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Emil Nolde im Nationalsozialismus Hamburger Bahnhof zeigt „Eine deutsche Legende“

Emil Nolde, Brennendes Gehöft, Detail, undatiert (Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll)

Emil Nolde, Brennendes Gehöft, Detail, undatiert (Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll)

Emil Nolde (1867–1956) ist einer der wichtigsten, bekanntesten und populärsten deutschen Künstler der Klassischen Moderne. Mit den sogenannten „Ungemalten Bildern“, Aquarellen aus der Zeit der NS-Diktatur, gab Nolde sich trotz des von ihm kolportierten „Malverbots“ dem künstlerischen Tun hin. In ihnen versammelte er einen Kosmos an Figuren, Landschaften und Blumenporträts, die in seinem Nachkriegswerk fruchtbar weiterwirkten. Dass der für seine Verfolgung gerühmte Expressionist jedoch veritable Sympathien für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus hegte, wurde erst in den letzten Jahren publik. Der Hamburger Bahnhof in Berlin widmet daher diesem schmerzlichen Kapitel in Noldes Leben und Werk eine beachtenswerte Sonderausstellung.

„Farben, das Material des Malers: Farben in ihrem Eigenleben, weinend und lachend., Traum und Glück, heiß und heilig, wie Liebeslieder und Erotik, wie Gesänge und herrliche Choräle! Farben sind Schwingungen wie Silberglockenklänge und Bronzegeläute, kündend Glück, Leidenschaft und Liebe, Seele, Blut und Tod.“ (Emil Nolde)

 

Nolde im Nationalsozialismus

Nolde selbst bekannte sich zum Nationalsozialismus, war Antisemit und Antikommunist - wollte nach eigenen Aussagen eine nordische-völkische Kunst hervorbringen. Dennoch wurde Emil Noldes Kunst ab 1936 als „entartet“ diffamiert, aus Museen entfernt und 1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München lächerlich gemacht. Hermann Göring hatte noch Aquarelle des norddeutschen Künstlers, der nach eigenen Aussagen eine nordische-völkische Kunst hervorbringen wollte, in seiner Wohnung hängen – zumindest solange bis Hitler bei einem Besuch seinen Unmut darüber erkennen ließ. Am 2. Juli 1938 schrieb er an Goebbels, der zunächst Noldes Kunst verteidigt hatte. Da er 1933 bereits aufgefordert worden war, aus der Preußischen Akademie der Künste auszutreten, trat er als „Beweis für seine Gesinnungstreue 1934 in die dänische Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig ein“. Obwohl er sich dem Regime anbiederte, zeigten seine Proteste jedoch nicht den erwünschten Erfolg. Im August 1941 verhängte die Reichskammer eine Reihe von karrierehemmenden Einschränkungen für den damals 74-jährigen Nolde, der in Seebüll nicht mehr ausstellen oder verkaufen konnte.

 

Noldes Ausschluss aus der Reichskunstkammer

Am 23. August 1941 erhielt Emil Nolde einen Brief vom Präsidenten der Reichskammer für Bildende Kunst, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Bilder „nicht den Ansprüchen entsprachen, die seit 1933 von allen in Deutschland tätigen bildenden Künstlern erwartet wurden“, und dass ihm ab nun „mit sofortiger Wirkung“ verboten war, irgendeine „Aktivität, professionell oder halbprofessionell, im Bereich der Bildkunst“ auszuüben. Zwei Monate später informierte ihn ein zweiter Brief, dass es Nolde verboten war, seine Kunst zu verkaufen, auszustellen oder zu veröffentlichen.

Sein Ausschluss aus der Reichskulturkammer machte es ihm ab diesem Zeitpunkt unmöglich, Malmaterial zu kaufen, da dieses nur auf Vorlage der von der Kammer ausgegebenen richtigen Kupons erworben werden konnte. „Malverbot“, wie Nolde es selbst bezeichnete, Polizeikontrollen durch die „Gestapo“, von denen es jedoch keine zeitgenössischen Aufzeichnungen gibt, wären die Folgen gewesen. Sowohl das „Malverbot“ wie auch die staatliche Überwachung seiner künstlerischen Aktivitäten werden heute als „romantische Mythologisierung“ durch Emil Nolde interpretiert.

Eine Emigration lehnte der Künstler dennoch ab. So entstanden im Geheimen während der vier Jahre zwischen 1941 und 1945 nur 15 Ölgemälde – darunter „Großer Mohn (rot, rot, rot)“ (1942) – und über 1.300 Aquarelle. Das Japanpapier war bereits im Haus, die Farben erhielt Nolde von Freunden. Der alternde und kränkliche Künstler, der sich am Beginn seines Schaffens bereits mit Joseph und dessen Traumgesichten identifizierte, sollte nun gänzlich aus seinen Erinnerungen, Träumen und Gefühlen arbeiten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte Nolde 60 Blätter in Gemälde um - immerhin etwa zwei Drittel des gesamten malerischen Werks der Nachkriegszeit.

