0

Belvedere: Leopold Kiesling. Der Mythos von Mars und Venus mit Amor Römische Götter und eine Hochzeit im Hause Habsburg

Leopold Kiesling, Mars und Venus mit Amor, Detail, 1809, Carrara-Marmor, Höhe 222 cm (© Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 2555)

Leopold Kiesling, Mars und Venus mit Amor, Detail, 1809, Carrara-Marmor, Höhe 222 cm (© Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 2555)

Die Skulpturengruppe „Mars und Venus mit Amor“ des Bildhauers Leopold Kiesling, einem Hauptvertreter des Klassizismus in Österreich, aus dem Jahr 1809 entstand in einer politisch brisanten Zeit: Im Oktober 1809 brachte der Vertraute Metternichs in Paris Marie Louise, Tochter von Kaiser Franz II. (I.), als mögliche Ehefrau von Napoleon I. ins Spiel. Am 15. Dezember ließt sich der Kaiser der Franzosen scheiden, um in den europäischen Hochadel einzuheiraten. Die Verhandlungen wurden am 16. Februar 1810 mit einem Vertrag besiegelt, die Trauung erfolgte per procurationem [in Stellvertretung] in der Wiener Augustinerkirche am 11. März. Napoleon und Marie Louise heirateten am 1./2. April 1810 in Paris. Ganz Europa hoffte, dass damit der Erfolgshunger des aufstrebenden Napoleon I. gestillt wäre.

Kiesling in Rom

Leopold Kiesling (Schöneben/OÖ 1770–1827 Wien) galt zu seiner Zeit als der bedeutendste Bildhauer Österreichs. Der Klassizist schuf das Werk als kaiserlicher Stipendiat in Rom, wo er mehrere Jahre im Kreis von Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen verkehrte. Vor allem Antonio Canova schätzte den jungen Kollegen hoch und förderte ihn. Da das Staatsstipendium im Juli 1807 auslief, finanzierte sich Kiesling seinen Aufenthalt weitere drei Jahre selbst. Antonio Canova gestattete ihm, in seinem eigenen Atelier an der Skulpturengruppe „Marus und Venus mit Amor“ zu arbeiten. Deren Entstehungszeit kann aufgrund erhaltener Dokumente genau eingegrenzt werden: Am 22. März 1807 bekam Kiesling 3.032 Gulden aus Wien überwiesen, mit denen er den Marmorblock bezahlte. Bis Juni 1810 war die Skulpturengruppe abgeschlossen und bereits nach Wien entsandt.

Leopold Kiesling stellt ein Liebespaar der klassischen Mythologie dar: den Kriegsgott Mars und die Liebesgöttin Venus, unterstützt durch Amor. Amor nimmt von Mars dessen Schwert entgegen, während Venus den Heroen anschmachtet. Der Bildhauer beschäftigte sich offensichtlich mit dem Werk des berühmten Canova, Hauptvertreter des Klassizismus.

Römische Götter und die Hochzeit im Hause Habsburg

Die Statue traf im Juni 1810 in Wien ein, als die Eheschließung von Napoleon I. und Marie Louise von Frankreich und Österreich beschlossen worden war. Die Verbindung sollte den Mächteausgleich in Europa gewährleisten und den kriegerischen Aktivitäten ein Ende setzen. Das Kaiserhaus empfand das Thema der Skulpturengruppe daher als Geschenk: Venus, Göttin der Liebe, versucht, ihren Geliebten Mars, Gott des Krieges, von weiteren Kämpfen abzuhalten. Der Vergleich mit dem mythologischen Paar adelte die aktuelle dynastische Entscheidung, die 1810 in zwei prunkvollen Hochzeiten gipfelte (in Wien eine Hochzeit, gefolgt von der Eheschließung in Paris).

Die Skulpturengruppe fand im Oberen Belvedere ihre Aufstellung. Während des Wiener Kongresses 1814/15 kam ihr besondere Bedeutung zu, denn Kongressteilnehmer und bedeutende Personen wurden beim Gang durch die kaiserliche Gemäldegalerie über die europäische Bedeutung von Kieslings „Mars und Venus mit Amor“ unterrichtet (→ Der Wiener Kongress 1814/1815). Dass es sich hierbei um eine Projektion historischer Begebenheiten auf das Kunstwerk handelte, spielte offensichtlich keine Rolle.

