0

London | National Gallery: Picasso – Ingres Picassos „Frau mit Buch” trifft Ingres` „Madame Moitessier“

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Madame Moitessier, 1856, Öl auf Leinwand, 120 x 92.1 cm (© The National Gallery, London) und Pablo Picasso, Frau mit Buch, 1932, Öl auf Leinwand, 130.5 x 97.8 cm (The Norton Simon Foundation, Inv.-Nr. F.1969.38.10.P © 2020 Estate of Pablo Picasso)

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Madame Moitessier, 1856, Öl auf Leinwand, 120 x 92.1 cm (© The National Gallery, London) und Pablo Picasso, Frau mit Buch, 1932, Öl auf Leinwand, 130.5 x 97.8 cm (The Norton Simon Foundation, Inv.-Nr. F.1969.38.10.P © 2020 Estate of Pablo Picasso)

Zum ersten Mal wird Pablo Picassos „Frau mit einem Buch“ (1932) aus dem Norton Simon Museum in Pasadena, Kalifornien, mit Jean-Auguste-Dominique Ingres‘ „Madame Moitessier“ (1856) gemeinsam ausgestellt. Picasso bewunderte Ingres und bezog sich während seines gesamten Werks auf ihn. Picassos Affinität zu Ingres zeigt sich nicht nur in der Malerei, sondern auch umfassend in seinen Zeichnungen und Studien während seiner neoklassizistischen Phase in den 1920er Jahren.

Ingres‘ „;Madame Moitissier“

Jean-Auguste-Dominique Ingres‘ „Madame Moitessier“ wurde 1844 in Auftrag gegeben, um die Hochzeit von Marie Clotilde-Inès de Foucauld (1821–1897) mit dem wohlhabenden Kaufmann Sigisbert Moitessier zwei Jahre zuvor zu feiern. Ingres zögerte zunächst, den Auftrag anzunehmen, änderte aber seine Meinung, nachdem er die 23-jährige Madame Moitessier getroffen hatte, die er als „schön und gut“ beschrieb. Der Kunstkritiker Théophile Gautier, der während einiger der Malsitzungen zusah, stimmte Ingres zu und beschrieb ihre Schönheit als die königlichste, prächtigste, stattlichste und junoeskeste, die er je gezeichnet gesehen hatte.

Ingres brauchte 12 Jahre, um das Gemälde fertigzustellen. Während dieser Zeit erfuhr das Bild mehrere große Überarbeitungen: Eine kleine Tochter, Catherine, sollte ursprünglich aufgenommen werden, wurde aber aus der Komposition entfernt, und im letzten Moment, 1855, wurde ein anderes Kleid gewählt, um den Wandel der Mode widerzuspiegeln. Das gelbe Kleid, das Madame Moitessier ursprünglich trug, wurde in ein Kleid aus modischer und teurer Lyoner Seide mit einem floralen Muster geändert, das von den Blumen und Blättern des extravaganten vergoldeten Rahmens widergespiegelt wird, der von Ingres selbst entworfen wurde.

Madame Moitessier blickt in ihrer feinsten Kleidung und ihrem Schmuck majestätisch aus dem Bild. Sie ist die Verkörperung von Luxus und Stil während des Zweiten Kaiserreichs, das die Wiederherstellung des französischen Kaiserthrons und die extravagante Zurschaustellung von Reichtum sah. Das Zimmer hat das Ambiente eines luxuriösen Salons aus dem 18. Jahrhundert mit japanischer Imari-Vase, verziertem Fächer, Louis-XV-Konsolentisch, vergoldetem Spiegelrahmen und gepolstertem Damastsofa (mit einem winzigen Amor, der über Madame Moitessiers linke Schulter blickt).

Ihre unverwechselbare Pose basiert auf einer Figur in einem Fresko von „Herkules und Telephos“ aus Herculaneum (Archäologischen Nationalmuseum, Neapel), das Arkadia darstellt. Ingres 1814 könnte sie in Neapel gesehen haben. Im Porträt verwendet er die Geste von Arkadias rechter Hand, deren Zeigefinger erhoben ist und ihren Kopf stützt. Ingres eigene Reproduktionen des Wandbildes und vorbereitende Zeichnungen zeigen, wie er der präzisen Positionierung von Madame Moitessiers rechtem Arm, Hand und Fingern große Aufmerksamkeit schenkte. Tatsächlich war Madame Moitessier für Ingres eine Verkörperung des klassischen Ideals. Als moderne Göttin sitzt sie untätig und ist sich ihres Platzes in der Gesellschaft voll bewusst.

Ihr Spiegelbild im Hintergrund war eine verblüffende Erfindung, um eine andere Seite von ihr zu zeigen, aber ein genauerer Blick auf den Spiegel offenbart einige Kuriositäten. Die Reflexion stimmt nicht ganz mit ihrer tatsächlichen Position überein. Es fehlt auch das Detail und die Leuchtkraft der Figur, ihre stumpfe Oberfläche kontrastiert mit der Opulenz von Madame Moitessier und ihrer Umgebung. Diese komplexe und mehrdeutige Erfindung, die zwei gleichzeitige Standpunkte suggeriert, sollte im 20. Jahrhundert Auswirkungen haben – und zwar nicht nur auf Picasso.

