Marc Chagall: Einführung in Leben & Werk des berühmten Malers

Marc Chagall

Marc Chagall (1887–1985) kam im jüdischen Ghetto von Witebsk (ehem. Kaiserreich Russland, heute: Weißrussland) zur Welt und wurde Moische Chazkelewitsch Schagalow genannt. Er studierte kurz in St. Petersburg und Paris, wo er sich ab 1910 aufhielt. Der malende „Poet“, wie er von seinen Künstlerfreunden am Montparnasse genannt wurde, schaffte noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den internationalen Durchbruch. Nach dem Krieg und der Russischen Revolution, die er hautnah in St. Petersburg miterlebte, wurde er 1918 zum Kommissar für Kunst und Kultur der Region Witebsk, wo er eine von ihm gegründete Kunstschule leitete. Auseinandersetzungen um die „richtige“ Avantgarde führten schon bald zum Bruch mit Kasimir Malewitsch und El LIssitzky, die er an die Schule geholt hatte. Nach einiger Zeit in Moskau gelang es Marc Chagall wieder in den Westen ausreisen zu dürfen.

Hier ließ er sich erneut in Paris nieder, wo er sich der Illustrationskunst zuwandte und zunehmend international anerkannt wurde. Die Surrealisten bezeichneten Marc Chagall sogar als „Vorläufer“ ihrer Kunst. Den Gräuel des Ersten Weltkriegs entkam er durch Einladung der Vereinigten Staaten und dem MoMA. Zwischen 1941 und 1948 lebte Marc Chagall daher in New York, wo er viele Kollegen wiedertraf und sich erneut dem Bühnenbild zuwandte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte Marc Chagall nach Südfrankreich. Hier entstanden erstmals Keramiken und Skulpturen. Vor allem seine Bibelillustrationen und Glasfenster für katholische Kirchen machten ihn über die Grenzen der Kunstwelt berühmt. Bis heute wird die Kunst von Marc Chagall aufgrund ihrer farbenfrohen und idyllischen Motive aus dem Schtetl, dem jüdischen Ghetto bei Witebsk, geschätzt.

 

Chagall in Paris

„Damals hatte ich erkannt, dass ich nach Paris gehen musste. Die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk; aber meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser. Ich hatte keinen anderen Grund, meine Heimat zu verlassen, und ich glaube, ihr in meiner Malerei immer treu geblieben zu sein.“ (Marc Chagall)

 

Von den Künstlern im Künstlerhaus „La Ruche“ wurde Chagall „le poète [der Dichter]“ genannt. Seit 1912 stellte er im Salon des Indépendants und wenig später im Salon d’Automne aus. In den Salons, aber auch auf seinen Wanderungen durch die Museen und Galerien sah er erstmals die leuchtenden Farben der Fauvisten und die Bilder der Kubisten. Von den Werken der Fauvisten war Chagall überwältigt und schrieb später in seiner Autobiografie „Mein Leben“: „Keine Akademie hätte mir all dies geben können, was ich entdeckte, als ich mich in die Ausstellungen von Paris, in die Schaufenster der Galerien, in seine Museen verbiss.“ Mit seinen phantasievollen, auf jddischen Geschichten sowie seinen Erfahrungen im Schtetl basierenden und farbenfrohen Bildern bildete Marc Chagall eine gänzlich eigenständige Bildsprache aus.

 

„Chagall ist ein sehr begabter Kolorist und gibt sich allem hin, wozu seine mystische und heidnische Imagination ihn treibt: Seine Kunst ist sehr sinnlich.“1 (Guillaume Apollinaire)

 

Vor allem Herwarth Walden förderte den jungen Avantgardisten mit Ausstellung in seiner Galerie Der Sturm in Berlin. Diese geschäftliche Beziehung trübte sich nach dem Ersten Weltkrieg deutlich ein: Chagall hatte Walden im Sommer 1914 etwa 150 Werke in Berlin zurückgelassen, als er auf Familienbesuch nach Witebsk fuhr. Der Ausbruch des Kriegs verhinderte eine Rückkehr. Als Marc Chagall 1922 mit seiner Familie endlich die UdSSR verlassen durfte, waren die Werke zwar verkauft worden, aber die Inflation hatte den Wert des eingenommenen Geldes gänzlich vernichtet.

 

Chagall im Ersten Weltkrieg

Marc Chagalls Aufenthalt in Russland dauerte von Sommer 1914 bis 1922. Den Ersten Weltkrieg erlebte er ab Herbst 1915 in St. Petersburg, dem nunmehrigen Petrograd. Zuvor konnte er seine Jugendliebe Bella Rosenfeld gegen den Wunsch ihrer Eltern heiraten. Ein Jahr später wurde ihre gemeinsame Tochter Ida geboren. Seinen Kriegsdienst leistete Marc Chagall im Petrograder Zentralbüro für Kriegswirtschaft ab und schuf realistische Schilderungen seiner Umgebung in Schwaz-Weiß. Die Revolution erlebte er direkt mit und unterstützte sie aufgrund schwieriger Lebensbedingungen, Antisemitismus und Judenverfolgung tatkräftig. Gleichzeitig schaffte er es, auch in Russland als wichtiger Künstler anerkannt zu werden.

