Leopold Kiesling

Wer war Leopold Kiesling?

Leopold Kiesling (1770–1827) zählt zu den wichtigsten Bildhauern des Klassizismus in Österreich. Der an der Wiener Akademie ausgebildete Bildhauer hielt sich zwischen 1801 und 1810 in Rom auf, wo er im Atelier von Antonio Canova mitarbeitete und erste eigenständige Werke schuf. Sein bekanntestes Werk, die Marmorgruppe „Marus und Venus mit Amor“ entstand ebenfalls in Rom und wurde im Mai/Juni 1810 vom Künstler persönlich nach Wien begleitet. Hier wurde er zum k. k. Hofbildhauer aber nicht zum Professor der Akademie ernannt. Bis zu seinem Tod 1827 schuf er vor allem repräsentative Büsten und Grabmäler.

 

Kindheit und Ausbildung

Leopold Kiesling wurde am 8. Oktober 1770 in Schöneben bei Liebenau (Oberösterreich) als Sohn eines Glashändlers geboren. Im Alter von zehn Monaten übersiedelte er mit seiner Familie nach Wien. Hier erlernte Kiesling das Tischlerhandwerk, arbeitete als Tischlergeselle bei dem Bildhauer Joseph Straub und später beim Verzierungsbildhauer Joseph Schrott. Joseph Schrott erkannte das Talent seines Mitarbeiters und ermöglichte ihm, täglich zwei Stunden in der kaiserlichen Akademie der bildenden Künste zu studieren.

Leopold Kiesling ist ab 1790 in den Schülerlisten der Akademie nachzuweisen. Er belegte die Klasse für Bildhauerei bei Johann Martin Fischer. Dieser bestärkt Kiesling darin, sich der anatomischen Bildhauerei zu widmen, und meint: „Wenn Kisling (sic!) nicht ein exakter Bildhauer wird, so wird es keiner.“1 Für eine Statue des „Germanicus“ in halber Lebensgröße erhielt Kiesling 1794 den mit 24 Gulden dotierten Gundel-Preis. Philipp Graf Cobenzl, der Kurator der Akademie, förderte und unterstützte den begabten Studenten finanziell. Über dessen Vermittlung konnte Kiesling 1801 als kaiserlicher Pensionär nach Rom reisen – in Gesellschaft mit dem Maler Josef Abel und dem Architekten Pietro Nobile.

 

Leopold Kiesling in Rom

Kiesling arbeitete in Rom mit dem führenden Bildhauer des Klassizismus, Antonio Canova, und verkehrt im Kreis des aus Tirol stammenden Malers Josef Anton Koch. Er erhielt eine jährliche Pension von achthundert Gulden.

Da im Juli 1807 die staatliche Förderung endete, vermittelte ihm Antonio Canova 1806 einen offiziellen Auftrag für den Entwurf einer lebensgroßen Figurengruppe. Leopold Kiesling entschied sich für die Darstellung von Venus, die den Kriegsgott Mars dazu bewegt, das Schwert gegen die Liebe einzutauschen. Daraus entstand Kieslings bekanntestes und bedeutendstes Werk, die Skulpturengruppe „Mars und Venus mit Amor“ (1806–1808). Im Februar 1807 erhielt der in Rom verbleibende Leopold Kiesling den Auftrag für die Ausführung der Marmorgruppe. Da er ein österreichischer Untertan von Kaiser Franz II. (I.) war, wurden ihm 1.000 Dukaten in Aussicht gestellt. Als Gegenleistung versprach der Bildhauer, „Mars und Venus mit Amor“ innerhalb von zwei Jahren auszuführen. Zwischen August 1807 und Ende Juli 1809 wurden den Stipendiaten jedes Quartal 50 Dukaten ausbezahlt; das restliche Salär erhielt er nach Fertigstellung der Skulptur.

