse Legros, Félix Bracquemond und Albert de Balleroy, sowie die Kunstkritiker Jules Champfleury, Louis-Edmond Duranty und Charles Baudelaire flankieren ein Bildnis Delacroix‘. Ein bunter Blumenstrauß davor als Ausdruck der Verehrung aber auch Hinweis auf die Farbtheorie in Delacroix‘ Werk. Wenn in London zwei völlig andere Gemälde von Fantin Latour zu sehen sind[[„Der Venusberg“ und „Unsterblichkeit“ – ein wenig kitschig am Ende der Ausstellung.]], so haben die Kuratoren doch ein kleinformatigeres Selbstbildnis von Eugène Delacroix aus dem Louvre[[Die großformatigen Werke Delacroix` im Louvre gelten als fragil und werden grundsätzlich nicht verliehen.]] leihen können, das die romantische Pose des Künstlers zeigt. Bereits Baudelaire beschrieb ihn als eine zerrissene Persönlichkeit, die in der Öffentlichkeit mit ihrem gepflegten, dandyhaften Auftreten überzeugte und gleichzeitig innerlich vor Leidenschaft glühte. Wenn auch viele der in Fantin-Latours Gemälde keinen direkten Kontakt zu Eugène Delacroix hatten, so zeichnete er ihnen den Weg vom Grand Style der klassischen Salonmalerei zu einer subjektiven, emotionalen Ausdrucksweise bereits vor.

 

Eugène Delacroix als Verehrer von Peter Paul Rubens

Delacroix' wichtigstes Vorbild war Peter Paul Rubens (1566–1640), mit dessen Werk er sich ein Leben lang beschäftigte und den er verehrte. Nicht nur kompositionelle und ikonografische Übernahmen sind die Folge, sondern auch Palette und Maltechnik und nicht zuletzt Überlegungen zu Farbe, Improvisation und Bravura-Malerei. Von Rubens lernte Delacroix, dass Anatomie zugunsten von Erzählung und Emotionalität deformiert werden durfte. Aus dem Medici-Zyklus hat er insgesamt fünf Kopien angefertigt, insgesamt waren am Lebensende 14 Kopien nach Rubens in Delacroix' Besitz. In einem Journal-Eintrag am 6. März 1847 resümierte er: „Es gibt so viel mehr zu erreichen durch die Erforschung seiner Übertreibungen und seinen geschwollenen Formen, als sie einfach nachzuahmen“.

„Die Dante-Barke“ (1822), das den 8. Gesang des Inferno zum Thema hat, war das erste Gemälde von Delacroix, das er ausstellte und das ihm sofort Ruhm als aufstrebender Romantiker und einen Ankauf durch den Staat sicherte. Das Innenministerium erwarb das Gemälde für das jüngst eröffnete Museum zeitgenössischer Kunst im Luxembourg Palast, in dem sich auch Rubens‘ „Medici-Zyklus“ befand. Da es dort öffentlich zugänglich war, wurde es im 19. Jahrhundert zum am häufigsten kopierten Werk des Delacroix, wie auch eine kleinformatige Kopie der „Dante-Barke“ (um 1854) von Manet zeigt. In den Kritiken zu diesem Frühwerk finden sich bereits jene Beschreibungsversuche, die noch Jahre später die Salon-Besprechungen Delacroix‘ prägen werden. Journalisten wie Charles Baudelaire sprachen von einer „Originalität im Ausdruck“ oder einer „poetischen Imagination“ wie „Virtuosität der Ausführung“ oder „grafische Einfallskraft“.

