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Kiki Smith: Procession Körperfragmente, Feminismus und das Verhältnis zum Tier

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 5. Juni 2019
Kiki Smith, Born, 2002, Bronze, 99,1 x 256,5 x 61 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)

Kiki Smith, Born, 2002, Bronze, 99,1 x 256,5 x 61 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)

Kiki Smith (* 1954) arbeitet seit den 1980er Jahren an ihrem von Weiblichkeit, Natur, ökologischem Bewusstsein geprägten Werk, das gleichermaßen von Lebensfreude, Vergeistigung aber auch Vergänglichkeit erzählt. Der menschliche und der tierische Körper sind die Schauplätze einer komplexen Verbindung, wobei sie Abhängigkeiten und Gleichrangigkeit auf wechselvolle Weise befragt. In Objekten, Installationen und Wandteppichen changieren die Werke von Kiki Smith zwischen raumgreifend und wandfüllend. Im Wiener Belvedere nimmt die Künstlerin teils auf die barocke Architektur des Unteren Belvedere Bezug. Der ornamentale Reichtum der Deckengestaltungen in Stuck oder Fresko korrespondiert mit glänzenden Materialien und einer schwebenden Skulptur.

Kiki Smith. Procession

Österreich / Wien: Belvedere, Unteres Belvedere
7.6. – 15.9.2019

Finnland / Tampere: Sara Hildén Art Museum
9.2. – 26.5.2019

Deutschland / München: Haus der Kunst
2.2. – 3.6.2018

#kikismithHDK

Kiki Smith, Looking Up with Veins, 1995, Bleistift, Buntstift und Tinte auf Papier, 52,7 x 64,1 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Looking Up with Veins, 1995, Bleistift, Buntstift und Tinte auf Papier, 52,7 x 64,1 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)

 

Pars pro toto – die Dekonstruktion des menschlichen Körpers

In diesen Werken kommen so unterschiedliche handwerkliche Techniken wie Glasbläserei, Glasmalerei, Herstellung und Verarbeitung von Porzellan, Gipsabguss, Papiermaché oder Filz zum Einsatz. Mit „Glass Stomach“ (1985) präsentiert Kiki Smith den Magen als durchsichtiges Gefäß. Der organische Ort der chemischen Spaltung von Nährstoffen und ihre Umwandlung in Energie ist Laborgerät für alchemistische Experimente. Ihre Entscheidung für einen bestimmten Werkstoff bezeichnet Kiki Smith als „eine nützliche Art zu denken“.

 

Kiki Smith, Digestive System, 1988, Dehnbares Eisen, 157,5 x 66 x 12,7 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Digestive System, 1988, Dehnbares Eisen, 157,5 x 66 x 12,7 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Virgin Mary, 1992, Wachs mit Pigment, Käseleinen und Holz, 171,5 x 66 x 36,8 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Virgin Mary, 1992, Wachs mit Pigment, Käseleinen und Holz, 171,5 x 66 x 36,8 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)

 

Die Werke der 1990er Jahre zeigen isoliert einzelne menschliche Körperteile: Bauch, Kopf, Hände, Gedärm, oder Gefäße mit den Körperflüssigkeiten Blut, Schweiß, Milch und Tränen. Vom Ganzen abgetrennt präsentiert, wirken sie wie archäologische Funde, oder Reliquien. Dabei machen die Radikalität der Bilderfindungen und die Magie des Materials das Werk von Kiki Smith so einzigartig. Durch ihre Hingabe an das „Drama“ des Körpers, vor allem des weiblichen Körpers, ist das gesamte emotionale Spektrum von Gewalt und Verletzlichkeit, von Harmonie und Geborgenheit gegenwärtig.

 

Kiki Smith, Head with Bird, 1994, Phosphorbronze und Silberbronze, 30,5 x 30,5 x 16,5 cm, Unikat (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Head with Bird, 1994, Phosphorbronze und Silberbronze, 30,5 x 30,5 x 16,5 cm, Unikat (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Untitled, 1995, Braunes Papier, Methylzellulose, Pferdehaar, 134,6 x 45,7 x 127 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
Kiki Smith, Untitled, 1995, Braunes Papier, Methylzellulose, Pferdehaar, 134,6 x 45,7 x 127 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)

 

Tierische Prozession

„Man beutet keine Natur aus, die zu einem spricht.“ (Kiki Smith)

Von diesen anatomisch angelegten Darstellungen ausgehend hat sich im Werk der Kiki Smith seitdem ein Universum entfaltet, das von Mädchen und Frauen, Mischwesen, Tieren vieler Art, Gewächsen und Gestirnen bevölkert ist. Mit „Jersey Crows“ (1995/2017) setzt Kiki Smith 20 Krähen, die Opfer von Pestiziden wurden und tot vom Himmel fielen, ein Denkmal. Eine solche Installation schafft Kreaturen, deren Habitat durch den Menschen bedroht ist, einen Raum der Wertschätzung, der an den Ritus des Übersetzens sowie an das Bewahren, an Totenbarke und Arche Noah, erinnert. Kiki Smith fragt nach unserem Verhalten gegenüber der Schöpfung.