Die Einschränkungen beim Ausüben seines Berufs machten das Arbeiten im Freien problematisch, und so verließ sich Nolde oft auf seine eigenen Erinnerungen, Phantasien und Träume seines geliebten Schleswig-Holstein. Der Rückzug in seine innere Welt ermöglichte ihm, radikale Bilder zu schaffen, in denen sich Farben und Grenzen auf völlig unerwartete Weise vermischten, ähnlich wie eine Vision oder ein Traum. Beispielsweise suchte er aktiv die fehlende Differenzierung zwischen Meer, Himmel und Land. Während der Kriegsjahre arbeitete Nolde bevorzugt in Aquarelltechnik, die er in den 1930er Jahren erneut für sich entdeckt hatte. Dabei nutzte er eine Nass-in-Nass-Technik auf Japanpapier. Bereits 1908 hatte er damit experimentiert, während er im Freien bei Cospeda gemalt hatte. Insgesamt entstanden mehr als 1.300 kleinformatige Aquarelle, die er „Ungemalte Bilder“ nannte und nach dem Krieg als Ölgemälde ausführen wollte.

 

 

Noldes „Ungemalte Bilder“ zwischen Experiment und Kunstwerk

Noldes Kunst wurde ab 1936 als „entartet“ diffamiert, aus Museen entfernt und 1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München lächerlich gemacht. Obwohl sich dem Maler dem Regime anbiederte, zeigten seine Proteste jedoch nicht den erwünschten Erfolg. Im August 1941 verhängte die Reichskammer eine Reihe von karrierehemmenden Einschränkungen für den damals 74-jährigen Nolde, der in Seebüll nicht mehr ausstellen oder verkaufen konnte.

In den Aquarellen beschäftigte sich Emil Nolde hauptsächlich mit der menschlichen Figur und auch grotesken Gestalten. Nur ein Drittel der Kompositionen zeigen Landschaften, Berge und das Meer, wie Astrid Becker in ihrem Aufsatz „Calculated Spontaneity: Emil Nolde’s ‘unpainted pictures’“ herausarbeitet.1 herausarbeitet. Er kehrte dafür immer wieder zu bereits getrockneten Aquarellen zurück, die er überarbeitete. Sowohl Vorder- wie auch Rückseiten sprechen bei den „Ungemalten Bildern“ mit. Vor allem das Auftragen von Farbe auf der Rückseite, die leicht auf der Vorderseite durchschimmert, erzeugt einen differenzierten koloristischen Effekt. Gleichzeitig ermöglichten die Aquarelle, schneller und spontaner zu arbeiten und zu experimentieren. Das förderte stilistische und inhaltliche Neuerungen. Je mehr der Maler seine Arbeiten auf Papier als Reflexionen dessen nutzte, was vor seinem geistigen Auge aufstieg, desto mehr schien er sie vor dem öffentlichen Blick zu schützen.

Von den 102 Ölgemälden, die Emil Nolde zwischen 1945 und 1951 ausführte, sind mindestens zwei Drittel mit einem Aquarell oder einer Zeichnung verbunden. Über 50 dieser Bilder begannen nachweisbar als „Ungemalte Bilder“. In den 1940er Jahren spielte Emil Nolde mit der Idee, seine „Ungemalten Bilder“ zusammen mit seinen aphoristischen „Worte am Rande“ über Kunst, Leben, Natur und gelegentlich auch alltägliche Ereignisse zu veröffentlichen. Dabei charakterisierte er die Affinität von Wort und Bild in der geplanten Publikation als Konstitution einer flüchtigen Idee zu einer in sich geschlossenen, selbstverständlichen Entität. Die „Ungemalten Bilder“ Noldes bleiben auch bei genauer Betrachtung widersprüchlich. Sie waren in erster Linie als Studien gedacht, also wurden sie auf Papierschnipsle gemalt. Zur gleichen Zeit konnten sie kaum als Skizzen oder Notizen beschrieben werden; im Gegenteil, in ihrer überlegten Ausführung und berechneten Spontaneität wirken sie wie autonome Werke, die Emil Nolde auch veröffentlichen wollte.

 

Noldes später Ruhm

In den 1940er Jahren spielte Emil Nolde mit der Idee, seine „Ungemalten Bilder“ zusammen mit seinen aphoristischen „Worte am Rande“ über Kunst, Leben, Natur und gelegentlich auch alltägliche Ereignisse zu veröffentlichen. Dabei charakterisierte er die Affinität von Wort und Bild in der geplanten Publikation als Konstitution einer flüchtigen Idee zu einer in sich geschlossenen, selbstverständlichen Entität. Die „Ungemalten Bilder“ Noldes bleiben auch bei genauer Betrachtung widersprüchlich. Sie waren in erster Linie als Studien gedacht, also wurden sie auf Papierschnipsle gemalt. Zur gleichen Zeit konnten sie kaum als Skizzen oder Notizen beschrieben werden; im Gegenteil, in ihrer überlegten Ausführung und berechneten Spontaneität wirken sie wie autonome Werke, die Emil Nolde auch veröffentlichen wollte.

