Was ist Surrealismus?

Der Surrealismus (franz. Über-Wirklichkeit) ist kein Stil und auch keine Kunstrichtung, sondern beschreibt eine antibürgerliche Lebenshaltung bzw. eine Kunst, die sich dem Traum (Albtraum), dem Fantastischen, dem Irrationalen, der Erotik, dem Tabubruch bewusst öffnet, um der Barbarei des Ersten Weltkriegs neue Sichtweisen entgegenzuhalten.

„schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

In Anschluss an die Traumdeutung und die Theorie des Unbewussten in den Schriften Sigmunds Freuds wollten die Surrealisten den unbewussten Zuständen menschlichen Lebens – im Gegensatz zu Materialismus, Positivismus, Rationalismus und die Herrschaft der Logik – einen fundamental neuen Stellenwert verleihen. Assoziationen, künstlerische Zusammenarbeit und neuartige Techniken der „Nichtkomposition“ wie das Aufschreiben von Traumfetzen, Hypnose, automatisches Schreiben und Zeichnen sollten eine Auflösung der Grenzen bürgerlicher Moral- und Wertvorstellungen aber auch des traditionellen Schönheitsbegriffs als Grundlage der Kunst bezwecken. Wichtige Vorläufer sahen die Künstler des Surrealismus sowohl in der Kunst der Frührenaissance und dem Expressionismus, der Kunst des Dada wie auch in außereuropäischen Kunstwerken (Afrika, Ozeanien und Neukaledonien).

„Der Surrealismus ist keine poetische Form. Er ist ein Aufschrei des Geistes, der zu sich selbst zurückkehrt“1 (Antonin Artaud, Anfang 1925)

Zur Gründunggeschichte des Pariser Surrealismus gehören eine Handvoll Literaten, einige Maler und ein am 15. Oktober 1924 publiziertes, erstes Manifest. Das von André Breton (Tinchebray 1896–1966 Paris) verfasste Manifest, zählt heute neben seiner zweiten, aktualisierten Version von 1929, den von den Surrealisten herausgegebenen Zeitschriften wie den von ihnen veranstalteten Ausstellung zu den wichtigsten Quellen der avantgardistisch-revolutionären Ziele der Gruppe

Die Gründungsmitglieder des Surrealismus wurden nahezu alle in den 1890er Jahren geboren, während die Surrealistinnen – oft als Freundinnen der Protagonisten – ca. 10 bis 20 Jahre jünger waren. Die Literaten der Gruppe stammten hauptsächlich aus Frankreich, die Bildenden Künstlerinnen und Künstler waren hingegen international und kamen aus Frankreich, Deutschland, Belgien, Spanien, Österreich, Mexiko und den USA nach Paris, um sich in der Seine-Metropole ausbilden zu lassen bzw. die jüngsten Impulse aufzunehmen.

 

Chronologie des Surrealismus

Die früheste gemeinsame Publikation der späteren Surrealistenkerngruppe Louis Aragon, André Breton, Jean Cocteau, Pierre Reverdy und Philippe Soupault erschein bereits im Januar 1916 in der Avantgardezeitschrift SIC. Mitten im Ersten Weltkrieg versammelte sich eine Gruppe von Literaten, um dem Irrsinn der Welt eine Über-Wirklichkeit entgegenzuhalten. Die Schriftsteller besuchten einander häufig, Apollinaire hatte Gemälde von Picasso und Braque aber auch Plastiken aus Afrika und Ozeanien in seiner Wohnung. Von März bis April 1918 leisteten Aragon und Breton Dienst in der Abteilung für Geisteskranke im Hôpital d’instruction des armées du Val-de-Grâce und lasen die Werke des Comte de Lautréamont. Erst nach Ende des Kriegs kamen die Künstler wieder in Paris zusammen: Breton und Paul Eluard lernten einander im Mai kennen. Duchamp zog im Juli 1919 von Amerika nach Paris zurück, er lernte Breton im Frühsommer 1921 kennen. Francis Picabias Werke wurden beim Herbstsalon (1.11.-10.12.) unter der Treppe aufgehängt, worauf die Künstler einen Skandal entfachten.

Mit „Les champs magnétiques“ veröffentlichten Breton und Philippe Soupault 1920 den ersten Sammelband des Surrealismus, da sie darin konsequent die Technik des Écriture automatique anwandten. Im folgenden Jahr übersiedelten André Masson und Joan Miró nach Paris und bezogen ein Atelier in der Rue Blomet 45. Aus dieser Ateliernachbarschaft entwickelte sich eine Keimzelle des malerischen Surrealismus. Als der wichtigste frühe Surrealist gilt aber Max Ernst, der 1921 für eine Ausstellung in der Galerie Au Sans Pareil (3.5.-3.6.1921) nach Paris kam und ab Ende 1922 blieb.

Erstmals kam die Frage auf, welche gesellschaftliche Verantwortung Kunst und die Künstler hätten, womit sich die Surrealisten von den Dadaisten abspalteten und sogar gegen diese polemisierten. Als „Gründungsjahr“ für die surrealistische Malerei kann damit 1923 bezeichnet werden, da nach der konfliktreichen Abspaltung von den Dadaisten, Künstler wie Max Ernst und André Masson begannen, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Teils ist diese durch automatische Äußerungen bestimmt, die Zeichnung (à la Raffael!) steht im Vordergrund, die Inhalte waren dem Unbewussten, dem Traumzustand, der Poesie, dem Absurden, dem Gefährlichen, dem Geheimnisvollen gewidmet. Die Entwicklung eines gemeinsamen Stils - im Sinne einer Recherche nach malerischen Möglichkeiten wie sie mit persönlichen Abstrichen im Impressionismus, Kubismus (Zerstörung der Form) und der Abstraktion erprobt wurde - ist im Surrealismus kein Ziel. Stattdessen geht es den Künstlern um Verformungen des Alltäglichen, Erfindungen phantastischer Momente, Metamorphosen, Zusammenstellungen beziehungsloser Gegenstände, die Darstellung von Sex und Gewalt.

 

Das erste Surrealistische Manifest (15. Oktober 1924) – die wichtigsten Argumente

Im ersten Manifest bekennen sich die Künstler rund um André Breton zu ihrem verlorenen Glauben an das „reale Leben“, definieren den Menschen als „entschiedenen Träumer“, der seine grenzenlose Fantasie „nur noch erlaubt, sich nach den Gesetzen einer willkürlichen Nützlichkeit zu betätigen“. Materialismus, Positivismus, Rationalismus und die Herrschaft der Logik werden zu feindlichen Haltungen, die Intellektualität und Moral verkümmern lassen. Ideen wie „Freiheit“ faszinieren die Unterzeichner, in Halluzinationen und Illusionen finden sie „Quellen des Genusses“. Daher bewerten sie den „Wahnsinnigen“ neu, der oftmals seiner Freiheit beraubt wird, sobald er als „Opfer ihrer Einbildungskraft“ die „gewisse Konventionen nicht beachten“. Den „Stil der bloßen Information“ (v. a. in Romanen) strafen sie mit Verachtung und beschwören im selben Atemzug Aberglaube und Hirngespinste. Mit den Worten „Insofern sind wir Freud zu Dank verpflichtet“, stellen sich die Surrealisten in den Windschatten des berühmten „Vaters“ der Psychoanalyse und vor allem der Traumdeutung. Der Begriff „Surrealität“ soll eine „künftige Auflösung der scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität“ bezeichnen. In der Folge beschreibt Breton eine Reihe von surrealistischen Techniken, die sich allesamt „durch einen sehr hohen Grad von unmittelbarer Absurdität auszeichnen“:

SURREALISMUS, Subst., m. –  Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.
ENZYKLOPÄDIE. Philosophie. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen. Zum ABSOLUTEN SURREALISMUS haben sich bekannt: Aragon, Baron, Boiffard, Breton, Carrive, Crevel, Delteil, Desnos, Éluard, Gérard, Limbour, Malkine, Morise, Naville, Noll, Péret, Picon, Soupault, Vitrac.