Kuratiert von Sabine Grabner.

Leopold Kiesling. Der Mythos von Mars und Venus mit Amor: Ausstellungskatalog

Mit Beiträgen von Ingeborg Schemper-Sparholz, Sabine Grabner, Werner Telesko

Leopold Kiesling. Der Mythos von Mars und Venus mit Amor: Bilder

  • Leopold Kiesling, Mars und Venus mit Amor, 1809, Carrara-Marmor, Höhe 222 cm (© Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 2555)
  • Leopold Kiesling, Mars und Venus mit Amor, Detail, 1809, Carrara-Marmor, Höhe 222 cm (© Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 2555)

Weitere Beiträge zum Klassizismus

14. Oktober 2023
Catharina van Hemessen, Selbstbildnis an der Staffelei, 1548 (Kunstmuseum Basel, Schenkung der Prof. J.J. Bachofen-Burckhardt-Stiftung 2015)

Hamburg | Bucerius Kunst Forum: Malerinnen und ihre Familien Geniale Malerinnen vom 16. bis 18. Jahrhundert | 2023/24

Die Ausstellung präsentiert rund 100 Werke herausragender Künstlerinnen dreier Jahrhunderte: Erstmals wird der familiäre Kontext, in dem die Künstlerinnen ihre Karriere entwickelten, thematisiert und durch die Gegenüberstellung mit Werken ihrer Väter, Brüder, Ehemänner und Malerkollegen sichtbar gemacht.
28. August 2023
Zendaya für Lancôme x Louvre (Foto Courtesy Lancôme)

Paris | LANCOME X LOUVRE neue Hautpflege- und Make-up-Kollektion | 2023

Lancôme kündigt eine neue Hautpflege- und Make-up-Kollektion mit der Signatur Lancôme x Louvre an - inspiriert von zeitlos schönen Skulpturen der Antike und des Klassizismus.
21. August 2023
Angelika Kauffmann, Farbe – Colouring, ab 1778/vor Mai 1780, Öl/Lw, queroval, 130 x 149,5 cm (Royal Academy of Arts, London © Royal Academy of Arts, London/ Foto: John Hammond)

London | Tate Britain: Britische Künstlerinnen 1520–1920 Erfolgreiche Frauen im britischen Kunstbetrieb | 2024

Mit über 150 Werken räumt die Ausstellung mit Stereotypen über Künstlerinnen in der Kunstgeschichte auf und analysiert den steinigen Weg von Frauen in die Kunstwelt. Mit Werken von Mary Beale, Angelika Kauffmann, Elizabeth Butler und Laura Knight.

Aktuelle Ausstellungen

17. Februar 2024
Ignacio Zuloaga, Halbfigurenbildnis eines Picadors, Detail, 1910 (Privatsammlung. Leihgabe im Museo de Segovia – Museo Zuloaga de Segovia)

Hamburg | Bucerius Kunst Forum: Ignacio Zuloaga Mythos Spanien | 2024

Kaum ein Künstler hat das Bild Spaniens, das man sich um 1900 im Ausland machte, so sehr geprägt wie Ignacio Zuloaga. Erstmals zeigt das Bucerius Kunst Forum - in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle München - einen Überblick über Zuloagas Werk - und seine Suche nach der "spanischen Identität".
17. Februar 2024
Günter Brus, Wiener Spaziergang, 1965, Foto Ludwig Hoffenreich (Courtesy of the artist und BRUSEUM/Neue Galerie, UMJ © Günter Brus)

Bregenz | Kunsthaus Bregenz: Günter Brus Wild und widerborstig | 2024

16. Februar 2024
Refik Anadol, Machine Memoirs: Space, Installationsansicht aus der Pilevneli Gallery, Istanbul, Courtesy PILEVNELI

London | Serpentine North: Refik Anadol KI träumt von Natur | 2024

Die Serpentine North eröffnet im Februar 2024 eine Einzelausstellung von Refik Anadol, einem international bekannten Künstler, Regisseur und Pionier der Ästhetik von Daten und maschineller Intelligenz.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.