Marc Chagall

Wer war Marc Chagall?

Marc Chagall (7.7.1887–28.3.1985) war ein russischstämmiger Künstler in Frankreich, der der Klassischen Moderne zugerechnet werden kann (→ Klassische Moderne). Er studierte kurz in St. Petersburg und Paris, wo er sich ab 1910 aufhielt. Der malende „Poet“, wie er von seinen Künstlerfreunden am Montparnasse genannt wurde, schaffte noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den internationalen Durchbruch. Nach dem Krieg und der Russischen Revolution, die er hautnah in St. Petersburg miterlebte, wurde er 1918 zum Kommissar für Kunst und Kultur der Region Witebsk, wo er eine von ihm gegründete Kunstschule leitete. Auseinandersetzungen um die „richtige“ Avantgarde führten schon bald zum Bruch mit Kasimir Malewitsch und El Lissitzky, die er an die Schule geholt hatte. Nach einiger Zeit in Moskau gelang es Marc Chagall wieder in den Westen ausreisen zu dürfen.

Hier ließ er sich erneut in Paris nieder, wo er sich der Illustrationskunst zuwandte und zunehmend international anerkannt wurde. Die Surrealisten bezeichneten Marc Chagall sogar als „Vorläufer“ ihrer Kunst. Den Gräuel des Ersten Weltkriegs entkam er durch Einladung der Vereinigten Staaten und dem MoMA. Zwischen 1941 und 1948 lebte Marc Chagall daher in New York, wo er viele Kollegen wiedertraf und sich erneut dem Bühnenbild zuwandte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte Marc Chagall nach Südfrankreich. Hier entstanden erstmals Keramiken und Skulpturen. Vor allem seine Bibelillustrationen und Glasfenster für katholische Kirchen machten ihn über die Grenzen der Kunstwelt berühmt. Bis heute wird die Kunst von Marc Chagall aufgrund ihrer farbenfrohen und idyllischen Motive aus dem Schtetl, dem jüdischen Ghetto bei Witebsk, geschätzt.

Kindheit und Ausbildung

Marc Chagall kam am 7. Juli 1887 im jüdischen Ghetto von Witebsk (ehem. Kaiserreich Russland, heute: Weißrussland) zur Welt und wurde Moische Chazkelewitsch Schagalow genannt. Die einfache Herkunft aus dem Schtetl und seine jüdische Sozialisation prägten Chagalls Kunst bis zu seinem Ende, obschon der Künstler ab 1910 in Paris, Berlin und später auch in New York und Südfrankreich arbeitete.

Chagall studierte ab 1906 kurz in St. Petersburg bei dem Genre- und Porträtmaler Jehuda Pen. Zwischen 1907 und 1910 besuchte Marc Chagall die Schule der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Künste in St. Petersburg (Zeichenklasse Seidenberg) und 1909 die von Léon Bakst geleitete Swansewa-Schule. Vor allem die Swansewa-Schule war für ihre künstlerische Offenheit bekannt. 1909 traf Marc Chagall Bella Rosenfeld, die er seit ihrer ersten Begegnung als seine „Braut“ bezeichnete, obwohl ihre Eltern gegen eine Verbindung der beiden waren. Marc Chagall knüpfte Kontakte zu jüdischen Intellektuellen, Sammlern und Kunstliebhabern, übersiedelte aber bereits im Herbst 1910 mit Hilfe eines Stipendiums nach Paris.

Chagall in Paris

„Damals hatte ich erkannt, dass ich nach Paris gehen musste. Die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk; aber meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser. Ich hatte keinen anderen Grund, meine Heimat zu verlassen, und ich glaube, ihr in meiner Malerei immer treu geblieben zu sein.“ (Marc Chagall)

Ein Stipendium ermöglichte Marc Chagall im Herbst 1910 zum ersten Mal nach Paris zu reisen. Er besuchte die Akademien La Palette und La Grande Chaumière. Bereits am Beginn seines Aufenthalts lernte er die Dichter Max Jacob, Blaise Cendrars, Guillaume Apollinaire sowie die Maler Fernand Léger, Amedeo Modigliani, Albert G. Gleizes, Robert Delaunay und Chaim Soutine kennen. 1911 zog der junge Maler in das Atelierhaus „La Ruche“ am Montparnasse, wo er bis 1913 lebte und seine ersten Pariser Gemälde schuf.

