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Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung

Österreich / Wien: mumok
17.3. – 22.10.2017

Jakob Lena Knebl über ihre Vorgangsweisen, Themenfelder und aufgebrochene Hierarchie in Kunstfeldern, die sie ihrer zweifellos außergewöhnlichen Personale und Neuaufstellung im mumok zugrunde gelegt hat. Das Oh…. dürfte groß werden!
Das Gespräch für ARTinWORDS führte Alexandra Matzner.

 

 

Jakob Lena Knebl, eingeladen im mumok! Du bist für zwei Bereiche zuständig, die unter dem Titel „Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung“ zusammengefasst werden (→ Jakob Lena Knebl im mumok). Auf der Ebene -3 zeigst du eine Neuaufstellung der Sammlung und auf -1 deine Personale. Wie bist du das angegangen?

Jakob Lena Knebl: Meine Personale ist auch verschränkt mit Arbeiten aus der Sammlung des mumok, soviel vorneweg!

Hinter mir steht eine Frauendarstellung von Alberto Giacometti, einen Magritte sieht man nur über einen Spiegel…

Jakob Lena Knebl: Zwei Bereiche sind mir für diese Arbeit hier wichtig: Kunst und Design. Ich habe beides auch studiert. So mache ich die Sammlung immer auf Hinblick auf Identitätskonstruktion auf. Also, wie wird unsere Identität durch Kunst und Design mitkonstruiert. Wie inszenieren wir uns? Wie funktionieren diese Körpererweiterungen?

Du hast gleichzeitig Kunst und Mode an der Akademie und der Angewandten studiert. Warum hattest du das Gefühl, dein Kunststudium durch Mode zu erweitern bzw. vice versa. Man hört ja oft, dass Kunst und Mode einander widersprechen würden.

Jakob Lena Knebl: Das glaube ich nicht! Es besteht zweifellos eine Hierarchie zwischen Kunst und Design, die ich nicht nachvollziehen kann. Das sehe ich überhaupt nicht so, weil Design wahnsinnig erfolgreich ist. Wir können nicht leben ohne Design, ohne Kunst schon, was zwar schade wäre, aber es ist vorstellbar. Moden sind Strömungen, Ästhetiken oder die Art, etwas zu tun. Solche Phasen oder Strömungen gibt es in allen Lebensbereichen. Im Mainstream wird Mode mit Kleidung gleichgesetzt, was so nicht stimmt. In der Kunst nennt man es einfach Strömung.

In der Kunst pflegen diese Phasen ein wenig länger zu sein als in der Kleidermode.

Jakobv Lena Knebl: Ich habe deshalb auch Modedesign studiert, weil ich spannend fand, wie schnell wir etwas fest und steif behaupten können und wenig später das Gegenteil sagen. Ich fand diesen Prozess so interessant, der von einem, plakativ ausgedrückt, „Schiach!“ zu „Super!“ führt. Was macht das mit mir? Welche Möglichkeiten haben wir auch dadurch? Ich halte das nicht unbedingt für etwas Schlechtes, weil man manipuliert wird. Ich glaube, so sind wir und dass es ohne Manipulation nicht geht.

Wenn du fragst, was macht das mit uns, dann haben wir heute unglaublich viele Möglichkeiten, uns auszudrücken, die unterschiedlichsten Oberflächen mit unseren Körpern zu generieren. Wie baust du das in deine Ausstellung ein? Du vermengst ja höchst unterschiedliche Werke von Künstlerinnen und Künstlern mit deinen eigenen Arbeiten.

Jakob Lena Knebl: Wichtige Schlagworte sind Humor, Sinnlichkeit und Identitätskonstruktionen, Atmosphären, Emotionen. Daher leite ich auch den Titel „Oh…“ ab, der Emotion, ein Erstaunen transportiert.

Wenn man auf der Ebene -1 in deine Personale hineingeht, sieht man in der Mitte des Raumes eine Installation, ein Objekt. Kannst du zu diesem Werk kurz etwas sagen?

