0

Remagen | Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Dalí – Arp Gegenüberstellung der zwei Surrealisten

Salvador Dalí, Hummertelefon, 1938 (West Dean College of Arts and Conservation © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Salvador Dalí, Hummertelefon, 1938 (West Dean College of Arts and Conservation © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Salvador Dalí und Hans Arp im Dialog macht erstmals konzentriert die zahlreichen Bezüge zwischen diesen zwei Protagonisten des Surrealismus nachvollziehbar und erlebbar. Im Obergeschoss des Neubaus zeigt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck hochkarätige und internationale Leihgaben von Werken der beiden Künstler Salvador Dalí und Hans Arp. In dialogischer Präsentation werden charakteristische Werkgruppen zu den Themen „Objekt“, „Schnurrbart“, „Körper“, „Genie“, „Form“, „Bureau surréaliste“ und „Sprache“ gebildet. Sie zeigen, wie sehr sich Dalí und Arp in ihrer Formensprache ähneln. Trotz der vielen Parallelen in den Werken der beiden Künstler verfolgen sie dennoch ihre eigenen Wege innerhalb des Surrealismus. So ist Salvador Dalí mit seinem akademischen Pinselstrich einer der wichtigsten Vertreter des veristischen Surrealismus, während Hans Arp mit seiner organischen Formensprache für den abstrakten Surrealismus steht.

„Lassen wir Picasso beiseite. Wir werden lernen müssen, uns besser mit Arp zu verstehen.“ (Salvador Dalí)

 

Surrealistisches Rendez-vous: Hans Arp und Salvador Dalí

Das kuratorische Konzept verfolgt zugleich die beiden Künstlerpersönlichkeiten, ihre Rolle im Surrealismus und die Überschneidung ihrer Biografien. Hans Arps und Salvador Dalís Wege kreuzen sich 1929 in Paris, als Dalí in den Künstlerkreis der Surrealisten aufgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist Arp bereits etabliertes Mitglied der surrealistischen Bewegung um André Breton. Hans Arp, der sich zuvor als einer der führenden kreativen Köpfe des Dadaismus in verschiedensten Techniken des Zufalls und der Intuition ausprobierte, konnte sich schnell mit den Ideen des Surrealismus identifizieren. Seine Texte und Werke werden in den wichtigsten Publikationen des Surrealismus abgedruckt und Arps Reliefs für ihre objektsprachliche Neuartigkeit gefeiert. Dalí ist daher schon vor 1929 mit dem Werk von Hans Arp bekannt und wesentlich von diesem Pionier der abstrakten Kunst beeinflusst. Davon zeugen Gemälde Dalís wie die „Spektralkuh“ aus dem Jahr 1928, die eindeutige Bezüge auf die biomorph-organischen Strukturen von Hans Arps Reliefs erkennen lassen.

 

 

In der Ausstellung treffen spektakuläre Arbeiten Salvador Dalís wie u.a. „Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen“ (1944) oder auch „Die Metamorphose des Narziss“ (1937) mit bisher nur selten gezeigten surrealistischen Holzreliefs von Hans Arp wie zum Beispiel „Blatt einer Frau“ (1935) oder Bronzen wie „Die kleine Sphinx“ (1942) aufeinander. Die Begegnung der ausgestellten Werke verdeutlicht, wie sehr Dalís Arbeiten um 1928 von abstrakt-organischen Formen geprägt sind, die ähnlich wuchern, wachsen und sich wandeln, wie es für die Kunst Hans Arps typisch ist. Die weich fließenden und organischen Strukturen der Arpʼschen Skulptur scheinen geradewegs einem Gemälde Dalís zu entspringen und andersherum. Auch die Lyrik Arps bildet eine weitere Schnittmenge miteinigen von Dalís Werken. Dabei werden zahlreiche Entsprechungen ihrer unbewussten Vorstellungswelten und verrätselten Visionen anschaulich. Dieses surrealistische Vokabular ist bei Dalí bildlich und bei Arp schriftlich in seiner Dichtkunst bis ins Spätwerk nachzuvollziehen. Wie für den Surrealismus typisch, finden wir sowohl bei Dalí als auch bei Arp traumartige und unerklärliche Bilder und Sequenzen: Uhren zerfließen oder haben Schnurrbärte, Körper haben Schubladen und Telefonhörer werden zu Hummern.