Von den Avantgarde-Künstlern im Künstlerhaus „La Ruche“ wurde Chagall „le poète [der Dichter]“ genannt. Seit 1912 stellte er im Salon des Indépendants und wenig später im Salon d’Automne aus. In den Salons, aber auch auf seinen Wanderungen durch die Museen und Galerien sah er erstmals die leuchtenden Farben des Fauvismus und die Bilder des Kubismus. Der junge Maler profitierte vom geometrisierenden Bildaufbau der Kubisten und Orphisten, studierte das Kolorist der Fauvisten, wollte sein russisches Idiom zwar abstreifen und baute den Bildschatz seiner russisch-jüdischen Wurzeln dennoch überall ein. Seine Künstlerfreunde schätzten an Chagall aber besonders seinen Primitivismus. Von den Werken der Fauvisten war Chagall überwältigt und schrieb später in seiner Autobiografie „Mein Leben“:

„Keine Akademie hätte mir all dies geben können, was ich entdeckte, als ich mich in die Ausstellungen von Paris, in die Schaufenster der Galerien, in seine Museen verbiss.“

Mit seinen phantasievollen, auf jddischen Geschichten sowie seinen Erfahrungen im Schtetl basierenden und farbenfrohen Bildern bildete Marc Chagall eine gänzlich eigenständige Bildsprache aus.

„Chagall ist ein sehr begabter Kolorist und gibt sich allem hin, wozu seine mystische und heidnische Imagination ihn treibt: Seine Kunst ist sehr sinnlich.“1 (Guillaume Apollinaire)

Zwischen 1912 und 1914 nahm Marc Chagall an wichtigen Ausstellungen teil und feierte seinen internationalen Durchbruch. 1912 waren seine Bilder am Salon des Indépendants“ und am Salon d'Automne in Paris sowie auf der Ausstellung „Mir Iskousstva“ in St. Petersburg zu sehen. Ein Jahr später lud ihn der deutsche Galerist Herwarth Walden bereits zu seinem „Ersten Deutschen Herbstsalon“ nach Berlin ein, dem 1914 Chagalls erste Einzelausstellung in Waldens Galerie „Der Sturm“ folgte. 1913 stellte Chagall auch in der von Larionov organisierten Ausstellung „La Cible“ in Moskau aus.

Vor allem Herwarth Walden förderte den jungen Avantgardisten mit seiner ersten Einzelausstellung 1914 in dessen Galerie „Der Sturm“ in Berlin. Diese geschäftliche Beziehung trübte sich nach dem Ersten Weltkrieg deutlich ein: Chagall hatte Walden etwa 150 Werke in Berlin zurückgelassen, als er im Sommer 1914 auf Familienbesuch nach Witebsk fuhr. Der Ausbruch des Kriegs verhinderte eine Rückkehr. Als Marc Chagall 1922 mit seiner Familie endlich die UdSSR verlassen durfte, hatte Walden zwar die Werke verkauft, aber die Inflation hatte den Wert des eingenommenen Geldes gänzlich vernichtet. Daraufhin verklagte der Maler den Galeristen wegen Betrugs.

Chagall im Ersten Weltkrieg

Marc Chagalls Aufenthalt in Russland dauerte von Juli 1914 bis 1922. Den Ersten Weltkrieg erlebte er ab Herbst 1915 in St. Petersburg, dem nunmehrigen Petrograd. Zuvor konnte er seine Jugendliebe Bella Rosenfeld gegen den Wunsch ihrer Eltern heiraten. Ein Jahr später wurde ihre gemeinsame Tochter Ida geboren (1916).

Den Kriegsdienst leistete Marc Chagall im Petrograder Zentralbüro für Kriegswirtschaft ab und schuf realistische Schilderungen seiner Umgebung in Schwaz-Weiß. Die Revolution erlebte er direkt mit und unterstützte sie aufgrund schwieriger Lebensbedingungen, Antisemitismus und Judenverfolgung tatkräftig. Gleichzeitig schaffte er es, auch in Russland als wichtiger Künstler anerkannt zu werden.

