Paris | Musée Marmottan Monet: Giovanni Segantini

Giovanni Segantini, Mittag in den Alpen, Detail, 1891, 77,5 x 71, 5 cm (Segantini Museum, St. Moritz)
Giovanni Segantini (1858–1899) ist eine Schlüsselfigur des europäischen Symbolismus und Divisionismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Umso erstaunlicher ist, dass das Musée Marmottan Monet ihm im Frühjahr und Sommer 2026 seine erste Pariser Einzelausstellung widmet . „Voglio vedere le mie montagne [Ich möchte meine Berge sehen / Je veux voir mes montagnes]“ soll der Künstlers kurz vor seinem Tod ausgerufen haben.
Giovanni Segantini (1858–1899). « Je veux voir mes montagnes »
[Giovanni Segantini (1858–1899). „Ich möchte meine Berge sehen“]
Frankreich | Paris: Musée Marmottan Monet
29.4. – 16.8.2026
- Giovanni Segantini, Mittag in den Alpen, 1891, 77,5 x 71, 5 cm (Segantini Museum, St. Moritz)
- Giovanni Segantini, Ave Maria bei der Überfahrt, 1886-1888, Öl auf Leinwand, 121,2 x 92,2 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Stiftung Giovanni Segantini (© Stephan Schenk, Segantini Museum)
Giovanni Segantini in Paris 2026
Die Ausstellung vereint rund 60 Werke – Gemälde, Pastelle und Zeichnungen – und zeichnet den kometenhaften Aufstieg eines Künstlers nach, der die Alpenlandschaften zum Mittelpunkt einer ebenso ästhetischen wie spirituellen Suche machte. Von der Lombardei in Italien bis zum Engadin in der Schweiz fing Segantini die Kraft der Natur ein und enthüllte ihre symbolische Dimension, weit jenseits des Realismus. Er träumte davon, auf der Weltausstellung 1900 in Paris auszustellen, was durch seinen frühen Tod im Jahr 1899 jäh beendet wurde.
Mehr als ein Jahrhundert später würdigt diese von Gabriella Belli und Diana Segantini kuratierte Ausstellung Giovanni Segantinis visionäre Landschaften und seine einzigartige, bemerkenswert moderne Art, einen Dialog zwischen Mensch und Natur zu schaffen.
Zehn Stationen eines Aufstiegs - eine Ausstellung wie eine Wanderung
Das Ausstellungskonzept im Musée Marmottan Monet folgt Segantinis geographischem und künstlerischem Aufstieg: von Mailand und der Brianza auf 264 Meter, über Caglio und Savognin auf 800 bzw. 1207 Meter bis nach Maloja auf 1815 Meter und schließlich auf den Schafberg in 2837 Metern. Die Kapitel entsprechen einer Wanderung durch Werk und Leben Segantinis, die das Gebirge als Maßstab des Geistes begreift.
„Ich, Giovanni Segantini“: Biografie eines Außenseiters
Giovanni Segantini wurde am 15. Januar 1858 in Arco geboren, einer kleinen Stadt am nördlichen Zipfel des Gardasees, die damals zum Kaiserreich Österreich gehörte. Seine Geburt steht bereits unter dem Zeichen des Kampfes: Im Taufregister findet sich der Vermerk „ob periculum vitae“ – wegen Lebensgefahr wurde er von der Hebamme notgetauft. Segantinis Mutter Margherita de Girardi starb 1865, als er sieben Jahre alt war. Der Vater ließ ihn in Mailand bei seiner Halbschwester Irene zurück und starb kurz darauf ebenso. Irene vergaß darüber, das Kind korrekt in den Personenstandsregistern anzumelden, weshalb Giovanni Segantini sein ganzes Leben lang staatenlos blieb.1
