0

London | Dulwich Picture Gallery: Helen Frankenthaler. Radical Beauty Farbholzschnitte der amerikanischen Malerin

Helen Frankenthaler, Madame Butterfly, 2000, Holzschnitt in 102 Farben (© 2020 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / DACS / Tyler Graphic Ltd., Mount Kisco, NY)

Helen Frankenthaler, Madame Butterfly, 2000, Holzschnitt in 102 Farben (© 2020 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / DACS / Tyler Graphic Ltd., Mount Kisco, NY)

Die Dulwich Picture Gallery präsentiert die erste große Ausstellung von Holzschnitten der führenden Abstrakten Expressionistin Helen Frankenthaler (1928–2011) in Großbritannien (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Die bahnbrechenden Holzschnitte der Künstlerin wurden teils noch nie zuvor in Großbritannien gezeigt. Sie zeigen Frankenthaler als kreative Druckgrafikerin, die die Möglichkeiten des Mediums auf erstaunliche Art vorangetrieben hat.

Im Alter von nur 23 Jahren schuf Frankenthaler mit „Mountains and Sea“ (26.10.1952), das erste Gemälde mit ihrer charakteristischen Soak-Stain-Technik. Die Malerin goss verdünnte Farbe direkt von oben auf die Leinwand, um breite Flächen durchscheinender Farbtöne zu erzeugen. Es war ein Durchbruch, der Frankenthaler ins Rampenlicht der New Yorker Kunstszene rückte, als Jackson Pollock und Willem de Kooning dominierten. Diese Technik beeinflusste die Künstler der Color Field School of Painting, darunter Morris Louis und Kenneth Noland, und hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf ihre Karriere als Grafikerin.

Helen Frankenthaler: Farbholzschnitte

Zehn Jahre nach ihrem Tod eröffnet „Radical Beauty“ in der Dulwitch Picture Gallery Frankenthalers revolutionäre Herangehensweise an den Holzschnitt und positioniert sie als eine der großen Innovatorinnen des Mediums. Wie bei ihren früheren Gemälden sprengte Frankenthaler die Grenzen der Technik: Sie fand neue Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums, experimentierte mit verschiedenen Richtungen und Farbgebungen und einer Vielzahl neuer Werkzeuge und Methoden. So entstand ein vielschichtiges Werk, in dem Holzschnitte malerisch und spontan mit Farbflächen und fließenden Formen erscheinen.

Von Frankenthalers erstem Holzschnitt im Jahr 1973, „East and Beyond“, bis zu ihrem letzten Werk im Jahr 2009 versammelt diese große Grafik-Retrospektive 36 Leihgaben der Helen Frankenthaler Foundation, darunter „Madame Butterfly“ (2000), um die enorme Vielfalt an Umfang und Technik in ihrem Œuvre zu präsentieren. Frankenthalers Drucke stellen traditionelle Vorstellungen des Holzschnitts in Frage und zeigt die Energie hinter ihrem „No Rules“-Ansatz. Die Ausstellung ist thematisch organisiert. Die Kapitel kreisen um jene Elemente, die für Frankenthalers einzigartigen Stil der „mark-marking“ entscheidend sind – vom Experimentieren bis zur Inspiration und Zusammenarbeit.

Zu den Höhepunkten in der Ausstellung gehört Frankenthalers erster Holzschnitt „East and Beyond“ (1973), der durch Bedrucken mehrerer Blöcke entstand, um negativen Raum zu vermeiden. Das Werk hat macht zum einen Farbe und Form greifbar, hat aber gleichzeitig eine Fluidität, die es von anderen Werken der Zeitgenossen, darunter Jasper Johns, unterscheidet. Weitere herausragende Arbeiten sind „Cameo“ (1980) und „Freefall“ (1993), sie zeigen, wie Frankenthaler die Herausforderung der Holzschnittkunst annahm und Wege fand, sie ihrem Kunstwollen anzupassen. In „Cameo“ arbeitete Frankenthaler erstmals mit Farbschichten und nutzte ihre unverwechselbare, von ihre selbst so benannte „Guzzying“-Technik – bei der sie ihre Oberflächen mit Schleifpapier und in einigen Fällen mit Zahnarztbohrern bearbeitete, um verschiedene Effekte zu erzielen.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung wird Frankenthalers Hauptwerk „Madame Butterfly“ (2000) sein. Das Triptychon, das seinen Titel mit der Oper von Giacomo Puccini aus dem Jahr 1904 teilt, zeigt Frankenthaler in seinen ausdrucksstärksten und lyrischsten Farben. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit Kenneth Tyler und Yasuyuki Shibata aus 46 Holzschnitten und 102 Farben; es ist über zwei Meter lang und wird einen ganzen Raum in der Ausstellung einnehmen. Gemeinsam mit einem Probedruck und einer Studie soll die Komplexität seines evokativen Titels beleuchtet werden. In den Drucken lässt sich Frankenthalers Arbeitsprozess nachvollziehen und wie sie jede Zusammenarbeit kreativ vorangetrieben hat.