 

Vorbilder der Surrealistinnen und Surrealisten

Für die Bildende Kunst bedeutet der Surrealismus eine Fortführung der fantastischen Aspekte wie Metamorphosen, die von vielen Forschern in ähnlicher Form im Manierismus und Symbolismus ausgeprägt sehen, aber auch Neuschöpfung kreativer Technischen wie die Décalcomanie (Farbabklatsch), das Fotogramm (Direktbelichtung des Films ohne Kamera) und Grattage (Abkratzen von Malschichten). Obwohl die Surrealisten von einer Revolution sprachen, sahen sie sich dennoch in der Entwicklungsgeschichte der Bildenden Kunst verankert. Im Ersten Surrealistischen Manifest, das Ende 1924 herausgegeben wurde, werden in einer Fußnote folgende Künstler als Vorbilder bezeichnet:
„Uccello, Seurat, Gustave Moreau, Matisse (in „La Musique“ zum Beispiel), Derain, Picasso (bei weitem der reinste: Picasso. Frieden und Freiheit), Braque, Duchamp, Picabia, Giorgio de Chirico (so lange bewundernswert: Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade), Klee, Man Ray, Max Ernst und, uns so nahe, André Masson.“ In dieser Auflistung findet sich eine interessante Reihe von Vorbildern und Mitgliedern der ersten Generation der Surrealisten. Vom Florentiner Renaissancemaler Paolo Uccello (eigentlich Paolo di Dono, Florenz 1397–1475) springt die Liste ans Ende des 19. Jahrhunderts und bringt mit Georges-Pierre Seurat (Paris 1859–1891 Paris) den jung verstorbenen Erfinder des Pointillismus (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus) mit dem wichtigsten Symbolisten Frankreichs, Gustave Moreau (Paris 1826–1898 Paris), zusammen. Dieser war auch der liberale Lehrer von Henri Émile Benoît Matisse (Le Cateau-Cambrésis/Frankreich 1869–1954 Nizza → Henri Matisse. Figur & Ornament), der mit dem Gemälde „Die Musik“ für den russischen Kunstmäzen Sergei Iwanowitsch Schtschukin „innere Ausgeglichenheit durch Vereinfachung der Ideen und gestaltenden Formen erreichen“ (Henri Matisse) wollte.

André Derain (Chatou/Frankreich 1880–1954 Garches/Frankreich) war anfangs Mitglied der Fauves rund um Matisse (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus), entwickelte jedoch ab 1908 gemeinsam mit Pablo Picasso (Malaga/Spanien 1881–1973 Mougins/Frankreich) und Georges Braque (Argenteuil 1882–1963 Paris) die Grundlagen des Kubismus. Das Gemälde „Les Desmoiselles d’Avignon“ (1907) wurde von Breton in Picassos Atelier als Meisterwerk entdeckt und dem Sammler Jacques Doucet zum Kauf empfahl. Nachdem er Ende 1924 das Werk direkt von Picasso erworben hatte, wurde es 1925 in der Zeitschrift La Révolution surréaliste erstmals abgebildet.

Von Marcel Duchamp (Blainville 1887–1968 Paris) und Francis Picabia (Paris 1879–1953 Paris) lernten die Surrealisten Poesie, analytisches Denken und Nonsenslogik. Die beiden hatten einander 1911 in Paris kennen gelernt und freundeten sich an. Im Jahr 1915 übersiedelten sie nach New York City, wo sie Man Ray (Philadelphia/USA 1890–1976 Paris) trafen. Dieser hatte 1913 in der berühmten Armory Show das Gemälde „Akt, die Treppe herabsteigend, Nr. 2“ (1912) von Marcel Duchamp gesehen, mit dem der französische Maler Bewegung darstellen wollte. Man Ray war so fasziniert, dass er ein halbes Jahr selbst nicht mehr künstlerisch arbeiten konnte. Zu dritt entwickelten Duchamp, Picabia und Man Ray eine neue, individuelle Ausdrucksweise, die als DADA New York und später Paris berühmt wurde. Duchamp wurde in diesen Jahren ein Objekt- und Konzeptkünstler, und drückte seine Ideen in unkonventionellen Medien aus. Drunter auch ein Urinal, das unter dem Titel „Fountain“ 1917 nicht in einer Ausstellung gezeigt werden durfte. Die Diskussion um die handwerkliche Fertigung eines Kunstwerks gilt heute als Wendepunkt in der Geschichte der Moderne. Picabia hingegen blieb sein gesamtes Leben bei der Malerei, wenn er auch Fotografie und Objektkunst zusätzlich nutzte.

Die Surrealisten schätzten Giorgio de Chirico für seine Gemälde mit geheimnisvollen Arkaden, menschenleeren Plätzen und Figurinen. Noch 1941 fasste André Breton den Eindruck von De Chiricos Gemälden zusammen: „Die Bilder von Chirico vor 1918 sind die einzigen, die immer vor den Augen der Jüngeren standhielten, den strengsten und misstrauischsten in den letzten 20 Jahren. Man kann sagen, dass unter all den Bildern, die gleichzeitig entstanden, die seinen wirklich einmalig hervorragen; und, weil sie die am wenigsten konformistisch Gesinnten, übrigens die entgegengesetztesten Geister, um sich zu versammeln vermögen, bleibt ihre Ausstrahlungsmacht ungeheuer; sie stehen noch ganz am Anfang ihrer Wirkungsgeschichte.“[[Zitiert nach Schneede, S. 16.]] Die Rückkehr des italienischen Malers zu einer realistischen Kunst im Jahr 1918 führte zur partiellen Abwendung unter dem Schlagwort, nur bis 1918 wäre seine Kunst von Bedeutung.

Paul Klee (→ Klee & Kandinsky) brachte den Surrealisten bei, dass die Vereinfachung moderner Kunst auch durch Kinderaugen gelingen könnte. Mit Man Ray, Max Ernst und André Masson werden ein Fotograf bzw. Objektkünstler und zwei Maler als erste wirkliche Mitglieder der Surrealistischen Bewegung genannt. Wie kam es dazu?

 

Das Zweite Surrealistische Manifest (1929)

André Breton, Louis Aragon, Paul Éluard und Pierre Unik hatten sich 1927 der Kommunistischen Partei Frankreichs angeschlossen. Die Veröffentlichung des Zweiten Manifests des Surrealismus zwei Jahre später besiegelte den militanten Kurswechsel der Bewegung, die sich in den Dienst der Revolution stellte und sich die philosophischen Grundlagen des Marxismus zu eigen machte. Auf der Suche nach einer Methode, mit der sich das Unbewusste und die Reallität miteinander verbinden ließe, nahm die Gruppe den 1929 nach Paris übersiedelten Salvador Dalí und dessen Kritische Paranoia mit weit geöffneten Armen auf. Im Dictionnaire abrégé du surréalisme (1938) definierten sie Breton und Éluard sie als „eine spontane Methode irrationaler Erkenntnis, die auf der kritisch-systematischen Objektivierung wahnhafter Assoziationen und Interpretationen beruht“.

 

Surrealismus und Primitivismus

Es leben Menschen, von denen wir glauben, dass sie den Primitiven noch sehr nahestehen, viel näher als wie, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die sogenannten Wilden [...] deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gute erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen. Wenn diese Voraussetzungen zutreffend sind, so wird eine Vergleichung der "Psychologie der Naturvölker", wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt geworden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Licht zu sehen.2 (Sigmund Freud, Totem und Tabu, 1913)

Ab 1905 wurden außereuropäische Kunstwerke für Maler und Bildhauer wie Pablo Picasso, Constantin Brancuşi oder Amedeo Modigliani zu Impulsgebern für die Entwicklung der Moderne. Anfangs beschäftigten sich die Künstler mit der Nachahmung der Formen und der Lebenswelt (vor allem die deutschen Expressionisten der Brücke). Diese Phase lässt sich als Exotismus oder Primitivismus bezeichnen.

Im Dadaismus ging es den Beteiligten um die Dekosntruktion der Sprache und des Akademismus. In diesem Sinne wird der Dadaismus häufig als künstlerischer und literarischer Primitivismus beschrieben.

Der Surrealismus ist gekennzeichnet durch eine große und auch aktive Sammelleidenschaft, die sowohl die Charakteristika von Aneignung wie Verteidigung tragen. Die bereits kanonisierten Formen der Skulpturen der Kota und die Masken der Fang zogen mit ihren emblematischen Gestaltungsweisen die Surrealisten gleichsam magisch an. Erste Publikationen über afrikanische Kunst gab es in den 1910er Jahren (z. B. Carl Einstein, Guillaume Apollinaire, Paul Guillaume), hier konnten die Künstler des Surrealismus bereits anschließen. Gleichzeitig öffneten sie sich weiteren Kulturregionen der Welt: Sie präsentierten ihre Werke gemeinsam mit Objekten aus Afrika, Ozeanien, beide Amerikas, Neukaledonien - sowohl in traditionellen Ausstellungen wie auch Publikationen.