1870 wurde er wegen Vagabundierens verhaftet und in das Riformatorio Marchiondi eingewiesen. In dieser reformorientierten Besserungsanstalt strebte man die Rehabilitation durch Handwerk an. Dort entdeckte ein Geistlicher Segantinis zeichnerisches Talent. Fünf Jahre später, 1875, trat der Junge in die Abendkurse der Accademia di Brera in Mailand ein und studierte dort vier Jahre. Sein eigentlicher Mentor aber wurde der Kunsthändler und -kritiker Vittore Grubicy de Dragon, ein Mann von „großer Kultur, mit kultivierten Manieren und einer angeborenen, damals noch unentfalteten künstlerischen Intuition“. Grubicy de Dragon führte Segantini zur divisonistischen Technik.2
In Mailand lernte Segantini auch die Frau seines Lebens kennen: Luigia Pierina Bugatti, genannt „Bice", Schwester des späteren Jugendstil-Ebenisten Carlo Bugatti. Da Segantini keine gültigen Dokumente besaß, konnten sie nie heiraten; dennoch lebten sie bis zu seinem Tod zusammen und bekamen vier Kinder. 1879 schuf er mit dem „Coro di Sant'Antonio“ sein erstes bedeutendes Gemälde, das sogleich eine Medaille und die Aufmerksamkeit der Fachwelt erhielt. Noch im selben Jahr änderte er seinen Geburtsnamen Segatini in „Segantini“ – ein symbolischer Akt der Selbstbestimmung.3
800 Meter: Caglio – das entscheidende Gemälde
In Caglio, auf 800 Metern Seehöhe, entstand 1885/86 ein Werk, das Giovanni Segantinis Entwicklung eine völlig neue Richtung gab: „Alla stanga [An der Tränke]“ ist eine monumentale Abendszene mit Kühen an der Tränke. Das erhöhte Bildformat, die diagonale Perspektive, die abwesende, und dennoch allgegenwärtige Sonne: Hier beginnt die Dialektik von Naturalismus und Symbolismus, die sein gesamtes Spätwerk prägt. Das Bild wurde 1886 in Amsterdam erneut mit der Goldmedaille ausgezeichnet; 1888 erwarb der italienische Staat das Werk für die Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom, wo es sich bis heute befindet.4 In Paris ist eine Kreidezeichnung aus der Nationalgalerie in Prag (52 × 92,8 cm) zu sehen.
- Giovanni Segantini, Die beiden Mütter, 1889, Öl auf Leinwand, 162,5 x 301 cm (Galleria d’Arte Moderna, Mailand © Comune di Milano – tutti i diritti riservati – Mailand, Galleria d’Arte Moderna)
264 Meter: Pusiano und die Brianza-Jahre
1880 zog Segantini mit Bice in die Brianza, eine hügelige Landschaft zwischen den Seen Como und Lecco, nördlich von Mailand. Zunächst in Pusiano, dann in Carella, dann in Caglio entwickelte er in diesen Jahren einen Stil, der am Naturalismus (→ Naturalismus 1875-1918) orientiert war: Bauernszenen, Tierstudien, Lichtexperimente in Innenräumen dominieren in seinen ersten Werken. Die Kritiker registrierten früh eine eigentümliche Leuchtkraft, verglichen ihn mit den französischen Impressionisten ( → Impressionismus) – eine Einordnung, die Giovanni Segantini selbst ablehnte. Für seine Arbeit dieser Phase war „die Farbe, klug eingesetzt, (…) zu einer expressiven Quelle von Empfindungen der Liebe, des Schmerzes oder der Lust“ geworden, wie er rückblickend notierte.5
Für sein ikonisches Werk „Ave Maria a trasbordo [Ave Maria bei der Überfahrt]“ gewann Segantini 1883 auf der Amsterdamer Weltausstellung die Goldmedaille. Das Bild brachte ihm den internationalen Durchbruch und gehört auch heute noch zu den herausragenden Beispielen einer CC . Im Musée Marmottan Monet ist die zweite Fassung aus dem Segantini Museum in Saint-Moritz zu sehen (1886–1888 Savognin). Finanziell hatte sich der Maler bereits 1882 abgesichert: Er schloss einen Exklusivvertrag mit Grubicy, der es diesem erlaubte, alle seine Werke unter dem eingeschriebenen Monogramm „GS“ zu vermarkten.