Kunstlehranstalt in Witebsk

Chagalls Ernennung zum Kommissar für Kunst und Kultur der Region Witebsk im August 1918 führte zu einer kulturellen wie intellektuellen Hochphase in der etwas abgeschiedenen Region. Anfangs begrüßte Chagall die Revolution und ihre neuen Möglichkeiten für die Arbeiterschaft. Der Künstler begriff sich selbst als ästhetischer Lehrer und Propagandist. Chagalls Bilder wie „Der Spaziergang“ (1917/18) lassen nichts von den revolutionären Unruhen erahnen, sondern schildert das privat Glück des aus mittellosen Verhältnissen stammenden Malers mit der Angetrauten. Sie schwebt wie ein Vogel über ihm, während er in seiner Rechten ein Vögelchen sanft hält (jiddisches Idiom: frai wi a foigl [Frei wie ein Vogel]). Die Verbindung mit seiner Ehefrau zeigt der Maler anhand von jiddschen aber auch russischen Metaphern, die er mit dem „Einfangen eines Traums“ zitiert.

Gleichzeitig porganisierte er 1918 die Festlichkeiten anlässlich des ersten Jahrestags der Oktoberrevolution von 1917. Am 7. November 1918 malte Chagall eine grüne Kuh, um, wie er berichtete, die neue anti-akademische und anti-realistscihe, revolutionäre Kunst zu demonstrieren. Seine Studenten kopierten die Kuh und hängte die Kuh-Bilder überall in der Stadt auf. Ob die Geschichte wahr ist oder ein Mythos, ist umstritten. Doch nutzten sowohl Chagall als auch sein erster Biograf Efros die Erzählung, um das Unverständnis der kommunistischen Führung anzuprangern. Diese hätten gefragt, warum die Kuh grün wäre, und was die Aktion mit Marx und Lenin zu tun hätte. Für den Maler bedeutete die Farbe Grün vermutlich eine Herausforderung an den Realismus, wie in vielen Bildern und auch seiner späteren Arbeit für das Jüdische Kammertheater in Moskau ersichtlich ist.

Schon im April 1919 übernahm Chagall die Leitung der von ihm ein Jahr zuvor gegründeten Staatlichen Schule für Schöne Künstle. Er berief einige der unkonventionellsten modernen Künstler Iwan Puni und Jehuda Pen aber auch seinen „Nachbarn“ und ehemaligen Studienkollegen El Lissitzky und Kasimir Malewitsch an die Kunstschule.Gegen die Parteibonzen in Witebsk argumentierte der Maler, dass revolutionäre Kunst nicht Kunst von und über das Proletariat, sondern eine Revolution in der Geschichte der Kunst (parallel zur sozialen Revolution) ginge.

Allerdings waren die Suprematisten noch radikaler als Chagall selbst. In der Folge entbrannte ein Richtungsstreit zwischen Figuration und Abstraktion, der zugunsten von Kasimir Malewitsch ausging. Als die Studenten Chagalls 1920 geschlossen zu Malewitsch wechselten, den lyrischen Stil Chagalls für altmodisch erklärten und den Künstler zur Niederlegung seines Amtes zwangen, übersiedelte dieser desillusioniert in die Hauptstadt.

Jüdisches Kammertheater in Moskau

Im Sommer 1920 kam Marc Chagall mit seiner Familie in Moskau an, wo er als Zeichenlehrer jüdischer Kinder an der Kriegswaisenkolonie Malachowka in der Nähe von Moskau arbeitete. Im November des Jahres nahm er das Angebot des Staatlichen Jüdischen Kammertheaters an, für drei kurze Stücke von Scholem Alejchem die Hintergrunddekorationen für die Bühnenwand zu malen. Abram Efros, der künstlerische Leiter des Theaters, war auch Kunstkritiker und 1918 an der ersten Monografie über Marc Chagall beteiligt gewesen.2 Er überzeugte den Regisseur Alexej Granowsky, Chagall mit der Aufgabe zu betrauen.

Das Jüdische Kammertheater war in der verstaatlichten, dreistöckigen Villa des jüdischen Geschäftsmanns L. I. Gurewitsch einquartiert worden. Der zweiten Stock der Villa wurde unter Einbeziehung einer großen Eingangshalle in einen Zuschauerraum mit 90 Sitzplätzen umgebaut. Die anschließende Küche diente als Bühne. Marc Chagall konnte den gesamten Zuschauerraum mit seinen großformatigen Bildern füllen. Innerhalb von 40 Tagen malte er ein acht Meter langes Bild mit dem Titel „Einführung in das Jüdische Theater“ für die linke Wand des Theaters. Gegenüber hatte der Raum drei große Fenster. Marc Chagall konzipierte für diese Seite vier große Bilder, in denen er die vier Künste - Musik, Tanz, Theater und Literatur - vorstellte. Darüber stellte er auf einem langen, schmalen Streifen „Das Hochzeitsmahl“ dar. „Das Hochzeitsmahl“ verbindet die vier Künstle und bezieht sich auf Scholem Aljechems Einakter „Masel-Tow“. An der Eingangswand - gegenüber der Bühne - positionierte Marc Chagall das Bild „Liebe auf der Bühne. Zudem entwarf Marc Chagall die Möbel, und die Vorhänge; er gestaltete die Kostüme und bemalte die Gesichter der Schauspieler*innen mit farbigen Tupfen und winzigen Zeichnungen. Da Marc Chagall das Gesamtkonzept des Theaters realisierte, erhielt der Raum bald den Spitznamen „Chagalls Schachtel“.

