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Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen Muster und Feminismus von den 1970ern bis heute

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 19. August 2018
Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, Detail, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)

Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, Detail, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)

Farbenfrohe Patchwork-Arbeiten und dekorative Muster auf der einen, politisch-emanzipatorischer Anspruch auf der anderen Seite – die Pattern and Decoration-Bewegung vereint vermeintliche Widersprüche. Sie entwickelt sich Mitte der 1970er Jahre in den USA, getragen von so vielen Frauen wie keine andere Kunstbewegung zuvor. Die fast vergessenen Pionierinnen brechen radikal mit der vorangegangenen puristischen Minimal Art und der rationalistischen Konzeptkunst, indem sie Fantasie, Farbe, Formenvielfalt und das Affektive in die Kunst zurückholen.

Bislang sind die Werke der Pattern and Decoration-Bewegung in Europa kaum rezipiert worden. Das Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, das die größte öffentliche Sammlung dieser Kunstbewegung im europäischen Raum beherbergt, unternimmt mit diesem Ausstellungs- und Publikationsprojekt eine umfassende Aufarbeitung und Neubewertung des Themas.

Pattern and Decoration.
Ornament als Versprechen

Deutschland / Aachen: Ludwig Forum
21.9.2018 – 13.1.2019

Österreich / Wien: mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
23.2. – 8.9.2019

Vertreterinnen und Vertreter wie Joyce Kozloff, Valerie Jaudon, Robert Kushner und Miriam Schapiro hinterfragen nicht nur tradierte Vorstellungen von Kunst, sondern thematisieren auch politische Fragen wie den Stellenwert von Frauen, der amerikanischen First Nations oder von ethnischen Minderheiten im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft. Pattern and Decoration kann damit als Vorreiter einer neuen Kunst gelten, die sich von einem männlich und westlich dominierten Kunstbegriff befreien möchte. Diesen politisch-globalen Anspruch und ihre Kritik am Eurozentrismus artikuliert die Bewegung durch eine Ästhetik mitreißender Leichtigkeit und verführerischer Schönheit: mit Arbeiten, die Sinnlichkeit, Farbe und ornamentale Muster feiern und in denen gleichermaßen sozialkritische Inhalte und das Erlebnis unmittelbarer Lebensfreude transportiert werden.

 

Robert Kushner, Cincinnati A, 1978, Acryl, Flitter, verschiedene Textilien, 315 x 680 cm (mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung © Robert Kushner / Foto: mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien)
Robert Kushner, Cincinnati A, 1978, Acryl, Flitter, verschiedene Textilien, 315 x 680 cm (mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung © Robert Kushner / Foto: mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien)

 

Aktueller denn je: das Aufbrechen eurozentristischer Kunstgeschichte

Mit rund 80 Arbeiten wird erstmals in Europa wieder die ganze Vielfalt der Pattern and Decoration-Bewegung gezeigt: von orientalisch anmutenden Mosaiken über monumentale Textilcollagen, Malereien und Grafiken bis hin zu Rauminstallationen und Video-Performances. Hinzu kommen ausgewählte zeitgenössische Arbeiten etwa von Polly Apfelbaum, Christine Streuli oder Rashid Rana. Sie zeigen auf, wie sehr die formalen und inhaltlichen Errungenschaften von Pattern and Decoration bis heute nachwirken. Das Interesse der Bewegung an Bildelementen nicht-westlicher Kunstströmungen ist im Zuge der Diskussion um eine „globale Kunstgeschichte“ – regelmäßig in großen Kunstschauen wie der documenta verhandelt – aktueller denn je. Befreit vom berühmten Stigma „Ornament ist Verbrechen“ (Adolf Loos, 1908) hat Ornamentik, bei aller dekorativen Wirkung, immer auch weltanschauliche und symbolische Bedeutung und dient den Künstlerinnen und Künstlern bis heute zur Reflexion über die eigene Kultur sowie als Mittel der Kritik: an politischen Systemen, an weiblichen Rollenmustern, an gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen.