Die Szene des „Ave Maria“ spielt am Lago di Pusiano, wo sich der Künstler kurz vor seiner Übersiedlung in die Schweiz aufhielt. Im Zentrum des Gemäldes sieht man eine Hirtenfamilie, Vater, Mutter und Kind mit ihrer Schafherde mitten auf dem See auf der typischen „Lucia“, einem kleinen Ruderboot zum Fischtransport. Mit Einbruch der Dämmerung unterbrechen die drei ihre Fahrt, um das Ave Maria zu beten. Im Hintergrund erhebt sich über dem schwarzen Uferstreifen der Kirchturm, dessen Glockengeläut die andächtige Pause hervorgerufen hat. Der See ist still und reflektiert den gold-gelben Himmel, durchsetzt mit kleinen, reinen Farbtupfern. Die Lämmer an Bord lassen vermuten, dass es ein Frühlingsbild ist. Alles ist in stiller Betrachtung versunken und drückt so die Heiligkeit des Alltags in der Malerei aus. Die innige Mutter-Kind-Beziehung wird zu einem Symbol mütterlicher Liebe und Hingabe.
- Giovanni Segantini, Die Alpen im Mai, 1890, Öl auf Leinwand, 54,5 x 86,5 cm (Schweiz, Privatsammlung © Philipp Hitz)
1207 Meter: Savognin – der Divisionismus als Lichtphilosophie
Am Ende des Sommers 1886 verließ Segantini mit Bice und den Kindern Italien und siedelte nach Savognin über, einem Dorf im Schweizer Kanton Graubünden auf 1207 Metern Höhe. Diese Entscheidung war radikal, aber in Segantini fand in Savognin das Licht, das er suchte:
„Unruhig und bedrückt vom Mailänder Nebel und einem Leben voller Entbehrungen, zogen sie in die Schweiz.“6
Auf Anregung Grubicys wandte Giovanni Segantini 1886 erstmals die divisonistische Maltechnik an, indem er eine zweite Version der „Ave Maria a trasbordo“ malte. Das Prinzip war denkbar einfach: Im Divisionismus werden reine Farbpigmente in feinen, nebeneinandergesetzten Strichen auf die Leinwand aufgetragen, unvermischt auf der Palette, sodass sie erst im Auge der Betrachtenden verschmelzen. In einem Brief an den Galeristen Carlo Orsi beschrieb Segantini seine Methode präzise:
„Das Mischen der Farben auf der Palette ist ein Weg in die Dunkelheit; je reiner die Farben, die wir auf die Leinwand werfen, desto besser führen wir unsere Malerei zu Licht, Luft und Wahrheit.“7
Dabei betonte Segantini stets, dass die Technik für ihn nie Selbstzweck war. Kuratorin und Segantini-Expertin Gabriella Belli beobachtet darüber hinaus: „Die Technik war für ihn [Segantini] nie eine prozedurale Frage, sondern ein Feld der Erkundung, das Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Denken zugleich umfasste.“8
In Savognin entstanden jene Gemälde, die Giovanni Segantini international berühmt machten: „Mezzogiorno sulle Alpi [Mittags in den Alpen]“ (1891), das 1892 in München mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde; „Le due madri [Die zwei Mütter]“ (1889); „Ritorno dal bosco [Rückkehr vom Wald]“ (1890) und „Il frutto dell'amore [Die Frucht der Liebe]“ (1889), das 1889 bereits in Paris gezeigt wurde. Auch aus dieser Periode sind in der Marmottan-Ausstellung wichtige Leihgaben zu sehen – darunter Werke aus dem Segantini Museum St. Moritz, der Galleria d'Arte Moderna in Mailand, dem Kunsthaus Zürich und mehreren europäischen Privatsammlungen.9
- Giovanni Segantini, Die Frucht der Liebe, 1889, Öl auf Leinwand, 88,5 x 57,5 cm (Museum der bildenden Künste Leipzig © Museum der bildenden Künste Leipzig / Fotograf: InGestalt / Michael Ehritt)
- Giovanni Segantini, Auf dem Balkon, 1892, Öl auf Leinwand, 65,5 x 42 cm (Bündner Kunstmuseum, Chur, Leihgabe aus der Gottfried-Keller-Stiftung, Bundesamt für Kultur, 1905, Bern (© Bündner Kunstmuseum Chur, Stephan Schenk)
