Gerhard Richter

Gerhard Richter (*1932) gehört zu den bekanntesten Malern der Gegenwart. Nach einer Ausbildung zum Wandmaler in Dresden, floh er 1961 in den Westen. Während seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie lernte er Konrad Lueg, Sigmar Polke und Blinky Palermo kennen. Bereits 1962 begann er Medienbilder in seine Gemälde zu integrieren, die er in provaten Fotoalben, Zeitungen, Zeitschriften, Werbeprospekten und Bildbänden fand. Während der frühen 1960er Jahre experimentierte Richter mit monochromer Malerei, Unschärfe, verwischten Porträts. Mit dem Begriff Kapitalistischer Realismus, den er gemeinsam mit Kuttner, Lueg und Polke für eine Ausstellung in der Kaiserstraße 31A entwickelt hatte, regaierte er auf die amerikanische Pop-Art und den Sozialistischen Realismus.

Farbtafeln mit zufälliger Anordnung der Farbflächen (ab 1966), Vorhänge (1965), Stadtbilder (1968), stimmungsvoll- romantisierende Landschaften (1968), die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entstanden, zeigen, wie sehr sich Gerhard Richter mit Minimal-Art und Konzeptkunst auseinandersetzte und die Ergebnisse auf seine Malerei übertrug. Zehn Jahre nach seiner Flucht nach West-Deutschland und seiner Ankunft in Düsseldorf wurde der Maler aus Dresden als Professor für Malerei an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berufen.

Das Jahr 1972 erweist sich in der Rückschau als ein intensives und erfolgreiches Ausstellungsjahr für Gerhard Richter: Sein Foto- und Quellenmaterial erhielt den Titel „Atlas“. Er malte für den Deutschen Pavillon der 36. Biennale von Venedig (11.6.-1.10.1972) den Bilderzyklus „48 Portraits (324/1-48)“ (Museum Ludwig, Köln). Danach widmete er sich in Anlehnung an Caspar David Friedrichs „Eismeer [Letzte Hoffnung]“ den Seestücken. Gleichzeitigt wandte er sich von der schwarzweißen Fotomalerei wieder ab und erprobte Landschaften mit überbreiten Pinseln, deren Spuren den Abstraktionsgrad der Gemälde erhöhen und die Abbildungsfunktion der Bilder unterlaufen. Die Lösung vom abbildhaften Charakter seiner Malerei bestätigte Gerhard Richter auch in den 1973 wieder aufgegriffenen Farbtafeln, in denen er 180 aus den drei Grundfarben gemischte Farbtöne nach Los verteilte.

„Um alle vorkommenden Farbtöne auf einem Bild darstellen zu können, entwickelte ich ein System, das - ausgehend von den drei Grundfarben plus Grau - in stets gleichmäßigen Sprüngen eine immer weitergehende Aufspaltung (Differenzierung) ermöglichte. 4 x 4 = 16 x 4 = 64 x 4 = 256 x 4 = 1024. Die Zahl 4 als Multiplikator war notwendig, weil ich eine gleichbleibende Proportion von Bildgröße, Feldgröße und Felderanzahl erhalten wollte. Die Verwendung von mehr als 1024 Farbtönen (z.B. 4096) erschien mir sinnlos, da dann die Unterschiede von einer Farbstufe zur nächsten nicht mehr sichtbar wären. Die Anordnung der Farbtöne auf den Feldern erfolgte per Zufall, um eine diffuse, gleichgültige Gesamtwirkung zu erzielen, während das Detail anregend sein kann. Das starre Raster verhindert die Entstehung von Figurationen, obwohl diese mit Anstrengung sichtbar werden.“ (Gerhard Richter 1974)

Im Sommer 1976 führte Gerhard Richter seine Malerei erneut in Richtung gestischer Abstraktion und malte „Konstruktion (389)“. Damit beschritt er einen Weg, der ihn bis heute als einen der wichtigsten Maler der Abstraktion macht. Sie unterscheiden sich von den Abstraktionen der 1980er Jahre durch ihre relativ geringe Größe. Ab 1979 verwendet er die Rakel, um seine über einen langen Zeitraum entstehenden, in Schichten aufgebauten Abstraktionen mit einer Portion Zufall zu entwickeln:

„Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren.“ (Gerhard Richter 28.2.1985)

Gleichsam als Gegensatz zu den Abstrakten Bildern arbeitete Gerhard Richter 1982 und 1983 an Kerzen- und Schädeldarstellungen. Wenn auch die altmeisterlich gemalten Bilder brennender Kerzen heute zu den populärsten Motiven in Gerhard Richters Werk gehören, so gelang ihm der internationale Durchbruch mit den großen Abstraktionen aus dem Jahr 1984. Die erste Retroepsktive in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf (ab 17.1.1986) präsentierte mit 133 Exponanten die größte Werkschau des Malers und wanderte weiter nach Berlin, Bern und Wien. Der Ausstellungskatalog war als erstes Werkverzeichnis des Künstlers konzipiert.