 

Kunstlehranstalt in Witebsk

Chagalls Ernennung zum Kommissar für Kunst und Kultur der Region Witebsk 1918 führte zu einer kulturellen wie intellektuellen Hochphase in der etwas abgeschiedenen Region. Anfangs begrüßte Chagall die Revolution und ihre neuen Möglichkeiten für die Arbeiterschaft und der Künstler begriff sich selbst als ästhetischer Lehrer und Propagandist. Chagalls Bilder wie „Der Spaziergang“ (1917/18) lassen nichts von den revolutionären Unruhen erahnen, sondern schildert das privat Glück des aus mittellosen Verhältnissen stammenden Malers mit der Angetrauten. Sie schwebt wie ein Vogel über ihm, während er in seiner Rechten ein Vögelchen sanft hält.

Schon im April 1919 übernahm er die Leitung der von ihm ein Jahr zuvor gegründeten Kunstschule, an die er Iwan Puni und Jehuda Pen aber auch seinen „Nachbarn“ und ehemaligen Studienkollegen El Lissitzky und Kasimir Malewitsch berief. In der Folge entbrannte ein Richtungsstreit zwischen Figuration und Abstraktion, der zugunsten von Kasimir Malewitsch ausging. Als die Studenten Chagalls 1920 geschlossen zu Malewitsch wechselten, den lyrischen Stil Chagalls für altmodisch erklärten und den Künstler zur Niederlegung seines Amtes zwangen, übersiedelte dieser desillusioniert in die Hauptstadt. Da er sich dort immer mehr der Zensur ausgesetzt fühlte, verließ er Russland 1922, um nach Deutschland und schlussendlich Frankreich zu gehen.

 

Zurück in Paris

Kaum zurück in Berlin begann Marc Chagall mit dem Kunsthändler Paul Cassirer zu arbeiten. Dieser beauftragte ihn mit der Arbeit an Radierungen für eine Publikation von „Mein Leben“ (publiziert 1931). Im September 1923 übersiedelte der Künstler mit seiner Familie wieder nach Paris, wo er von den Surrealisten rund um André Breton zu einem Vorläufer ihrer Bestrebungen erkannt wurde. Ambroise Vollard beauftragte ihn in den folgenden Jahren mit Illustrationen zu Nikolai W. Gogols „Tote Seelen“, La Fontaines „Fabeln“ und dem „Cirque Vollard“. Bereits 1926 wurden Werke von Marc Chagall in einer New Yorker Galerie ausgestellt.

Anfang er 1930er Jahre reiste Chagall viel, darunter nach Palästina, Ägypten und in den Libanon, in die Niederlande, Italien, Spanien, Großbritannien und Polen. Erste Illustrationen zu biblischen Themen entstanden 1931. Mitte der 1930er Jahre machten die politischen Entwicklungen vor allem in Hitler-Deutschland es auch für Chagall unmöglich, weiter in Berlin auszustellen. Der Maler erhielt 1937 noch die französische Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig wurden seine Werke aus deutschen Museen verbannt und in der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. 1938 widmete er das Gemälde „Weiße Kreuzigung“ den vom NS-Regime verfolgten Juden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog sich Chagall mit seiner Familie zuerst in das Loiretal und 1940 in die unbesetzte Provence zurück. Schon im Winter des Jahres wurde er eingeladen, in die Vereinigten Staaten zu kommen. Im Mai 1941 reisten er un Bella auf Einladung des Museum of Modern Art über Marseille und Lissabon nach New York.

 

Marc Chagall in den USA (1941–1948)

Zwischen Mai 1941 und 1948 lebte Marc Chagall in New York. Hier traf er Fernand Léger, George Bernanos, André Masson, Jacques Maritain, Piet Mondrian und André Breton wieder. Pierre Matisse übernahm mit seiner New Yorker Galerie die Vertretung des inzwischen weltberühmten Künstlers. In Mexiko, wohin Marc Chagall 1942 erstmals reiste, fand er eine Arbeitsumgebung, die ihn an seine Heimat Witebsk zurückerinnerte. Hier schuf er erste Ausstattungen für das Ballett „Aleko“ mit Musik von Tschaikowsky und der Choreografie von Leonid Massine. Der überraschende Tod von Bella im September 1944 stürzte Marc Chagall in tiefe Depression; monatelang konnte der Künstler nicht arbeiten.