1207 Meter: Symbolismus und die „bösen Mütter"
In seinen Savogniner Jahren öffnete sich Segantini dem europäischen Symbolismus – ohne ihm jedoch dogmatisch anzuhängen. Er illustrierte Nietzsches „Also sprach Zarathustra“; aus der nordischen Saga-Welt und dem Librettisten Luigi Illica entlehnte er den Stoff für seine bekannteste Allegorie: „Die bösen Mütter [Le cattive madri]“ (1894, Österreichische Galerie Belvedere, Wien). Mütter, die ihre Kinder verlassen haben, schweben bestraft in einer winterlichen Hochgebirgslandschaft, geklammert „wie eisige Larven an die kahlen Bäume“.10
Diese Bilder verbanden Segantini mit der Wiener Secession, dem europäischen Fin-de-Siècle, und machten ihn zu einer Referenzfigur des internationalen Symbolismus. Wassily Kandinsky erkannte in Segantinis Maltechnik sogar den Keim des Abstrakten:
„Segantini gelang es trotz der sichtbar materiellen Form stets, abstrakte Bilder zu schaffen, was ihn vielleicht zum immateriellsten von allen macht.11
Segantini selbst beschrieb seinen Künstlerglaube so:
„Ich liebe das Schöne, das Gute, weil sie mir Freude bereiten. Wenn ich eine Blume male, soll sie vor allem frisch sein; wenn ich ein Tier male, soll es harmonisch und schön in seinen Formen sein. Wenn das Tier geworfen hat, entsteht in ihm mit Macht die größte Schönheit: die des Gefühls der Mutterschaft.“12
1815 Meter: Maloja – der Zugang zur Wahrheit
1894 musste Segantini Savognin verlassen, denn Schulden und Gläubiger zwangen die Familie zur Flucht. Der Maler fand Zuflucht im Oberengadin, im Dorf Maloja auf 1817 Metern Seehöhe, im Chalet Kuoni nahe St. Moritz:
„Ich habe begonnen, mich diese Orte anzueignen, die eine wahre Mine für meine Kunst sind.“13
In Maloja stieg Segantini zu einem international gefragten Künstler auf. Ausstellungen in München, Berlin, Wien, London, Brüssel, Amsterdam feierten ihn als den Maler des Hochgebirges und des harten bäuerlichen Lebens, das zunehmend zum Symbol für das Leben, Werden und Vergehen wurde. Die Goldmedaille des österreichischen Staates in Wien 1896 und ein Ehrenplatz in der Münchner Sezession belegen die positive Resonanz der Künstlerschaft auf Segantinis Schöpfungen. Im Jahr1898 wurde er vom Londoner International Society of Sculptors, Painters and Gravers unter Präsident James McNeill Whistler als Berater berufen. Die Berliner Zeitschrift „Pan“ und das Wiener Secessionsmagazin „Ver Sacrum“ widmeten ihm je eine Sonderausgabe. In Maloja malte Segantini auf immer größeren Formaten und immer höherem Niveau: „Pascoli di primavera“ (1896, Pinacoteca di Brera), „Paesaggio sul Maloja“ (1895, Galleria d'Arte Moderna, Mailand), „Paesaggio alpino“ (1898–1899) machten ihn zu DEM Alpenmaler des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Gleichzeitig wurde Giovanni Segantini von philosophischen Fragen angetrieben. Beeinflusst von Nietzsche, einem Hang zum Spiritismus, zu Theosophie und buddhistischen Ideen, schrieb er 1899 an den Kritiker Domenico Tumiati:
„In der reinen Luft der Berge, fern der Korruption der Städte, kann der Mensch seine wahre Natur wiederfinden und sich mit dem Unendlichen verbinden.“14
- Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti, Die beiden Mütter, 1899-1900, Öl auf Leinwand, 69 x 125 cm (Bündner Kunstmuseum, Chur, Schenkung von Dr. A Petitpierre-Bernhard, Zürich, 1954 (© Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub)