 

 

Dream of Venus

Angelehnt an den Pavillon „Dream of Venus“–den Dalí für die Weltausstellung in New York 1939 entwarf –bietet sich im Kabinett die Möglichkeit in eines der ersten Environments der Kunstgeschichte einzutauchen und damit auch in die surreale Welt Salvador Dalís. Für die richtige Atmosphäre sorgt dabei vor allem die Aufnahme des Originaltons aus eben diesem Pavillon, der mit aufwändigen Kulissen und bizarr gekleideten Akteurinnen und Akteuren inszeniert war. Zum allerersten Mal seit jener Zeit ist die verführerische Stimme der „Venus“ und der Chor ihrer Verehrer*innen nun wieder zu hören.

 

 

Dalí: Ein multimediales Corporate Design

Wie kaum ein anderer hat es Dalí geschafft, nicht nur durch seine einzigartige Malerei Berühmtheit zu erlangen, sondern auch als Inbegriff des exzentrischen Künstlers zum Star zu werden. Er bringt die Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, zwischen Kunst und Alltag zum Einsturz und erreicht so ein breites Publikum. Diesem genialen Selbstmarketing in all seinen Facetten ist im historischen Bahnhof ein Kapitel gewidmet: Dalí als Mythos, Marke und Multimediakünstler.

Der Wunsch nach der Entgrenzung seiner Kunst, die zu einer neuen, ganzheitlichen Kunsterfahrung führen sollte, brachte Salvador Dalí in die Welt des Films. Während seines Schaffens entwickelt er fortwährend Konzepte für Filmprojekte, nur eine Handvoll wurde allerdings umgesetzt. Davon sind vier in der Ausstellung zu sehen: die beiden wegweisenden wie innovativen surrealen Meisterwerke „Ein andalusischer Hund“ (1929) und „Das goldene Zeitalter“ (1930) –beide in Zusammenarbeit mit Luis Buñuel entstanden. Zudem die von Dalí gestaltete Traumsequenz aus Hitchcock’s „Spellbound“ (1945) und die Disney-Kooperation „Destino“ (1945/2003).

Ein besonderes Highlight ist der 360°-Film „Dreams of Dalí“–ursprünglich für das Dalí-Museum in St. Petersburg (Florida) kreiert. Hierbei können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung mittels einer VR-Brille in die Traumillusionen des surrealen Meisters eintauchen. Zeitgleich bietet dieser Ausstellungsteil im Bahnhof mit Fotografien des berühmten Porträt- und Modefotografen Philippe Halsman auch intime Einblicke in die Welt Salvador Dalís und seines ikonischen Schnurrbarts. Dalí lässt sich heute als kreatives Allround-Talent betrachten. Seine künstlerische Genialität geht dabei über seine Gemälde und sein filmisches Werk weit hinaus und umfasst auch das Produktdesign–Objekte wie Aschenbecher, Krawatten oder Möbel.

Als Meister der Selbstinszenierung wird Dalí selbst zum Kunstwerk und zu einer Marke, die sich mit der Zeit verselbstständigte und heute weltweitbekannt ist. So ziert sein weltberühmter Schnurrbart bis heute zahlreiche Zeitschriftencover und sogar auf Briefmarken finden seine Werke Verbreitung. Die Begeisterung Salvador Dalís für neue Technologien wird innerhalb der Ausstellung mit einer Augmented-Reality-Anwendung gewürdigt. Der Fachbereich Mediendesign der Hochschule Mainzentwarf eigens für diese Ausstellung ein Aussichtsfernglas mit Blick in die Rheinlandschaft, die plötzlich bevölkert wird von Dalís einzigartigen Kreaturen – Elefanten, Tigern, Fischen, Bienen. So bildet der Ausguck des Richard-Meier-Baus mit dieser neuen Technologie die Möglichkeit, Dalís multimediale Bestrebungen in unsere Gegenwart zu überführen und mit seinem zweidimensionalen malerischen Werk zu vereinen.

 

Ausgestellte Kunstwerke und Medien

  • Von Salvador Dalí: 12 Gemälde, 2 Assemblagen, 2 Zeichnungen, 42 Grafiken,4 Filme,1 Oper und 1 Lippen-Sofa. 2 multimediale Anwendungen mit Motiven von Dalí (360°-Video und Aussichtsfernglas mit Augmented-Reality-Anwendung)
  • Zur Rezeption von Dalí: 100 Fotografien, 50 Objekte, 100 Zeitschriften
  • Von Hans Arp: 45 Werke (Ölgemälde, Skulpturen, 1 Tapisserie, Reliefs, Papierarbeiten

Quelle: Pressetext

 

