Alberto Giacometti

Alberto Giacometti (1901–1966) wird heute als einer der wichtigsten Bildhauer und Objektkünstler des Surrealismus und des Existentialismus gerühmt. Der Sohn des Malers Giovanni Giacometti nannte Cuno Amiet seinen Taufpaten und saß seinem Vater als Kind bereits stundenlang Modell. Bereits als 13-jähriger modellierte er erste Bildnisköpfe seines Vaters und seiner Brüder in Plastilin, ein Jahr später malte er sein erstes Ölgemälde. Während er die Evangelische Lehranstalt Schiert bei Chur besuchte (1915–1919), konnte er sich bereits ein Atelier einrichten.

 

Ausbildung

Ab Herbst 1919 studierte Alberto Giacometti an der École des Beaux-Arts und der École des Arts Industriels in Genf: Das Malen fällt ihm leichter als das Modellieren, obwohl erste Porträtbüsten von Familienmitgliedern sein Talent belegen. In der Aktklasse hatte er Schwierigkeiten, weil er nur jene Körperpartie abzeichnen wollte, die ihn interessierte – nämlich die Füße der Modelle. Im folgenden Jahr bereiste er Italien und lebte im Haus eines Cousins in Rom.

Anfang 1922 übersiedelte der angehende Maler nach Paris, wo er an der Académie de la Grande Chaumière bei Antoine Bourdelle Unterricht nahm. Hier studierte Giacometti bis 1927, auch wenn er monatelang der Académie fernblieb. Im Jahr 1924 entdeckte der nunmehr Bildhauer die afrikanische Stammeskunst für sich. Diego Giacometti, der ab Februar 1925 in Paris lebte, wurde ab Ende 1926 zu wichtigsten Mitarbeiter Albertos. Gemeinsam fertigten sie ab 1930 Einrichtungsgegenstände und Schmuckstücke für Man Ray, den Innendesigner Jean-Michel Frank und die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli.

 

Alberto Giacometti, der Surrealist

Alberto Giacometti wurde 1928 wurde von André Masson den Surrealisten vorgestellt. Zu den neuen Freunden gehören: Hans Arp, Joan Miró, Max Ernst, Alexander Calder sowie die Schriftsteller Louis Aragon und Georges Bataille. Bereits im folgenden Jahr veröffentlichte Bataille in „Documents“ einen Artikel über Giacomettis Werk. André Breton und Salvador Dalí zählten zu den Bewunderern von Giacomettis Kunst, sogar Pablo Picasso kahm zu seinen Ausstellungseröffnungen. Sie nahmen ihn in den Kreis der Surrealisten auf.

Mit so berühmten Werken wie „Boule suspendue“ (1930) fand Alberto Giacometti nicht nur eine abstrakte Entsprechung für eine erotische Dimension; es geht ihm ebenso um die Sichtbarmachung von Energie und Gefühl im Raum. Dazu entwickelte er die Idee, den Raum durch den Käfig zu umgrenzen und ihn so darzustellen. Nach Ansicht des Plastikers existierte der Raum nämlich nicht per se, sondern müsste erst durch den Bildhauer hergestellt werden.

 

„Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen, aber er existiert nicht, nein.“ (Alberto Giacometti, 1949)

 

Zurück zur Figur

Im Jahr 1934 kehrte Alberto Giacometti wieder zur figurativen Skulptur zurück. Im foglenden Jahr lernte er Isabel Rawsthorne kennen, mit der ihn eine lebenslange Freundschaft verband, und die ihn in den folgenden Jahren zu vielen bedeutenden Werken inspirierte. Seine erste Büste von Isabel zeigt sie stilisiert wie eine ägyptische Königin, kurz danach sah er sie visionär als miniturhaft kleine Gestalt auf der nächtlichen Straße und ließ daraufhin seine Skulpturen schrumpfen. Seine Rückkehr zum Naturstudium führte zur „Exkommunikation“ des Künstlers aus dem Pariser Surrealismus-Kreis am 14. Februar 1935. Der Philosoph Jean-Paul Sartre sprach Giacometti 1939 im Café de Flore am Boulevard Sainte-Germain an. Daraufhin ergaben sich zwischen dem Philosophen, seiner Freundin Simone de Beauvoir und dem Bildhauer spannende Gespräche, die 1947 zu einem einflussreichen Text Sartres über Giacomettis Kunst führten.