Das Alpentriptychon: Vision, Genese, Schicksal
Den Kern der Segantini-Ausstellung im Musée Marmottan Monet bilden die drei monumentalen Zeichnungen als Vorarbeiten zum „Trittico della Natura – La Vita, La Natura, La Morte [Triptychon der Natur – Das Leben oder Werden, Die Natur oder Sein, Der Tod oder Vergehen]“ (1896–1899, Segantini Museum St. Moritz).15 Dabei handelt es sich um das bedeutendste Werk des europäischen Symbolismus in der Alpenmalerei.16
Die Genese des Triptychons begann 1896 mit einem grandiosen Scheitern: Segantini hatte gemeinsam mit Engadiner Hoteliers und Geschäftsleuten ein kreisrundes „Engadiner Panorama“ für die Pariser Weltausstellung 1900 geplant – 220 Meter lang, 20 Meter hoch, 4400 Quadratmeter Malerei und gemeinsam mit Cuno Amiet und Giovanni Giacometti ausgeführt. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 1,4 Millionen Franken; ein Pariser Grundstück für die Aufstellung hätte nochmals 1,5 Millionen gekostet. Am 27. Januar 1898 wurde das Projekt mangels Finanzierung für gescheitert erklärt.17
Aus diesem Scheitern erwuchs Segantinis Meisterwerk. Am 31. Januar 1898 schlug der Maler dem Ausschuss vor, statt des Panoramas ein Triptychon mit dem Titel „L'Engadine à Saint-Moritz“ zu schaffen. An seinen Galeristen Vittore Grubicy schrieb er im Mai 1898: „Aus dem Panorama wird ein Triptychon entstehen, drei große Gemälde, die das Leben, die Natur und den Tod darstellen werden – die dreifache und ewige Trinität der Existenz.“18
Die Kunsthistorikerin Dora Lardelli identifizierte die dargestellten Orte genau: „La Vita“ zeigt die Frühlingswiese von Plän Lüder bei Soglio im Bergell, mit einer jungen Mutter und ihrem Kind; „La Natura“ wirft den Blick vom Schafberg und den Muottas Muragl über das Engadin; „La Morte“ dokumentiert die Winterlandschaft nahe Maloja mit einem Trauerzug im Schnee.19 Das Triptychon wurde nicht, wie ursprünglich geplant, im Schweizer, sondern im italienischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1900 gezeigt. Da Segantini während seiner Ausführung verstarb, vollendet es sein Sohn Gottardo.20
2837 Meter: Der Schafberg – Tod am Gipfel der Kunst
Im Sommer 1899 stieg Segantini mit seinem 14-jährigen Sohn Mario und seiner treuen Haushälterin Baba auf den Schafberg, 2837 Meter über Pontresina. Er wollte dort das zentrale Tafelbild der „Natura“ vollenden. Am 18. September, einem besonders kalten Tag, verspürte er erste starke Bauchschmerzen. Er weigerte sich, einen Arzt zu rufen. In einem Brief an Alberto Grubicy hatte er wenige Tage zuvor geschrieben: „Ich muss für Paris fertig werden. Dieses Werk wird meine endgültige Weihe sein.“21
Am 28. September 1899, während er an den letzten Details des leuchtenden Himmels der „Natura“ arbeitete, wurde er von heftigen Bauchschmerzen gepackt. Seine Assistenten brachten ihn in die Schutzhütte. Der Chirurg Oskar Bernhard, der aus Samedan herbeigeeilt war, konnte nichts mehr tun: Eine akute Bauchfellentzündung, wahrscheinlich durch einen Blinddarmdurchbruch ausgelöst, raffte ihn um 16:30 Uhr dahin. Segantini blickte dabei auf die Bergwelt, der er sein Leben gewidmet hatte. Seine letzten Worte waren:
„Voglio vedere le mie montagne [Ich möchte meine Berge sehen].“ 22
Die tragische Ironie: Er starb beim Malen der „Natura“, jenes Gemälde, mit dem er die Fülle des Seins darstellen wollte. Am 1. Oktober 1899 wurde Giovanni Segantini im kleinen Friedhof von Maloja beigesetzt, den Blick in Richtung seiner Berge gerichtet.