Damit wollten sie Kunst und Rezeption von Kunst revolutionieren. Es ging den Künstlern des Surrealismus darum, ästhetische Normen der schönen Künste und die Hierarchien der Kulturen zu stürzen. In den außereuropäischen Exponaten sahen sie auch Hilfsmittel, um eine symbolische Gewalt gegen den Westen zu entfessen. Daher unterstützten sie die in kolonaler Fremdherrschaft gefangenen Ethnien in ihrem Kampf. Dieser Antikolonialismus ging auch aus dem Bündnis der Surrealisten mit der kommunistischen Partei Frankreichs und deren Fundamentalkritik am Imperialismus hervor. Erst die Ausstellung Primitivism in 20th Century Art im Museum of Modern Art stellte 1984 diese hohe Bedeutung der außereuropäischen Kulturen für die Entwicklung des Surrealismus wieder heraus.3

 

Peggy Guggenheim, Sammlerin und Galeristin des Surrealimus

Zu den frühesten internationalen Förderinnen des Surrealismus zählt Peggy Guggenheim (1898–1979). Die wohlhabende Erbin aus New York, deren Onkel Solomon R. Guggenheim die ungegenständliche Kunst sammelte und das gleichnamige Museum begründete (→ Das Guggenheim Museum: Solomon R. Guggenheim und die ungegenständliche Kunst), begann sich 1937 für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Angeleitet von Marcel Duchamp sammelte sie Werke des Surrealismus. Ihr erstes Gemälde war Paul Delvaux' „L’Aurore“ (1937). In ihrer Londoner Galerie Guggenheim Jeune organisierte Peggy Guggenheim zwischen Jänner 1938 und 1939 zwanzig Ausstellungen, die erste stellte das Werk von Jean Cocetau vor. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindete die Eröffnung eines Museums für zeitgenössische Kunst in London. Stattdessen kaufte Guggenheim bis 1947 den Grundstock ihrer später so berühmten Sammlung. Mit ihrer Art of This Century Gallery in New York verwirklichte sie ihren Traum von einem kommerziell geführten Museum (1942-1947). Hier brachte die vielseitig interssierte Galeristin die emigrierten Surrealisten mit der sich formierenden Schule von New York zusamen. Der in der Mitte der 1940er Jahre entwickelte Abstrakte Expressionismus geht in vielen Elementen auf die Neubewertung des Unbewussten durch den Surrealismus zurück.

 

Künstlerinnen und Künstler des Surrealismus

Max Ernst - der erste Maler des Surrealismus

Der Rheinländer Max Ernst wandte sich 1919 dem Dadaismus zu und begann mit Fotomontagen zu arbeiten. Im Jahr 1922 verließ er seine Frau und seinen Sohn und übersiedelte nach Paris. Hier malte er von Traumfetzen inspirierte Kompositionen und wurde dafür im Ersten surrealistischen Manifest als einziger Maler erwähnt. In den folgenden Jahren malte er „stillos“ und erfand Maltechniken, mit denen er das automatische Schreiben der Literatenfreunde auf die Malerei übertrug:

  • Frottage: Durchreiben von vorgefundenen Strukturen auf einen Bildträger - z. B. „Histoire naturelle“ (1925)
  • Grattage: Herunterkratzen von angetrockneter Farbe
  • Dekalkomanie: Abklatschen von noch feuchter Farbe auf einen Malgrund
  • Oszillation: automatisches Schreiben von Linien auf einem Bildträger durch Schwingen einer leckenden Farbdose

In seiner Malerei wechseln sich poetische Schneeblumen-Kompositionen mit Urwaldbildern, Inseln mit Sonnenscheibe, tote Wälder, Tropfsteinhöhlen aus Südfrankreich etc. ab. Die Flucht vor den Nationalsozialisten gelang Max Ernst 1940 mit Hilfe seiner späteren zweiten Ehefrau Peggy Guggenheim. Die Ehe mit der berühmten und exzentrischen Sammlerin währte nur kurz. 1943 ließ sich Max Ernst von Peggy Guggenheim scheiden, um mit der amerikanischen Malerin Dorothea Tanning nach Arizona zu übersiedeln. Im Jahr 1953 kehrte der Künstler wieder nach Frankreich zurück. Ein Jahr später gewann er den Großen Preis für Malerei auf der 27. Biennale von Venedig, weshalb ihn André Breton aus der Gruppe des Surrealismus ausschloss.

 

Joan Miró - poetische Symbolkunst

Das Frühwerk des Katalanen Joan Miró ist geprägt von dessen Auseinandersetzung mit Expressionismus (Fauvismus), Kubismus und Realismus. Mit Gemälden des „poetischen Realismus“, scheinbar naive, stark vereinfachte Darstellungen des bäuerlichen Lebens aus der Umgebung von Barcelona, gelang ihm der Durchbruch in Paris, wo er sich seit 1920 jedes Jahr für mehrere Monate aufhielt. Dem Surrealismus stand Joan Miró ab 1923/24 nahe, als er begann Formen zu Symbolen zu verwandeln, deren Beziehungen zueinander nicht mehr logisch zu klären sind. Mit den Mitte der 1920er Jahre entstandenen „Traumbildern“ schloss er sich inhaltlich der Gruppe an, auch wenn sein Lebensstil kaum einen Surrealisten vermuten hätte lassen.

Zum Bruch mit den Künstlern des Surrealismus kam es 1928/29, nachdem Joan Miró auf einer Hollandreise Werke der niederländischen Genremalerei des Goldenen Zeitalters (17. Jahrhundert) studierte. In den „Holländischen Interieurs“ verwandelte er Motive von geschätzten Bildern in seine surreaistische Bildsprache. Die Auseinandersetzung mit den Alten Meistern - vielleicht aber auch seine Hochzeit - stürzten den Maler 1929 in eine tiefe Kriese, die er durch die „Ermordung der Malerei“ zu lösen hoffte. In den Ende der 1920er Jahre entstandenen Collagen und Assemblagen arbeitete er kaum mehr mit Ölfarbe, sondern schuf Assoziationsmöglichkeiten in 3D. „Wilde Bilder“ ermöglichten Joan Miró die Malerei für sich selbst wiederzuentdecken. Die Beschäftigung mit Sternenbildern schloss diese Phase ab.

Der reife Stil von Joan Miró ist geprägt von der Lust am Malen wie am plastischen Gestalten. Großformatige Aufträge waren äußerliche Zeichen für seinen zunehmenden Ruhm. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte André Breton bereits beschlossen, das Miró kein Surrealist mehr wäre.

 

Alberto Giacometti - Bildhauer des Surrealismus

Anfang Januar 1922 übersiedelte der Schweizer Maler Alberto Giacometti nach Paris, wo er an der Académie de la Grande Chaumière bei Antoine Bourdelle Unterricht nahm. Hier studierte er bis 1927 und entdeckte 1924 die Stammeskunst für sich. Der Bildhauer stellte im Juni 1929 in der Galerie Jeanne Bucher aus, wo André Masson seine geheimnisvollen Skulpturen entdeckte. Nach einem Atelierbesuch entschloss sich die Gruppe um André Breton, den jungen Bildhauer aufzunehmen. Giacometti hatte sich in den führen, surrealistischen Werken von der Wiedergabe der Alltagswelt gelöst und suchte Äquivalente für seine innere Welt, seine Träume, sein Unbewusstes. Jahre später meinte er, egal ob er Figuren oder abstrahierte, symbolträchtige Objekte schuf, immer wäre es „die Totalität des Lebens“ gewesen, die er darstellen wollte. In den Jahren von 1930 bis 1934 war Alberto Giacometti der wichtigste Bildhauer des Surrealismus. Zum Bruch mit André Breton, dem selbsternannten Hohepriester des Surrealismus, kam es, nachdem Giacometti 1934 erneut das Aktstudium aufgenommen hatte. Am 14.Februar 1935 wurde er hochoffiziell aus der Gruppe ausgeschlossen.