 

„Die Skulptur, die ich von dieser Frau [Isabel Rawsthorne] machen wollte, entsprach in Wirklichkeit genau der Art und Weise, wie ich sie in einer gewissen Entfernung von mir auf der Straße gesehen hatte. Ich wollte ihr also die Größe geben, die sie hatte, als sie sich in dieser Entfernung befand. […] Es war um Mitternacht auf dem Boulevard Saint-Michel. Ich sah das ungeheure, weite Dunkel über ihr, sah die Häuser – ich hätte also, um meinen Eindruck wiederzugeben, ein Bild malen und keine Skulptur machen sollen. Oder ich hätte einen riesigen Sockel machen müssen, damit das Ganze dem Anblick entsprach.“1 (Alberto Giacometti)

 

Um dem Krieg zu entgehen, übersiedelte Alberto Giacometti von Januar 1942 bis September 1945 nach Genf, während Diego das Atelier hütete. Wenig später lernte er in Maloja seine zukünftige Frau Annette Arm kennen, die 22 Jahre jünger als er war, zu seinem wichtigsten Modell und 1949 seine Ehefrau wurde.

 

Spätstil – Suche nach dem Absoluten

Jean-Paul Sartre schrieb 1948 „La recherche de l’absolu“ (Die Suche nach dem Absoluten) für den Katalog von Giacomettis Ausstellung in New York und wurde so für die Interpretation des Spätwerks prägend. Die gestiegene Bedeutung von Alberto Giacometti ist an der zunehmend großen Anzahl von Ausstellungen bei Pierre Matisse (New York), Aimé Maeght (Paris) nachvollziehbar. Zu den wichtigen Kontakten der 1950er Jahre zählten James Lord, der spätere Biograf Giacomettis, und der anti-bürgerliche Schriftsteller Jean Genet, der das Buch „L’atelier d’Alberto Giacometti“ publizierte. Den japanischen Philosophieprofessor Isaku Yanaihara wählte der Bildhauer viele Jahre lang als Modell wählte.

 

„Solche Gespräche sind vergnüglich, aber] die Ruhe währt nicht lange. Plötzlich bricht ein Sturm los. ›Ich schaffe es nicht, ich brauche nur noch ein bisschen, aber für dieses bisschen fehlt mir der Mut, Scheiße!‹ Er beißt die Zähne zusammen und malt weiter, aber seinem Mund entweichen Flüche, Schreie der Verzweiflung und Verwünschungen. Zu guter Letzt ein Schrei aus voller Kehle: ›Aaah!‹ […] Die Rue Hippolyte-Maindron ist eine kleine stille Straße, und sollte jemand an einem dieser Abende im November 1956 zufällig dort entlangspaziert sein, wäre er sicher von dem eigenartigen Schrei überrascht gewesen, der durch die Mauer des alten Hauses drang, das jeden Moment einzustürzen drohte. Es klang wie der Schrei eines eingesperrten Verrückten.“2 (Isaku Yanaihara, Tagebuch)

 

Charakteristisch für die späten Bronzeskulpturen von Alberto Giacometti ist ihre hagere Gestalt, fehlendes Haar, große Füße. Männer werden dynamisch ausschreitend als „Gehende“ und Frauen als stehende Figuren gedeutet. Für den französischen Pavillon der Biennale von Venedig 1956 schuf Alberto Giacometti die „Frauen für Venedig“, eine seiner bekanntesten Skulpturengruppen. Die zweite Teilnahme an der Biennale von Venedig (1962) sicherte Giacometti die Verleihung des Staatspreises für Skulptur. Drei Jahre später gewann er den Grand Prix National des Arts.