„Voglio vedere le mie montagne“: Anselm Kiefer will auch die Berge sehen
„Kunst ist wie ein Pfad entlang eines Bergkamms; man kann jeden Moment zur einen oder anderen Seite abrutschen.“23 (Anseln Kiefer, 2023)
Im Rahmen dieser Retrospektive zeigt das Musée Marmottan Monet eine Auswahl von Werken Anselm Kiefers mit dem Titel „Voglio vedere le mie montagne [Ich möchte meine Berge sehen]“: Vier großformatige Gemälde Kiefers in Dialog mit Segantinis Universum. Der Künstler hat dafür Werke, die er 1992 in seiner ersten Ausstellung in der Galleria Lia Rumma in Neapel gezeigt hatte, einem rauen Regenerationsprozess unterworfen: Er verbrannte sie mit dem Lötkolben, setzte sie dem Regen aus, ließ sie Elektrolyse-Verfahren durchlaufen. Auf den gequälten Oberflächen offenbarte sich ihm plötzlich die Gestalt von Bergen – und er erinnerte sich an Segantinis letzte Worte. Zugleich interpretierte Kiefer Segantinis Wunsch als universale Aussage über das Künstlertum. In einem Brief an die Galeristin Lia Rumma erläuterte Kiefer den Impuls:
„Dann erinnerte ich mich plötzlich an Segantinis Satz, gesprochen in seiner Todesstunde: ‚Ich will meine Berge sehen'; diese Berge, sagte ich mir, muss ich zeigen. Segantinis letzte Worte drücken nicht nur die Trauer aus, die Berge nicht mehr sehen zu können, sondern auch das Eingeständnis, dass es immer eine Lücke, einen leeren Raum gibt zwischen dem Wunsch und seiner Erfüllung. Die Erfüllung eines Wunsches entspricht nie dem Traum. Es bleibt immer ein ‚NOCH NICHT‘.“24
Die vier in der Ausstellung gezeigten Werke – darunter „Voglio vedere le mie montagne“ (2010–2022, Emulsion, Öl, Acryl, Schellack, Blattgold, Elektrolyse-Sediment und Kohle auf Leinwand, 190 × 380 cm) und „Für Giovanni Segantini“ (2010–2025, 190 × 330 cm) – öffnen einen Dialog, der mehr als ein Jahrhundert überbrückt. In der Genealogie, die Belli beschreibt, steht zwischen Segantini und Kiefer Joseph Beuys: dessen Installation „Voglio vedere le mie montagne“ (1971–1972, Van Abbemuseum Eindhoven) hatte Segantinis letzte Worte als Ausgangspunkt einer Meditation über Leiden, Erinnerung und Wiedergeburt genutzt.25
Die großformatigen Leinwände zeigen eine kraftvolle und beunruhigende Landschaft. Auf der Bildfläche verwendet Kiefer die Schrift als ein „poetisches Wort“, das sich frei bewegt – in diesem Fall kehrt es oft wieder und verfolgt sich selbst. „Ich möchte meine Berge sehen“ – für Giovanni Segantini – über den dunklen, erdigen Gipfeln, vom Licht der Dämmerung oder der Nacht erleuchtet. Doch die Texte spielen eine ambivalente Rolle und verleiht dem Bild mitunter unerwartete Interpretationen.26
Für Kiefer gilt, dass „der Titel oft nicht die Erklärung des Bildes ist, sondern vielmehr eine Anspielung“. Wie viele seiner anderen Werke, inspiriert von Versen geliebter Dichter, Mythologien und Legenden aus allen Kulturen und Breitengraden und daher reich an lyrischen und epischen Anklängen, schafft der Kiefer eine poetische und ergreifende Landschaft aus Gipfeln und Bergen, die jene des symbolistischen Malers Segantini übertreffen wollen. Gebirgszüge, die als ideale und zugleich bedrohliche Orte erscheinen, Zeugen einer turbulenten und sich ständig wandelnden Natur, werden in Schichten von Farbe und Stimmung effektvoll dargestellt. Für den „Alchemisten“ Kiefer ist es ein unvollendetes Werk, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Wichtiger als die von Segantini gemalten „Berge“ ist das, was zwischen ihnen oder außerhalb der Leinwände geschieht.
Kuratiert von Gabriella Belli, Kunsthistorikerin, und Diana Segantini, freie Kuratorin und Spezialistin für das Werk von Giovanni Segantini.