 

Man Ray – Objekte, Fotogramme und die Vogue

Man Ray hatte nach einem Kunststudium in New York die Fotografie entdeckt und meinte, von Reproduktionen und Arbeitsfotos leben zu können. Ab dem 14. Juli 1921 lebte er in Paris. Hier bot er sich als professioneller Reprofotograf an und arbeitete u. a. für Picabia, Braque, Matisse, Picasso, Rousseau. Er hatte noch am Tag seiner Ankunft Breton, Eluard und Soupault im Café Certá kennen gelernt.
Seine wichtigste Erfindung ist die so genannte „Rayografie“. Im Jahr 1921 oder 1922 „entdeckte“ besser machte er die kameralose Fotografie für sich fruchtbar. Dazu arrangierte er einige Glasgegenstände auf dem Fotopapier, das bereits mit Entwicklerlösung bestrichen war, und belichtete es. Vor seinen Augen entstanden auf wundersame Art Bilder. In der Folge nutzte Man Ray dafür einen Kamm, Filmrolle, Korkenzieher, Glasobjekte, „Slinky“ (eine Drahtspirale, die sich selbständig bewegen kann, eigentlich ein Kinderspielzeug) und schuf – vom ihm benannte – Rayogramme als „Illustrationen“ für seine Mappe „Champs Délicieux“ (1922, Auflage 40 Stück).
Durch einen Kontakt mit Paul Poiret, dem wichtigsten Pariser Modeschöpfer der 20er Jahre, machte Man Ray den Schritt in die Modefotografie und wurde bald ein gefragter Fotograf von Harper’s Bazar, Vogue, Vu, Vanity Fair. Wenn er auch mit den Porträtaufnahmen berühmt wurde, so waren es seine Rayogramme, die ihn zu einem Mitglied der Surrealisten machte.

 

André Masson – das automatische Zeichnen

Bevor Masson Surrealist wurde, war er stark vom Kubismus beeinflusst. Um 1923 oder 1924 entwickelte er, angeregt von Bretons „automatischen Texten“, eine zeichnerische Écriture automatique. Mit schneller Bewegung und ohne zuvor Bildinhalt oder Komposition festgelegt zu haben, bewegte er seine Hand über das Blatt. „Wenn man sehr rasch arbeitet, ist die Zeichnung mediumartig, als würde sie vom Unbewussten diktiert“[[Zitiert nach Schneede, S. 90.]], beschrieb Masson selbst den Vorgang und seinen Effekt. Wichtig war es jedoch vor diesen Zeichnungsexperimenten „für Leere zu sorgen“, was bei Masson wohl auch die Einnahme von Alkohol und Drogen beinhaltete. Viele der Werke André Massons zeigen Verwandlungen von Körpern und abstrakten Gebilden. Man trifft in ihnen häufig auf Kampf, Zerstörung und Verletzung. Im Gegensatz zu Max Ernst steuerten Masson und auch Miró eine abstrahierende, informelle (unförmige) Tendenz zum Surrealismus bei. Diese wird in der amerikanischen und französischen Nachkriegsmalerei reiche Nachfolge finden.

 

Yves Tanguy – der Landschaftsmaler

Als der 1900 geborene Maler Yves Tanguy nach einigen Jahren zur See 1922 nach Paris zurückkehrte, sah er während einer Busfahrt Giorgio de Chiricos Gemälde „Das Gehirn des Kindes“ in einem Schaufenster und beschloss Maler zu werden. Das Bild gehörte André Breton. Tanguy schloss sich den Surrealisten an und ließ sich anfangs von Masson und Miró inspirieren. Ab 1926/27 lassen sich seine Gemälde dem Surrealismus zuordnen. Sie sind willkürliche Anordnungen von Objekten und Zeichen, scheinen auf eine inhaltliche Kohärenz zu verweisen und bleiben dennoch unauflösbar. Tanguy lässt auf diese Weise geheimnisvolle Landschaften entstehen, arbeitete er doch beständig mit einer Horizontlinie, braunem Land und blauem „Himmel“. Wo sich diese Traumlandschaften befinden, auf der Erde, unter Wasser, auf dem Wasser oder irgendwo auf einem anderen Planeten, bleibt bewusst offen. Auch die Bildtitel spielen eine wichtige Rolle, denn sie dienen der weiteren Verrätselung der Bildinhalte. Dennoch wurden und werden die künstlichen Landstriche Tanguys als Symbole für „Einsamkeit, Ungewissheit, Bedrohlichkeit“4 interpretiert.

 

René Magritte

Der Belgische Maler René Magritte wurde 1929 zum Surrealisten. Seiner Meinung nach könne „der poetische Titel uns nichts lehren, stattdessen soll er uns überraschen und bezaubern.“ Ein Bild wie „Der bedrohte Mörder“ (1926) zeigt einen Lustmörder und sein Opfer. Der gut gekleidete Verbrecher lauscht noch der Schallplatte, während seine Häscher bereits in Stellung gegangen sind. Wenn auch die Szene an zeitgenössische Detektivromane und Filme erinnert, erschreckt doch die Emotionslosigkeit der Beteiligten.

Zwischen 1927 und 1930 lebte Magritte in Paris, war mit Breton, Éluard, Arp, Miró und Dalí befreundet, konnte seine Bildproduktion zwar steigern aber dennoch nicht von Verkäufen leben. Ab etwa anfang 1929 wurde er als Teil der Bewegung des Surrealismus akzeptiert, doch schon ein Jahr später kam es zum Bruch mit Breton. Wieder nach Brüssel zurückgekehrt, war René Magritte ein Zentrum der höchst aktiven belgischen Surrealistengruppe.

 

Salvador Dalí – Paranoia und Vexierbilder

Eine weitere Möglichkeit der Surrealisten sich gegen Rationalität, Bourgeoisie und eine erstarrte Sexualmoral zu positionieren, war die positive Bewertung von Wahn und Paranoia. Beide wurden als subversive, nicht gesellschaftskonforme Verhaltensweisen gedeutet und vereinnahmt. Vor allem Salvador Dalí entwickelte eine analoge Methode des Zusammenführens wahnhafter Bilder, die auf kritisch interpretierenden Assoziationen beruhten und so irrationale Erkenntnis auslösen sollten: die so genannte „phänomenologisch paranoisch-kritische Methode“. Für sich selbst reklamierte er medienwirksam ein großartiges paranoides Gehirn.

„Ich wandte meine paranoisch-kritische Methode an, um diese Welt zu ergründen. Ich will die verborgenen Kräfte und Gesetze der Dinge erkennen und verstehen, um sie zu beherrschen. Ich habe die geniale Eingebung, dass ich über eine außergewöhnliche Waffe verfüge, um zu Kern der Wirklichkeit vorzudringen: den Mystizismus, das heißt die tiefe Intuition dessen, was ist, die unmittelbare Kommunikation mit dem Ganzen, die absolute Vision durch die Gnade der Wahrheit, durch die Gnade Gotte. Stärker als Zyklontrone und kybernetische Rechner vermag ich, in einem einzigen Augenblick in die Geheimnisse des Realen einzudringen.
Mein die Extase! Rufe ich aus. Die Extase Gottes und des Menschen. Mein die Perfektion, die Schönheit, auf dass ich ihr in die Augen sehe Tod dem Akademismus den bürokratischen Formeln der Kunst, dem dekorativen Plagiat, den schwachsinnigen Verirrungen der afrikanischen Kunst. Mein, heilige Theresia von Avila! ... In diesem Zustand intensiver Prophetie wurde mir klar, dass die bildnerischen Ausdrucksmittel ein für alle Mal und mit der größtmöglichen Perfektion und Wirkung in der Renaissance entwickelt wurden und dass die Dekadenz der modernen Malerei dem Skeptizismus und dem Mangel an Glauben entspringt, den Folgen des mechanistischen Materialismus. Durch die Wiederbelebung des spanischen Mystizismus werde ich, Dalí, mit meinem Werk die Einheit des Universums beweisen, indem ich die Geistigkeit aller Substanz zeige.
Die neuen Vorstellungsbilder werden, selbst wenn sie heftig verdrängt werden, als funktionelle Form des Denkens der freien Neigung des Verlangens folgen. Die tödliche Aktivität dieser neuen Vorstellungsbilder kann […] zum Ruin der Wirklichkeit und zum Besten all dessen beitragen, was uns über alle möglichen niederträchtigen und ekelhaften Ideale, die ästhetischen, humanitären, philosophischen usw., hinweg zu den klaren Quellen der Onanie, des Exhibitionismus, des Verbrechens und der Liebe zurückführt.“5

Im 1930 publizierten Artikel „Der Eselskadaver“ (L‘ âne pourri) stellte er seine Methode noch gleichberechtigt neben die etablierten Formen surrealistischer Kreativitätssteigerung wie die écriture automatique und die Traumberichte. Für den Spanier waren jedoch die „althergebrachten“ Möglichkeiten zu passiv und gleichsam abwartend. Er wollte mit seinen vieldeutigen Vexierspielen „das kreative Potential der Paranoia, des Wahns, der Halluzinationen, Visionen und Delirien für den Interpretations- und Imaginationsprozess, für das Visualisierung und Kreieren von Träumen, Fantasien und Wunschvorstellungen nutzbar“ machen.6

 

Toyen

Die tschechische Künstlerin Toyen, egentlich Marie Cermínová (1902–1980), lebte bereits ab 1922 in Paris und war überzeugte Surrealistin. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Jindřich Štyrský (1899–1942) prägte sie den tschechischen Surrealismus. Im Jahr 1934 war sie eine Mitbegründerin der „Surrealistengruppe der CSR“, die sich sogleich mit der Pariser Gruppe zusammenschloss. Im selben Jahr lernte sie auf einem Besuch in Frankreich Max Ernst, Salvador Dalí und Yves Tanguy kennen. Während der Nazi-Herrschaft wurde sie mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt. Da sie sich 1947 zu einer Ausstellungsvorbereitung in Paris aufhielt, konnte sie nach der Machtübernahme der Kommunisten im Januar 1948 nicht mehr in die Tschechoslowakei zurückkehren.