„Überlieferte, so genannte alte Kunstwerke sind nicht alt, sondern aktuell. Sie werden, solange wir sie im weitesten Sinne „haben“, nie überholt sein, und wir stellen ihnen weder etwas Gleichrangiges zur Seite, noch werden wir ihre Qualität erreichen oder überragen. Ihre permanente Gegenwart macht das Andere erforderlich, das wird heute herstellen, das weder besser noch schlechter ist, sondern deshalb anders sein muss, weil wir gestern den Isenheimer Altar gemalt haben.“1 (Gerhard Richter 1983)

Der 15-teilige Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ (Museum of Modern Art, New York) enstand zwischen Mürz und November 1988 zu den Selbstmorden der RAF-Mitglieder in Stammheim und dem Kulminationspunkt des Deutschen Herbstes. Richter recherchierte in den Archiven von Stern und Spiegel in Hamburg. Der Zyklus hat unterschiedlichste Deutung erfahren und gilt heute u.a. als Schlusspunkt der Beschäftigung des Künstlers mit dem Historienbild mit dem Ziel, traumatisch kollektive Erlebnisse offenzulegen. Wie der Künstler selbst festhielt, beendete der Zyklus „18. Oktober 1977“ seine Beschäftigung mit den Bildern nach Schwarz-Weiß Fotos der 1960er Jahre. Seit 1993 wird das Bild „Betty (663-5)“ (1988, Saint Louis Art Museum), das Gerhard Richter als Rückenansicht nach einem Schnappschuss seiner gleichnamigen Tochter aus erster Ehe malte, als positives Gegenstück zum RAF-Zyklus gedeutet.

12. Juni 2017
Gerhard Richter, Vorhang IV (CR 57), 1965, Öl auf Leinwand, 200 × 190 cm (Kunstmuseum Bonn)

Gerhard Richter: Über Malen / frühe Bilder Bilder von 1961 bis 1980 – die wichtigsten Motive für Richters Metamalerei in Bonn und Gent

Der frühe Gerhard Richter (* 1932) der 1960er und 1970er Jahre erarbeitete sich anhand von wenigen Motiven Ausgangspunkte für ein höchst komplexes Werk. Malerei sui generis auf der Metaebene zu hinterfragen und gleichzeitig neu zubegründen, ist die Reaktion des 1962 aus der DDR geflohenen Malers auf die Avantgarde(n) in Düsseldorf.
9. Juni 2017
Gerhard Richter während der Arbeit am Zyklus 18. Oktober 1977, 1988 © Photo Timm Rautert .

Gerhard Richter: Biografie Lebensdaten und wichtige Ausstellungen des Malers

Gerhard Richter Biografie: Ausbildung zum Wandmaler in Dresden (DDR), Flucht nach Düsseldorf, wichtige Bilder und Werkentwicklung von den frühen 1960ern bis heute
13. Februar 2017
Gerhard Richter, Abstraktes Bild (947-8), 2016, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Gerhard Richter. Neue Bilder Abstrakte Malerei aus dem Jahr 2016 und ältere Arbeiten aus dem Museum Ludwig, Köln

Gerhard Richters aktuellste Bilder sind anlässlich seines 85. Geburtstags am 9. Februar 2017 im Museum Ludwig zu sehen. Wie für Richters abstraktes Werk charakteristisch arbeitete der Maler 26 Gemälde in unterschiedlichen Formaten höchst materialintensiv und farbig opulent aus.
3. April 2011
Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, Cover, 2010 (Hirmer)

Gerhard Richter. Bilder einer Epoche

Das Hamburger Bucerius Kunstforum hat sich für seine erste Präsentation eines lebenden Künstlers niemand geringeren als Gerhard Richter (* 1932) ausgesucht. Uwe M. Schneede zeigt unter dem Titel „Gerhard Richter. Bilder einer Epoche“ die berühmten, unscharfen Photogemälde (1962 – 1967) und dazu passend den Zyklus „18. Oktober 1977“ (1988). 1961 entschied sich Richter entgegen internationalen Entwicklungen für die Malerei und für Motive aus westdeutschen Illustrierten, die er variantenreich in Grautönen und ab 1964 mit Verwischungen in Gemälde verwandelte, oder wie der Künstler es formulierte „mit anderen Mitteln realisierte“.
  1. Zit. nach: Notizen 1983, zit. nach: Gerhard Richter, Text 1961–2007. Schriften, Interviews, Briefe, hg. von Dietmar Elger und Hans-Ulrich Obrist, Köln 2008, S. 129.