„Die besten Stellen waren die, an denen Granowsky sein System der 'Punkte' einsetzte, und die Schauspieler von Moment zu Moment in ihrer Bewegung und Geste erstarrten. Die dramaturgische Linie verwandelte sich in eine Gesamtheit von Punkten. Der Gesamteindruck beim Zuschauer war unter diesen Bedingungen natürlich vollkommen. Wenn sich der Vorhang öffnete, wiederholte das Bühenbild mit den Schauspielern lediglich Chagalls Panneau an den Wänden. Die Natur des Ganzen war jedoch derartig untheatralisch, dass ganz von selbst die Frage aufkam, warum überhaupt das Licht im Saal gelöscht wurde, und warum diese Chagallwesen auf der Bühne sich bewegen und sprechen, statt schweigend und unbeweglich dazustehen wie auf seinen Bildern.“3

Mit Einführung in das Jüdische Theater“ erzählte Chagall die Geschichte des neuen jüdischen Theaters als seine Autobiografie. Links schildet er die Anfänge des Jüdischen Arbeitertheaters in den weißen Nächten von Petrograd 1918/19. Indem er den Resiggeur und den Arbeiter mit einer Lampe und der Wand reden lässt, zeigt er - mit der Kenntnis jiddischer Redewendungen - dass beide sich vergeblich mühen. Die grüne Kuh symbolisiert die Abkehr vom Realismus. Abram Efros trägt den Maler in Arbeitskleidung zum Regisseur Granowsky. Ein schwarzer, suprematistischer Streifen durchzieht die Komposition und markiert den Übergang zur Eröffnung des Theaters. Diese wird mit Musikern in Szene gesetzt. In 54 Figuren schildert der Maler seine Überzeugungen. Immer wieder verwebt Chagall seine Lebensgeschichte mit dem neuen Theater, der neuen Kulturform und argumentiert für die figurative, symbolisch aufgeladene Malerei.So findet sich ein Diener mit den Gesichtszügen von El Lissitzky (d.h. der muss noch viel lernen) im Fries und Malewitschs berühmtes Gemälde „Schwarzes Quadrat“ in „Musik“ zitiert.

Der Fries endet in der rechten unteren Ecke mit dem Familienhaus in Lyosno, wo Chagalls Großvater auf das Dach stieg und süßen Karrotteneintopf [tsimes] aß. Das entspricht dem jiddischen Idiom meschugener, arop fun dach [verrückter Mann [d.h. kreatives Genie), komm vom Dach herunter]. Chagall zeigt in seiner Kunst so häufig Männer auf Dächern (z.B. Geiger), dass sie prototypisch für seine Bildwelt stehen können.

Chagall arbeitete an Ausstattungen für Nikolai W. Gogols Der Revisor. Da sich der Künstler in der Sowjetunion immer mehr der Zensur ausgesetzt fühlte, verließ er Russland 1922, um nach Deutschland und schlussendlich Frankreich zu gehen.

Entdeckung der Druckgrafik

1922 gelang Marc Chagal mit seiner Familie die Emigration nach Berlin. Enttäuscht von dem Galeristen Herwarth Walden strengte er einen Prozess gegen diesen an. Im Auftrag des Verlegers Paul Cassirer entwarf Chagall in Berlin sein erstes druckgrafisches Werk: die Illustrationen zu seiner Autobiografie „Mein Leben“. Innerhalb nur eines Jahres eignete sich Chagall alle künstlerischen Drucktechniken – Radierung, Holzschnitt, Lithografie – an.