 

Dora Maar

Dora Maar wurde 1907 in Paris geboren und auf den Namen Theodora Markovitch getauft. Sie studierte ab 1926 an der École de Photographie und der privaten Kunstakademie Julian. Anfang der 1930er Jahre eröffnete sie ein Fotostudio. Neben realistischen Schilderungen aus dem Arbeitermilieu schuf sie auch Modefotografien für Coco Chanel, Elsa Schiaparelli und Helena Rubinstein. Ab 1934 lernte sie die Surrealisten kennen, beginnend mit Georges Bataille, mit dem sie eine monatelange Affäre hatte. Im folgenden Jahr war Dora Maar zur Surrealistin gereift und entwickelte ihren persönlichen Stil, indem sie interessante Motive zusammenkopierte. Heute ist die Fotokünstlerin hauptsächlich als Geliebte von Pablo Picasso berühmt, den sie 1936 zum Freund nahm. Als „Die weinende Frau“ ging sie 1937 in einer Serie von Gemälden Picassos in die Kunstgeschichte ein. Für Picasso kehrte sie wieder zur Malerei zurück, obwohl sie in den 1920ern festgestellt hatte, dafür nicht genug Talent zu besitzen.

 

Lee Miller – Fotomodell und Kriegsreporterin

Lee Miller wurde 1908 in der Industriestadt Poughkeepsie (New York) geboren. Mit sieben wurde sie von einem Matrosen (dem Vater?) vergewaltigt. 1926 kam sie zum ersten Mal nach Paris, zog jedoch für ihr Malereistudium zurück nach New York. Dort wurde sie vom Herausgeber der Vogue, Condé Nast, vor einem Autounfall gerettet und stieg zu einem gefragten Fotomodell auf. Um die Fotografie zu erlernen, kam Miller erneut nach Paris und suchte Man Ray im Sommer 1929 auf. In den folgenden drei Jahren waren sie ein Liebespaar, Lehrer und Schülerin, Fotograf und Muse sowie Modell gleichermaßen. Gemeinsam erfanden sie die Solarisation 1929. Hierfür wird ein Negativ doppelt belichtet, so dass die beispielsweise dunklen Flächen rund um ein Porträt ebenfalls hell erstrahlen. Zwischen Positiv und Negativ entsteht eine schimmernde Konturlinie, die die Bilder wie Visionen wirken lässt.

Im Gegensatz zu Man Ray und den anderen Surrealisten suchte Lee Miller aber nicht die Zusammenführung von Alltagsphänomenen zu einer unerklärlichen (kritisch-paranoiden) Komposition. Anstelle mit Verfremdungseffekten zu arbeiten, „entnahm“ sie der Wirklichkeit surreale Momente, arbeitete aber auch gelegentlich mit Collagen.
Ihre Arbeit für die Vogue setzte die umtriebige Fotokünstlerin mit dem Kriegseintritt der USA fort. Sie fotografierte das von Bomben zerstörte London, wo sie seit Juni 1939 mit dem britischen Surrealisten Roland Penrose lebte. Lee Miller verfasste eigene Texte zu ihren Bildern und arbeitete mehr als zwei Jahre als amerikanische Kriegskorrespondentin. Ab dem Sommer 1944 berichtete sie vom Kontinent, darunter erschreckende Bilder aus dem befreiten Konzentrationslager Buchenwald Mitte April 1945.

 

Meret Oppenheim

Getreu ihres Mottos – „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen“ – bewegte sich Meret Oppenheim (1913-1985) fernab stilistischer Zuordnungen. Ihr höchst vielschichtiges Werk, das von Malerei über Skulptur, (Schmuck)Design bis hin zu Gedichten reicht, wird oft mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht, geht jedoch weit darüber hinaus.

Mit der Idee Künstlerin zu werden, reiste Meret Oppenheim gemeinsam mit ihrer Freundin Irène Zurkinden 1932 nach Paris. Zuvor hatte die am 6. Oktober 1913 in Berlin-Charlottenburg geborene Sechzehnjährige mittels eines Rebus ihrem Vater mitgeteilt, dass X = Hase sei und die Mathematik ihr einerlei. Der Wunsch, Malerin zu werden, dürfte durch die Großmütter mütterlicherseits angeregt worden sein. Lisa Wenger war nicht nur eine aktive Frauenrechtlerin, Kinderbuchillustratorin und Schriftstellerin, sondern hatte als eine der ersten Frauen an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. Die Familie Oppenheims war an Kunst und den Lehren des Tiefenpsychologen C.G. Jung interessiert, ihre Tante Ruth war von 1924 bis 1927 mit Hermann Hesse verheiratet.
Meret schrieb ab ihrem 14. Lebensjahr ein Traumtagebuch (1928) und beschäftigte sich bereits vor ihren Eintritt in die Surrealistengruppe mit dem Traumhaften, den Symbolen, den Verwandlungen, der eigenen Geschichte. All diese Elemente, vermischt mit einem großen Schuss Ironie, finden sich in den frühen Arbeiten Meret Oppenheims, die zwischen 1931 und 1939 hauptsächlich in Paris entstanden sind. Oppenheim lernte bald die berühmtesten Avantgardisten ihrer Zeit kennen: Den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti verewigt sie 1933 in der Zeichnung „Das Ohr von Giacometti“. Sophie Täuber und Hans Arp wurden Freunde und luden die junge Künstlerin noch im selben Jahr ein, am „6. Salon des Surindépendants“ gemeinsam mit Max Ernst, René Magritte, Salvador Dalí, Yves Tanguy und Man Ray auszustellen. Im Winter 1933/34 posierte sie für Man Ray. Kurz darauf, im Herbst 1934, traf sie Max Ernst, mit dem sie eine leidenschaftliche Beziehung einging, die sie nach einem Jahr beendete. Meret stellte mit den um 10 bis 15 Jahren älteren Kollegen gemeinsam aus, schien jedoch bis 1938 immer mehr mit sich zu hadern. Der Erfolg ihrer mit jugendlichem Elan und Selbstbewusstsein geschaffenen Werke wurde der Künstlerin genauso zur Last wie die Reduktion ihrer Person zur Traumfrau und Muse. 1938 kehrte sie mit einem in ihr „steckenden Gefühl der Minderwertigkeit“[[Zitiert nach Karoline Hille, Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus, Stuttgart 2009, S. 89.]] endgültig wieder in die Schweiz zurück und machte eine Schaffenskrise durch. Die von ihr verspürte Ohnmacht und Bewegungslosigkeit setzte sie in Bilder wie „Steinfrau“ (1938) oder „Das Leiden der Genoveva“ (1939) symbolisch um.

 

Leonor Fini

Die Italienerin Leonor Fini kam im Herbst 1937 nach Paris, war jedoch den Surrealisten bereits bekannt. Sie ging eine kurze Affäre mit Max Ernst ein. Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen, die Weiblichkeit gerne als gefährlich und/oder gefährdet darstellten, sind die Frauen im Werk von Leonor Fini intakt. Ihre Bilder sind präzise und mit altmeisterlicher Lasurtechnik gemalt.

