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Michelangelo: Zeichnungen Leben und Werk in der Albertina

Michelangelo, Pietà, um 1530-36, Rötel über schwarzer Kreide und Griffelvorzeichnung (© Albertina, Wien).

Michelangelao, Pietà, um 1530-36, Rötel über schwarzer Kreide und Griffelvorzeichnung (© Albertina, Wien).

In den 1537/38 zwischen Michelangelo Buonarroti (1475─1564), Vittoria Colonna und Lanttazzio Tolomei geführten „Vier Gesprächen über die Malerei“, veröffentlicht durch Francisco de Hollanda, war sich Michelangelo sicher, dass es auf Erden nur eine einzige Kunst und Wissenschaft gebe, eben die des Zeichnens oder Malens. Als Maler, Architekt und vor allem Bildhauer wurde er bereits von seinen Zeitgenossen und hochstehenden Auftraggebern hochgelobt, als göttlich apostrophiert und gleichzeitig aufgrund seines Missmutes, seiner Ungeduld, seiner „terribilitá“ gefürchtet.

125 Zeichnungen - aus den Uffizien und der Casa Buonarroti in Florenz, dem Louvre in Paris, dem Metropolitan Museum in New York, dem Teylers Museum in Haarlem, der Royal Collection in Windsor Castle (Privatbesitz der englischen Königin), dem British Museum in London sowie aus Privatbesitz – zeugen nun in der Albertina von der „Genialität“ des Renaissance Meisters. Der Bogen der Ausstellung spannt sich über das gesamte Schaffen Michelangelos: von seinen Anfängen in Florenz, als sich Michelangelo mit Hilfe von gezeichneten Kopien nach Giotto di Bondone und Masaccio mit der Malereitradition der Toskana beschäftigte, bis zu den letzten Kreuzigungsdarstellungen des über Achtzigjährigen.

 

Heroisches Menschenbild

Kurator Achim Gnann fasziniert besonders die Spannung zwischen dramatischer Ausdruckskraft, dem Monumentalen und Heroischen des Menschenbildes Michelangelos. Chronologisch reiht er Vorzeichnungen und Detailstudien für die wichtigsten Aufträge des Künstlers aneinander - wie die Schlacht von Cascina (eine große Zahl von männlichen Rückenakten in dramatischen Posen), die Fresken der Sixtinischen Kapelle, die Grabmäler für Papst Julius II. sowie der Medici in San Lorenzo in Florenz, das Jüngste Gericht in Sankt Peter und deren Kuppelkonstruktion. Eine Projektion der Sixtina-Fresken und die Präsentation von Gipsabgüssen der Skulpturen sollen den direkten Vergleich von Vorstudien und ausgeführten Werken ermöglichen.

 

 

Datierung und Autorschaft

Von Michelangelo sind etwa 600 Zeichnungen erhalten ( → Michelangelo Buonarroti: Leben). Das Ziel der international hochrangig unterstützten Ausstellung ist, Datierung und Autorschaft der Blätter erneut einer Prüfung zu unterziehen, die stilistische Entwicklung Michelangelos nachzuzeichnen. So zeigt sich im Frühwerk, in dem Michelangelo seine Figuren zuerst durch dichte Kreuzschraffur dreidimensional zu beschreiben suchte und dann durch zunehmend vibrierende Strichlagen. Im Zuge der Vorbereitsungsarbeiten zu den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle fällt deutlich die Entfaltung des zeichnerischen Stils in Richtung toniger Werte auf, gleichzeitig bevorzugte Michelangelo zunehmend den Rötelstift und die schwarze Kreide.

Zu den schönsten Zeichnungen zählen jene aus dem Privatbesitz der englischen Königin in Windsor Castle, die Michelangelo seinem angebeteten Tommaso de` Cavalieri schenkte („Die Bestrafung des Tityos“ und „Halbfigur der Kleopatra“). Der damals 57-jährige Künstler lernte den 17-jährigen römischen Patrizier Ende des Jahres in Rom kennen, schätzte ihn lebenslang, widmete ihm Sonette und schenkte ihm seine schönsten Zeichnungen als Ausdruck seiner Verehrung. Von genauso hoher zeichnerischer Qualität und Vollendung sind auch die späten, großformatigen Kreuzigungsdarstellungen. Deren Zartheit der Modellierung, die auf das Wesentliche beschränkten Figurenkompositionen und die dadurch hervorgerufene emotionale Tiefe der Bilder sind die hervorstechendsten Eigenschaften dieser späten Arbeiten. Sie bestätigen den Ruhm Michelangelos bis heute und belegen, dass seine Schaffenskraft im hohen Alter nicht nachließ, sondern in der Hoffnung auf Erlösung zu wahrlichen Meisterwerken führte.

Michelangelo Buonarroti nutzte das Zeichnen aber nicht nur für Entwürfe, Skizzen oder bildmäßige Kompositionen. Wie Leonard Barkan 2011 in „Michelangelo. A Life on Paper“ beschrieb, finden sich auf einem Drittel der erhaltenen Papiere auch Texte des Renaissance-Meisters: → Michelangelo. Denken und Zeichnen

 

 

Michelangelo: Zeichnungen

  • Michelangelo, Drei stehende Männer in weiten Mänteln nach links gewendet, um 1492–1496, Feder in Braun (Albertina, Wien)
  • Michelangelo, Brustbild einer Madonna im Profil, das auf einem Kissen liegende Christuskind und andere Studien, 1503/04, Feder in Braun (Staatliche Museen, Kupferstichkabinett, Berlin)
  • Michelangelao, Pietà, um 1530–1536, Rötel über schwarzer Kreide und Griffelvorzeichnung (Albertina, Wien)
  • Michelangelo, Die Bestrafung des Tityos (Recto), 1532, Schwarze Kreide (The Royal Collection © 2009, Her Majesty Queen Elizabeth II)
  • Michelangelo, Halbfigur der Kleopatra (Recto), um 1533, Stift in Schwarz (Casa Buonarroti, Florenz)
  • Michelangelo, Christus am Kreuz mit Maria und dem heiligen Johannes, 1555–1564, Stift in Schwarz, Weiß gehöht (oxidiert) (© The British Museum, London)

 

Michelangelo. Zeichnungen: Ausstellungskatalog

Klaus Albrecht Schröder, Achim Gnann (Hg.)
mit Beiträgen von Achim Gnann
Hatje Cantz Verlag

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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