 

Eugène Delacroix' Vermächtnis

 

Regeln für Farbe, Linien und Komposition, die den Divisionismus zusammenfassen, wurden von diesem großartigen Maler bekannt gemacht. […] Diese Maler (von heute) folgen einfach den Lehren des Meisters und setzen seine Experimente fort.“ (Paul Signac)

Als Paul Signac seinen Traktat „D’Eugène Delacroix au Néo-Impressionnisme” (1899) nannte, bezog er sich weder auf den Orientalismus noch auf kompositorische Lösungen, sondern auf die Farbverwendung des Romantikers. Die jüngere Generation von Künstlern fühlte sich von der Farbverwendung Delacroix` inspiriert, wie beispielsweise Odilon Redon. Aus den fast 200 Studien für dieses Projekt ragen zwei Ölskizzen besonders hervor. Wenn diese auch schon nahezu alle kompositorischen Elemente des ausgeführten Gemäldes aufweist, so beeindruckte Odilon Redon einerseits die Aufteilung der Figuren wie auch die Arbeit mit Primär- und Sekundärfarben. Zudem war Redon wie Delacroix der Ansicht, dass „Kunst eine Verbindung aus Tradition und zeitgenössischer Realität“ wäre. Wie Vincent van Gogh und Paul Gauguin sah auch Redon als Delacroix` wichtigste Errungenschaft, von einer naturalistischen Farbverwendung abzusehen.

7. August 2017
Gustave Courbet, Brandungswogen mit drei Segelschiffen, um 1870 (Privatsammlung. Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Delacroix — Courbet — Ribot Positionen französischer Kunst des 19. Jahrhunderts

Eugène Delacroix (1798–1863), Gustave Courbet (1819–1877) und Augustin Théodule Ribot (1832–1891) gehören zu den bedeutenden Vertretern der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Delacroix und Courbet prägten die Romantik und setzten mit ihrer neuartigen Verwendung der Farbe Maßstäbe für folgende Generationen wie die Impressionisten. Ribot war bereits ein Bewunderer der Bilder von Courbet fand aber auch wichtige Anregungen in der holländischen und spanischen Malerei des 17. Jahrhunderts.
26. Februar 2016
Edouard Manet, Die Dante-Barke / The Barque of Dante (nach / after Delacroix), um / about 1854, Öl auf Leinwand / Oil on canvas, 37.5 x 45 cm, Musée des Beaux Arts de Lyon (B830) © Lyon MBA - photo Alain Basset.

Delacroix und die Malerei der Moderne Wegbereiter von Renoir, Monet, Cézanne, Gauguin, Redon...

Eugène Delacroix (1798–1863) steht an der Schwelle von Salonmalerei und moderner Malerei, die nur sich selbst verpflichtet ist. In Auseinandersetzung mit dem Grand Style von Paul Delaroche und den Farbtheorien Michel Eugène Chevreuls (1786–1889) entwickelte er einen auf Farben und Pinselstrich basierenden Malstil. Obwohl Delacroix kaum Schüler hatte, wurde sein Personalstil und seine Überlegungen zu Kunst zu den folgenreichsten des 19. Jahrhunderts. Generationen von Impressionisten (Manet, Fantin-Latour, Bazille, Renoir), Spätimpressionisten (Cézanne, Van Gogh), Symbolisten (Moreau, Redon, Gauguin) und Pointillisten (Seurat, Matisse, Metzinger) bezogen sich auf oft ungeahnte Weise auf ihren 1863 verstorbenen Wegbereiter.
  1. „The most beautiful works of art are those that express the pure fantasy of the artist.“ Zitiert nach Ausst.-Kat. S. 138.
  2. Die National Gallery erwarb es aus der Nachlassauktion des Künstlers 1917. Ausst.-Kat., S. 74.
  3. „Only Delacroix has understood decoration in our era; he even went so far as to change its harmonic conditions ... In decoration, painted work only has value because it is multi-coloured.“ Zitiert nach Ausst.-Kat., S. 39.
  4. Beispielsweise: Kampf zwischen dem Giaour und Hassan, 1835, Öl auf Leinwand, 74 × 60 cm, Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris; Kampf von arabischen Reitern um eine Standarte, 1854, Öl auf Leinwand, 53.9 × 63.9 cm, Dallas Museum of Art, Foundation for the Arts Collection; Araber plänkeln in den Bergen, 1863, Öl auf Leinwand, 92 × 74.5 cm, National Gallery of Art, Washington, Chester Dale Fund