Die Ausstellung stellt auch alle sechs Holzschnitte der Serie „Tales of Genji“ (1998) vor. In dem sehr ambitionierten Werk setzte Helen Frankenthaler ihre Soak-Stain-Technik ein – diesmal mit Farben auf Wasserbasis auf Sperrholzplatten. In Zusammenarbeit mit Tyler und seinem Grafikeratelier ließ sich Helen Frankenthaler erneut auf einen Prozess des ständigen Experimentierens ein, einen Prozess von Versuch und Irrtum, um ihre künstlerische Vision zu realisieren.

Helen Frankenthaler: Holzschnitte

  • Helen Frankenthaler, Madame Butterfly, 2000, Holzschnitt in 102 Farben (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Essence Mulberry, Probedruck 19, 1977 (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Cedar Hill, 1983, Farbholzschnitt in zehn Farben (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Freefall, 1993 (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Tales of Genji III, 1998 (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Tales of Genji V, 1998, Farbholzschnitt in neun Farben (Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)
  • Helen Frankenthaler, Snow Pines, 2004, Farbholzschnitt in 34 Farben (© 2021 Helen Frankenthaler Foundation, Inc.)

Weitere Beiträge zu Helen Frankenthaler

10. Dezember 2021
Helen Frankenthaler, Beginnings, Detail, 1994 (© 2022 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / Bildrecht Wien)

Krems | Kunsthalle Krems: Helen Frankenthaler Malerische Konstellationen | 2022

Das reichhaltige malerische Werk auf Papier stellt neben den Gemälden einen gewichtigen und eigenständigen Korpus in Frankenthalers Schaffen dar. Erste Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin in Österreich!
7. November 2021
Helen Frankenthaler, Grotto Azura, 1963 (© 2021 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / VG Bild-Kunst, Bonn)

Essen | Folkwang Museum: Helen Frankenthaler Malerische Konstellationen der Pionierin des Abstraken Expressionismus

Das Museum Folkwang präsentiert erstmals seit mehr als zwanzig Jahren wieder das farbgewaltige Werk Helen Frankenthalers (1928–2011) in Deutschland, der Vorreiterin am Übergang vom Abstrakten Expressionismus zum Colour Field Painting (Farbfeldmalerei).
29. September 2021
Mark Rothko, Untitled (Blue, Yellow, Green on Red), 1954 (Museum Barberini, Potsdam)

Wien | Albertina modern: Die Form der Freiheit. Internationale Abstraktion nach 1945 Abstrakter Expressionismus vs. Informel

Die Ausstellung untersucht das kreative Wechselspiel zwischen Abstraktem Expressionismus und informeller Malerei im transatlantischen Austausch und Dialog von Mitte der 1940er Jahre bis zum Ende des Kalten Kriegs.

Weitere Beiträge zum Abstrakten Expressionismus | Informel

3. Januar 2022
Ernst Wilhelm Nay, Mit roten und schwarzen Punkten, 1954 (Hamburger Kunsthalle. © Hamburger Kunsthalle ⁄ bpk, © Ernst Wilhelm Nay Stiftung, Köln ⁄ VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Elke Walford)

Wiesbaden | Museum Wiesbaden: Ernst Wilhelm Nay Retrospektive | 2022/23

Zu sehen sind nicht nur Ernst Wilhelm Nays berühmte Lofoten-, Scheiben- oder Augenbilder, sondern auch die in der Rhein-Main-Region entstandenen Hekate- und Fugalen Bilder.
2. Januar 2022
Kiki Smith, Untitled (Hair), 1990, Lithografie in Schwarz über Schwarzbraun auf handgeschöpftes Mitsumashi-Japanpapier, Blatt 915 × 910 mm, Ex. 22/5 (Städel Museum, Frankfurt am Main, erworben 2019 mit Mitteln der Heinz und Gisela Friederichs-Stiftung © Kiki Smith)

Frankfurt | Städel Museum: Into the New. Menschsein Amerikanische Druckgrafiken von Pollock bis Bourgeois | 2022

Auswahl von rund 50 Druckgrafiken, Zeichnungen und Multiples aus dem Bestand US-amerikanischer Druckgrafik des Graphic Boom.
26. Dezember 2021
Josef Albers und Andreu Alfaro, Emil Schumacher, Installationsansicht Emil Schumacher Museum, Hagen, 2021.

Hagen | Emil Schumacher Museum Hagen: Konkret! Hommage an Ulrich Schumacher Die Sammlung des Josef Albers Museums Quadrat | 2021/22

In Gedenken an Ulrich Schumacher widmet das Emil Schumacher Museum in Hagen seinem Gründungsdirektor eine Ausstellung zur Konkreten Kunst seit 1923.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.