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Maria Lassnig: Biografie Leben der österreichischen Malerin

Maria Lassnig, Selbstporträt mit Stab, 1971, Öl und Kohle auf Leinwand, 193 x 129 cm (Maria Lassnig Stiftung, © Maria Lassnig Stiftung)

Maria Lassnig, Selbstporträt mit Stab, 1971, Öl und Kohle auf Leinwand, 193 x 129 cm (Maria Lassnig Stiftung, © Maria Lassnig Stiftung)

Die österreichische Malerin Maria Lassnig darf als eine der wichtigsten Künstlerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesprochen werden. Ihre Körperbewusstseins-Bilder verbanden inneres Empfinden mit dem Blick von außen, Gefühl und Subjektivität mit einer expressiven Bildsprache. Die aus Kärnten stammende Malerin studierte an der Wiener Akademie und war in den 1950er Jahren kurz dem Informel und einer kubischen Formensprache verpflichtet. Während eines Aufenthalts in New York wandte sie sich dem Realismus und dem Feminismus zu und kommentierte weibliche wie männliche Rollenbilder auch im Animationsfilm. Ende der 1970er wieder nach Wien zurückgekehrt, wurde Lassnig zur ersten Professorin in Österreich an die Angewandte berufen, wo sie bis in ihr 78. Lebensjahr unterrichtete. Sowohl in Gemälden wie auch Aquarellen erforschte sie ihr Innerstes, Gefühle, Schmerzen, bis kurz vor ihrem Tod bannte sie schonungslos ihre Vergänglichkeit aufs Papier (→ Maria Lassnig: Zeichnungen und Aquarelle).

Im Alter von 61 Jahren setzte auch die internationale Würdigung ihres Werks ein: eine Teilnahme an der documenta 7 und X (1982, 1997) und drei Teilnahmen bei der Biennale von Venedig (1980, 1995 und 2013) sowie zahlreiche Preise wie den Österreichischen Staatspreis und den Goldenen Löwen der Biennale für ihr Lebenswerk (→ Maria Lassnig & Marisa Merz – Goldene Löwen 2013).

 

Biografie von Maria Lassnig (1919-2014)

  • 8.9.1919

    Am 8. September 1919 wurde Maria Lassnig bei Kappel am Krappfeld, Kärnten (Österreich) geboren. Sie wurde auf den Namen Maria Eleonora Gregorz getauft. Sie war die unehelichte Tochter von Mathilde Gregorz und Anton Hubinger. IHren Vater lernte die Künstlerin erst im Alter von 22 Jahren kennen. In der kleinbäuerlichen Umgebung wird Lassnigs uneheliche Geburt beschämend empfunden.
  • 1925

    Lassnigs Mutter Mathilde Gregorz heiratete den Bäcker Jakob Lassnig: Umzug nach Klagenfurt, wo Maria das.katholische Ordensgymnasium besuchte.
  • 1937–1941

    Ausbildung zur Volksschullehrerin und Arbeit in einer Volksschule im abgelegenen Kärntener Metnitztal.
  • 1940/41–1945

    Maria Lassnig absolvierte ein Malerei-Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Professor Wilhelm Dachauer kritisierte ihre Gemälde und warf sie 1943 aus der Klasse. Daraufhin tratt sie in die Klasse von Ferdinand Andri ein und studierte Aktzeichnen bei dem Maler Professor Herbert Boeckl. Im nationalsozialistischen Wien zeigte Lassnig sich als politisch weitgehend unreflektierte Studentin und erhielt auch diverse Stipendien. Da alles Moderne "weggeschlossen" wurde, musste sie sich das "Farbsehen selbst erarbeiten".
  • 1942

    Besuch beim Maler Franz Wiegele.
  • 1945

    Maria Lassnigs Atelier in Klagenfurt war Treffpunkt von Künstlern und Schriftstellern wie Michael Guttenbrunner, Arnold Daidalos Wande, Max Hölzer und Heimo Kuchling. In dieser Zeit ist sie mit Michael Guttenbrunn liiert. Lassnig schuf Porträts, Aktstudien, Interieurs und Stillleben. „Selbstporträt expressiv“
  • 1947

    Bekanntschaft mit Arnulf Rainer, mit dem Maria Lassnig eine Beziehung anfing.
  • 1948