Das Raum- und Zeitverständnis Alberto Giacomettis kulminierte ab Mitte der 1940er Jahre in der Überzeugung, dass sich Bewegungen aus einer Abfolge von Stillständen zusammensetzen würden. Jede dieser stillgelegten Bewegungsphasen wurde von ihm primär als unabhängig wahrgenommen. So beinhalten seine stillen, stehenden Frauen und dynamisch ausschreitenden Männer das Potenzial sich zu bewegen.

„Von da an war mein Blick verändert; ich erlebte die Bewegung als eine Abfolge von Stillständen. Ein Mensch, der redete, war kein bewegter Mensch mehr, es waren Unbewegtheiten, die einander ablösten und die jede von der anderen genau getrennt waren. Es waren Stillstände, die eine ganze Ewigkeit hätten dauern können und die von anderen Stillständen der gleichen Art abgelöst wurden.
Ich erinnere mich, dass ich einmal in einem Café etwas bestellte, und dass der Kellner den Mund bewegte und etwas sagte, und dass ich diese Bewegungen des Mundes als eine Aufeinanderfolge unbewegter Momente erlebte, die vollkommen für sich standen, mit dem nächsten unzusammenhängend waren. Der Mensch wurde dadurch zu etwas total Unbekanntem, zu einem Mechanismus.“ (Alberto Giacometti, 1961)

 

Ohne Ergebnis verliefen die Recherchen von Alberto Giacometti zum Platz vor der Chase Manhattan Bank in New York City (Auftragsvergabe 1958). Stattdessen prägte er die Interpretation von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ mit einem minimalistischen Bühnenbild für das Théâtre de l’Odéon (1961).

 

„Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass alle Ereignisse gleichzeitig um mich herum existierten. Die Zeit wurde horizontal und zirkulär, war zugleich Raum, und ich versuchte, sie zu zeichnen.“ (Alberto Giacometti, Le rêve, le Sphinx et la mort de T., in: Labyrinthe, 1946)

 

Der Gesundheitszustand Alberto Giacomettis verschlechterte sich 1963: Der weltberühmte Bildhauer litt an einem Magen-Tumor. Ihm wurden vier Fünftel des Magens entfernt. Trotz des ärztlichen Rates, mit dem Rauchen aufzuhören, sich besser zu ernähren und ruhiger zu arbeiten, setzte Alberto Giacometti sein ruheloses Leben fort. Am 11. Januar 1966 verstarb er im Krankenhaus von Chur an einem Herzleiden in Zusammenhang mit einer chronischen Bronchitis. Er wurde unter weltweiter Anteilnahme am Friedhof in Borgonovo bestattet.

7. Juni 2018
Alberto Giacometti und Francis Bacon, 1965, Silbergelatineabzug, Foto: © Graham Keen

Bacon – Giacometti in der Fondation Beyeler Freundschaft und Konkurrenz

Alberto Giacometti (1901–1966) und Francis Bacon (1909–1992): Freunde und Rivalen gleichermaßen, die viel verband, darunter auch die englische Malerin Isabel Rawsthorne.
18. Mai 2018
Ferdinand Hodler, Blick ins Unendliche, 1913–1916, Öl auf Leinwand, 138 x 245 cm (Kunst Museum Winterthur, Geschenk des Galerievereins 1923)

Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti Schweizer Heroen der Moderne im Dialog

Erstmals begegnen sich die beiden Großen der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts in einer Ausstellung: Ferdinand Hodler (1853–1918) und Alberto Giacometti (1901–1966). 2018 jährt sich der 100. Todestag Hodlers: ein Grund, das Schaffen des herausragenden Schweizer Malers zu Beginn der Moderne zu würdigen und sich ihm mit einem radikal neuen Blick anzunähern.
16. April 2018
Alberto Giacometti. Pionier der Moderne (Cover des Ausstellungskatalogs), 2014

Alberto Giacometti: Biografie Lebenslauf des schweiz-französischen Bildhauers

Alberto Giacometti (1901–1966) wird heute als einer der wichtigsten Bildhauer gerühmt: Sohn eines Malers, Ausbildung, Surrealismus, wichtige Ausstellungen.
4. November 2016
Alberto Giacometti, Homme qui marche [Schreitender Mann], 1960, Bronze, 190 × 112,5 × 28 cm (Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Donation: The New Carlsberg Foundation), Ausstellungsansicht Schirn 2016, Foto: Alexandra Matzner.