- Anselm Kiefer, Voglio vedere le mie montagne für Giovanni Segantini, 2023, Installationsaufnahme Galleria La Rumma, Neapel, 2023
Praktische Informationen
Giovanni Segantini (1858–1899). „Je veux voir mes montagnes"
Musée Marmottan Monet, 2 rue Louis-Boilly, 75016 Paris
Laufzeit: 29. April – 16. August 2026
Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr (letzte Einlass: je eine Stunde früher)
Eintritt: 20 € | ermäßigt ab 7 €
Kuratorinnen: Gabriella Belli, Diana Segantini
Organisation: In Zusammenarbeit mit 24 ORE Cultura; unter dem Patronat der Botschaften Italiens und der Schweiz
Website: www.marmottan.fr
Bilder
- Giovanni Segantini, Selbstporträt, 1893, Bleistift auf Papier, 35,5 x 25,5 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Giovanni Segantini Stiftung)
- Giovanni Segantini, Porträt der Leopoldina Grubicy, ca. 1881, Öl auf Leinwand, 42 x 35 cm (Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur)
- Giovanni Segantini, Weiße Gans, um 1886, Öl auf Leinwand, 114 x 81,5 cm (Kunsthaus, Zürich, Schenkung Genossenschaft zum Baugarten, 1994)
- Giovanni Segantini, Braune Kuh am Trog, 1887, Öl auf Leinwand, 87 x 78 cm (Galleria d'Arte Moderna, Mailand)
- Giovanni Segantini, Ave Maria bei der Überfahrt, 1886-1888, Öl auf Leinwand, 121,2 x 92,2 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Stiftung Giovanni Segantini)
- Giovanni Segantini, Schafstall. Lichteffekt, 1887, Öl auf Leinwand, 76 x 110 cm (Königliche Museen der Schönen Künste Belgiens, Brüssel)
- Giovanni Segantini, Rückkehr in den Schafstall, 1888, Öl auf Leinwand, 79 x 133 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Stiftung Giovanni Segantini)
- Giovanni Segantini, Die beiden Mütter, 1889, Öl auf Leinwand, 162,5 x 301 cm (Galleria d'Arte Moderna, Mailand)
- Giovanni Segantini, Rückkehr aus dem Wald, 1890, Öl auf Leinwand, 64 x 95,4 cm (Segantini-Museum, Saint-Moritz, Depot der Stiftung Otto Fischbacher Giovanni Segantini)
- Giovanni Segantini, Die Alpen im Mai, 1890, Öl auf Leinwand, 54,5 x 86,5 cm (Schweiz, Privatsammlung)
- Giovanni Segantini, Mittag in den Alpen, 1891, Öl auf Leinwand, 78 x 71,5 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Stiftung Giovanni Segantini)
- Giovanni Segantini, Mittag in den Alpen, 1892, Öl auf Leinwand, 86 x 80 x 2 cm (Ohara Museum of Art, Ohara Art Foundation, Kurashiki)
- Giovanni Segantini, Auf dem Balkon, 1892, Öl auf Leinwand, 65,5 x 42 cm (Bündner Kunstmuseum, Chur, Leihgabe aus der Gottfried-Keller-Stiftung, Bundesamt für Kultur, 1905, Bern)
- Giovanni Segantini, All'ovile, 1892, Öl auf Leinwand, 68 x 115 cm (Privatsammlung, Schweiz, Courtesy Gallery Maspes, Mailand)
- Giovanni Segantini, Die Frucht der Liebe, 1889, Öl auf Leinwand, 88,5 x 57,5 cm (Museum der bildenden Künste Leipzig)
- Giovanni Segantini, Der Engel des Lebens, 1894-1896, Conté-Buntstift und Buntstift auf Papier, auf Karton aufgezogen, 41,6 x 34 cm (Segantini Museum, St. Moritz, Depot der Otto Fischbacher Stiftung Giovanni Segantini)
- Giovanni Segantini, Rododendro, 1898, Kohle und weißes Pastell auf beigem Papier, 67 x 38 cm (Privatsammlung, Courtesy Gallerie Maspes Milano)
- Giovanni Segantini, Almen, 1893-1894, Öl auf Leinwand, 169 x 278 cm (Kunsthaus Zürich, Inv.-Nr.: 1985/0028)
- Giovanni Segantini, Pascoli di Primavera, 1896, Öl auf Leinwand, 9,5 x 155,5 cm (Pinacoteca di Brera, Mailand)
- Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti, Die beiden Mütter, 1899-1900, Öl auf Leinwand, 69 x 125 cm (Bündner Kunstmuseum, Chur, Schenkung von Dr. A Petitpierre-Bernhard, Zürich, 1954)