    Lassnig fertigte erste Body-Awareness-Zeichnungen. Ab 1948 stand Lassnig mit Arnulf Rainer in engem künstlerischen Austausch. Empfand den Surrealismus als eine "befreiung von dem Gegenständlichen und Beabsichtigten".
  • 1949

    Erste Einzelausstellung mit Gemälden und Zeichnungen in der Klagenfurter Galerie Kleinmayr.
  • 1950

    Fertigte surrealistisch beeinflusste Zeichnungen und Drucke wie die dicht gearbeitete „Verlorene Schlacht“, die in einer 1951 von der Hundsgruppe veröffentlichten Grafikmappe erschien. Zweite Einzelausstellung in der Galerie der Buchhandlung Kosmos in Wien
  • 1951–1953

    Umzug nach Wien. Für kurze Zeit schloss sie sich auch der so genannten Hundsgruppe an, die Rainer ist mitbegründet hatte. Die Vereinigung war stilistisch vielfältig und zählte u.a. informell arbeitende abstrakte Maler wie Wolfgang Hollegha und Josef Mikl zu ihren Mitgliedern. Insgesamt drei Reisen nach Paris (gemeinsam mit Rainer), wo sie André Breton, Paul Celan und Gisèle Celan- Lestrange sowie Benjamin Péret und die tschechische Künstlerin Toyen (Marie Cermínová) kennenlernte. Toyen führte Marie Lassnig in den Surrealismus ein, den die Malerin als „Befreiung“ empfand“. Bei ihrem zweiten Besuch sah sie die Ausstellung „Véhémences Confrontées“ in der Galerie Nina Dausset; die dort gezeigten informellen und abstrakt-expressionistischen Arbeiten von Künstlern wie Willem de Kooning, Hans Hartung, Jackson Pollock und Wols hinterließen bei ihr nachhaltigen Eindruck. Lassnig gestaltete Flächenteilungsbilder und malte unter Einfluss des Informel ihre „(Knödel-) Selbstporträts“. In Reaktion auf die Ausstellung in der Galerie Nina Daudet organisierten Lassnig und Rainer im Künstlerhaus Klagenfurt die Schau „Junge unfigurative Malerei“, an der sie auch selbst teilnahmen.
  • 1952

    Dritte Reise nach Paris. Einzelausstellung in der Galerie des Art Club. „Zwei Flächen übereinander / Schwarze Flächenteilung“
  • 1954

    Rückkehr an die Wiener Akademie, um Malerei zu studieren. Kontakt mit den Schriftstellern der Wiener Gruppe, darunter Oswald Wiener, mit dem sie in späteren Jahren im Dialog bleibt, sowie zu Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Einzelausstellung in der Zimmergalerie Franck, Frankfurt am Main.
  • 1955

    Lassnig malte kleinen, kubistisch beeinflusste Gemälden, auf denen Körper und Köpfe auf mit dem Malspachtel aufgetragene Farbflächen reduziert sind, den so genannten „Kopfheiten“ sowie Akten.
  • 1956

    Ausstellungsbeteiligung in der Wiener Galerie nächst St. Stephan (neben vier männlichen Künstlern, darunter Rainer und Mikl). Erste Anerkennung mit einer Ausstellung in der Galerie Würthle.
  • 1958

    Erste farbintensive Körpergefühls-Aquarelle und informelle, gestische Ölbilder auf Leinwand.
  • 1960

    Teilnahme an der Gruppenausstellung „Austrian Painting and Sculpture 1900 to 1960“ in der Arts Council Gallery, London.
  • 1961

    Umzug nach Paris (bis 1968). Es entstanden konstruktive Raumbilder, Körpergefühls-Figurationen („Strichbilder“). Der erhoffte Durchbruch in Paris gelang ihr nicht. Einzelausstellung im Landesmuseum Kärnten, Klagenfurt.
  • 1963

    In die „Körperbewusstseinsbilder“ führte Lassnig Deformationen und Merkmale von Tieren oder Ungeheuern ein.
  • 1964

    Der Tod ihrer Mutter löste eine existentielle Krise bei Lassnig aus; Serie „Beweinungsbilder“
  • 1966

