Gerhard Richter

Gerhard Richter (* 1932) gehört zu den bekanntesten Malern der Gegenwart.

 

Medienbilder und Abstraktion

Nach einer Ausbildung zum Wandmaler in Dresden, floh der 1932 in Dresden (DDR) geborene Richter am 30. März 1961 in den Westen. Kurz zuvor hatte er die documenta 2 (1959) in Kassel besucht und intensiv auf Werke von Ernst Wilhelm Nay, Jackson Pollock, Lucio Fontana, Jean Fautrier reagiert. Während seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie lernte er Konrad Lueg, Sigmar Polke und Blinky Palermo kennen. Bereits 1962 begann er Medienbilder in seine Gemälde zu integrieren, die er in provaten Fotoalben, Zeitungen, Zeitschriften, Werbeprospekten und Bildbänden fand. Während der frühen 1960er Jahre experimentierte Richter mit monochromer Malerei, Unschärfe, verwischten Porträts. Mit dem Begriff Kapitalistischer Realismus, den er gemeinsam mit Kuttner, Lueg und Polke für eine Ausstellung in der Kaiserstraße 31A entwickelt hatte, regaierte er auf die amerikanische Pop-Art und den Sozialistischen Realismus.

Farbtafeln mit zufälliger Anordnung der Farbflächen (ab 1966), Vorhänge (1965), Stadtbilder (1968), stimmungsvoll- romantisierende Landschaften (1968), die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entstanden, zeigen, wie sehr sich Gerhard Richter mit Minimal-Art und Konzeptkunst auseinandersetzte und die Ergebnisse auf seine Malerei übertrug. Zehn Jahre nach seiner Flucht nach West-Deutschland und seiner Ankunft in Düsseldorf wurde der Maler aus Dresden als Professor für Malerei an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berufen (1971).

 

1972: 48 Portraits und Landschaften

Das Jahr 1972 erweist sich in der Rückschau als ein intensives und erfolgreiches Ausstellungsjahr für Gerhard Richter: Sein Foto- und Quellenmaterial erhielt den Titel „Atlas“. Er malte für den Deutschen Pavillon der 36. Biennale von Venedig (11.6.-1.10.1972) den Bilderzyklus „48 Portraits (324/1-48)“ (Museum Ludwig, Köln). Danach widmete er sich in Anlehnung an Caspar David Friedrichs „Eismeer [Letzte Hoffnung]“ den Seestücken (→ Caspar David Friedrich: Das Eismeer). Gleichzeitigt wandte er sich von der schwarzweißen Fotomalerei wieder ab und erprobte Landschaften mit überbreiten Pinseln, deren Spuren den Abstraktionsgrad der Gemälde erhöhen und die Abbildungsfunktion der Bilder unterlaufen.

 

Farbtafeln und gestische Abstraktion

Die Lösung vom abbildhaften Charakter seiner Malerei bestätigte Gerhard Richter auch in den 1973 wieder aufgegriffenen Farbtafeln, in denen er 180 aus den drei Grundfarben und Grau gemischte Farbtöne nach Los verteilte. Zum einen erinnert der Raster an Farbtafeln aus der Farbenindustrie, zum anderen wünschte der den Zufall der Verteilung als Reaktion auf die Ernsthaftigkeit der Neo-Konstruktivisten wie Josef Albers verstanden zu wissen.

„Um alle vorkommenden Farbtöne auf einem Bild darstellen zu können, entwickelte ich ein System, das - ausgehend von den drei Grundfarben plus Grau - in stets gleichmäßigen Sprüngen eine immer weitergehende Aufspaltung (Differenzierung) ermöglichte. 4 x 4 = 16 x 4 = 64 x 4 = 256 x 4 = 1024. Die Zahl 4 als Multiplikator war notwendig, weil ich eine gleichbleibende Proportion von Bildgröße, Feldgröße und Felderanzahl erhalten wollte. Die Verwendung von mehr als 1024 Farbtönen (z.B. 4096) erschien mir sinnlos, da dann die Unterschiede von einer Farbstufe zur nächsten nicht mehr sichtbar wären. Die Anordnung der Farbtöne auf den Feldern erfolgte per Zufall, um eine diffuse, gleichgültige Gesamtwirkung zu erzielen, während das Detail anregend sein kann. Das starre Raster verhindert die Entstehung von Figurationen, obwohl diese mit Anstrengung sichtbar werden.“ (Gerhard Richter 1974)

Im Sommer 1976 führte Gerhard Richter seine Malerei erneut in Richtung gestischer Abstraktion und malte „Konstruktion (389)“. Damit beschritt er einen Weg, der ihn bis heute als einen der wichtigsten Maler der Abstraktion macht. Sie unterscheiden sich von den Abstraktionen der 1980er Jahre durch ihre relativ geringe Größe. Ab 1979 verwendet er die Rakel, um seine über einen langen Zeitraum entstehenden, in Schichten aufgebauten Abstraktionen mit einer Portion Zufall zu entwickeln:

„Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren.“ (Gerhard Richter 28.2.1985)

 

Kerze und Schädel

Gleichsam als Gegensatz zu den Abstrakten Bildern arbeitete Gerhard Richter 1982 und 1983 an Kerzen- und Schädeldarstellungen, die Mitte der 80er Jahre zu seinen Markenzeichen wurden. Immerhin nutzte die amerikanische Rockband Sonic Youth „Kerze“ (1983, WVZ 546-2) als Cover ihres 1988 erschienenen Albums „Daydream Nation“. Die malerisch delikaten Kerzen und Flammen (!) entfalten ob ihres dunklen Hintergrunds nahezu mystische Kraft - und sind meisterhaft fotorealistisch gemalt. Richter arbeitet oft mit Metaphern, so auch mit der Verwendung einer brennenden Kerze, die Besinnlichkeit, Vergänglichkeit und Tod bedeutet. Indem er der Kerze oft noch einen Totenschädel dazu legt, steigert er die Vergänglichkeitsassoziation. „Das oft verwendete Sujet der Kerze wurde aber auch zu einem politischen Symbol, durch die 50 Jahre Feierlichkeiten der Zerstörung Dresdens. Kerzen waren für die DDR immer schon ein wichtiges Symbol, als stille Demonstration gegen das Regime“, begründete Gerard Richter die Entstehung der Kerzenbilder. Dass aus dem diskursiven Zusammenhängen gleichzeitig auch eine populäre Dimension entstand, war Richter zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Richter nennt es aber einen „schönen Nebeneffekt zur Popularisierung“.

Wenn auch die altmeisterlich gemalte brennende Kerze auch heute noch zum populärsten Motiv in Gerhard Richters Werk gehört, so gelang ihm der internationale Durchbruch mit den großen Abstraktionen aus dem Jahr 1984. Die erste Retroepsktive in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf (ab 17.1.1986) präsentierte mit 133 Exponanten die größte Werkschau des Malers und wanderte weiter nach Berlin, Bern und Wien. Der Ausstellungskatalog war als erstes Werkverzeichnis des Künstlers konzipiert.

„Überlieferte, so genannte alte Kunstwerke sind nicht alt, sondern aktuell. Sie werden, solange wir sie im weitesten Sinne „haben“, nie überholt sein, und wir stellen ihnen weder etwas Gleichrangiges zur Seite, noch werden wir ihre Qualität erreichen oder überragen. Ihre permanente Gegenwart macht das Andere erforderlich, das wird heute herstellen, das weder besser noch schlechter ist, sondern deshalb anders sein muss, weil wir gestern den Isenheimer Altar gemalt haben.“1 (Gerhard Richter 1983)

 

Deutscher Herbst: 18. Oktober 1977 vs. Betty

Der 15-teilige Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ (Museum of Modern Art, New York) enstand zwischen Mürz und November 1988 zu den Selbstmorden der RAF-Mitglieder in Stammheim und dem Kulminationspunkt des Deutschen Herbstes. Richter recherchierte in den Archiven von Stern und Spiegel in Hamburg. Der Zyklus hat unterschiedlichste Deutung erfahren und gilt heute u.a. als Schlusspunkt der Beschäftigung des Künstlers mit dem Historienbild mit dem Ziel, traumatisch kollektive Erlebnisse offenzulegen. Wie der Künstler selbst festhielt, beendete der Zyklus „18. Oktober 1977“ seine Beschäftigung mit den Bildern nach Schwarz-Weiß Fotos der 1960er Jahre. Seit 1993 wird das Bild „Betty (663-5)“ (1988, Saint Louis Art Museum), das Gerhard Richter als Rückenansicht nach einem Schnappschuss seiner gleichnamigen Tochter aus erster Ehe malte, als positives Gegenstück zum RAF-Zyklus gedeutet.

 

Gerhard Richter im Kölner Dom

Gerhard Richter ist aus der evangelischen Kirche ausgetretener Atheist. Seinen „Hang zum Katholizismus“ konnte er 2006 im Glasfenster der Südquerhausfassade des Kölner Doms unter Beweis stellen. Das 106 m² große Glasgemälde Fenster besteht aus 11.263 mundgeblasenen Echt-Antik-Glas-Quadraten in der Größe von 9,6 mal 9,6 Zentimetern und in 72 unterschiedlichen Farben. Die abstrakte Farbfeld-Komposition geht konzeptuell auf das Bild „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974 zurück. Der Kölner Künstler schenkte sein Werk dem Dom, die Herstellungskosten von Derix Glasstudios beliefen sich auf 370.000 EURO Spendengeld. Nach der Einweihung am 25. August 2007 wurden sowohl positive wie kritische Stimmen laut.