Dalí – Arp: Bilder

  • Salvador Dalí, Die Spektralkuh, 1928 (The Salvador Dalí Museum, St. Petersburg (Florida) © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres)
  • Salvador Dalí, Die Metamorphose des Narziss, 1937 (Tate, London © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres)
  • Salvador Dalí, Hummertelefon, 1938 (West Dean College of Arts and Conservation © Fundació Gala-Salvador Dalí)
  • Salvador Dalí, Der Traum der Venus, 1939 (Hiroshima Prefectural Art Museum © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres)
  • Salvador Dalí, Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen, 1944 (Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid© Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres)
  • Salvador Dalí, Kopf von Beethoven 1973 (© Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres)
  • Hans Arp, Torso mit Nabeln, 1924/1963 (Arp Museum Bahnhof Rolandseck)
  • Hans Arp mit Nabelmonokel, Unbekannter Fotograf, 1926
  • Hans Arp, Blatt einer Frau, 1935 (Kunstmuseum Bonn, Leihgabe der Prof. Dr. med. Wilfried und Gisela Fitting Stiftung)
  • Hans Arp, Kleine Sphinx, 1942 (Fondazione Marguerite Arp, Locarno)

Weitere Beiträge zum Surrealismus

29. März 2025
Linda Lomahaftewa, Untitled Woman's Faces, 1960s, Öl auf Leinwand, 91.4 × 121.9 cm (Heard Museum, Phoenix, Gift of the artist © Linda Lomahaftewa)

New York | Whitney Museum: Sixties Surreal Psychosexuelle, fantastische und revolutionäre Tendenzen | 2025/26

Im Whitney Museum widmet sich „Sixties Surreal“ der Frage, wie der historische Surrealismus des frühen 20. Jahrhunderts den Grundstein für eine Art „volkstümlichen“ Surrealismus der 1960er Jahre legte – insbesondere in Amerika.
26. Februar 2025
Leonor Fini, Selbstporträt, Detail, 1941 (Privatsammlung)

Mailand | Palazzo Reale: Leonor Fini Der Blick der Sphinx | 2025

Leonor Fini beschäftigte sich mit grundlegenden Fragen der Gesellschaft. Sie hinterfragte in ihrer Kunst Geschlechterrollen, Identität, Zugehörigkeit, etablierte Familienmodelle, Männlichkeit und Weiblichkeit. Der Palazzo Reale widmet der geheimnisvollen Surrealistin eine Einzelausstellung.
21. Februar 2025

Hamburg | Bucerius Kunst Forum: Sonja Ferlov Mancoba, Maria Martins, Isabelle Waldberg Bildhauerinnen des Surrealismus | 2025

Sonja Ferlov Mancoba (1911–1984), Maria Martins (1984–1973) und Isabelle Waldberg (1911–1990), drei bedeutende Bildhauerinnen des Surrealismus, sind erstmals im Hamburger Bucerius Kunst Forum gemeinsam zu sehen.

Aktuelle Ausstellungen

29. März 2025
Vincent van Gogh, Joseph Roulin, Detail, Arles Anfang 1889, Öl auf Leinwand, 64,4 x 55,2 cm (MoMA, New York)

Boston | MFA Boston: Van Gogh und die Familie Roulin Van Goghs beste Freunde in Arles | 2025

Vincent van Goghs (1853–1890) Leidenschaft für die Porträtmalerei erblühte zwischen 1888 und 1889, als der Künstler während seines Aufenthalts im südfranzösischen Arles mehrere Porträts einer benachbarten Familie schuf – des Postboten Joseph Roulin, seiner Frau Augustine und ihrer drei Kinder Armand, Camille und Marcelle. Erstmals versammelt diese Ausstellung die Bildnisse der Familie Roulin.
29. März 2025

Kopenhagen | SMK: Michelangelo Gipsabgüsse, Zeichnungen und Briefe | 2025

Gipsabgüsse, Zeichnungen und Briefe Michelangelo Buonarroti (1475–1564) erschließen sein Leben und seine Kunst. Eingehende Studien seiner Skulpturen zeigen die komplexe Beziehung zwischen Original und Reproduktion im digitalen Zeitalter.
28. März 2025
Pierre-Auguste Renoir, Der Zopf, Detail, 1886/87, Öl auf Leinwand (Museum Langmatt, Baden, © Foto: Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown, Baden, Schweiz)

Köln | Wallraf: Impressionistische Meisterwerke aus dem Museum Langmatt Schweizer Schätze | 2025

Mit Werken von Boudin, Corot, Courbet, Gauguin, Renoir, Pissarro, Monet, Sisley, Degas, Cassat, Cézanne und Redon.
FacebookTwitterGoogle+Pinterest