 

Dorothea Tanning

Tanning ging bisher weniger als Künstlerin denn als Rivalin von Peggy Guggenheim in die Kunstgeschichte ein. Die Liebesbeziehung begann im Winter 1942, ein Jahr nachdem Max Ernst die berühmte Galeristin geehelicht hatte. Die Illustratorin wandelte sich unter dem Einfluss ihres Freundes zu wahrhaften Surrealistin und meinte: „Hier ist die grenzenlose Weite des MÖGLICHEN, eine Perspektive, die nur zufällig etwas mit dem Bemalen von Flächen zu tun hat.“[8] Aufgrund einer Erkrankung an Enzephalitis übersiedelte die inzwischen erfolgreiche Künstlerin gemeinsam mit Ernst 1946 nach Arizona. Sie heirateten am 24. Oktober in Beverly Hills in einer Doppelhochzeit neben Man Ray und Juliet Bower.

 

Frida Kahlo

Ob Frida Kahlo dem Surrealismus zuzurechnen ist, wird immer noch diskutiert. Die Künstlerin selbst beonte Zeit ihres Lebens (natürlich) ihre Unabhängigkeit von allen Stilen und Einflüssen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Frida Kahlo ihr Werk zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus entwickelte. In vielen Gemälden ab 1931 zeigt sie surrealistische Zusammenstellungen, in denen sie jedoch keine Traumbilder, sondern ihre Lebensiwrklichkeit in Mexiko verarbeitete.

 

Wolfgang Paalen - Rauchbilder

Der 1905 in Wien geborene Maler stammte aus großbürgerlichen Verhältnissen. Er wurde erst 1936, nach dem großen Erfolg einer Einzelausstellung in Paris, Mitglied der Surrealistengruppe rund um André Breton. Seine Landschaften erinnern anfangs an die Werke von Yves Tanguy, wenn sie auch deutlicher von wiedererkennbaren Motiven durchzogen werden. Zu seinen wichtigsten Erfindungen zählt die „Fumage“, bei der die Rußspur einer Kerze oder einer Öllampe auf Leinwand oder Papier festgehalten wird. Selten ließ er diese rauchigen Linien alleine stehen, sondern überarbeitete sie mit Farben zu abstrakt-surrealen Kompositionen. Damit eröffnete er der folgenden Generation – darunter Yves Klein, Jackson Pollock – neue Möglichkeiten. Im Mai 1939 reisten Wolfang Paalen, seine Frau und die befreundete Fotografin Eva Sulzer ins Exil nach New York, und nach einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt in den Indianerreservaten Britisch-Kolumbiens nach San Francisco. Im September 1939 wählten sie auf Einladung Frida Kahlos Mexiko als Exil, wo er als Theoretiker und Künstler weiterhin wichtige Impulse für die New Yorker Kunstszene gab.

 

Joseph Cornell

Der amerikanische Autodidakt begegnete Marcel Duchamp 1930 in einer New Yorker Galerie. Inspiriert durch die Pariser Surrealisten begann er mit Collagen zu arbeiten und entwickelte bald erste Boxen, in denen er Fundstücke zu geheimnisvollen, poetischen Arrangements zusammenstellte. Diese Assemblagen sind Fantasiereisen in die Vergangenheit, nachempfundene Gedichte (z. B. Emily Dickinson), wissenschaftliche Visualisationen, Hommagen an Ballerinen etc. Obwohl Joseph Cornell u. a. von Peggy Guggenheim gesammelt wurde, galt er viele Jahrzehnte als artist's artist (Künstler für Künstler). Künstlerinnen wie Yayoi Kusama und Carolee Schneeman waren mit dem zurückgezogen lebenden Cornell befreundet bzw. arbeiteten am Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit als Assistentinnen bei ihm.

 

Zusammenfassung: Der Surrealismus in Paris 1921–1966

31. Mai 2017
Pablo Picasso, Mère et enfant au bord de la mer [Mutter und Kind am Strand], Frühling 1921, Öl auf Leinwand, 142,9 x 172,7 cm (The Art Institute of Chicago, Restricted gift of Maymar Corporation, Mrs. Maurice L. Rothschild, and Mr. and Mrs. Chauncey McCormick; Mary and Leigh Block Fund; Ada Turnbull Hertle Endowment; through prior gift of Mr. and Mrs. Edwin E. Hokin 1954.27 Photo (C) Art Institute of Chicago, Dist. RMN-Grand Palais / image The Art Institute of Chicago)

Picassos erste Frau: Olga Picasso Pablo Picassos Ehefrau (1917–1935), Tänzerin, Muse, Modell

Olga Picasso (1891–1955), der lesenden, melancholisch nachdenklichen Frau in den Bildern ihres Mannes Pablo ist erstmals im Pariser Musée Picasso eine Ausstellung gewidmet. Die russische Balletttänzerin und Mutter des gemeinsamen Sohnes Paul war ab 1917 Picassos wichtigstes Modell, an dem er seine realistische „Klassische Phase“, oder „Olga Periode“, seine surrealistischen Experimente erprobte. Olga und Pablo Picasso lebten von 1917 bis 1935 zusammen, dann trennte sich das Paar, bliebt aber bis zum Tod Olgas (1955) verheiratet.
15. Februar 2017
Henrion, Selbstporträt als Pierrot, Öl auf Holz (Sammlung Klewan)

Sammlung Klewan Ausstellung im Belvedere

Helmut Klewan (* 1943) betrieb seit 1970 eine Galerie, in der er zeitgenössische Kunst der Wiener Aktionisten, Arnulf Rainer und Maria Lassnig vertrat. Das Desinteresse der heimischen Sammler ließ Klewan 1978 eine Zweigstelle in München eröffnen. Im Jahr 1973 stellte er erstmals Herman Nitsch aus und presste dessen erste Langspielplatte „Hermann Nitsch, Akustisches Abreaktionsspiel“. Als Wiener in München präsentierte er österreichische Künstlerinnen und Künstler (z.B. die erste Maria­Lassnig­Ausstellung 1981) in Süddeutschland. Helmut Klewan schloss die Wiener Galerie im Jahr 1986, die Münchner 1999. Seither ist Klewan als Sammler aktiv und beleiht viele Museen und Ausstellungen mit Werken seiner Sammlung. Sowohl als Sammler wie auch zuvor bereits als Galerist gestaltete er – vor allem durch Erstpräsentationen damals noch wenig bekannter Künstler – die Rezeptionsgeschichte der Kunst mit.
9. Februar 2017
René Magritte, La Condition Humaine [So lebt der Mensch], 1935, Öl auf Leinwand, 54 x 73 cm (Norfolk Museums Service (accepted by HM Government in lieu of tax and allocated to Norwich Castle Museum & Art Gallery) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Magritte. Der Verrat der Bilder La Condition Humaine und die Philosophie des Surrealisten

René Magritte (1898–1967) und seinen konzeptuellen Text-Bildern widmen die Schirn und das Centre Pompidou eine Überblicksausstellung mit Fokus auf Magrittes „Problemlösungen“. Der Belgier setzt dem französischen Surrealismus eine denkende Malerei entgegen. Nicht Automatismus und Umdeutung, sondern die kühle Präzision seiner nach Präsenz heischenden Malerei, deren erklärtes Ziel „Stillosigkeit“ und Ausdruck des Denkens sind. Für sich selbst lehnte Magritte die Berufsbezeichnung Künstler ab, er arbeitete auch nie in einem Atelier, sondern bei sich zu Hause. Anstatt mit Worten stellte er seine Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Sprache in Gemälden dar. Magrittes verfremdete Gegenstände verbinden das Vertraute mit dem Fremdartigen, die Poesie der Titel enthebt sie zusätzlich jegliches Anspruchs auf Ähnlichkeit.
4. November 2016
Alberto Giacometti, Homme qui marche [Schreitender Mann], 1960, Bronze, 190 × 112,5 × 28 cm (Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Donation: The New Carlsberg Foundation), Ausstellungsansicht Schirn 2016, Foto: Alexandra Matzner.

