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Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft Experimentelle Technik und „sensible“ Naturbilder

Thomas Gainsborough, Robert und Frances Andrews (“Mr. und Mrs. Andrews”), Detail, um 1750, Öl/Lw, 69,8 × 119,4 cm (London, The National Gallery © The National Gallery, London)

Thomas Gainsborough, Robert und Frances Andrews (“Mr. und Mrs. Andrews”), Detail, um 1750, Öl/Lw, 69,8 × 119,4 cm (London, The National Gallery © The National Gallery, London)

Thomas Gainsborough (1727–1788) erstmals in Deutschland eine große monographische Ausstellung und zeigt ihn als Wegbereiter der „modernen“ Landschaftsmalerei. Die vom Direktor der Hamburger Kunsthalle, Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr, kuratierte Schau umfasst etwa 80 Werke – rund 50 Gemälde und 30 Arbeiten auf Papier. Unter den internationalen Leihgaben befinden sich Ikonen der britischen Malerei wie „Mr. and Mrs. Andrews“ und „Die Tränke“, die im englischsprachigen Raum zu den bekanntesten Gemälden überhaupt gehören.

Porträtist der Gesellschaft in Bath

Thomas Gainsborough, geboren in Sudbury, wuchs in Suffolk im Südosten Englands auf und wurde von der dortigen Landschaft beeinflusst. Er erhielt seine Ausbildung bei französisch geprägten Künstlern in London und studierte intensiv die Landschaftsmalerei der Niederländer. Seine Kunst entstand vor diesem weiten, europäischen Horizont. Der Erfolg stellte sich mit seiner Übersiedlung in den vornehmen Kurort Bath ein, wo er als Porträtist der englischen Gesellschaft großes Ansehen genoss. Später arbeitete er in London und wurde dort Gründungsmitglied der Royal Academy.

 

 

Innovative Landschaften

Gainsborough selbst zog seine Landschaften den Porträts vor. In ihnen entwickelte er seine Malerei experimentierend und in hohem Maße innovativ weiter. Er reagierte damit sensibel auf die Veränderungen im England des 18. Jahrhunderts und war selbst einer der Akteure einer experimentellen Kultur, die England im Laufe des 18. Jahrhunderts zum wirtschaftlich und politisch führenden Land Europas und einem seiner künstlerischen Zentren werden ließ.

 

 

„Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft“ in der Hamburger Kunsthalle

Unter dem Thema „Der Zugriff auf die Realität“ vergleicht die Ausstellung frühe Werke Gainsboroughs wie „Holywells Park“ mit Landschaften niederländischer Künstler aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Hier wird deutlich, wie der Künstler Techniken der Komposition, der Perspektive, der atmosphärischen Darstellung lernte und die Bedeutung der Landschaft als Stimmungsträger zu einem wichtigen Aspekt seiner Gemälde entwickelte. In für England im frühen 18. Jahrhundert typischer Weise knüpfte Gainsborough eng an die europäische Tradition an, um auf dieser Grundlage eine selbständige und neuartige Kunst zu entwickeln. Insbesondere das Verhältnis von Mensch und Landschaft interessierte Gainsborough, die Verbindung mit und die Einfühlung in die Natur, die im Begriff der Empfindsamkeit („sensibility“) zum Ausdruck kam.

Das Kapitel „Die soziale Landschaft“ zeigt, wie Gainsboroughs Landschaftskunst die großen sozialen Umbrüche der Zeit spiegelte und ihnen Ausdruck gab. Der Künstler präsentierte Menschen in der Landschaft zwischen Armut und Idylle und versuchte mit jedem Bild etwas zu fassen, für das es noch keine eindeutige Formulierung gab. Die zunehmende Privatisierung des Gemeindelandes sorgte in England dafür, dass große Teile der Landbevölkerung verarmten und als billige Arbeitskräfte in die Städte abwanderten. Gleichzeitig wurde der private Landbesitz zum Statussymbol. Gainsborough näherte sich dieser Entwicklung von Seiten der Besitzenden und der Verarmenden. Die ländliche Migration wird, wie in dem Hauptwerk „Erntewagen“, zum zentralen Thema in seinen späten Landschaften.