 

Rückkehr nach Wien

Kurz vor Vollendung der Skulptur heiratete Leopold Kiesling am 16. September 1809 Costanza Ranaldi aus Olevano, mit der er sechs Kinder – drei Sohne und drei Töchter – hatte. Damit „Mars und Venus mit Amor“ und andere Arbeiten aus der römischen Zeit sicher nach Wien gelangen, begleitete der frischgebackene Ehemann sein Werk an die Donaumetropole. Am 14. Mai 1810 verließ der Transport Rom. Er enthielt die bereits genannt Figurengruppe, dazu einen „Genius der schönen Künste, die Natur in ihren Schöpfungen entschleiernd“ (Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz–Vienna, SK 1628), „Hymeneus, die Fackel am Opferaltare anzündend“ (erworben von Nikolaus Graf Esterházy), Kopien nach antiken Büsten von Achill, Merkur und Ajax (im Besitz von Fürst Metternich sowie Markur und Ajax für Prosper Fürst Sinzendorf) sowie eine kolossale Porträtbüste Erzherzog Carls (erworben von Ferdinand Graf Palffy). Am 26. Juni 1810 waren Kiesling und seine Werke in Wien angekommen. Der Bildhauer meldete sich an der Akademie zurück.

Die erste Aufstellung von „Mars und Venus mit Amor“ wie auch der anderen Skulpturen erfolgte im Weiße Kabinett im Oberen Belvedere durch Leopold Kiesling persönlich. Bereits am 27. Juli 1810 konnte Galeriedirektor Friedrich Heinrich Füger die fertige Aufstellung vermelden, woraufhin das Kaiserpaar die Werke besichtigte. Bald darauf wird die Skulpturengruppe von „Marus und Venus mit Amor“ als Friedensallegorie mit aktueller Botschaft interpretiert. Sie sollte auf die Eheschließung von Erzherzogin Marie Louise mit Napoleon anspielen, was allerdings nicht zu ihrer Entstehung geführt hatte. Bis März 1813 durfte der Bildhauer seine Skulpturen im Oberen Belvedere stehen lassen und sie potentiellen Käufern zeigen.

 

Schwieriger Neubeginn in Wien

Wenn auch Leopold Kiesling als Mitarbeiter von Antonio Canova und Schöpfer der hochgelobten Marmorgruppe gefeiert wurde, so dürfte seine Rückkehr nach Wien nicht leicht gewesen sein. Da am 30. August 1810 mit Philipp Graf Cobenzl sein wichtigster Mäzen verstarb, stand es finanziell nicht gut um den Bildhauer. Am 2. September 1810 meldete er, dass er „schon mehrere Monate ohne Erwerb“ wäre. Daher suchte er um die kostenlose Übertragung eines Ateliers im „sogenannten Prinz-Karl-Gebäude hinter den k. k. Stallungen“ an. Im Auftrag des Kaisers bereiste Kiesling die Ober- und die Untersteiermark, wo er Marmorsteinbrüche besichtigen und finden sollte (September 1810). Diese Untersuchungen setzte er in anderen Regionen Österreichs fort. Im März 1811 erhielt er Räume in einem ebenfalls Prinz-Karl-Haus genannten Gebäude in Penzing. Der Bildhauer willigte ein und berichtete wenig später, das Laboratorium samt Wohnung bald beziehen zu können. Ein Jahr später suchte er um die dauerhafte Überlassung dieses Wohn-Ateliers an. Als Bezahlung bot er einige seiner Kunstwerke an: die Büste Kaiser Franz’ II. (I.) für den Ratssaal in Brünn, die Büste Erzherzog Carls sowie die Figur des Hymen. Franz Anton Zauner bewertete diese Werke am 27. Februar 1812 mit 14.500 Gulden. Der Hof entschied sich für den Erwerb der Büste, die im Oktober 1812 feierlich im Ratssaal der Stadt Brünn aufgestellt wurde, hatte sich die Stadt doch im Kampf gegen Napoleon 1809 hervorgetan. Kiesling erhält dafür vom Brünner Stadtmagistrat ein Geschenk von fünfzig Dukaten in Gold und wird am 6. Oktober zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

Die Skulpturengruppe „Mars und Venus mit Amor“ wie auch die anderen Werke aus der römischen Zeit (nicht die Kopien nach antiken Köpfen) wurde auf Empfehlung von Fürst Metternich, dem neuen Kurator der kaiserlichen Akademie, erworben. Als Aufstellungsort wurde das Haus der Laune in Laxenburg in Erwägung gezogen und wieder verworfen. Daraufhin wurden sie im April 1813 im Depot im Erdgeschoss des Oberen Belvedere eingelagert. Als die Kriegsgefahr im Herbst steig, wurden „Marus und Venus mit Amor“ mit dem Schiff nach Pressburg verbracht und noch am 13. November des Jahres wieder zurückgestellt. Im September 1814 stellte sie Heinrich Füger im gartenseitigen, ebenerdigen Rondell im Oberen Belvedere – gemeinsam mit dem „Genius der Künste“ und „Hymen“ sowie der Büste Erzherzog Carls – auf. Hier bliebt die Marmorgruppe bis zu ihrer Übersiedlung in die kaiserliche Gemäldegalerie in das Kunsthistorische Hofmuseum am Ring, das 1891 eröffnet wurde.