Giacometti – Nauman

Gleißendes Licht von Bruce Naumans „Lighted Center Piece“ (1967/68) empfängt die Besucherinnen und Besucher in der Schau „Giacometti–Nauman“ in Frankfurt. Das Licht und seine Reflexion sind so hell, dass die Augen schmerzen. Gegenüber, wenn auch in sicherer Entfernung, steht Giacomettis „L’objet invisible (Mains tenant le vide)“ (1934/35). Das titelgebende Objekt, das die Figur Giacomettis hält, ist unsichtbar und wird nur durch die Handhaltung erahnbar. Dieses genaue Betrachten möchte Kuratorin Esther Schlicht herausfordern – sogar wenn es weh tut, sogar wenn es unmöglich scheint. Genau hinzustehen, befähigt, die beiden so bekannten Künstler in neuem Licht zu sehen. Dabei geht es in der Schirn weniger um das Wie ihrer Arbeitsweisen, sondern das Was! Ein überraschender Vergleich, ausgehend von Leitbegriffen, der rundum gelungen ist!
26. Oktober 2016
Alberto Giacometti. Material und Vision. Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze (Verlag Scheidegger & Spiess AG)

Alberto Giacometti. Material und Vision Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze

Anlässlich des 50. Todestags von Alberto Giacometti sowie des Abschlusses von aufwändigen Restaurierungen unter der Leitung von Hanspeter Marty präsentiert das Kunsthaus Zürich erstmals 75 fragile Originalgipse, zwei Arbeiten in Plastilin und eine Steinskulptur, die 2006 als Schenkung von Bruno (1907– 2012) und Odette Giacometti an die Giacometti-Stiftung an das Kunsthaus Zürich gekommen sind. Darunter befinden sich manche nie in Bronze gegossene Meisterwerke, die bislang unbekannte Aspekte von Giacomettis Arbeitsweise beleuchten.
11. Oktober 2016
Dalí, Ernst, Miró, Magritte… Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Edward James, Roland Penrose, Gabrielle Keiller, Ulla und Heiner Pietzsch (HIRMER Verlag)

Surreale Begegnungen: Dalí, Ernst, Miró, Magritte… Surrealismus-Sammlungen von James, Penrose, Keiller und Pietzsch in Hamburg

Wurden die Surrealistinnen und Surrealisten bislang hauptsächlich als radikale Erneuerer der Kunst und der Surrealismus als höchst subjektive und individualistische Kunstrichtung präsentiert, so öffnet sich der spannende Blick in Hamburg auf die Zusammenarbeit zwischen den Künstlern und ihren beiden zeitgenössischen Sammlern Edward James und Roland Penrose. Ergänzt werden die beiden zeitgenössischen Kollekionen durch die seit den 1960er Jahren zusammengetragenen Sammlungen von Gabrielle Keiller und dem Ehepaar Pietzsch.
21. September 2016
Pablo Picasso, Frau mit gefalteten Händen, 1907, Musée national Picasso – Paris (links); Mutter mit Kind, 1907, Musée national Picasso – Paris (rechts), Ausstellungsansicht „Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien“ im Leopold Museum 2016/17, Foto: Alexandra Matzner © Bildrecht.

Picasso war ein Afrikaner! Afrikanische Kunst und Primitivismus in der Moderne

Drei Erzählstränge führen in der Schau „Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien“ die Besucherinnen und Besucher zur Frage: Was bedeutet(e) die Entdeckung der afrikanischen Kunst und etwas später der ozeanischen Kunst für die Entwicklung der Moderne in Europa? Die brüske Antwort Picassos lautete 1923: „Afrikanische Kunst? Die kenne ich nicht!“ Dass diese harsche Abwehr mitnichten des Pudels Kern beschreibt, ist in den letzten Jahren auch durch Ausstellungsprojekte vielfach herausgearbeitet worden. Der hohe Grad an Stilisierung und Abstraktion, der allerdings nicht als Zeichen für fehlenden Realismus in der afrikanischen Kunst gedeutet werden darf, irritierte und begeisterte das europäische Publikum. Dass die Radikalität der künstlerischen Produktion im frühen 20. Jahrhundert, ihre Brüche mit den Traditionen und ihre Formfindungen nicht ohne die Auseinandersetzung mit der als „primitiv“, d. h. nicht von der europäischen Zivilisation verbildeten, gesammelten und wertgeschätzten Kunst entstehen hätte können, muss nach diesem Museumsbesuch zweifelsfrei anerkannt werden.
19. September 2016
Francis Picabia: Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann (Hatje Cantz)

Francis Picabia: Unser Kopf ist rund ... damit das Denken die Richtung wechseln kann

Wenige Künstler des 20. Jahrhunderts sind so schwierig einzuordnen wie Francis Picabia (1879–1951). Der Franzose mit spanischen Wurzeln war Künstler, Dichter und Provokateur, Herausgeber des Kunstmagazins „391“, schrieb für Theater und Film, gestaltete Feste und Abendgalas der High Society in Cannes. Flankiert wird diese Aufzählung durch seinen selbst geschaffenen Ruf als Playboy, Gigolo und Womanizer. Die Stile seiner Malerei reichen von impressionistischen Anfängen über Kubismus und Abstraktion hin zu Dada (1917–1924), mechanomorphen Bildern und fotorealistischen, durchwegs kitschigen Bildern der 1940er Jahre wieder zurück in die Abstraktion.
24. August 2016
Tancredi Parmeggiani (Feltre 1927–Rome 1964), Composition, 1955, Öl and Tempera auf Leinwand, 129.5 x 181 cm (Venedig, Peggy Guggenheim Collection, 76.2553)

Peggy Guggenheim

Bereits im Februar 1949 hatte Peggy Guggenheim (1898–1979) im Palazzo Strozzi ihre Sammlung erstmals der italienischen Öffentlichkeit präsentiert, um sie danach im Palazzo dei Leoni in Venedig dauerhaft aufzustellen. 25 Werke, die in den damals frisch renovierten Kellern der Strozzina zu sehen waren, sind für diese Ausstellung nach Florenz zurückgekehrt.
20. Oktober 2015
Joseph Cornell, Wanderlust, Plakat der Royal Academy in London

Joseph Cornell Fernweh

Kurator Jasper Sharp bringt den amerikanischen Objektkünstler Joseph Cornell (1903─1972) ins Kunsthistorische Museum und erweitert damit - wenn auch nur temporär - die Kunstkammer um einige Stücke an „verarbeiteter Sammellust“. Joseph Cornell war als Künstler Autodidakt. In den späten 1920ern begann er in Ausstellungen die Kunst der Pariser Dadaisten und Surrealisten zu bewundern. Ab 1930 stellte er selbst Kunst her, anfangs kleine Collagen aus Buchillustrationen und Katalogbildern, die etwa zwei Jahre später in Schneekugel-Gläsern dreidimensional wurden. Das KHM präsentiert 80 Arbeiten, darunter drei Experimentalfilme des ausgewiesenen Cineasten.
17. Oktober 2014
Alberto Giacometti. Pionier der Moderne (Cover des Ausstellungskatalogs), 2014

Alberto Giacometti. Werke und Biographie

Alberto Giacometti – ein Suchender, ein Getriebener, ein Workaholic, ein Jahrhundertkünstler. Das Leopold Museum schätzt sich glücklich, einige der bekanntesten Skulpturen und Plastiken, ergänzt durch Gemälde, Zeichnungen und Lithografien des Künstlers in Wien vorzustellen. Ausgehend vom Spätwerk Giacomettis wird ein Blick auf dessen künstlerische Entwicklung geworfen. Werke von Freunden und Kollegen, wie Miró und Masson, Balthus und Bacon, Picasso und Pollock, ergänzen den chronologischen Rundgang durch Giacomettis Leben und Werk.
25. September 2014
Joan Miró, Das Gold des Azurs, 1967, Fundació Joan Miró, Barcelona © Successió Miró 2014.

Miró. Von der Erde zum Himmel Leben und Werk des Katalanen

Auch heute noch ist Miró als Schöpfer eines populären Werks voll unbeschwerter Lebensfreude, kontrastreich strahlender Farbigkeit, Bildwitz, Beschwingtheit, bildnerischer Ironie berühmt. Miró verstand sich als katalanischer und damit mediterraner Maler. Er hielt den Klassizismus als Erbe der mittelmeerischen Tradition hoch und öffnete sich trotzdem der Pariser Avantgarde, denn früh war er der Ansicht, dass der alleinige Weg eines katalanischen Künstlers in der Aufnahme aller fortschrittlichen internationalen Strömungen läge.
5. Mai 2014
Miró. The Exerience of Seeing. Late Works, 1963–1981 (Yale University Press).

Miró. The Exerience of Seeing. Late Works, 1963–1981 Das skulpturale und malerische Spätwerk des Katalanen

Der jüngst von der Yale University Press, New Haven and London herausgegebene, 104 Seiten schmale Band über das Spätwerk von Joan Miró (1893–1983) besticht durch seine grafische Gestaltung und einem Interview mit dem bedeutenden katalanischen Filmemacher und Miró-Freund Pere Portabella (* 1929 Barcelona). Das von Marquand Books, Inc., Seattle betreute Buch wurde von Erica Anderson als kongeniales Pendant zur Malerei Mirós entwickelt. Es finden sich dessen kompositorische Strategien wie die harmonische Verteilung der Bildelemente über den weißen Grund, der spielerische Umgang mit Richtungen. Das Spielerische und Experimentelle in der Kunst des Katalanen wird in diesem Band äußerst geschickt auf der visuellen Ebene transportiert.
21. März 2013
Meret Oppenheim, Die Leiden der Genoveva, 1939, Kunstmuseum Bern, Legat der Künstlerin, Installationsfoto „Meret Oppenheim. Retrospektive“: Alexandra Matzner.