Giacometti – Nauman Konfrontation in der Schirn

Gleißendes Licht von Bruce Naumans „Lighted Center Piece“ (1967/68) empfängt die Besucherinnen und Besucher in der Schau „Giacometti–Nauman“ in Frankfurt. Das Licht und seine Reflexion sind so hell, dass die Augen schmerzen. Gegenüber, wenn auch in sicherer Entfernung, steht Giacomettis „L’objet invisible (Mains tenant le vide)“ (1934/35). Das titelgebende Objekt, das die Figur Giacomettis hält, ist unsichtbar und wird nur durch die Handhaltung erahnbar. Dieses genaue Betrachten möchte Kuratorin Esther Schlicht herausfordern – sogar wenn es weh tut, sogar wenn es unmöglich scheint. Genau hinzustehen, befähigt, die beiden so bekannten Künstler in neuem Licht zu sehen. Dabei geht es in der Schirn weniger um das Wie ihrer Arbeitsweisen, sondern das Was! Ein überraschender Vergleich, ausgehend von Leitbegriffen, der rundum gelungen ist!
26. Oktober 2016
Alberto Giacometti. Material und Vision. Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze (Verlag Scheidegger & Spiess AG)

Alberto Giacometti. Material und Vision Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze

Anlässlich des 50. Todestags von Alberto Giacometti sowie des Abschlusses von aufwändigen Restaurierungen unter der Leitung von Hanspeter Marty präsentiert das Kunsthaus Zürich erstmals 75 fragile Originalgipse, zwei Arbeiten in Plastilin und eine Steinskulptur, die 2006 als Schenkung von Bruno (1907– 2012) und Odette Giacometti an die Giacometti-Stiftung an das Kunsthaus Zürich gekommen sind. Darunter befinden sich manche nie in Bronze gegossene Meisterwerke, die bislang unbekannte Aspekte von Giacomettis Arbeitsweise beleuchten.
17. Oktober 2014
Alberto Giacometti. Pionier der Moderne (Cover des Ausstellungskatalogs), 2014

Alberto Giacometti. Werke und Biographie

Alberto Giacometti – ein Suchender, ein Getriebener, ein Workaholic, ein Jahrhundertkünstler. Das Leopold Museum schätzt sich glücklich, einige der bekanntesten Skulpturen und Plastiken, ergänzt durch Gemälde, Zeichnungen und Lithografien des Künstlers in Wien vorzustellen. Ausgehend vom Spätwerk Giacomettis wird ein Blick auf dessen künstlerische Entwicklung geworfen. Werke von Freunden und Kollegen, wie Miró und Masson, Balthus und Bacon, Picasso und Pollock, ergänzen den chronologischen Rundgang durch Giacomettis Leben und Werk.
8. Dezember 2010
Alberto Giacometti, Der Ursprung des Raumes, Hatje Cantz (Cover).

Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes Skulpturen schaffen Raum

Gemeinsam erarbeiteten das Kunstmuseum Wolfsburg (D) und das Salzburger Museum der Moderne (A) eine Ausstellung über den Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901–1966), in der das Thema „Raum“ eine zentrale Stellung einnimmt. Wie Markus Brüderlin in der Einführung des Katalogs betont, sei es nötig, das „Raumproblem“ als neue inhaltliche Dimension zu entwickeln und dies über spezielle Ausstellungsarchitektur zu vermitteln.
  1. Pierre Dumayet, Die Schwierigkeit, einen Kopf zu machen, in: Alberto Giacometti, Gestern, Flugsand. Schriften, Zürich 1999, S. 274–280, hier S. 275. Original: Le drame d’un réducteur de tête, in: Le Nouveau Candide, 110, 6.–13. Juni 1963.
  2. Catherine Grenier, Gewalt und Zwang, in: Catherine Grenier, Ulf Küster, Michael Peppiatt (Hg.), Bacon – Giacometti (Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen b. Basel, 2018), Berlin 2018, S. 16–22, hier S. 17.