 

Joyce Kozloff, Ceramic Tile Floor, 1978/79, Keramikkacheln, Mörtel auf Sperrholz, 315 x 435 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Joyce Kozloff / Foto: Carl Brunn)
Joyce Kozloff, Ceramic Tile Floor, 1978/79, Keramikkacheln, Mörtel auf Sperrholz, 315 x 435 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Joyce Kozloff / Foto: Carl Brunn)

 

Joyce Kozloff - bedeutende Vertreterin der Pattern and Decoration-Bewegung

Die Künstlerin Joyce Kozloff (* 1942) ist eine der prominentesten und feministisch engagierten Mitglieder der Pattern and Decoration-Bewegung. Ihr großes, farbenprächtiges Bodenmosaik „Ceramic Tile Floor“(1978/79) verwischt die Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Kozloff setzt üppige Felder aus sechseckigen, rauten- und sternförmigen Keramikkacheln zusammen, welche sie eigens mit Plätzchenförmchen ausgestochen, gebrannt und z.T. mit feinsten Mustern bemalt hat. Eine ornamentierte Siebdruck-Arbeit auf Seide, welche flankiert wird durch schmale lange Felder aus dicht besetzten Keramikkacheln, ist an der Wand installiert und erweitert so das Bodenmosaik um eine weitere räumliche Ebene. In ihren Grafiken analysiert Kozloff Möglichkeiten ornamentaler Gestaltung: Wiederholung, Mustervariation und Musterkomposition. Die Bandbreite der häufig von den Kulturen des Islams und Mexikos inspirierten Muster reicht von floralen Formen bis zu geometrischen Gitterstrukturen.

 

Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)
Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut © Christine Streuli)

 

Christine Streuli: Farbmanifeste als kosmische Kommentare zur heutigen Zeit

Einen zeitgenössischen Umgang mit Mustern und ornamentalen Strukturen präsentiert Christine Streuli, die mit den Ausdrucksformen der Malerei experimentiert, mit der Strahlkraft von Farben, Mustern und Zeichen. Bekannt wurde die Künstlerin mit ihren großformatigen, durchweg farbigen und ornamentalen Bildern. Mit Schablonen, Spraydosen und Sprühpistolen geht die Künstlerin Leinwände und Räume an und erweitert mit ihren Bildern virtuos die Grenzen der Malerei. Ihre Arbeiten lassen sich als Farbmanifeste lesen, die von unterschiedlichsten kulturellen Quellen inspiriert sind und welche die Künstlerin zu einem dichten Kosmos vereint. In zahlreichen Schichten überlagern sich abstrakte Muster mit schematischen, gegenständlichen Darstellungen.

 

 

Die Dekonstruktion militärischer Tarnkleidung

Die Aachener Ausstellung zeigt unter anderem drei Großformate aus ihrer aktuellen Serie der „warpaintings“. Darin thematisiert Streuli ein weiteres, mit großer Aktualität aufgeladenes Muster: die militärische Camouflage. Sie überträgt Tarnmuster von Uniformstoffen verschiedener Nationen als Grundierung auf die Leinwand, greift aber anstelle von Erdtönen zu leuchtend bunten Farben und entzieht so dem Muster das Militärische. Mit abstrakt-expressiver Malerei zerstört sie die Untergründe, indem sie weitere Farbschichten auf die Leinwände sprüht, schüttet, spritzt oder druckt.

Kuratiert von Esther Boehle
Kuratorisch-wissenschaftliche Assistenz: Denise Petzold

 

Kendall Shaw, Bethune, 1978, Acryl, Leinwand, 101,8 x 241,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung © Kendall Shaw / Foto: Carl Brunn)
Kendall Shaw, Bethune, 1978, Acryl, Leinwand, 101,8 x 241,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung © Kendall Shaw / Foto: Carl Brunn)

 

Beteiligte Künstlerinnen

Pattern and Decoration

Brad Davis, Frank Faulkner, Tina Girouard, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Robert Kushner, Thomas Lanigan-Schmidt, Kim MacConnel, Miriam Schapiro, Kendall Shaw, Ned Smyth, Robert S. Zakanitch, Joe Zucker