Auch wenn das Buch erst 1931 in der französischen Übersetzung seiner Frau Bella herausgegeben wurde, bedeutete diese Arbeit den Schritt von Marc Chagall in die Radierung, was in späteren Jahren einer der Stützen der Popularität des Künstlers werden sollte.

Zurück in Paris

Im September 1923 übersiedelte der Künstler mit seiner Familie nach Paris, wo er von den Surrealisten rund um André Breton zu einem Vorläufer ihrer Bestrebungen erkannt wurde (→ Surrealismus). Ambroise Vollard beauftragte Chagall in den folgenden Jahren mit Illustrationen zu Nikolai W. Gogols „Tote Seelen“, La Fontaines „Fabeln“ und dem „Cirque Vollard“. Bereits 1926 wurden Werke von Marc Chagall in einer New Yorker Galerie ausgestellt.

Anfang er 1930er Jahre reiste Chagall viel, darunter nach Palästina, Ägypten und in den Libanon, in die Niederlande, Italien, Spanien, Großbritannien und Polen. Erste Illustrationen zu biblischen Themen entstanden 1931. Mitte der 1930er Jahre machten die politischen Entwicklungen vor allem in Hitler-Deutschland es auch für Chagall unmöglich, weiter in Berlin auszustellen. Der Maler erhielt 1937 noch die französische Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig wurden seine Werke aus deutschen Museen verbannt und in der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. 1938 widmete er das Gemälde „Weiße Kreuzigung“ den vom NS-Regime verfolgten Juden.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog sich Chagall mit seiner Familie zuerst in das Loiretal und 1940 nach Gordes in die unbesetzte Provence zurück. Schon im Winter des Jahres wurde er eingeladen, in die Vereinigten Staaten zu kommen. Im Mai 1941 reisten er un Bella auf Einladung des Museum of Modern Art über Marseille und Lissabon nach New York.

Marc Chagall in den USA (1941–1948)

Zwischen Mai 1941 und 1948 lebte Marc Chagall in New York. Der Maler traf am 23. Juni 1941 ein, jenem Tag, an dem die deutsche Armee in Russland einmarschierte. In den USA traf er Fernand Léger, George Bernanos, André Masson, Jacques Maritain, Piet Mondrian und André Breton wieder. Pierre Matisse übernahm mit seiner New Yorker Galerie die Vertretung des inzwischen weltberühmten Künstlers. In Mexiko, wohin Marc Chagall 1942 erstmals reiste, fand er eine Arbeitsumgebung, die ihn an seine Heimat Witebsk zurückerinnerte. Hier schuf er erste Ausstattungen für das Ballett „Aleko“ mit Musik von Tschaikowsky und der Choreografie von Leonid Massine. Der überraschende Tod von Bella im September 1944 stürzte Marc Chagall in tiefe Depression; monatelang konnte der Künstler nicht arbeiten. Danach arbeitete er an Wandgemälden, Skulpturen und Ballettausstattungen.

Die erste große Retrospektive mit 144 Werken Chagalls wurde 1946 vom Museum of Modern Art in New York und dem Art Institute in Chicago organisiert. Für eine große Ausstellung im Musée National d’Art Moderne in Paris, die ins Stedelijk in Amsterdam, die Tate Gallery in London, ins Kunsthaus Zürich und die Kunsthalle in Bern weiterwanderte, kehrte Marc Chagall 1948 nach Paris zurück.

Marc Chagall: Glasfenster und Bibelillustrationen

Marc Chagall ließ sich in Orgeval bei Paris nieder. Noch im gleichen Jahr erhielt er den Ersten Graphik-Preis der 25. Biennale von Venedig und lernte Aimé Maeght kennen. Dieser wurde sein Kunsthändler und inspirierte den Künstler wohl nach Südfrankreich zu übersiedeln. Zuerst ließ er sich in Saint-Jean-Cap-Ferrat (1949) nieder, ein Jahr später in Vence und 1966 in Saint-Paul-de-Vence. Hier schuf Chagall seine ersten Keramiken (1950) und Skulpturen (1951).

