0

Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen Muster und Feminismus von den 1970ern bis heute

Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, Detail, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)

Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, Detail, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)

Farbenfrohe Patchwork-Arbeiten und dekorative Muster auf der einen, politisch-emanzipatorischer Anspruch auf der anderen Seite – die Pattern and Decoration-Bewegung vereint vermeintliche Widersprüche. Sie entwickelt sich Mitte der 1970er Jahre in den USA, getragen von so vielen Frauen wie keine andere Kunstbewegung zuvor. Die fast vergessenen Pionierinnen brechen radikal mit der vorangegangenen puristischen Minimal Art und der rationalistischen Konzeptkunst, indem sie Fantasie, Farbe, Formenvielfalt und das Affektive in die Kunst zurückholen.

Bislang sind die Werke der Pattern and Decoration-Bewegung in Europa kaum rezipiert worden. Das Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, das die größte öffentliche Sammlung dieser Kunstbewegung im europäischen Raum beherbergt, unternimmt mit diesem Ausstellungs- und Publikationsprojekt eine umfassende Aufarbeitung und Neubewertung des Themas.

Vertreterinnen und Vertreter wie Joyce Kozloff, Valerie Jaudon, Robert Kushner und Miriam Schapiro hinterfragen nicht nur tradierte Vorstellungen von Kunst, sondern thematisieren auch politische Fragen wie den Stellenwert von Frauen, der amerikanischen First Nations oder von ethnischen Minderheiten im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft. Pattern and Decoration kann damit als Vorreiter einer neuen Kunst gelten, die sich von einem männlich und westlich dominierten Kunstbegriff befreien möchte. Diesen politisch-globalen Anspruch und ihre Kritik am Eurozentrismus artikuliert die Bewegung durch eine Ästhetik mitreißender Leichtigkeit und verführerischer Schönheit: mit Arbeiten, die Sinnlichkeit, Farbe und ornamentale Muster feiern und in denen gleichermaßen sozialkritische Inhalte und das Erlebnis unmittelbarer Lebensfreude transportiert werden.

 

 

Aktueller denn je: das Aufbrechen eurozentristischer Kunstgeschichte

Mit rund 80 Arbeiten wird erstmals in Europa wieder die ganze Vielfalt der Pattern and Decoration-Bewegung gezeigt: von orientalisch anmutenden Mosaiken über monumentale Textilcollagen, Malereien und Grafiken bis hin zu Rauminstallationen und Video-Performances. Hinzu kommen ausgewählte zeitgenössische Arbeiten etwa von Polly Apfelbaum, Christine Streuli oder Rashid Rana. Sie zeigen auf, wie sehr die formalen und inhaltlichen Errungenschaften von Pattern and Decoration bis heute nachwirken. Das Interesse der Bewegung an Bildelementen nicht-westlicher Kunstströmungen ist im Zuge der Diskussion um eine „globale Kunstgeschichte“ – regelmäßig in großen Kunstschauen wie der documenta verhandelt – aktueller denn je. Befreit vom berühmten Stigma „Ornament ist Verbrechen“ (Adolf Loos, 1908) hat Ornamentik, bei aller dekorativen Wirkung, immer auch weltanschauliche und symbolische Bedeutung und dient den Künstlerinnen und Künstlern bis heute zur Reflexion über die eigene Kultur sowie als Mittel der Kritik: an politischen Systemen, an weiblichen Rollenmustern, an gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen.

 

 

Joyce Kozloff - bedeutende Vertreterin der Pattern and Decoration-Bewegung

Die Künstlerin Joyce Kozloff (* 1942) ist eine der prominentesten und feministisch engagierten Mitglieder der Pattern and Decoration-Bewegung. Ihr großes, farbenprächtiges Bodenmosaik „Ceramic Tile Floor“(1978/79) verwischt die Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Kozloff setzt üppige Felder aus sechseckigen, rauten- und sternförmigen Keramikkacheln zusammen, welche sie eigens mit Plätzchenförmchen ausgestochen, gebrannt und z.T. mit feinsten Mustern bemalt hat. Eine ornamentierte Siebdruck-Arbeit auf Seide, welche flankiert wird durch schmale lange Felder aus dicht besetzten Keramikkacheln, ist an der Wand installiert und erweitert so das Bodenmosaik um eine weitere räumliche Ebene. In ihren Grafiken analysiert Kozloff Möglichkeiten ornamentaler Gestaltung: Wiederholung, Mustervariation und Musterkomposition. Die Bandbreite der häufig von den Kulturen des Islams und Mexikos inspirierten Muster reicht von floralen Formen bis zu geometrischen Gitterstrukturen.

 

 

Christine Streuli: Farbmanifeste als kosmische Kommentare zur heutigen Zeit

Einen zeitgenössischen Umgang mit Mustern und ornamentalen Strukturen präsentiert Christine Streuli, die mit den Ausdrucksformen der Malerei experimentiert, mit der Strahlkraft von Farben, Mustern und Zeichen. Bekannt wurde die Künstlerin mit ihren großformatigen, durchweg farbigen und ornamentalen Bildern. Mit Schablonen, Spraydosen und Sprühpistolen geht die Künstlerin Leinwände und Räume an und erweitert mit ihren Bildern virtuos die Grenzen der Malerei. Ihre Arbeiten lassen sich als Farbmanifeste lesen, die von unterschiedlichsten kulturellen Quellen inspiriert sind und welche die Künstlerin zu einem dichten Kosmos vereint. In zahlreichen Schichten überlagern sich abstrakte Muster mit schematischen, gegenständlichen Darstellungen.