Die Ausstellung lässt diese Geschöpfe am Betrachter vorbeiziehen wie in einer Prozession. Oft sind die verschiedenen Wesenheiten ineinander verwoben: ein abgetrennter Kopf auf dessen Kinn ein Rabenvogel sitzt („Head with Bird II“, 1994); oder eine Frau - die Künstlerin selbst –, die eine leblose Katze im Arm hält („Pietà“, 1999); eine andere, deren Fuß wie bei einer Geburt noch mit einem Reh verbunden ist („Born“, 2002). In der Ausstellung hat „Born“, sowie die Skulptur von einer Frau, die dem Bauch eines Wolfes entsteigt („Rapture“, 2001), umgeben von den Tapisserien einen ganzen Raum für sich. Die Begegnungen zwischen Mensch und Kreatur drücken Innigkeit und Vertrautheit aus. Insgesamt wird bei den Wesen von Kiki Smith die Grenze zwischen Mensch, Natur und Kosmos durchlässig.

Die Serie von zwölf Tapisserien ist hier erstmals vollständig ausgestellt. Bei ihrer ersten Reise nach Europa erfüllte sich die Künstlerin den Wunsch, die Tapisserien „Zyklus zur Apokalypse“ zu sehen, die Herzog Ludwig I. von Anjou in den Jahren 1377 bis 1382 für seine Residenz in Angers fertigen ließ. Dieser 140 Meter lange Wandteppich stellt die Visionen aus der Offenbarung des Johannes dar. In ihrer eigenen Serie von Tapisserien erzählt Kiki Smith eine Art Schöpfungsgeschichte. Schlange, Wolf, Rabenvogel, Eva, Adam, Reh, Berge, Flüsse, Meer und Gestirn sind zu einem bekenntnishaften Weltentwurf verwoben.

 

Kiki Smith, Guide, 2012, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (Courtesy of the artist und Barbara Gross Galerie, München)
Kiki Smith, Guide, 2012, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (Courtesy of the artist und Barbara Gross Galerie, München)
Kiki Smith, Sky, 2011, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto courtesy the artist and Magnolia Editions, Oakland)
Kiki Smith, Sky, 2011, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto courtesy the artist and Magnolia Editions, Oakland)

 

Kiki Smith im Unteren Belvedere, Wien

Im Sommer 2019 zeigt das Belvedere Kiki Smith erstmals in einer großen Ausstellung in Österreich.

 

Kiki Smith im Haus der Kunst München

Der Titel der Ausstellung leitet sich etymologisch von „vorbeischreiten“ (lat. procedere) ab und er stellt einen Bezug her zur Inszenierung des Künstlers Francis Alÿs aus dem Jahr 2002: Alÿs konzipierte den temporären Auszug von Kunstwerken aus dem MoMA wegen Baumaßnahmen als „The Modern Procession“. Repliken bedeutender Werke von Alberto Giacometti oder Marcel Duchamp oder Pablo Picassos Gemälde „Demoiselles d’Avignon“ wurden wie Reliquien durch die Straßen von New York getragen, mit Kiki Smith - für viele selbst eine Ikone der Kunst -, über den Köpfen thronend.

Obwohl Kiki Smith im Bewusstsein einer kunstinteressierten Öffentlichkeit präsent ist, fand die Wertschätzung ihres Werks in europäischen Museen vorwiegend in kleineren Projekten Ausdruck: in der Kestner Gesellschaft, Hannover (1998), im Ulmer Museum (2001), der Fondazione Querini Stampalia, Venedig (2005), im Museum Haus Esters, Krefeld, der Kunsthalle Nürnberg (2008), der Fundació Joan Miró, Barcelona (2009) und dem Palais des Papesses, Avignon (2013). Die Ausstellung im Haus der Kunst ist die erste größere Museumspräsentation in Europa. Die ausgewählten Werke verflechten sich zu einer Gesamtdarstellung des gedanklichen Kosmos der Künstlerin. Der Schwerpunkt liegt auf den Skulpturen vom Beginn der Werkentwicklung in den 1980er Jahren bis zu jüngst entstandenen Arbeiten.

Kuratiert von Petra Giloy-Hirtz und organisiert vom Haus der Kunst.

 

Kiki Smith. Procession: Ausstellungskatalog

mit Beiträgen von Julia Bryan Wilson, Petra Giloy-Hirtz, Virginia Raguin und Ulrich Wilmes
gebundenes Buch, 224 Seiten, 23,0 x 27,0 cm, 110 farbige Abb.
ISBN 978-3-7913-5625-9
Prestel

 

Kiki Smith. Procession: Bilder

  • Kiki Smith, Digestive System, 1988, Dehnbares Eisen, 157,5 x 66 x 12,7 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Virgin Mary, 1992, Wachs mit Pigment, Käseleinen und Holz, 171,5 x 66 x 36,8 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Head with Bird, 1994, Phosphorbronze und Silberbronze, 30,5 x 30,5 x 16,5 cm, Unikat (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Looking Up with Veins, 1995, Bleistift, Buntstift und Tinte auf Papier, 52,7 x 64,1 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Untitled, 1995, Braunes Papier, Methylzellulose, Pferdehaar, 134,6 x 45,7 x 127 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Born, 2002, Bronze, 99,1 x 256,5 x 61 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery)
  • Kiki Smith, Sky, 2011, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery, Foto courtesy the artist and Magnolia Editions, Oakland)
  • Kiki Smith, Guide, 2012, Jacquard-Tapisserie, 287 x 190,5 cm (Courtesy of the artist und Barbara Gross Galerie, München)

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Alexandra Matzner

Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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