Kasimir Malewitsch

Wer war Kasimir Malewitsch?

Kasimir Malewitsch (Kiew 23.2.1878–15.5.1935 Leningrad) war ein russischer Maler und Pionier des Suprematismus. Zu Beginn vom Impressionismus, aber auch von der russischen Volkskunst beeinflusst, entwickelte Malewitsch aus dem Kubofuturismus die gegenstandslose Kunst, der er mit der Bezeichnung Suprematismus einen theoretischen Überbau gab. Nach der Russischen Revolution wurde der Suprematismus zur anerkannten Kunstrichtung, die ein Modell für eine künstlertisch-wissenschaftliche Neuorientierung der Gesellschaft bot.

Ausbildung

Malewitsch studierte ab 1895 an der Kunstschule in Kiew, später in Moskau an der Hochschule für Malerei, Plastik und Architektur. Nach der Beteiligung an mehreren Ausstellungen des Verbandes russischer Künstler, wurde Malewitsch ab 1909 von Paul Cézanne und den Fauves beeinflusst. 1910 von Michail Larionow eingeladen, an den „Karo-Bube“-Ausstellungen mitzuwirken und schloss sich den Kubofuturisten an.

Suprematismus

„Eine alogische Zusammenstellung zweier Formen: „Geige und Kuh“ – als Moment des Kampfes gegen Logismus, die Natürlichkeit, die bürgerliche Denkweise und die Vorurteile. K. Malewitsch. 1911“1 (Beschriftung auf der Rückseite des gleichnamigen Gemäldes.)

Kasimir Malewitschs „Aviator“ (1914) gehört bereits zu seinen so genannten „alogischen“ Bildern, mit Hilfe derer er 1913 den Konstruktivismus zu überwinden trachtete. Der Aviator, wie das Bild auch in seiner Beschriftung zeigt, wird auf der Rückseite vom Künstler als „(kein Symbolismus) Landkarte und Fisch stellen nur sich selbst dar“ konterkariert. Eine Botschaft steckt trotzdem im Fisch, heißt das russische Wort für Fliegen doch wörtlich übersetzt „in der Luft schwimmen“. Die nicht stimmige Zusammenstellung von geometrisch-abstrakten Farbflächen und mehr oder weniger konkret dargestellten Objekten, deren Größenverhältnisse bereits an surreale Lösungen denken lassen, war für Malewitsch ein wichtiger Schritt von der Geometrisierung der Bildelemente in Richtung reiner Abstraktion. Wie dem einführenden Zitat zu entnehmen ist, ging es dem Künstler um eine revolutionäre Haltung dem Bürgertum, der Rationalität und der Tradition gegenüber. Der Künstler solle Schöpfer seiner Bildwelten sein, eigene (alogische) Regeln erfinden dürfen und nicht nur die Realität oder das allgemein Bekannte kopieren.

Malewitsch schuf 1913 ein erstes Schwarzes Quadrat für die komische Oper „Sieg über die Sonne“ (Musik: Michail Matjuschin; Libretto: Alexej Krutschenych; Bühnenbild und Kostüme: Kasimir Malewitsch) und präsentierte auf der Letzten futuristischen Ausstellung, „0,10.“ 1915 eine Reihe von geometrisch abstrakten Kompositionen mit 39 Gemälde vertreten. Den Begriff Suprematismus leitete er von „supremus“, der höchsten Form, ab. Einfache, flächige, geometrische Grundformen (Quadrat, Kreuz, Kreis) sind auf weißem Hintergrund positioniert. Den Schritt in Richtung Suprematismus hatte Malewitsch, ohne es noch zu ahnen, bereits 1913 gemacht, als er im Rahmen des Opern-Projekts „Sieg über die Sonne“ ein solches verwendete. Aufgeladen mit Theorie und einem Manifest wählte Malewitsch das „Schwarze Quadrat“ zum Inbegriff seiner neuen Malerei, die er unbeirrt aller Kritik durchzusetzen wusste. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schlossen sich der Architekt El Lissitzky und Malewitsch 1920 in Witebsk zu UNOWIS zusammen und verbreiteten ihre Ideen auch außerhalb der Malerei.

Wie sehr die Avantgarde aus der russischen Volkskunst, Ikonenmalerei und Religiosität schöpfte, macht der Untertitel und Farbwahl des roten Quadrats – „Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen“ – deutlich. Kasimir Malewitsch malte auch mehrere Repliken von den enigmatischen Gemälden, wie die in der Albertina gezeigten Werke 1923 für die Biennale von Venedig (1924). Von Mitte der 1910er Jahre bis Ende der 1920er versuchte Kasimir Malewitsch seine Auffassung von Kunst durch Unterricht und theoretische Forschung abzusichern und zu verbreiten – und weniger durch das Malen von Bildern. Seine gewonnene Auseinandersetzung mit Marc Chagall ließ ihn dafür nicht in Witebsk bleiben, stattdessen kehrte der Künstler-Theoretiker 1923 nach Petrograd zurück und gründete das Museum für künstlerische Kultur mit (bis 1926). Ende des Jahrzehnts kehrte er wieder zur Figur des Bauern zurück, wobei er das neoprimitivistische Motiv mit suprematistischer Formgebung und malerischen Details verband. Dafür ersann er den Begriff „Spuronaturalismus“. Dass sich Malewitsch mit dem Bauernstand beschäftigte und ihn typisierte, hatte mit der so genannten Enkulakisierung zu tun, der Enteignung von Mittel- und Großbauern, die sowohl die sozialen Verhältnisse wie auch die Besitzverhältnisse hinwegfegte. Zunehmend erlaubte sich der Künstler auch die Darstellung der Gesichter, ja einer realistischen Darstellungsweise, wobei sich seine Figuren deutlich vom Naturalismus des Sozialistischen Realismus unterschieden.

