Cindy Sherman

Wer ist Cindy Sherman?

Cindy Sherman (*1954, Glen Ridge/USA) ist eine US-amerikanische Fotokünstlerin und eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. Sie erlangte mit inszenierten Fotografien in den späten 1970er Jahren zunächst im Umfeld der „Pictures Generation“ Bekanntheit. Ab den frühen 1980er Jahren entwickelte sie ein von höchster künstlerischer Autonomie geprägtes Werk, mit dem ihr rasch der internationale Durchbruch gelang. Cindy Sherman gehört neben Richard Prince, Robert Longo, Sherry Levine oder Mike Bidlo zur Generation der Appropriation Art, die in die Fußstapfen u.a. von Elaine Sturtevant trat.

Cindy Shermans Schaffen umfasst zum größten Teil Selbstportraits, in denen sie sich in vielfältigen Rollen und verschiedensten Kontexten inszeniert. Indem Sherman weibliche Rollenbilder der Medienwelt aufgreift, legt sie Stereotypen offen. Gleichzeitig sie lässt ihre eigene Identität hinter Kostümen, Masken und Prothesen verschwinden. Durch die breitenwirksame Rezeption ihrer Werke wurde sie zum Vorbild nachfolgender Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Thema Identität auseinandersetzen. Ihre Vorbildwirkung wird mit dem Begriff Cindy Sherman Effect bezeichnet.

Ausbildung

Ab 1972 studierte Cindy Sherman an der Buffalo State University Malerei. Rasch entdeckte sie ihr Interesse für Fotografie und feministische Künstlerinnen, die vor der Kamera performten, wie Lynda Benglis, Eleanor Antin und Hannah Wilke. Ihren Kunstbegriff erweiterte sie mithilfe der Arbeiten von Vito Acconci und Chris Burden. Wichtige Impulse erhielt Sherman während ihres Studiums also von jenen Künstlerinnen und Künstlern, die den eigenen Körper als Präsentationsfläche für Kunst verwendeten. In dieser Zeit lernte sie auch Robert Longo kennen, mit dem sie eine Beziehung einging.

Bus Riders (1976)

1976 fotografierte Cindy Sherman die Schwarzweiß-Fotoserie „Bus Riders“, für die sie sich in zuvor beim Busfahren beobachtete Typen verwandelte. Mithilfe von Schminke, Perücken und wechselnden Kleidern hatte sich Sherman als Fahrgast unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft, ja sogar anderer Hautfarbe verkleidet. Sherman posiert mit einem einfachen Stuhl vor einer weißen Wand. Noch mit Selbstauslöser geschossen, zählte u.a. zu den Schwierigkeiten, den Auslöser in der Hand zu verstecken, während das Kabel am Boden sichtbar bleibt.

Hallwalls und Artists Space

1975 eröffnete Longo mit Charles Clough gemeinsam den alternativen Kunstraum Hallwalls, wo Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler gezeigt wurden (und der bis heute existiert). Im Rahmen ihrer Tätigkeiten dort wurde Cindy Sherman Teil der Kunstszene, lernte etwa Martha Wilson, Dan Graham, Bruce Nauman, Nancy Holt, Yvonne Rainer, Robert Irwin, Richard Serra und Katharina Sieverding kennen; ebenso Kunstkritikerinnen und Kuratorinnen wie Lucy Lippard, Marcia Tucker und Helene Winer.

Helene Winer war Leiterin des alternativen Artists Space in New York. 1977 kuratierte Douglas Crimp die Ausstellung „Pictures“, für die einige der Hallwalls-Künstlerinnen und -Künstler eingeladen wurden, darunter Sherman und Longo, Sherrie Levine. Mit dieser Ausstellung fand sich die Gruppe der Pictures Generation, die in den 1980er Jahren zur führenden jungen Generation an der Westküste avancierte. Cindy Sherman arbeitete einige Zeit lang im Artists Space als Empfangsdame (manchmal verkleidet), gleichzeitig arbeitete sie an ihren fotografischen Serien, mit denen ihr Anfang der 1980er Jahre der internationale Durchbruch gelang.

„Ich glaube, ich war Teil einer Bewegung, einer Generation, und vielleicht war ich die Populärste aus jener Bewegung damals, aber das wäre wahrscheinlich auch ohne mich passiert. Die Kunstwelt war bereit für etwas Neues, etwas jenseits von Malerei. Eine Gruppe, überwiegend Frauen waren zufällig diejenigen, die das übernahmen, teilweise weil sie sich vom Rest der (männlichen) Kunstwelt ausgeschlossen fühlten und dachten, ‚keiner experimentiert momentan mit Fotografie. Lasst uns das als unser Werkzeug verwenden‘.“1 (Cindy Sherman, 2012)

1989 arrangierte Cindy Sherman zum ersten Mal medizinische Puppen in ihren Inszenierungen.

Ausstellungen

Shermans Arbeiten wurden in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt, zuletzt in der National Portrait Gallery, London (2019), dem Museum of Modern Art, New York, dem San Francisco Museum of Modern Art, dem Walker Art Center, Minneapolis und dem Dallas Museum of Art (2012) sowie dem Astrup Fearnley Museet, Oslo, dem Moderna Museet, Stockholm und dem Kunsthaus Zürich (2013).