 

 

Die Dekonstruktion militärischer Tarnkleidung

Die Aachener Ausstellung zeigt unter anderem drei Großformate aus ihrer aktuellen Serie der „warpaintings“. Darin thematisiert Streuli ein weiteres, mit großer Aktualität aufgeladenes Muster: die militärische Camouflage. Sie überträgt Tarnmuster von Uniformstoffen verschiedener Nationen als Grundierung auf die Leinwand, greift aber anstelle von Erdtönen zu leuchtend bunten Farben und entzieht so dem Muster das Militärische. Mit abstrakt-expressiver Malerei zerstört sie die Untergründe, indem sie weitere Farbschichten auf die Leinwände sprüht, schüttet, spritzt oder druckt.

Kuratiert von Esther Boehle
Kuratorisch-wissenschaftliche Assistenz: Denise Petzold

 

 

Beteiligte Künstlerinnen

Pattern and Decoration

Brad Davis, Frank Faulkner, Tina Girouard, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Robert Kushner, Thomas Lanigan-Schmidt, Kim MacConnel, Miriam Schapiro, Kendall Shaw, Ned Smyth, Robert S. Zakanitch, Joe Zucker

Zeitgenössische Positionen

Polly Apfelbaum (→ Polly Apfelbaum in Wien), Adriana Czernin (→ Adriana Czernin. Investigation of the Inside), Dan Hays, Christine Streuli, Rashid Rana, Lee Wagstaff, Heike Weber

 

Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen: Ausstellungskatalog

Esther Boehle (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen) und Manuela Ammer (mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) (Hg.)
Mit Texten von Manuela Ammer, Esther Boehle, Michael Duncan, Amy Goldin, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Holger Otten, Anne Swartz und Harald Szeemann.
Ca. 180 Seiten
ISBN: 978-3-96098-397-2 (D/E)
Verlag der Buchhandlung Walther König

 

 

Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen: Bilder

  • Robert Kushner, Cincinnati A, 1978, Acryl, Flitter, verschiedene Textilien, 315 x 680 cm (mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung)
  • Kendall Shaw, Bethune, 1978, Acryl, Leinwand, 101,8 x 241,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Robert Zakanitch, Blue Hound, 1978, Acryl, Leinwand, 183 x 305,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Miriam Schapiro, Geometry in Flowers, 1978, 180,4 x 364,3 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Joyce Kozloff, Ceramic Tile Floor, 1978/79, Keramikkacheln, Mörtel auf Sperrholz, 315 x 435 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen)
  • Joyce Kozloff, Tut´s Wallpaper / Pilaster Pair II, 1979 / 1979, Siebdruck auf Seide / Keramikfliesen, Mörtel, Sperrholz, 265 x 115 cm / 2-teilig: 245 x 22,5 x 3,5 cm; 245 x 22,7 x 3,5 cm (mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung)
  • Kim MacConnel, Edible, 1979, Acryl und Metall auf Baumwolle, 258 x 302 cm (Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest)
  • Brad Davis, All Seasons, 1980, Acryl, Polyester, Leinwand, Ø 213 cm, 4,5 cm tief (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Thomas Lanigan-Schmidt, A Rite of Passage: The Leprechaun (a Mischievous Irish fairy) and the Puerto Rican Prince, 1974–1985, Verschiedene Materialien, 129,5 x 31 x 38,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Polly Apfelbaum, Wavy Gravy, 2010, Marker auf Zeitungspapier, 30-teilig, je 30 x 23 cm (Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien)
  • Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut)
  • Adriana Czernin, Selbstportrait II, 2018, Aquarell, Bleistift und Buntstift auf Papier, 240 x 148 cm (Courtesy Galerie Martin Janda, Wien)

Aktuelle Austellungen

15. März 2019
Leopold Museum Wien 1900: Schiele, Klimt, Sigmund Freud

Leopold Museum: Wien um 1900. Urquell der Moderne Neuaufstellung der Sammlung: Wiener Kunst von 1880 bis 1930

Die umfassende, sich über drei Ebenen erstreckende Ausstellung präsentiert den Glanz und die Fülle künstlerischer und geistiger Errungenschaften einer Epoche.
14. März 2019
Maurice Denis, Poetische Arabeske, oder: Die Leiter im Laub, Detail, 1892, Öl/Lw, auf Holzpaneel montiert, 235 x 172 cm (Saint-Germain-En-Laye, Musée départemental Maurice Denis / Christian Jean)

Musée du Luxembourg: Nabis und die dekorativen Künste Gemusterte Flächigkeit in Malerei und Wandschmuck

Das Musée du Luxembourg widmet erstmals den dekorativen Werken der Nabis eine Ausstellung. Les Nabis (hebr. Propheten) – allen voran Pierre Bonnard, Edouard Vuillard und Félix Vallotton – strebten die Überwindung der Trennung von bildender und angewandter Kunst an.
12. März 2019
Peter Paul Rubens, Das Martyrium des hl. Andreas, Detail, um 1638/39, Öl/Lw, 305 x 216 cm (ohne Rahmen) (Fundación Carlos de Amberes, Madrid)

Rubens’ Martyrium des hl. Andreas im Museo Thyssen Spätwerk des flämischen Malers im Kreis der Rubens-Sammlung

Peter Paul Rubens' monumentales Spätwerk zu Gast im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza. „Das Martyrium des hl. Andreas“ ergänzt die Rubens-Sammlung um eine dramatische Gewaltszene.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.