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Riehen | Fondation Beyeler: Gerhard Richter. Neue Malereien auf Papier Abstrakte Aquarelle und die Fotoserie „mood“ | 2022

Gerhard Richter, 5.1.2022 (7), 2022, Glasmalfarben auf Papier, 21 x 29,7 cm (© Gerhard Richter 2022, Foto farbanalyse, Köln)

Gerhard Richter, 5.1.2022 (7), 2022, Glasmalfarben auf Papier, 21 x 29,7 cm (© Gerhard Richter 2022, Foto farbanalyse, Köln)

Gerhard Richter (*1932) gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. In den fast siebzig Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit hat er ein Werk hervorgebracht, das sich durch thematische und stilistische Vielfalt auszeichnet. Aus Anlass von Richters 90. Geburtstags präsentiert die Fondation Beyeler zwei Ausstellungsräume mit Werken aus der Sammlung und Leihgaben. In einem vom Künstler selbst konzipierten Raum ist erstmals eine neue Serie von Arbeiten auf Papier zu sehen. Sie umfasst insgesamt 31 kleinformatige, abstrakte Werke, die zwischen dem 5. und 11. Januar 2022 entstanden sind, sowie 31 Fotografien davon als Auflage mit dem Titel „mood“.

In der Sammlung der Fondation Beyeler befindet sich neben weiteren wichtigen Gemälden und Objekten Richters großformatiges, abstraktes Gemälde „Lot“ (1988) das Teil eines vierteiligen Zyklus ist und den Ausgangspunkt der Ausstellung von 2014 bildete. Regelmäßig richtet die Fondation Beyeler Richter-Räume ein, so zeigte sie 2015 die Serie „Birkenau“ (2014). In der aktuellen Sammlungspräsentation „Passagen – Landschaft, Figur und Abstraktion“ präsentiert die Fondation Beyeler anlässlich des 90. Geburtstags des Künstlers Werke von den späten 1960er Jahren bis hin zu aktuellen Arbeiten, darunter auch bedeutende Leihgaben aus der Daros Collection und aus Privatbesitz, die eindrucksvoll das künstlerische Zusammenspiel von Figuration und Abstraktion zur Anschauung bringen.

Richters (bisher) letzte Arbeiten auf Papier

Die bisher letzten Arbeiten datieren von Anfang Januar 2022. Es sind keine Zeichnungen, sondern an Richters Aquarelle erinnernde farbige Malereien. Er verwendete dafür Glasmalfarben, die er von einer Firma als Muster zugeschickt bekommen hatte. Die ungefragt eingetroffene Sendung regte ihn an, die Farben auszuprobieren. Es waren Tinten, die ähnliche Eigenschaften wie die Lackfarben besaßen, mit denen er Jahre zuvor auf Glas und einmal auch auf Papier gearbeitet hatte: Sie ließen sich ausgießen, mittels verschiedener Instrumente auf der Papierfläche verteilen und mit Zusätzen wie Benzin in ihrer Reaktion beeinflussen; sie bildeten Gerinnsel, doch mit weniger scharfen Rändern als Lacke, und sie trockneten schnell. In der Woche vom 5. bis zum 11. Januar schuf Richter auf diese Weise 31 Blätter, bis zu sieben an einem Tag.