Jakob Lena Knebl: Ich habe vor zwei Jahren angefangen, sehr große Begehrensräume aus Stahl zu bauen. Sie sind einerseits inspiriert von El Lissitzkys Proun-Room aber auch vom Interieur Design. Ich finde Innendesign spannend, weil man sich dabei immer fragt, welche Atmosphäre erzeugt werden soll. Dazu kommt bei mir noch die Multiperspektive. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Fresko von Giotto ein, der einen Engel in einen Raum „hineinstopft“. Ich habe mich immer gefragt, wo die Beine dieses Engels sind. Ich mag so einen surrealen Moment schon sehr gerne, oder einen, wo man nicht mehr sicher sein kann, wie man ihn umschreibt und in dem sich etwas verschiebt.

 

 

Hedonismus und demokratische Möbel

Das Auffallendste an deiner Ausstellung ist, dass du sichtlich versuchst, die Objekte mit Hilfe des Displays zusammenzufassen. Es entstehen dadurch laufstegartige oder wohneckenartige Ensembles. Wir sitzen jetzt gemeinsam auf einer riesigen, schwarzen Bank und könnten uns vorstellen, in einem Eigenheim eines Sammlers zu sein oder gar im mumok, umgeben von seinen Kunstschätzen, zu wohnen.

Jakob Lena Knebl: Oder wir könnten uns überlegen, wie man den Hausner da drüben verkauft.

 

 

Geht es auch um ökonomischen Wert bei deiner Ausstellung?

Jakob Lena Knebl: Hmmm… meine Ausstellung ist sicher keine Konsumkritik. Ich gönne mir jetzt diesen Hedonismus! Kunst ist immer wieder kritisch, das ist heute ganz stark zu spüren. Das war ich auch, überwinde aber in dieser Ausstellung mein altes Ich, indem ich diesen Hedonismus, die Sexualität und das Begehren auf eine andere Art, auf eine sinnliche Weise in den Vordergrund bringe.

Die Sinnlichkeit wandert jetzt vom Körper auf die Oberfläche der Objekte?

Jakob Lena Knebl: Ja, oder auch umgekehrt in Form einer Wechselwirkung! Wir sitzen hier auf einer Wohnlandschaft – das finde ich spannend – weil in den Fünfziger Jahren es nur Zweier- oder Dreiersofas gab. Erst in den Siebziger Jahren wurde die Sitzgruppe entwickelt. Die Studentenrevolte und ein anderes Wir wurde in dem Sitzarrangement ausgedrückt.

Ist die Sitzgruppen für dich ein demokratisches Möbelstück?

Jakob Lena Knebl: Ja, es ist demokratisch, oder zumindest eines, das die Gruppe mitdenkt. Deshalb habe ich eine in die Ausstellung gestellt. Jorge Luis Borges hat eine wunderschöne Kurzgeschichte geschrieben, von einem Haus um das sich viele Gerüchte ranken. Der Erzähler, der sich unerlaubt Zutritt verschafft, findet Objekte vor, die er nicht zuordnen kann. Er weiß nicht, ob es sich um Kunstwerke oder Designobjekte handelt. Im Design gibt es schon strikte Richtlinien, zum Beispiel dass ein Sofa oder ein Stuhl den Oberschenkel waagrecht macht oder ein Tisch ein Blickfeld markiert. Möbel adressieren ganz stark auf den Körper. Der Erzähler aus Borges Stück findet eine gigantisch große, gepolsterte U-Form und denkt sich, wenn das das Bett sein sollte, dann muss die Person dazu monströs sein. Welche Körper, sollten es Möbel sein, setzen diese Dinge voraus? An dieser Idee lasse ich mich immer wieder inspirieren. Auch auf meine Psyche, die hinter mir steht, kann man nichts legen. Die Installation bildet einen Raum aus, aber man sieht durch, er ist nicht begrenzt.

Du arbeitest in deiner Ausstellung auch unglaublich viel mit Spiegeln. Warum?