Nach der Revolution wurde Kasimir Malewitsch Konservator aller Moskauer Kunstschätze und Leiter aller Kunstanstalten, 1918 Professor an der WCHUTEMANS und an der Kunstschule in Witebsk, wo er eng mit El Lissitzky zusammenarbeitete, sich aber bald mit Marc Chagall überwarf. Er begann 1920 Gebrauchsgeschirr zu entwerfen, gestaltete mit seinen Schülern Wandgemälde in Witebsk, kehrte aber 1921 nach Moskau zurück und übernahm 1922 die Leitung des Instituts für künstlerische Kultur (INCHUK) in Leningrad. In der Zeitschrift „De Stijl“ wurde sein „Schwarzes Quadrat“ reproduziert, 1926 bemaltes Geschirr. 1927/28 wurden große Einzelausstellungen in Warschau und Berlin ausgerichtet, wo er auch zugegen war.

Suprematismus und De Stijl

Die Aufhebung der Unterschiede zwischen hoher Kunst und Kunsthandwerk führte zu Entwürfen für Gebrauchsgegenstände sowie für Kleider, aber auch zu Architekturentwürfen. Die Ähnlichkeit der Ziele des Suprematismus mit De Stijl und dem Bauhaus sind unübersehbar, im Unterschied zu den westlichen Bewegungen wr Malewitsch jedoch mehr als zehn Jahre ein Repräsentant der offiziellen, von der Regierung geförderten Kunstpolitik. Erst durch die Abkehr von der ungegenständlichen Kunst und dem Primat des Sowjetischen Realismus verlor der Suprematismus seine inhaltliche Bedeutung. Malewitsch war nicht der einzige russische Künstler, der sich diesem Diktat beugte und zu einem neuen, realistischen Stil fand.

Malewitsch am Bauhaus

In Deutschland lernte er Walter Gropius am Bauhaus kennen, vereinbarte mit László Moholy-Nagy, dass ein Teil seiner theoretischen Schriften in der Reihe der Bauhaus-Bücher veröffentlicht werden sollte: „Die gegenstandslose Welt“ erschien als Band II der Bauhausbücher um 1927. Malewitsch hatte Kontakt zu Kurt Schwitters.

Spätwerk

Als Kasimir Malewitsch nach Leningrad zurückkehrte, ließ er seine Bilder und Manuskripte in Berlin zurück. Trotz der Schließung von INCHUK bleib Malewitsch in Leningrad. 1929 wurde ihm in der Tretjakow-Galerie noch eine Retrospektive ausgerichtet, zwei Jahre später jedoch seine Bilder als „degeneriert“ bezeichnet. Malewitsch begann wieder, figürlich zu malen.

Im April 1932 wurden per Parteibeschluss alle Künstlerverbände und Kunstrichtungen verboten – mit Ausnahme jener, welche die Ideologie des Stalinismus mit Hilfe des Sozialistischen Realismus2 unterstützten. Künstler wie Wladimir Malagis (1902–1974) sollten die positiven Eigenschaften der gegenwärtigen sowjetischen Wirklichkeit widerspiegeln, und zwar in realistischer Form, die den Werktätigen verständlich ist. Abstraktion wurde ab etwa Mitte der 1920er Jahre zunehmend als „bourgeois“ gebrandmarkt und spätestens ab 1936 in die Depots der Museen geräumt. Damit waren die russischen Avantgarden, die in den 1910er und 1920er Jahren so viele unterschiedliche Stile entwickelt hatten, ihrer Grundlage beraubt. Sie konnten ihre Werke nicht mehr ausstellen und veröffentlichen, die Künstler_innen wurden persönlich verfolgt. Von ihnen lebten noch Kasimir Malewitsch, Wladimir Tatlin (gestorben 1953), Pawel Filonow (gestorben 1941) und einige andere in der Sowjetunion, viele hatten schon in den 1920er Jahren die Flucht nach Westeuropa angetreten (Natalia Gontscharowa, Michail Larionow, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Alexandra Exter, Boris Grigorjew). Erst in den 1970er Jahren wurden die russischen Emigranten sukzessive für die russische Kunstgeschichte wiederentdeckt und die Geschichte der Avantgarden geschrieben.

  1. Zitiert nach ebenda, S. 13.
  2. Der Begriff wurde am 23. Mai 1932 in der „Literaturzeitung“ geprägt.