Grund für die gespaltene Aufnahme war die Genese von Richters Domfenster. Die Verglasung aus dem Jahr 1863, ein Geschenk des preussischen Königshauses, war während des 2. Weltkriegs gemeinsam mit den Entwürfen zerstört worden. Das Kölner Domkapitel plante in der Folge an Märtyrer des 20. Jahrhunderts (Edith Stein, Maximilian Kolbe) und den Holocaust zu erinnern. Die Dombaumeisterin bat persönlich Gerhard Richter um einen weiteren Entwurf. Dieser überzeugte das Kapitel mehr als die figurativen Entwürfe von Egbert Verbeek und Manfred Hürlimann, die sich allerdings an den Vorgaben orientierten.

Gerhard Richter hatte für seinen abstrakten Entwurf eine Fotografie des Bildes „4096 Farben“ zerschnitten und hinter die Maßwerkfenster geklebt. Der Kölner Maler erhielt 2005 den Auftrag an diesem Konzept weiterzuarbeiten und wurde 2006 schlussendlich mit dem Werk beauftragt. Richter wählte aus einer Palette von 800 Farben 72 Farbtöne aus, die auch in Fenstern des 19. Jahrhunderts eingesetzt wurden. Ein Zufallsgenerator übernahm die Reihung, wobei sich die Bahnen allerdings spiegeln (1-3, 2-5, 4-6). Richter griff nur korrigierend ein, wenn die Farbtafeln zufällig eine Form ergaben. Die die Farbtafeln mit Silikon auf eine Trägerscheibe angebracht sind, konnte Richter ohne Bleiruten arbeiten.

25. Juni 2018
Gerhard Richter, A B, Still, 1986, Detail (Museum Barberini © Gerhard Richter 2018 (29062018)

Gerhard Richter. Abstraktion Museum Barberini zeigt Überblick zu Richters ungegenständlichen Bildern

„Gerhard Richter. Abstraktion“ im Museum Barberini schlägt den großen Bogen von den 1960er Jahren bis zu neuen Arbeiten. Sie widmet sich dabei erstmals einem für Richters Malerei zentralen Thema: den abstrakten Strategien und Verfahrensweisen im Gesamtwerk des Künstlers.
12. Juni 2017
Gerhard Richter, Vorhang IV (CR 57), 1965, Öl auf Leinwand, 200 × 190 cm (Kunstmuseum Bonn)

Gerhard Richter: Über Malen / frühe Bilder Bilder von 1961 bis 1980 – die wichtigsten Motive für Richters Metamalerei in Bonn und Gent

Der frühe Gerhard Richter (* 1932) der 1960er und 1970er Jahre erarbeitete sich anhand von wenigen Motiven Ausgangspunkte für ein höchst komplexes Werk. Malerei sui generis auf der Metaebene zu hinterfragen und gleichzeitig neu zubegründen, ist die Reaktion des 1962 aus der DDR geflohenen Malers auf die Avantgarde(n) in Düsseldorf.
9. Juni 2017
Gerhard Richter während der Arbeit am Zyklus 18. Oktober 1977, 1988 © Photo Timm Rautert .

Gerhard Richter: Biografie Lebensdaten und wichtige Ausstellungen des Malers

Gerhard Richter Biografie: Ausbildung zum Wandmaler in Dresden (DDR), Flucht nach Düsseldorf, wichtige Bilder und Werkentwicklung von den frühen 1960ern bis heute
13. Februar 2017
Gerhard Richter, Abstraktes Bild (947-8), 2016, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Gerhard Richter. Neue Bilder Abstrakte Malerei aus dem Jahr 2016 und ältere Arbeiten aus dem Museum Ludwig, Köln

Gerhard Richters aktuellste Bilder sind anlässlich seines 85. Geburtstags am 9. Februar 2017 im Museum Ludwig zu sehen. Wie für Richters abstraktes Werk charakteristisch arbeitete der Maler 26 Gemälde in unterschiedlichen Formaten höchst materialintensiv und farbig opulent aus.
3. April 2011
Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, Cover, 2010 (Hirmer)

Gerhard Richter. Bilder einer Epoche

Das Hamburger Bucerius Kunstforum hat sich für seine erste Präsentation eines lebenden Künstlers niemand geringeren als Gerhard Richter (* 1932) ausgesucht. Uwe M. Schneede zeigt unter dem Titel „Gerhard Richter. Bilder einer Epoche“ die berühmten, unscharfen Photogemälde (1962 – 1967) und dazu passend den Zyklus „18. Oktober 1977“ (1988). 1961 entschied sich Richter entgegen internationalen Entwicklungen für die Malerei und für Motive aus westdeutschen Illustrierten, die er variantenreich in Grautönen und ab 1964 mit Verwischungen in Gemälde verwandelte, oder wie der Künstler es formulierte „mit anderen Mitteln realisierte“.
  1. Zit. nach: Notizen 1983, zit. nach: Gerhard Richter, Text 1961–2007. Schriften, Interviews, Briefe, hg. von Dietmar Elger und Hans-Ulrich Obrist, Köln 2008, S. 129.