Meret Oppenheim Retrospektive

Getreu ihrem Motto – „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen“ – bewegte sich Meret Oppenheim (1913-1985) fernab stilistischer Zuordnungen. Ihr höchst vielschichtiges Werk, das von Malerei über Skulptur, (Schmuck)Design bis hin zu Gedichten[1] reicht, wird oft mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht, geht jedoch weit darüber hinaus. Die Ausstellung im Bank Austria Kunstforum, die in der Folge im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein wird, dokumentiert ganz deutlich: Die Künstlerin stand als Frau wie als Kreative außerhalb jeglicher Kategorie.
26. Februar 2013
Max Ernst, Urwald

Max Ernst. Surrealist der ersten Stunde Von Lop-lop, Schneeblumen und surrealistischen Träumen

Die retrospektiv angelegte Schau über Max Ernst (1891-1976) bringt ca. 180 Werke des umtriebigen Deutsch-Franzosen in der Albertina zusammen. Der erste malende Surrealist war Autodidakt und unglaublich umtriebig: Er bevorzugte neben der Ölmalerei noch die Collage, im Laufe der 1920er Jahre erfand er in Anlehnung an das automatische Schreiben noch drei weitere Maltechniken. Bei wenigen Künstlern der Zeit lässt sich die Problematisierung von „Stil“ oder der wiedererkennbaren Handschrift eines Künstlers so präzise nachvollziehen wie bei Ernst. Jeder Raum der Schau entspricht quasi einem anderen Künstler, der sich an Werkgruppen und Themenkomplexen abarbeitete.
3. Januar 2012
Die andere Seite des Mondes, Cover (DuMont)

Künstlerinnen der Avantgarde Die andere Seite des Mondes

Die Kunstsammlung NRW schreibt noch bis 15. Jänner 2012 den kunsthistorischen Kanon der 1920er und 1930er Jahre um, indem sie acht Künstlerinnen besonders in den Blickpunkt nimmt. Sophie Taeuber-Arp, Sonia Delaunay, Hannah Höch, Florence Henri, Claude Cahun, Dora Maar, Katarzyna Kobro und Germaine Dulac werden in ausführlichen Biographien im Anhang (S. 262-286) und – mit Ausnahme Dulacs – im begleitenden Katalog in spannenden Texten vorgestellt. Die AutorInnen erzählen ein Kapitel europäischer Kunstgeschichte neu und bringen damit eine vergessene Facette in Erinnerung: Die Avantgarde wurde nicht nur von Künstlern erfunden, sondern in der Diskussion mit Künstlerinnen vorangetrieben.
8. November 2011
René Magritte, Die große Familie, 1963, Öl auf Leinwand, Japan, Utsunomiya Museum of Art © Charly HERSCOVICI Brüssel - 2011.

René Magritte Das Lustprinzip

Die Ausstellung der Albertina spart das Frühwerk des belgischen Künstlers René Magritte völlig aus. Bereits im ersten Raum trifft man auf das monumentale Format „Der geheime Spieler“ aus dem Jahr 1927. Das 152x192 cm große Gemälde zeigt zwei männliche Pelotaspieler vor einer Allee aus gedrechselten Baum-Balustern – Magritte identifizierte sie spöttisch als „Tischbeine“. Über ihren Köpfen schwebt die Darstellung einer Lederschildkröte und rechts im Hintergrund erscheint in einem Fenster eine geheimnisvolle Frau mit Bartschutz vor dem Mund. Die einzelnen Bildbestandteile lassen sich aufgrund ihrer realistischen Widergabe relativ leicht benennen, während sich ihre Zusammenstellung jedweder Logik entzieht. Die für den Surrealismus so essentielle Strategie des Schocks durch „ungehörige“ Verbindungen steigert Magritte durch die verzerrten Größenverhältnisse, die im deutlichen Widerspruch zum präzise konstruierten Schachtelraum stehen.
8. Dezember 2010
Alberto Giacometti, Der Ursprung des Raumes, Hatje Cantz (Cover).

Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes Skulpturen schaffen Raum

Gemeinsam erarbeiteten das Kunstmuseum Wolfsburg (D) und das Salzburger Museum der Moderne (A) eine Ausstellung über den Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901–1966), in der das Thema „Raum“ eine zentrale Stellung einnimmt. Wie Markus Brüderlin in der Einführung des Katalogs betont, sei es nötig, das „Raumproblem“ als neue inhaltliche Dimension zu entwickeln und dies über spezielle Ausstellungsarchitektur zu vermitteln.
1. November 2010
JUDY CHICAGO Frida Kahlo Face to Face, Cover (Prestel Verlag)

Frida Kahlo. Face to Face von Judy Chicago

Seit 1971 ist Judy Chicago als eine Vorkämpferin für Frauenrechte und Gleichbehandlung berühmt, die sich seither unerlässlich für die Anerkennung weiblicher Kunstproduktion engagiert. Nun hat die feministische Künstlerin und Kunsterzieherin gemeinsam mit Frances Borzello dem Werk von Frida Kahlo bei Prestel ein großformatiges, prächtig aufgemachtes, bibliophiles Monument gesetzt.
17. Oktober 2010
Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen, München 2011 (Schirmer/Mosel)

Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade Erinnerungen und Reflexionen des Malers

„Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen“ fasst bislang unbekannte Texte von Giorgio de Chirico (1888-1978), Begründer der italienischen Pittura Metafisica, erstmals in guter deutscher Übersetzung zusammen. Das Buch teilt sich in fünf Kapitel: Auf die französischen Manuskripte folgen Texte über sich selbst und andere Maler, sowie über Dichter, Sammler, Städte, Möbel und immer wieder das Malen.
5. September 2010
Renate Kroll: Blicke die ich sage. Frida Kahlo. Das Mal- und Tagebuch, Cover (Dietrich Reimer Verlag)

Renate Kroll: Blicke die ich sage. Frida Kahlo. Das Mal- und Tagebuch Bilder und Texte der mexikanischen Malerin

1944, mit 37 Jahren, begann Frida Kahlo ein sog. Mal- und Tagebuch zu führen (in der Wiener Ausstellung werden Fotos daraus gezeigt). Eine „Gattungszuschreibung“ im klassischen Sinn lässt sich für dieses Werk kaum finden. Es verbindet Charakteristika von einem Malbuch und Poesiealbum, einer Briefsammlung und Gedankensammlung, eines Gedichtbandes, einem Erinnerungsbuch, lyrische Ergüsse befinden sich neben Gedanken zu Kunst, Theater, Maltechniken, das Beschwören von Liebe und Schmerz fügt sich an politische Kommentare und Statements zu Künstlern und Literaten.
1. September 2010
Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection) Mexican Art and The Vergel Foundation, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Frida Kahlo Leben & Werk

50 Gemälde und 90 Arbeiten auf Papier, ergänzt durch eine Auswahl von historischen Fotografien, dokumentieren in dieser ersten Retrospektive in Österreich das Werk der weltberühmten mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954). Ihre Selbstinszenierung und ihr persönliches Schicksal werden in einer Vielzahl von Selbstporträts, Fotos und „surrealen“ Visionen greifbar, ihre Beschäftigung mit der mexikanisch-aztekischen Tradition in Bildern von den Gestirnen Sonne und Mond als Symbole für Männlich- und Weiblichkeit.
  1. Zitiert nach Fiona Bradley, Surrealismus, Ostfliedern 2001, S. 6.
  2. Zitiert nach Rubin, S. 556-558.
  3. William Rubin (Hg.), Primitivism in 20th Century Art (Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, New York 1984), New York 1984. Deutsche Ausgabe Primitivismus in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, München 1984.
  4. Schneede, S. 97.
  5. Zitiert nach Isabel Maurer Queipo: Délir – Désir, in: Nanette Rißler-Pipka, Isabel Maurer Queipo (Hrsg.), Dalís Medienspiele. Falsche Fährten und paranoische Selbstinszenierungen in den Künsten, Bielefeld 2007, S. 129–158, hier S. 143-144.
  6. Ebenda, S. 145.