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Kunst für Kim Il Sung Kunst und Architektur aus der Demokratischen Volksrepublik Korea

Ri Sok Nam, Blauer Himmel / The blue sky over my country, 2005 © Korean Art Gallery, Pyongyang

Ri Sok Nam, Blauer Himmel / The blue sky over my country, 2005 © Korean Art Gallery, Pyongyang.

„Blumen für Kim Il Sung. Kunst und Architektur aus der Demokratischen Volksrepublik Korea“ im MAK ist das zweifelsohne umstrittenste Projekt im Wiener Ausstellungssommer 2010. Direktor Peter Noever strich in der Pressekonferenz heraus, dass es sich hierbei um die weltweit erste Präsentation nordkoreanischer Kunst handle, dass noch niemand diesen Schritt gewagt hätte. Bereits aus diesem Statement wird klar, worum es Noever geht: Er möchte, James Cook gleich und wider alle Hemmnisse, den weißen Fleck Nordkorea auf der Kunstweltkarte vermessen.

Ihm, so der Direktor, ginge es um das „Aufspüren von Unbekanntem und eine schrittweise Annäherung“ mit Hilfe der Kunst. Wem er sich angenähert hat, als er dem nordkoreanischen Regime versicherte, keine kritischen Kommentare in Ausstellung und Katalog anbringen zu lassen, wird schnell klar, wenn man die Bilder, Tuschezeichnungen, Plakate und Architekturentwürfe sieht. Besonders offensichtlich wird das Verhältnis des totalitär regierenden „Ewigen Führers“ Kim Il Sung zu seinen Kunstschaffenden in einem 1972 entstandenen Gemälde. Im schmucklosen Raum widmet sich der Herrscher der Instruktion seiner Künstler. Letztere scharen sich im respektvollen Abstand um den „Großen Führer“, halten ihre Notizblöcke bereit, um sich durch dessen Worte (besser Ideologie) inspirieren zu lassen.

 

 

Personenkult und blauer Himmel


Das Resultat dieser untrennbaren Verbindung von Politik und Kunst zeigt die Ausstellung: Porträts zelebrieren den Personenkult um Kim Il Sung und dessen Sohn Kim Jong Il. Die nordkoreanische Bevölkerung kennt offenbar nur glückliche Momente, nur in kommunistischen Ländern werden Straßen von derart freudestrahlenden Frauen gefegt. Pausbäckige Kinder liegen im hohen Gras und blicken hoffnungsfroh in den blitzblauen Himmel. Selbst rauschende Industrieschlote und gigantische Industrieanlagen werden - wie Bauern mit ihren Traktoren - in das Orangerot eines romantischen Sonnenuntergangs getaucht. Plakate fordern das Arbeiter- und Bauernvolk auf, Natur und Tiere zu schützen, aber auch seine Produktivität zu steigern und versprechen dafür mehr Konsumprodukte für alle. Sichtbares Zeichen von (scheinbarem) Wohlstand und errungener Technologie sind gigantomanische Bauten in der Hauptstadt Pjöngjang. Hier ist vor allem der Chuch`e-Turm Ausdruck von Nationalstolz und weithin sichtbares Zeichen der eigenständigen, koreanischen Ideologie, die sich bereits in den 60er Jahren vom Stalinismus etablierte.

 

Blumen für Kim Il Sung


Das MAK streut Kim Il Sung, dem „Ewigen Präsidenten“, mit dieser Schau Blumen. Es macht einerseits zugänglich und bietet andererseits einem totalitären Regime ein Forum, sein Gedankengut zu propagieren. Welchen Stellenwert die Freiheit der Kunst hat, wird beim Betrachten dieser realistisch gemalten und niemals kritischen Werke schnell deutlich. Ständig schwankt man zwischen Erstaunen ob einer scheinbar kindlichen Naivität der Schilderungen, Verwunderung über die Klischeehaftigkeit der Darstellungen von Macht, Industrie und Bauerntum und Wissen um die wirklichen politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Kunst Nordkoreas hat die klar definierte Aufgabe, paradiesische Zustände zu schildern und dabei zu suggerieren, dass diese Utopie bereits Realität geworden sei. Das MAK tut durch die Hängung ein Übriges, die Mystifizierung der beiden Staatsoberhäupter zu stützen. Die  Bildnisse von Kim Il Sung und Kim Jong Il hängen in tiefen Kojen, die durch Absperrung und Bewachung dem Besucher „Respektabstand“ aufdrängen – oder vielleicht doch nur befürchtete Vandalenakte verhindern sollen? Das letzte Werk der Ausstellung ist zudem „Blauer Himmel“, das zwei Kinder beim Drachensteigen zeigt, und den Besucher wahrscheinlich wohlgestimmt entlassen soll. Zeigt es doch die nordkoreanische Flagge auf dem Drachen und gleich daneben einen Zeichenblock, Stifte und eine Häschentasche.

 

 

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.