 

Hofbildhauer und Experte für Monumentalaufträge

Der Erfolg von Leopold Kiesling lässt sich an dessen Aufstieg in der akademischen Hierarchie ablesen. Am 12. November 1812 wurde ihm der Titel des k. k. Hofbildhauers bewilligt. Seine Bronzebüsten von Erzherzog Johann und Kaiser Franz II. (I.) wurden am 26. März 1814 im physikalischen Saal des Joanneums in Graz enthüllt. Kieslings Büsten des Kaisers und/oder des Erzherzog Carl entstehen oft als Dank des Monarchen an Städte für ihre Unterstützung während der Napoleonischen Kriege (Klagenfurt, Stift St. Florian). Der Künstler erhielt im Zug der ehrenvollen Enthüllungen „ansehnliche Geldbelohnungen“ wie auch das Bürgerrecht der Stadt Klagenfurt.

Allerdings erhielt Kiesling nie den Ruf an die Akademie. Obwohl er sich am 29. Dezember 1816 um die Nachfolge von Johann Martin Fischer beworben hatte, wurde er nicht erwählt. Anstelle des in Rom weilenden Johann Nepomuk Schaller wurde Josef Kähsmann berufen. In den Jahren zuvor hatte sich Kiesling als Experte für Grabmalskulpturen einen Namen gemacht. Zu den wichtigsten Schöpfungen auf diesem Gebiet zählen Kieslings Monumente von Ludwig und Philipp Grafen Cobenzl im Denkmalhain im Währinger Park und am Friedhof St. Marx oder das Grabmal des Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall am Friedhof von Weidling bei Klosterneuburg.

 

Pläne für eine Kolossalstatue von Kaiser Franz I.

Prosper Fürst Sinzendorf beauftragte Leopold Kiesling 1820 mit der Planung und Ausführung einer kolossalen Büste des Kaisers in klassisch-antikem Stil. Die Büste samt Lorbeerkranz sollte samt Sockel eine Höhe von etwa 15 Metern haben. Das monumentale Werk sollte auf der Spitze eines pyramidalen Berges ruhen, davor ein mit einer Sandale bekleideter Fuß stehen. Ziel war es, mit der künstlichen „Ruine“ das Erscheinungsbild einer antiken Imperatorenskulptur zu evozieren. Das Projekt gedieh (leider) nicht über das Planungsstadium hinaus.

 

Späte Werke

Ab 1821 arbeitete Leopold Kiesling in einem Atelier in der Feldgasse 129. Hier entstanden eine posthume überlebensgroße Büste von Christoph Freiherr von Stiebar, dem 1824 verstorbenen Kreishauptmann von Krems. Ein Jahr vor seinem Tod, 1826, wurde Kiesling von der Stadt Graz mit dem Entwurf für eine Statue des Kaisers in ganzer Figur aus Metall für den Franzensplatz (heute: Freiheitsplatz) beauftragt. Das Modell wurde im Sommer präsentiert aber nicht realisiert.

Anfang des Jahres 1827 bot Kiesling dem Kaiser in einem Brief einige Büsten zum Verkauf an. Als Grund nannte er seine große Familie und fehlende Aufträge. Galeriedirektor Joseph Rebell beurteilte diese höchst positiv, worauf der Hof zwei Büsten des Kaisers, nicht aber die Büste Andreas Hofers erwarb.

 

Tod

Leopold Kiesling starb am 26. November 1827 in seiner Wohnung in der Feldgasse im 58. Lebensjahr. Als Todesursache wurde „eine organische Krankheit und Herzbeutelwassersucht“ angegeben. Am Tag darauf wurde er vermutlich auf dem Matzleinsdorfer Friedhof beigesetzt.

Beiträge zu Leopold Kiesling

  1. Hormayrs Archiv 1811, S. 19.