    Einzelausstellung in der Galerie Würthle, Wien.
  • 1968–1980

    Maria Lassnig lebte überwiegend in New York, East Village in Manhattan (bis 1980), Die Künstlerin Nancy Spero hatte ihr empfohlen, in die USA zu ziehen. Sommerferien in Kärnten. Hinwendung zum Realismus und zr gesehenen Wirklichkeit, Maria Lassnig malte Stillleben mit verfremdeten Selbstbildnissen, schuf Seidensiebdrucke, Animationsfilme.
  • 1970

    Besuch eines Zeichentrickfilmkurses an der School of Visual Arts in New York und beginnt auf der Grundlage ihrer „Körperbewusstseinszeichnungen“ Animationsfilme zu gestalten. Erste museale Einzelausstellung in der Neuen Galerie Graz, mit begleitendem Katalog.
  • 1971

    Teilnahme an der Gruppenausstellung „Anfänge des Informel in Österreich, 1949 bis 1953“, im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien.
  • 1972

    Für den Animationsfilm „Selfportrait“ (1971) wurde Maria Lassnig mit dem New York State Council Arts Award ausgezeichnet.
  • 1974

    Umzug in ein Atelier in der New Yorker Spring Street in SoHo. Zusammen mit Martha Edelheit, Carolee Schneemann, Silvia Goldsmith und anderen gründete Lassnig „Women/Artist/Filmmakers, Inc.“. Die Gruppe organisiert Filmvorführungen unter anderem in Paris, Washington, New York, Wien und Brüssel. Sie nahm u. a. mit Louise Bourgeois an Demonstrationen des Women’s Liberation Movement teil. Serie von Selbstporträts mit Tieren.
  • 1976

    „Woman Laokoon“
  • 1977

    In der Wiener Albertina fand die erste Retrospektive zu Lassnigs grafischem Werk statt, begleitet von einem Katalog. Erhielt den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst.
  • 1978

    Maria Lassnig erhielt ein DAAD-Stipendium und verbrachte damit ein Jahr in Berlin. Sie arbeitete dort an Wahrnehmungsstudien. Bis 1980 schuf sie eine Reihe von Bildern in Aquarell und Gouache, deren Flächen in mehrere Rechtecke aufgeteilt ist, was an die Panels eines Storyboards erinnert. Einzelausstellung im Haus am Lützowplatz, Berlin.
  • 1979

    Rückkehr nach New York, wo sie ein Apartment im 26. Stockwerk eines Wolkenkratzers an der First Avenue bezog: „Sexgöttin“ als erste einer kleinen Gruppe von Skulpturen in Bronze, Aluminium und Gips, die sie periodisch bis in die späten 1990er Jahre schuf. Teilnahme an der Graphics Biennale in Sydney.
  • 1980

    Maria Lassnig zog wieder nach Wien zurück, Auf Betreiben der Wiener Aktionsgemeinschaft bildender Künstlerinnen, der Bundesministerin Hertha Firnberg und des Rektors Oswald Oberhuber an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien berufen, wo sie bis 1989 die Meisterklasse Gestaltungslehre – experimentelles Gestalten leitete. Professorin an der Hochschule für angewandte Kunst (heute: die Angewandte) und damit zur ersten Professorin für Kunst im deutschsprachigen Raum. Sie leitet die Meisterklasse für Gestaltungslehre – experimentelles Gestalten und lehrte Malerei, Zeichnen und Film. Gemeinsam mit VALIE EXPORT repräsentierte sie Österreich auf der Biennale in Venedig. Lassnigs Präsentation konzentrierte sich auf Gemälde aus den 1960er und 1980er Jahren sowie abstrakte Werke aus der Mitte der 1950er Jahre. In den 1980er Jahren rückt Lassnig von den für sie realistischen Darstellungen und Porträts ab. Rückkehr zur Abstraktion, malte „Körperbewusstseinsbilder“, erste mythologische und archaische Themen. Auf Reisen entstanden Aquarelle und Gouachen.
  • 1981

    Einzelausstellungen in der Galerie Heike Curtze, Wien, sowie in der Galerie Klewan, München, mit begleitenden Katalogen.
  • 1982

    Lassnig richtete das Lehrstudio für experimentellen Animationsfilm ein, dessen erster Leiter Hubert Sielecki wurde. Mit Gemälden aus den 1970er Jahren Teilnahme an der documenta 7.
  • 1984

    Serie „Innerhalb und Außerhalb der Leinwand“, dann narrative, heitere Motive.
  • 1985