Auszeichnungen

Sherman wurde vielfach ausgezeichnet, zu den wichtigsten Anerkennungen und Ehrungen zählen das MacArthur Fellowship (1995), das Fellowship des Guggenheim Museums (1983), das Praemium Imperiale (2016), der Roswitha Haftmann Preis (2012) sowie der Max-Beckmann Preis der Stadt Frankfurt (2019). Seit 1999 trägt Cindy Sherman den Goslarer Kaiserring.

Cindy Sherman lebt und arbeitet in New York.

Literatur über Cindy Sherman

  • Ingried Brugger, Bettina M. Busse (Hg.), The Cindy Sherman Effect. Identity and Transformation in Contemporary Art (Ausst.-Kat. Kunstforum Wien, 29.1.–21.6.2020), München 2020.
  • Eva Respini (Hg.), Cindy Sherman (Ausst.-Kat. The Museum of Modern Art, New York, San Francisco Museum of Modern Art; Walker Art Center, Minneapolis; Dallas Museum of Art) New York 2012.
  • Phoebe Hoban, The Cindy Sherman Effect, in: Art News, 2012, o. S.

Beiträge zu Cindy Sherman

21. Juni 2020
Cindy Sherman, Untitled #582, Detail, 2016 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York © 2019 Cindy Sherman)

Paris | Fondation Louis Vuitton: Cindy Sherman

Mit mehr als 300 Werken von Cindy Sherman aus den Jahren 1975 bis heute ehrt die Louis-Vuitton-Stiftung eine der größten zeitgenössischen Fotografinnen.
26. März 2020
Stephen Shore, West Ninth Avenue, Amarillo, Texas, 2. Oktober 1974, 1974, Silberfarbstoffbleichverfahren (ALBERTINA, Wien © Stephen Shore)

Wien | Albertina: Amerikanische Fotografie

Aufnahmen der amerikanischen Weite, der Alltagskultur, sozialer Landschaften und urbaner Metropolen–die Erneuerung der amerikanischen Ikonografie nach 1945 steht im Mittelpunkt dieser Albertina-Ausstellung.
28. Januar 2020
Cindy Sherman, Untitled Film Still #2, Detail, 1977, Silbergelatineabzug, 95,5 x 70 cm (KUNSTMUSEUM WOLFSBURG, Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)

Wien | Bank Austria Kunstforum: The Cindy Sherman Effect Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst

Cindy Shermans Werk, beginnend mit ihren ikonischen „Untitled Film Stills“ (1977–1980), inspirierte nachfolgende Künstlergenerationen dazu, die Thematik Identität und Transformation in diversen Medien zu erkunden. Die Kamera wird als Spiegel oder Bühne für Inszenierungen des Selbst verwendet.
30. Juli 2019
Chuck Close, Self-Portrait, Detail, 2009 (Albertina, Wien)

Schlossmuseum Linz: Andy Warhol bis Cindy Sherman. Amerikanische Kunst aus der Albertina Klaus Albrecht Schröder kuratiert Ausstellung zur Amerikanischen Kunst in Linz

Mehr als 200 Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, Tom Wesselmann, Alex Katz, Robert Longo, Cindy Sherman, Nan Goldin, Sherrie Levine u.a. Gastspiel der Albertina im Schlossmuseum in Linz.
26. Juni 2019
Cindy Sherman, Untitled Film Still #21, Detail, 1978 (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)

Cindy Sherman: „Untitled Film Stills” in der National Portrait Gallery, London Retrospektive der amerikanischen Fotokünstlerin

National Portrait Gallery zeigt die gesamte Serie „Untitled Film Stills“ (1977–1980) von Cindy Sherman. Wichtige Fotografien aus weiteren Serien ergänzen die Schau zu einer Retrospektive. Aufschlussreich wird die Gegenüberstellung von Ingres' Porträt von Madame Moitessier und Shermans Interpretation der Komposition.
4. Februar 2019
Cindy Sherman (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York, Foto: Mark Seliger)

Cindy Sherman erhält Max-Beckmann-Preis 2019 US-Fotokünstlerin ist die 14. Preisträgerin des renommierten Frankfurter Kunstpreises

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1. Mai 2017
Lynn Hershman Leeson, Roberta Construction Chart #1, 1975, C-Print © Lynn Hershman Leeson, SAMMLUNG VERBUND, Wien

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre aus der SAMMLUNG VERBUND Ausstellung „Woman“ im mumok

„Feministische Avantgarde“ – die Rebellion der Künstlerinnen der 1970er Jahre gegen das patriarchale System (auch der Kunst) – anhand von über 300 Werken der SAMMLUNG VERBUND dargestellt. Den internationalen Aufbruch feministischer Künstlerinnen taufte Gabriele Schor, Sammlungsleiterin des Verbund, als „Avantgarde“.
  1. Zit. n. Phoebe Hoban, The Cindy Sherman Effect, in: Art News, 2012, o. S.