 

 

Technologisch schufen zu dieser Zeit die Weiterentwicklung der Dampfmaschine und die Erfindung des mechanischen Webstuhls die Voraussetzung für die frühe Industrialisierung. Die Ausstellung veranschaulicht unter dem Thema „Der kreative Prozess“, wie auch die englische Malerei von diesem Ideal der Innovation angetrieben wird. Die Landschaftskunst Gainsboroughs wird zum technischen und intellektuellen Laboratorium: Um bestimmte Wirkungen in seinen Zeichnungen zu erreichen und die Grenzen der Gattung immer wieder aufs Neue zu erweitern, experimentierte er mit Farben und unterschiedlichsten Techniken wie Aquatinta und Weichgrundradierung, verwendete Magermilch oder malte Bilder auf Glas. Mit „Küstenlandschaft mit Segelschiffen“ wird eines dieser äußerst empfindlichen Werke auf Glas ausgestellt, das ursprünglich in einem von Gainsborough konstruierten Guckkasten präsentiert wurde, und in der Schau wieder von hinten beleuchtet zu erleben ist.

Kuratiert von Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr, Direktor der Hamburger Kunsthalle.

 

 

Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft: Bilder

  • Thomas Gainsborough, Robert und Frances Andrews (“Mr. und Mrs. Andrews”), um 1750, Öl/Lw, 69,8 × 119,4 cm (London, The National Gallery © The National Gallery, London)
  • Thomas Gainsborough, Waldlandschaft mit sitzendem Bauern, um 1747, Öl/Lw, 62,2 x 77,6 cm (London, Tate Gallery © Tate, London 2017)
  • Thomas Gainsborough, Holywells Park, um 1748–1750, Öl/Lw, 50,8 x 66 cm (Ipswich Museum and Gallery © Ipswich Museum and Gallery)
  • Thomas Gainsborough, Waldlandschaft mit Wagen („Der Erntewagen“), um 1766, Öl/Lw, 120,7 x 144,8 cm (Birmingham, The Barber Institute of Fine Arts © The Barber Institute of Fine Arts, Birmingham)
  • Thomas Gainsborough, Waldlandschaft mit Rindern an einem Teich („Die Tränke“), vor 1777, Öl/Lw, 147,3 x 180,3 cm (London, The National Gallery © The National Gallery, London)
  • Thomas Gainsborough, Landschaft mit Boot, um 1775–1780, Weichgrundradierung und Aquatinta, Pinsel in Weiß, Blattmaß, 25,7 x 32,1 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Dietmar Katz)
  • Thomas Gainsborough, Waldlandschaft mit Hütte am See, vor 1782, Öl/Lw, 120,4 x 147,6 cm (Sudbury, Gainsborough’s House © Gainsborough’s House, Sudbury)
  • Thomas Gainsborough, Küstenlandschaft mit Segelschiffen, um 1783, Öl auf Glas, 27,9 x 33,7 cm (London, Victoria and Albert Museum © Victoria and Albert Museum, London)
  • Thomas Gainsborough, Waldlandschaft mit Hirten und Rindern, um 1780–1785, Aquatinta, Pinsel in schwarz, weiße und schwarze Kreide, Blattmaß 25,5 x 32,4 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Dietmar Katz)
  • Thomas Gainsborough, Landschaft mit Rindern und Pferd, um 1785, Schwarze, braune, rote und weiße Kreide auf Papier, 15,2 x 24,8 cm (Sudbury, Gainsborough’s House © Gainsborough’s House, Sudbury)
  • Thomas Gainsborough, Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham („Die Marsham- Kinder“), 1787, Öl/Lw, 242,9 x 181,9 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.