Picasso und Ingres

„Les bons artistes copient, les grands artistes volent. [Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen.]” (Pablo Picasso)

1921 arbeitete Picasso in Paris und war dabei, seine Kunst nach dem Kubismus neu zu erfinden. Er sah Ingres' „Madame Moitessier“ in einer Ausstellung und war von diesem Porträt so begeistert, dass es ihn noch 11 Jahre später beeinflusste, als er 1932 „Frau mit einem Buch“ malte. Letzteres ist eines seiner berühmtesten Bilder seiner jungen Geliebten Marie-Thérèse Walter (1909–1977), die er 1927 kennengelernt hatte – noch während er mit seiner Frau, der russischen Ballerina Olga Khokhlova (1891–1955 → Picassos erste Frau: Olga Picasso), verheiratet war.

„Frau mit einem Buch“ schafft eine Balance zwischen Sinnlichkeit und Zurückhaltung. Das Frauenbildnis erinnert in bedeutender Weise an Ingres‘ Porträt: Die Hand seines Models, das das Kinn berührt, ist ein direktes Zitat. Die Blumen an ihren Ärmeln erinnern ebenfalls an Madame Moitessiers Kleid. Indem Picasso Madame Moitessiers Fächer durch die flatternden Seiten eines Buches ersetzte, erschloss er sich die Erotik, die unter Ingres' Bild der bürgerlichen Seriosität verborgen ist. Das Profilporträt in einem Spiegel rechts verweist bei Picasso ebenfalls auf sein neoklassizistisches Vorbild; es könnte aber auch ein abstrahiertes Selbstporträt des Malers meinen.

Diese Ausstellung in der National Gallery, London, ist eine Gelegenheit, Picassos anhaltende Begeisterung zu Ingres und seine Fähigkeit, auf frühere Künstlerwerke zu reagieren oder sie zu „stehlen“, zu erforschen. Die Schau wird von der National Gallery und dem Norton Simon Museum organisiert und nach ihrer Ausstellung in London im Norton Simon zu sehen sein (21.10.2022–30.1.2023).

Quelle: The National Gallery of Art, London

Picasso – Ingres in der National Gallery London: Bilder

  • Pablo Picasso, Frau mit Buch, 1932, Öl auf Leinwand, 130.5 x 97.8 cm (The Norton Simon Foundation, Inv.-Nr. F.1969.38.10.P)
  • Jean-Auguste-Dominique Ingres, Madame Moitessier, 1856, Öl auf Leinwand, 120 x 92.1 cm (© The National Gallery, London)

Beiträge zu Pablo Picasso

16. September 2021
Amedeo Modigliani, Junge Frau in Hemd, Detail, 1918 (Albertina, Wien, Sammlung Batliner)

Wien | Albertina: Modigliani – Picasso „Revolution des Primitivismus” in Paris

Amedeo Modigliani (1884–1920) ist als Maler, Zeichner und Bildhauer einer der wichtigsten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Anlässlich der 100. Wiederkehr seines Todestags widmet die Albertina dem Mitstreiter der Klassischen Moderne im Herbst 2020 eine Ausstellung.
13. September 2021
Pablo Picasso, Massaker in Korea, 1951 (Musée Picasso Paris)

Köln | Museum Ludwig: Der geteilte Picasso Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR

Die Welt war in zwei Lager geteilt, und Picasso eignete sich als Galions- und Projektionsfigur für beide Systeme und in beiden deutschen Staaten. Das Museum Ludwig analysiert die politische Dimension seiner Werke und stellt die Frage nach der sozialen Rolle von Kunst.
19. August 2021
Calder - Picasso

Atlanta | High Museum of Art: CALDER – PICASSO Dialog über Fläche, Raum, Leere und gemeinsame Motive

Die interessante Schau trifft Aussagen über gemeinsame Interessen, Fragestellungen, Motive und vor allem philosophische Diskurse. „Calder – Picasso“ gelingt ein überraschender Dialog zweier Titanen des 20. Jahrhunderts, der tief in die Kunst der Jahrhundertmitte einführt!

Aktuelle Ausstellungen

19. September 2021
Hermann Carl Eduard Biewend, Ich und mein Luischen, Detail, 1851, kolorierte Daguerreotypie (Private Sammlung © Collection H. G.)

Schweinfurt | Museum Georg Schäfer: Frühe Jahre der Fotografie Neue Wahrheit? Kleine Wunder!

Erste Präsentation einer britischen Privatsammlung zu Louis Daguerre, Daguerreotypien aus EU & USA, Karikaturen, Stereofotografie, Porträts und einer seltenen Ambrotypie.
19. September 2021
Berthe Morisot, Junge Frau auf dem Sofa [Jeune Femme au Divan], Detail, 1885, Öl/Lw, 61 x 50.2 cm (Tate, London; Bequeathed by the Hon. Mrs A.E. Pleydell-Bouverie through the Friends of the Tate Gallery 1968, Photo ©Tate)

Riehen b. Basel | Beyeler: Close Up. Berthe Morisot bis Elizabeth Peyton

Die Ausstellung zeigt Werke von Künstlerinnen, deren Schaffen herausragende Positionen innerhalb der Geschichte der Moderne seit 1870 bis heute darstellen. Es ist der Zeitraum, zu dessen Beginn es Künstlerinnen in Europa und Amerika erstmals möglich wurde, auf breiter Basis professionell tätig zu sein.
18. September 2021
Alicja Kwade, Selbstporträt, 2020, Courtesy of the artist; KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland, Foto: Roman März

Berlin | Berlinische Galerie: Alicja Kwade. In Abwesenheit

Alicja Kwade (* 1979) erarbeitet 2021 eine ortsspezifische Installation in der ersten großen Ausstellungshalle der Berlinischen Galerie.