Zeitgenössische Positionen

Polly Apfelbaum (→ Polly Apfelbaum in Wien), Adriana Czernin (→ Adriana Czernin. Investigation of the Inside), Dan Hays, Christine Streuli, Rashid Rana, Lee Wagstaff, Heike Weber

 

Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen: Ausstellungskatalog

Esther Boehle (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen) und Manuela Ammer (mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) (Hg.)
Mit Texten von Manuela Ammer, Esther Boehle, Michael Duncan, Amy Goldin, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Holger Otten, Anne Swartz und Harald Szeemann.
Ca. 180 Seiten
ISBN: 978-3-96098-397-2 (D/E)
Verlag der Buchhandlung Walther König

 

Adriana Czernin, Selbstportrait II, 2018, Aquarell, Bleistift und Buntstift auf Papier, 240 x 148 cm (Courtesy Galerie Martin Janda, Wien© Adriana Czernin)
Adriana Czernin, Selbstportrait II, 2018, Aquarell, Bleistift und Buntstift auf Papier, 240 x 148 cm (Courtesy Galerie Martin Janda, Wien© Adriana Czernin)

 

Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen: Bilder

  • Robert Kushner, Cincinnati A, 1978, Acryl, Flitter, verschiedene Textilien, 315 x 680 cm (mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung)
  • Kendall Shaw, Bethune, 1978, Acryl, Leinwand, 101,8 x 241,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Robert Zakanitch, Blue Hound, 1978, Acryl, Leinwand, 183 x 305,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Miriam Schapiro, Geometry in Flowers, 1978, 180,4 x 364,3 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Joyce Kozloff, Ceramic Tile Floor, 1978/79, Keramikkacheln, Mörtel auf Sperrholz, 315 x 435 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen)
  • Joyce Kozloff, Tut´s Wallpaper / Pilaster Pair II, 1979 / 1979, Siebdruck auf Seide / Keramikfliesen, Mörtel, Sperrholz, 265 x 115 cm / 2-teilig: 245 x 22,5 x 3,5 cm; 245 x 22,7 x 3,5 cm (mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung)
  • Kim MacConnel, Edible, 1979, Acryl und Metall auf Baumwolle, 258 x 302 cm (Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest)
  • Brad Davis, All Seasons, 1980, Acryl, Polyester, Leinwand, Ø 213 cm, 4,5 cm tief (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Thomas Lanigan-Schmidt, A Rite of Passage: The Leprechaun (a Mischievous Irish fairy) and the Puerto Rican Prince, 1974–1985, Verschiedene Materialien, 129,5 x 31 x 38,5 cm (Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung)
  • Polly Apfelbaum, Wavy Gravy, 2010, Marker auf Zeitungspapier, 30-teilig, je 30 x 23 cm (Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien)
  • Christine Streuli, Christine Streuli, Warpainting_005, 2016/17, Mischtechnik auf Leinwand, 243,5 x 173 cm (Courtesy the artist & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut)
  • Adriana Czernin, Selbstportrait II, 2018, Aquarell, Bleistift und Buntstift auf Papier, 240 x 148 cm (Courtesy Galerie Martin Janda, Wien)

Aktuelle Austellungen

11. Juni 2026
Barbara Hepworth, Eidos, 1947 (National Gallery of Victoria, Melbourne. Purchased with the assistance of the Samuel E. Wills Bequest to commemorate the retirement of Dr E. Westbrook, Director of Arts for Victoria, 1981 © Bowness. Foto: Predrag Cancar / NGV. Image courtesy National Gallery of Victoria, Melbourne)
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London | The Courtauld: Hepworth in Farbe

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Georg Baselitz, Sigmund fliegt mit Sex im Koffer, 2024, Öl und Plastik auf Leinwand (courtesy White Cube Bermondsey, London)
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White Cube Bermondsey plant ab Juni 2026 neue, großformatige Gemälde und Arbeiten auf Papier von Georg Baselitz (1938–2026) zu zeigen. Neben bereits Bekanntem wie den expressiven und schonungslosen Selbstporträts, den Bildnissen seiner Ehefrau Elke widmete sich der Künstler zum Schluss noch goldenen Gottheiten Indiens. Man darf gespannt sein!
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10. Juni 2026
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Alexandra Matzner

Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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