Meisen Kimono aus Seide mit Doppelikat-Muster, späte Taishō (1912−1926)/Shōwa-Zeit (1926−1989), Donation Henriette Friis, collection of Meisen silk kimonos (© MAK/Christian Mendez)
Das MAK zeigt eine Ausstellung von 31 Meisen-Kimonos (銘仙, gesprochen: Me-i-sen) und 28 Meisen-Haoris (Kimonojacken) aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anlässlich der großzügigen Schenkung eines rund 60-teiligen Konvoluts der Dänin Henriette Friis sind die farbenfrohen, weit verbreiteten Kimonos mit großen, kühnen, üppigen und farbenfrohen Mustern in Wien zu sehen. Inspiriert von der westlichen modernen Kunst, findet sich so mancher Anklang an Werke von Piet Mondrian, Paul Klee oder auch dem Abstrakten Expressionismus (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Die ästhetisch überzeugende Ausstellung von Nadja Zerunian kontrastiert die farbenfrohen Kleidungsstücke mit einer seriellen Inszenierung: Die Meisen-Kimonos und Haoris werden auf Bambusstangen präsentiert, schwarze Wände dienen als Hintergrundfolie, und die Wandtexte hängen als Rollbahnen von der Decke.
Österreich | Wien: MAK
Zentraler Raum MAK Design Lab
12.3. – 24.8.2025
Seide war lange Zeit der privilegierten Oberschicht Japans vorbehalten, erst ab dem späten 19. Jahrhundert führten technologische Neuerungen in der Produktion von Schappeseide und die Einführung von Anilin-Farbstoffe zu einer größeren Verfügbarkeit des Materials Seide.1 Dadurch aber auch durch die Möglichkeit, den Meisen-Kimono zuhause zu waschen, wurde er zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschwinglich und der Seidenkimono zum vorgefertigten Massenprodukt. Der Kimono aus Rohseide, was der Name „Meisen“ bedeutet, avancierte zu einer weit verbreiteten Alltagskleidung der „Neuen Frau [atarashii onna]“. Nach einem ersten Höhepunkt in den 1920ern erlebte der Meisen-Kimono in die 1950er Jahre eine letzte Hochblüte, bevor westliche Kleidung das Straßenbild zu bestimmen begann. Damit war der Meisen-Kimono in der Zwischen- und der Nachkriegszeit DER Kimono der modernen, unabhängigen Japanerin.
Das MAK zeigt farbenprächtige und oft groß gemusterte Stücke aus der Taishō und der Shōwa Periode (1912–1926/1926–1989), die charakteristische Merkmale dieser besonderen Form von Kimonos veranschaulichen. Häufig imitieren sie durch die Innovationen des Schablonendrucks kunstvolle Kasuri- oder Ikat-Gewebe. Für ein Kasuri-Gewebe werden die Fäden teilweise eingefärbt und dann zu einem Muster verwoben.2 Ikat ist ebenfalls eine Webtechnik, bei der das Garn vor der Verarbeitung abschnittsweise eingefärbt wird.3 Für jeden Farbton muss eine Schablone angefertigt werden, die nacheinander die Einfärbung der Seidenfäden ermöglichen. Ursprünglich aus Indien stammend, erfreute sich diese Färbetechnik großer Beliebtheit in Frankreich. Über Lyon brachte Tokutaro Kondo, der 1882 zum Präsidenten der Ashikaga Industrial School in Gumma ernannt worden war, die Technik nach Japan.
Durch die Färbetechnik erreichen die Designs der Meisen-Kimonos eine große Bandbreite zwischen abstrakten und floralen Mustern, die am fertigen Kimono wie leicht unscharfe Formen erscheinen. Die Gewänder spiegeln mit ihren teils an Op Art erinnernden Mustern den Austausch sowie die Auseinandersetzung Japans mit der europäischen Moderne wider. Doch damit nicht genug: Die Meisen-Kimonos mit ihren großen, gewagten, kräftigen und farbenfrohen Mustern inspirierten skandinavische Designer:innen und Textilfirmen wie Marimekko.
Das Massenprodukt Meisen-Kimono und Meisen-Haori wird im MAK als exotisches Kleidungsstück, an Bambusstangen hängend, präsentiert. In dichter Abfolge hintereinander bestimmt eine strenge, serielle Präsentation den ersten Eindruck. Damit gelingt es Lara Steinhäußer und ihrer Ausstellungsgestalterin Nadja Zerunian die wild gemusterten, häufig auf den Farben Rot und Violett basierenden Meisen-Kimonos ästhetisch gleichsam in den Griff zu bekommen. Die dichte Abfolge der Reihen verhindert ein genaues Betrachten (oder auch verbotenes Berühren) der Stoffe. Stattdessen wirkt die Inszenierung durch die Menge, die Wiederholung und Variation der Textilien.
Im MAK vermitteln die Kimonos auch den Geschmack der Sammlerin, die selbst in Kopenhagen Design studierte und durch eine Vorlesung auf die Meisen-Kimonos aufmerksam wurde. Florales und Geometrisches, Wolkenformationen mit dem Berg Fuji und Streifen, weiche Schlingen, Stern- und Zickzackmuster - all diese Muster finden sich im Raum verteilt. Henriette Friis bevorzugte offensichtlich ungegenständliche Muster, allzu Poppiges gibt es hier nicht zu entdecken. Die aus geraden Stoffbahnen genähten Kimonos vermitteln ein farbenfrohes und zugleich elegantes Bild. Es überrascht nicht, dass die Meisen-Kimonos und Meisen-Haoris den Spagat der Japanerinnen zwischen Tradition und Moderne zu meistern halfen. Konventionell in Form und im Kleidungsstil, konnten sich ihre Trägerinnen in der Wahl von Farben und Mustern austoben.
Kuratiert von Lara Steinhäußer, Kustodin MAK Sammlung Textilien und Teppiche.