Jakob Lena Knebl: Ich liebe diesen „cheap trick“! Ich mag, dass der Raum dadurch gebrochen wird und durch die Vervielfältigung so ganz andere Räume wieder schafft. Es geht schon um die Idee, wie man Wahrnehmung sehr einfach verändern kann. Zu jeder vollen Stunde gibt es zudem eine Projektion, besser eine projizierte Installation. Ich werde als Avatar ins mumok hineinsteigen, greife mit meinen Händen hinein und hole mir vier Arbeiten in die Mitte und interagiere mit ihnen: Ich füttere den Giacometti, ich schlecke den nackten Mann ab, ins Clay Ketter Regal stelle ich Bücher, den Oskar Schlemmer baue ich immer wieder neu zusammen. Wenn man eine App herunterlädt, können die Besucher*innen durch mich als Avatar ebenfalls in die Ausstellung eingreifen.

 

Jakob Lena Knebl als Künstlerin und Kuratorin

Fotografie ist das zweite Medium neben den Kleidungsstücken und den Installationen, die von dir stammen. Du bist als Designerin und Künstlerin in der Ausstellung erfahrbar?

Jakob Lena Knebl: Die kleine Kollektion habe ich mit dem Modelabel House of the very island‘s, wo ich früher einmal Mitglied war, entwickelt.

Ist die Kleidung käuflich zu erwerben?

Jakob Lena Knebl: Ja, im Samstagsshop (in der Margarethenstraße 46, 1040, Anm. AM), wenn auch Abwandlungen davon. Vielleicht nicht das Kleid mit den Biedermeierärmeln.

 

 

Spiegel, Mode, Design der Siebziger Jahre – was sind noch Themen für dich?

Jakob Lena Knebl: Ich fand das immer interessant, dass wir in den Neunzigern die Siebziger Jahre geliebt haben, dann habe ich das Jahrzehnt aber fürchterlich gefunden. Die Ebene -3 ist sehr ästhetisch geworden, weil modernism im Mainstream angelangt ist.

 

 

Ich habe am Wochenende für mich herausgefunden, dass sogar Marcel Broodthaers, in verwaschener Form mit seinen Typographien im Mainstream angelangt ist.

Jakob Lena Knebl: Ich mag den Mainstream. Ich finde ihn spannend. Die Siebzigerjahre sind mir vor ein paar Monaten noch schwergefallen, aber es gibt für mich keine Ausstellung, für die ich mich nicht noch weiterentwickle. Mein Hauptthema könnte sein, die Endlichkeit unseres Lebens und die Frage, was wollen wir erleben.

In dem Sinne: Was soll sich bei dir noch alles ausgehen?

Jakob Lena Knebl: Ich hoffe viel! Ich würde aber gerne reisen lernen, weil ich mir viel zu gut vorstellen kann, was alles passieren könnte. Ich kann in der Öffentlichkeit nackt stehen, aber ich kann nicht allein mit dem Flugzeug verreisen.

Ich stelle mir vor, dass es nicht leicht ist, zu lernen, nackt irgendwo zu stehen.

Jakob Lena Knebl: Die Sauna hilft dabei. So wie ich mich verändere in meinen Arbeiten, möchte ich andere einladen, sich ebenfalls auf die Reise zu begeben.

 

 

Die Einladung vom mumok ist sicher auch eine mutige, weil du die Objekte transformierst. Du nimmst ihnen den Heiligkeitsstatus, die Aura, wenn du eine Skulptur von Giacometti als Kleiderpuppe verwendest und ihr ein rotes Kleid anziehst. Es könnte durchaus sein, dass so manche*r Besucher*innen dadurch irritiert werden!

Jakob Lena Knebl: Das könnte zu vielen Beschwerden führen, was für mich allerdings sehr unverständlich ist. Ich möchte keinen Skandal provozieren, das fände ich billig und blöd. Ich benutze die Plastiken wie Kleiderpuppen. Kunst und Design wechseln in meiner Ausstellung ständig die Position.

 

Künstlerinnen und das Begehren

Auffallend ist auch die hohe Präsenz von Künstlerinnen in deiner Ausstellung. Wie hast du sie ausgewählt?

Jakob Lena Knebl: Indem sie sehr gut gepasst haben. Das Thema ist sehr stark der Körper gewesen – und es ist es noch immer. Auf -3 ist das Verhältnis von Künstlerinnen zu Künstlern ziemlich 50:50, das kippt dann auf -1, weil ich viele Heroen der Klassischen Moderne als „Ornament“, als Tapete an die Wand bringe. Die Gemälde dürfen nicht mehr allein hängen, sondern ich setze sie als Dekorstücke ein.