Die neuen farbigen Blätter zeigen keine Verwandtschaft mit Richters abstrakten Gemälden. In diesen wurden einander überlagernde Schichten von Ölfarbe auf die Leinwand gelegt, sodass mit jedem Farbauftrag Figuren und Formen überdeckt und zerstört wurden und am Ende eine pastose, durch die Rakel aufgerissene Oberfläche erzeugt wurde. Wie schon in den Aquarellen, den schwarzen Tuscheblättern von 1991 und ebenso in den Hinterglasbildern der frühen 2010er Jahre sind die Farben in den neuen Arbeiten auf Papier neben- und miteinander präsent; sie fließen in- und übereinander, doch da sie lasierend sind, steigert der weiße Papiergrund ihre Leuchtkraft. Was die Blätter zu sehen geben, lässt sich kaum in Worte fassen. Da die Farben die Papiere ganzflächig bedecken, gibt es keinen Rahmen, an den sich das Auge halten kann. Es wird unmittelbar von der Bewegung der Farben angezogen und treibt gleichsam mit; für die Betrachter:innen liegt darin ein momentanes Glück. Man könnte Metaphern für das Gesehene finden – Naturereignisse, submarine Landschaften, Gesteinsschichten –, doch sie wirken gegenüber der Frische dieser Blätter verbraucht und unecht. Waren frühere Aquarelle durch Bleistiftlinien, durch breite Pinselstriche und durch die Wiederholung von Bildelementen strukturiert, so entfällt eine solche Grundlage in den neuen farbigen Arbeiten; die Formen scheinen offen und schweben in der Bildfläche, ohne an selbst gesetzte Regeln gebunden zu sein, als ginge alles von selbst. Die Mühelosigkeit der Herstellung, die aus den Blättern spricht, findet ihr Gegenstück im beinahe willenlos darüber streifenden Blick.

Die Zeichnungen der letzten Jahre reproduzierte Richter im Originalformat in Künstlerbüchern, wie er dies einige Jahre zuvor schon mit den Suiten „Elbe“ und „November“ getan hatte, denn die Möglichkeiten der Reproduktion faszinierten ihn seit dem Beginn seiner Beschäftigung mit der Fotografie. Auch eigene Gemälde, die ihm wichtig waren, hatte Richter fotografisch reproduzieren lassen und sie als Edition publiziert, denn wichtiger als der Status des handgemalten Originals war ihm das perfekte, unangreifbare Bild selbst, das auf diese Weise größere Verbreitung fand. Ähnlich verfuhr er mit den farbigen Blättern vom Januar 2022: Zum einen reproduzierte er sie in Originalgröße in einem Buch, begleitet von Texten, die er aus kunstkritischem Wortmaterial synthetisierte.

Mood – fotografisch verdoppelte Aquarelle

Zudem ließ Gerhard Richter Bildkopien anfertigen, die er gerahmt und in einer Rasterhängung in der Fondation Beyeler den Originalen gegenüberstellte. Die provokative Gegenüberstellung hat ihren Reiz, denn kaum jemand wird ohne Vorwissen in der Lage sein, die Kopien von den Originalen zu unterscheiden. Die Beziehung zwischen Bild und Abbild wirft Fragen auf, die Richter immer wieder, beispielsweise in seinen berühmten Gemälden der „Verkündingung nach Tizian“ (1973) oder „Betty“ (1988) beschäftigen. Die Arbeit mit Fotografie ist ein wesentlicher Aspekt seiner Praxis, dienen Fotografien doch oft als Basis für seine Malerei. Auch kommt es vor, dass er seine eigenen Werke fotografiert oder digitalisiert und diese Abbilder weiterverarbeitet, wie beispielsweise in den Serien der übermalten Fotografien oder der „Strips“ (2011–2015). Die Entscheidung, die Originalskizzen zusammen mit ihren unveränderten Abbildern zu zeigen, entspricht einer typischen Vorgehensweise Richters und stellt diese in eine wechselseitige Beziehung.

Durch die Verdoppelung der Bilder schafft Richter unwillkürlich Distanz zu ihnen; was zunächst nur zufällig schien, wird in der Reproduktion zu einem feststehenden Faktum. Gegenüber den bloß mit ihren Entstehungsdaten betitelten Originalen gab Richter der Wiedergabe der Blätter den Titel „mood“. Der englische Titel anstelle der deutschen Ausdrücke „Laune“ oder „Stimmung“ weckt Erinnerungen an Jazz-Stücke, er deutet aber auch an, dass die sprachlose Bildfolge zum betitelten Objekt wird, das durch die Vervielfältigung fern seiner Entstehung in weltweiten Umlauf kommt.

Die neue Präsentation von Richter-Werken wurde vom Künstler konzipiert. Realisiert wurde sie mit der Unterstützung von Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, und Michiko Kono, Associate Curator der Fondation Beyeler.
Quelle: Fondation Beyeler

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