Der Ruhm der „Ungemalten Bilder“ beruht nicht nur auf ihrer farbtrunkenen Virtuosität, wie Astrid Becker betont, sondern auch auf dem Mythos, den Emil Nolde um sie herum kreierte. Im letzten Kapitel seiner 4-teiligen Autobiographie „Reisen, Ächtung, Befreiung. 1919–1946“ berichtete er über die Konsequenzen, die er durch die Kulturpolitik des Nationalsozialismus erlitten hatte: die Konfiszierung seiner Bilder im Gefolge der berühmt-berüchtigten Kampagne gegen die sogenannte „Entartete Kunst“, das „Mal- und Verkaufsverbot“ und die Überwachung seiner Tätigkeiten durch die „Gestapo“. Nolde berichtet, dass er „heimlich [...] manchmal in einem kleinen, halb versteckten Raum gearbeitet hat. [Er] konnte nicht aufhören. Er durfte jedoch keine Materialien kaufen, also konnte er nur weiterarbeiten und kleine, besondere Ideen auf sehr kleinen Blättern malen, seine „Ungemalten Bilder“, die große, wirkliche Ölgemälde werden sollten, wenn sie und [er] das tun können.“

Erst 1960 wurden einige dieser Aquarelle in der vierten Jahresausstellung im Nolde Museum in Seebüll ausgestellt. Die Presse reagierte auf sie mit Schlagzeilen und schrieb u.a. „Noldes Aquarelle – Als er von der Arbeit ausgeschlossen war“. 1961 gingen die Blätter in einer Wanderausstellung ins Palais des Beaux-Arts in Brüssel und in den Kunstverein Hannover. Werner Haftmanns Buch „Ungemalte Bilder“ (1963) erschien, und 1964 wurde eine Auswahl dieser Aquarelle in einem eigenen Raum auf der documenta II gezeigt.

Als prominentestes Opfer der nationalsozialistischen Kunstpolitik feierte Emil Nolde nach 1945 Triumphe in der deutschen Kunstöffentlichkeit – nicht zuletzt mit seinen berühmten „ungemalten Bildern“. Insider wussten jedoch schon früh von seiner Sympathie für Hitler und das NS-Regime. Die Nationalgalerie präsentiert in Kooperation mit der Nolde Stiftung Seebüll die erste umfassende Ausstellung zu diesem Thema, mit über 100 zum Teil noch nie gezeigten Werken.

Eine Sonderausstellung der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, in Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung Seebüll

Beiträge zu Emil Nolde

7. August 2018
Emil Nolde, Dschunken (rot), 1913, Aquarell, 24 x 33.2cm (© Nolde Stiftung Seebüll)

Emil Nolde. Farbe ist Stärke Scottish National Gallery zeigt erstmals den deutschen Expressionisten

Emil Nolde - seine Landschaften zum Thema „Heimat“, seine Reise nach Neuguinea, und v.a. Noldes „Ungemalte Bilder“. Welche Ideen, Konzepte und künstlerischen Überzeugungen trieben den Expressionisten an?
25. Juni 2018
Wassily Kandinsky, Murnau – Landschaft mit grünem Haus, 1909 (Privatsammlung)

Vom Expressionismus zum Informel in Deutschland: Nolde, Kandinsky, Nay Farbe und Gefühl zwischen Figur und Abstraktion

Anhand einer konzentrierten Auswahl von 26 Werken zeichnet das Museum Barberini – parallel zur Ausstellung „Gerhard Richter. Abstraktion“ – den Weg vom Expressionismus zum Informel nach. Potsdam präsentiert dafür Gemälde von Willi Baumeister, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Ernst Wilhelm Nay, Emil Nolde, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Winter.
29. Dezember 2017
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Die Brücke in Baden-Baden Museum Frieder Burda zeigt 120 Werke des deutschen Expressionismus

Die farbenfrohen Werke des Deutschen Expressionismus sind ein wichtiger Schwerpunkt der Sammlung Frieder Burda. Die Mehrzahl der in der Sonderausstellung ausgestellten Werke kommt aus dem Brücke Museum Berlin, ergänzt durch bedeutende Leihgaben aus internationalen Sammlungen, der Sammlung Frieder Burda und der Sammlung Franz Burda.
  1. Astrid Becker: Calculated Spontaneity: Emil Nolde’s ‘unpainted pictures’, in: Ausst.-Kat. Edinburgh 2018, S. 88–95.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.