    Erste Retrospektive von Lassnigs Malerei im Museum Moderner Kunst in Wien, anschließend im Kunstmuseum Düsseldorf, in der Kunsthalle Nürnberg und in der Kärntner Landesgalerie in Klagenfurt. Der Ausstellungskatalog enthält Schriften der Künstlerin über ihre Arbeit. Erhielt den Kärntner Landespreis. Lobte in ihrer Dankesrede die Unterstützung des österreichischen Staates für die Kunst hervor: „Es ist schön, wenn in einem Staate den Musen mehr zugesprochen wird als dem Gott Mars.“
  • 1988

    Lassnig erhielt den Großen Österreichischen Staatspreis, der im Bereich Bildende Kunst erstmals an eine Künstlerin verliehen wurde! In ihren Gemälden verschmelzen Haushaltsgegenstände und Maschinen mit Figuren. Erstes Werkverzeichnis von Lassnigs Druckgrafiken erschien.
  • 1991

    Lassnig beginnt eine Gemäldegruppe zum Golfkrieg, darunter „Sensenmann“.
  • 1992

    In Zusammenarbeit mit Hubert Sielecki entstand der Film „Maria Lassnig Kantate“, in dem die in Fantasiekostüme gekleidete Künstlerin vor einem animierten Hintergrund eine autobiografische Ballade aufführt.
  • 1993

    Maria Lassnig ist mit 42 weiteren Malerinnen und Malern aus drei Generationen in der Gruppenausstellung „Der zerbrochene Spiegel“ vertreten, die Kasper König und Hans Ulrich Obrist in der Kunsthalle Wien organisierten. Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam.
  • 1995

    Teilnahme an der 46. Biennale in Venedig und an der 4. Istanbul Biennale. Lassnig integrierte Themen aus den Bereichen Technik, Elektrizität und Kybernetik. In ihren Tagebuchaufzeichnungen zu ihren Werken, die bei der 4. Istanbul Biennale ausgestellt wurden, ist die Rede von „Körperbewusstseinswerken“, in denen der Körper als „Elektrizitätsmaschine“ mit vibrierenden Sinneswahrnehmungen gesehen wird. Ausstellung im Centre Pompidou in Paris. „Kleines Science-fiction-Selbstporträt“.
  • 1997

    Beendigung der Lehrtätigkeit im Alter von 78 Jahren, Teilnahme an der documenta X in Kassel, wo sie Zeichnungen aus den 1960er und 1970er Jahren zeigt.
  • 1998

    Oskar-Kokoschka-Preis für bildende Kunst; existenzielle Themen (Illusionen, Verhältnis der Geschlechter, Vergänglichkeit, Tod und Zerstörung) – der Beginn einer Phase „drastischer Bilder“. Lassnig malte eine Reihe von Fußballerbildern.
  • 2000

    Eine kleine Auswahl aus Lassnigs schriftlichem Werk erschien.
  • 2001

    Kunstpreis der Norddeutschen Landesbank Hannover.
  • 2002

    In Zürich mit dem Roswitha-Haftmann-Preis, mit dem Ehrenring der Universität für angewandte Kunst Wien und (als erste Künstlerin) mit dem Rubenspreis der Stadt Siegen ausgezeichnet.
  • 2003

    Lassnig vertrat Österreich bei der 1. Beijing Biennale. Zyklus „Landleute“ (1996–2003).
  • 2004

    Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main.
  • 2005

    Selbstporträts, auf denen sie zwischen Krücken oder unter den Laken eines Krankenhausbetts zu sehen ist – Einblicke in die Hinfälligkeit des Körpers und die belastenden Auswirkungen des Alters. „Kellerbilder“. Auftrag für die Gestaltung der Brandschutzwand in der Wiener Staatsoper, für den sie eine monumentale Version ihres Gemäldes „Frühstück mit Ohr“ (1967); Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
  • 2008

    Die Serpentine Gallery in London präsentierte Maria Lassnigs aktuelle Arbeiten, darunter die „Kellerbilder“, eine Gemäldeserie von Porträts, die neue Aspekte im Umgang mit Dunkelheit und Transparenz offenbarte.
  • 2013

    Preis für ihr Lebenswerk auf der 55. Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Lassnig vollendete ihr letztes Porträt, „Selbstporträt mit Pinsel“.
  • 6.5.2014

    Am 6. Mai 2014 starb Maria Lassnig in Wien im Alter von 94 Jahren.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.