Die erste große Retrospektive mit 144 Werken Chagalls wurde vom Museum of Modern Art in New York und dem Art Institute in Chicago organisiert. Für eine große Ausstellung im Musée National d’Art Moderne in Paris, die ins Stedelijk in Amsterdam, die Tate Gallery in London, ins Kunsthaus Zürich und die Kunsthalle in Bern weiterwanderte, kehrte Marc Chagall 1948 nach Paris zurück.

 

Marc Chagall: Glasfenster und Bibelillustrationen

Marc Chagall ließ sich in Orgeval bei Paris nieder. Noch im gleichen Jahr erhielt er den Ersten Graphik-Preis der 25. Biennale von Venedig und lernte Aimé Maeght kennen. Dieser wurde sein Kunsthändler und inspirierte den Künstler wohl nach Südfrankreich zu übersiedeln. Zuerst ließ er sich in Saint-Jean-Cap-Ferrat (1949) nieder, ein Jahr später in Vence und 1966 in Saint-Paul-de-Vence. Hier schuf Chagall seine ersten Keramiken (1950) und Skulpturen (1951).

1952 heiratete Marc Chagall Walentina (Vava) Brodsky und begann farbige Glasfenster zu entwerfen: Kathedrale in Metz (1952–1964), Kirche von Assy (1957), Synagoge im Hospital Hadassah in Jerusalem (1960–1962), Pocantico, New York und das Gebäude der Vereinigten Nationen (), Frauenmünster in Zürich (1970), Kathedrale von Reims (1973/74), Klosterkirche in Sarrebourg (1975), Pfarrkirche St. Stephan in Mainz und das Chicago Institut (1977–1979), Kathedrale in Chichester und der Kirche St. Stephan in Mainz (1978–1981)

In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich auch wieder Arbeiten für das Theater und schuf großflächige Wanddekorationen z.B. für das Foyer er Frankfurter Oper, Deckengemälde in der Pariser Oper (1964), Dekorationen und Kostüme für die „Zauberflöte“ an der Metropolitan Opera in New York (1965), Wandgemälde für die Metropolitan Opera in New York (1966/67), Wandmosaik mit den Themen der Odyssee für die Universität in Nizza (1968), Mosaiken in der Kapelle St. Rosalie in Les Arcs (1976).

Während seiner dritten Reise nach Israel 1957 wurde das Chagall-Haus in Haifa eröffnet, in Nizza befindet sich das Musée Message Biblique Marc Chagall (1973 eingeweiht). Am 28. März 1985 verstarb Marc Chagall in Saint-Paul-de-Vence.

18. Januar 2018
Marc Chagall, Ich und das Dorf (MoMA), Ich und mein Dorf (Kunstmuseum Basel), 1911 (ProLitteris, Zürich)

Marc Chagall „Ich und das Dorf“: Bilder aus Paris und Witebsk „Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919“ in Basel und Bilbao

„Ich und das Dorf“ führt vor, wie Marc Chagall die Avantgardeströmungen in Paris zusammenführte: kubistische Zersplitterung, fauvistische bzw. orphistische Farben, Idylle und auf dem Kopf stehende Körperteile prägen das Stilidiom des russisch-französischen Künstlers vor dem Ersten Weltkrieg. Der mittellose Kunststudent avancierte binnen vier Jahren zum aufstrebenden Talent, das international wahrgenommen wurde.
18. Januar 2018
Marc Chagall, um 1910/1911 (© Archives Marc et Ida Chagall)

Marc Chagall: Biografie Lebenslauf und Ausstellungen des russisch-französischen Malers

Marc Chagalls Lebenslauf von seinen Anfängen in Witebsk über die erste Pariser Zeit, Gründung der Kunstschule in Russland, erneute Emigration nach Frankreich 1923, Ausstellungen, Ehen, Kinder, Glasfenster und Theaterarbeiten.
4. März 2016
Konstantin Juon, Komsomolzinnen: Jugend bei Moskau, 1926, Öl auf Leinwand, 59 x 71 cm; im Hintergrund: Kazimir Malewitsch, Schwarzer Kreis, um 1923, Öl auf Leinwand, 105,5 x 106 cm (beide Sankt Petersburg, Staatliches Russisches Museum), Installationsansicht Albertina 2016, Foto: Alexandra Matzner.

Chagall bis Malewitsch. Russische Avantgarden Malerei zur Zeit der Russischen Revolution

Stilvielfalt und ideologische Kämpfe zwischen Künstlern prägten die russische Avantgarde von 1905 bis 1935: Larionow gegen den Neoklassizismus, Chagall gegen Malewitsch, Kandinsky gegen Rodtschenko, aber auch Brüche innerhalb einzelner Künstleroeuvres. Alles war möglich, bis 1932 der Sozialistische Realismus per Verordnung der Avantgarde ein Ende machte.
  1. Zit. nach Erik Stephan, Marc Chagall, in: La Famme au mirroir (Ausst.-Kat. Kunsthalle Jena), Jena 2016.