1952 heiratete Marc Chagall Walentina (Vava) Brodsky und begann farbige Glasfenster zu entwerfen: Kathedrale in Metz (1952–1964), Kirche von Assy (1957), Synagoge im Hospital Hadassah in Jerusalem (1960–1962), Pocantico, New York und das Gebäude der Vereinigten Nationen (), Frauenmünster in Zürich (1970), Kathedrale von Reims (1973/74), Klosterkirche in Sarrebourg (1975), Pfarrkirche St. Stephan in Mainz und das Chicago Institut (1977–1979), Kathedrale in Chichester und der Kirche St. Stephan in Mainz (1978–1981)

In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich auch wieder Arbeiten für das Theater und schuf großflächige Wanddekorationen z.B. für das Foyer er Frankfurter Oper, Deckengemälde in der Pariser Oper (1964), Dekorationen und Kostüme für die „Zauberflöte“ an der Metropolitan Opera in New York (1965), Wandgemälde für die Metropolitan Opera in New York (1966/67), Wandmosaik mit den Themen der Odyssee für die Universität in Nizza (1968), Mosaiken in der Kapelle St. Rosalie in Les Arcs (1976).

Während seiner dritten Reise nach Israel 1957 wurde das Chagall-Haus in Haifa eröffnet, in Nizza befindet sich das Musée Message Biblique Marc Chagall (1973 eingeweiht).

Tod

Am 28. März 1985 verstarb Marc Chagall in Saint-Paul-de-Vence.

Literatur zu Marc Chagall

  • Chagall bis Malewitsch die russischen Avantgarden, hg. v. Evgenija Nikolaevna Petrova und Klaus Albrecht Schröder (Ausst. Kat. Albertina, Wien, 26.2.-26.6.2016), München 2016.
  • Marc Chagall. Meisterwerke 1908-1922, hg. v. Evelyn Benesch und Ingried Brugger (Ausst.-Kat. BA-CA Kunstforum, Wien, 15.11.2006-18.2.2007), Berlin 2006.
  • Chagall in neuem Licht (Ausst.-Kat. Museum Frieder Burda, Baden-Baden), Ostfildern 2006.
  • Ingo F. Walther, Rainer Metzger, Marc Chagall 1887-1985. Malerei als Poesie, Köln 1999.
  • Chagall - Bilder. Träume. Theater (Ausst.-Kat. Jüdisches Museum Wien), Wien 1994.
  • Ernst-Gerhard Güse (Hg.), Marc Chagall. Druckgraphik (Ausst.-Kat. Saarland Museum Saarbrücken), Bonn 1994.
    • Ernest W. Utheman, Die Illustrationen zu Die toten Seelen von Nikolai Gogol, S. 37–45 [mit: Marc Chagall, Die Revolution in der Kunst].
  • Marc Chagall. Die Russischen Jahre 1906-1922, hg. v. Christoph Vitali (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt), Frankfurt a. M. 1991.
    • Ziva Amishai-Maisels, Chagalls Wandgemälde für das Staatliche Jüdische Kammertheater, S. 107-127.
  • Marc Chagall. Mein Leben - mein Traum. Berlin und Paris 1922-1940, hg. v. Susan Compton (Ausst.-Kat. Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen), München 1990.
  • Werner Haftmann, Marc Chagall, Köln 1972.
  • Franz Meyer, Marc Chagall. Leben und Werk, Köln 1961.
  • Marc Chagall, Mein Leben, Stuttgart 1959.
  • Franz Meyer, Marc Chagall, Das grafische Werk, Frankfurt a. M. 1957.
  • Marc Chagall, hg. v. James Johnson Sweeney (Ausst.-Kat. Art Institute of Chicago, Museum of Modern Art, New York) New York 1946.
  • Abram Efros, Die Künste des Granowsky-Theaters, in: Iskusstvo, Bd. 4, Moskau 1928.
  • Marc Chagall, Mein Leben, Berlin 1923 [Erstausgabe].
  • Abram Efros, Jakob Tugendhold, Die Kunst Marc Chagalls, Potsdam 1921.
  • Abram Efros, Jakob Tugendhold, Iskusstvo Marka Shagala, Moskau 1918.

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  1. Zit. nach Erik Stephan, Marc Chagall, in: La Famme au mirroir (Ausst.-Kat. Kunsthalle Jena), Jena 2016.
  2. Abram Efros, Jakob Tugendhold, Iskusstvo Marka Shagala, Moskau 1918. dt. Ausgabe: Die Kunst Marc Chagalls, Potsdam 1921.
  3. Abram Efros, Die Künste des Granowsky-Theaters, in: Iskusstvo, Bd. 4, Moskau 1928, zit. nach: Marc Chagall. Die Russischen Jahre 1906-1922, hg. v. Christoph Vitali (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt), Frankfurt a. M. 1991, S. 90.