Hier finden sich Namen wie Jackson Pollock und andere, deren Gemälde linksbündig, eng übereinander bis unter die Decke gehängt wurden. Das Gemälde von René Magritte sieht man auch nur verzerrt im Spiegelbild.

Jakob Lena Knebl: Ja, die im Kanon ganz wichtigen Maler hängen oben, damit man sie wenig sieht.

 

 

Auf der unteren Ebene hängt auch über einer Arbeit von Louise Bourgeois ein Kleidungsstück. Auch die Künstlerinnen entgehen deiner Kleiderpuppenphantasie nicht.

Jakob Lena Knebl: Die untere Ebene ist ziemlich austariert, das musste aber sein. Man sieht ihre Arbeit, denke ich, trotzdem noch gut genug.

Daneben hat mich aber gewundert, dass du auch John de Andreas ostentativ nackt liegende Frau ausgewählt hast.

Jakob Lena Knebl: Ich bin schon sehr platt auch, muss ich gestehen. Subtilität ist nicht meines, daher habe ich unten dieses Segment mit John de Andrea neben Gormley und der Brus schwebt drüber gestaltet. Dazwischen steht noch die Wiener Werkstätte. Das ist wie ein billiger Sex-Witz aus der Schule.

Zurückkehrend zu den Frauen und Künstlerinnen: Zu den auffallenden Positionen auf -3 zählt Lena Svetlana Heger neben VALIE EXPORT, Cindy Sherman, Martha Jungwirth, Florentine Pakosta, Ashley Hans Scheirl, um nur einige zu nennen.

Jakob Lena Knebl: Mir war wichtig, Künstlerinnen aus drei Generationen in die Ausstellung zu bringen. Svetlana Heger ist mir wahnsinnig wichtig, wenn man jetzt von Post-Internet-Kunst spricht, die sich mit Corporate Identity verschränkt, muss man sagen, dass sie das schon während der Achtziger Jahre machte.

Wie wichtig waren diese Pionierinnen für dich?

Jakob Lena Knebl: Svetlana Heger war mir beispielsweise zu glatt und zu schön – jetzt finde ich sie super. Ich habe mich in den letzten Jahren aber sehr verändert. Das Überwinden einer Distanz ist immer wieder Thema meiner Kunst. Mich interessiert der Prozess, etwas, was weit weg ist, herzuholen. Ich hätte mir vor Kurzem noch nicht gedacht, einen Araki in meine Ausstellung zu hängen. Auf der anderen Seite eigne ich mir männliche Körper an, indem ich einen anderen Blick auf ein bisexuelles oder heterosexuelles Begehren werfe. Daher stellte ich private Inszenierungen gleichwertig neben Fotografien von Rudolf Schwarzkogler.

Dazu kommt in deiner Ausstellung noch der Aspekt des Fetischs, repräsentiert durch schwarze Farbe, Lack und Leder.

Jakob Lena Knebl: Fetischismus ist für mich sehr interessant. Dass man ein Detail an Materialität herausnimmt, dazu gehört das Design der Werkstätte Carl Auböck.

Auf die Kunst übertragen kann man den Schluss ziehen, dass der Besitz eines Kunstwerks auch ein Fetisch sein könnte.

Jakob Lena Knebl: Natürlich! Man sucht sich ja auch nicht ein x-beliebiges Stück aus, sondern etwas, mit dem man in Beziehung gesetzt werden will. Das hilft die Verkaufspreise diverser Künstler zu erklären.

 

Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung: Bilder

  • Jakob Lena Knebl und Alexandra Matzner im mumok
  • Jakob Lena Knebl Begehrensraum, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Jakob Lena Knebl im mumok, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Jakob Lena Knebl, Wohnecke im mumok, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Jakob Lena Knebl, Calder als Kleiderständer, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Jakob Lena Knebl und Giacometti, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Jakob Lena Knebl Bourgeois, Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.
  • Ausstellungsansicht Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien, 17.3.–22.10.2017, Photo: mumok / Lisa Rastl.

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