0

St. Ives | Tate St. Ives: Naum Gabo Konstruktivist und Erneuerer der Skulptur im Überblick

Naum Gabo, Kopf Nr. 2, 1916 (vergroesserte Fassung 1964) (Tate)

Naum Gabo, Kopf Nr. 2, 1916 (vergroesserte Fassung 1964) (Tate)

Der in Russland geborene Visionär Naum Gabo (1890–1977) glaubte an die Kraft der Kunst, über soziale und kulturelle Grenzen hinweg kommunizieren zu können. Als Pionier des internationalen Konstruktivismus schuf er Werke, die den Ideen, Materialien und Technologien des 20. Jahrhunderts entsprechen. Zum 100. Jahrestag seines einflussreichen Textes „Realistisches Manifest“ präsentiert die Tate St Ives eine umfangreiche Auswahl von Gabos bahnbrechenden Skulpturen, Modellen, Entwürfen und Druckgrafiken, die Zeit, Raum und industrielle Materialien in Kunst für das moderne Leben verwandelten.

Konstruktionen für das echte Leben

1920, inmitten der politischen Umbrüche des postrevolutionären Russlands, veröffentlichten Gabo und sein Bruder Antoine Pevsner das „Realistische Manifest“ auf den offiziellen Plakatwänden Moskaus. Das Plakat vermittelte ihre radikalen künstlerischen Prinzipien und ihre Absicht, neue Kunstformen für eine sich entwickelnde moderne Gesellschaft zu schaffen. In einem Zeitalter des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts sowie gesellschaftlicher und politischer Umbrüche behauptete Gabo, dass die Dimensionen Raum und Zeit als die „einzigen Formen [sind], auf denen das Leben aufgebaut ist, und daher die Kunst gebaut werden muss“. Diese „konstruktiven“ Ideale entwickelte Naum Gabo, als er auf der Suche nach Freiheit durch Europa zog, um seine künstlerische Vision zu schmieden. 1939 zog er nach St. Ives und wurde zum Mittelpunkt der wachsenden Gemeinschaft internationaler Künstler, die während des Zweiten Weltkriegs in die Stadt zogen.

Naum Gabo hatte in Deutschland studiert, arbeitete in Norwegen und trug vor Ort in Moskau, Berlin, Paris, London und St. Ives zur Entwicklung der Moderne bei, bevor er sich in den USA niederließ. Im Laufe seiner Karriere erhielt er bedeutende internationale Aufträge und wurde durch seine Lehrtätigkeit, Vorträge und Veröffentlichungen als versierter Schriftsteller und Theoretiker anerkannt. Diese Ausstellung feiert Naum Gabos umfangreiches Werk, seinen innovativen Ansatz und sein Denken, das internationale Künstler, Designer und Architekten seit über einem Jahrhundert beeinflusst.

Raum und Bewegung

Gabo nutzte die Plakatwände Moskaus als Medienkanal, um mit dem „Realistischen Manifest“ seine Vision einer Kunst zu verbreiten, die eine fortschrittliche Gesellschaft fördern würde. Der Bildhauer stellte konventionelle künstlerische Methoden und Ideen in Frage und erklärte, dass moderne Kunst in den Alltag gehört und daher auf den „realen Gesetzen des Lebens“ aufgebaut werden sollte. Das Manifest reagiert auf wissenschaftliche und technologische Entwicklungen und zeitgenössisches philosophisches Denken. Gabo nutzte Raum und Zeit als wesentliche Materialien in der Kunst für ein modernes Leben und eine moderne Welt.

In seiner Erforschung von Form und Raum zielte Gabo darauf ab, die verborgenen Rhythmen und Kräfte in seinen Skulpturen zu entschlüsseln, indem er ihr Volumen öffnete. Er entwickelte die „stereometrische“ Technik der Konstruktion von Werken aus ineinandergreifenden Karton-, Holz- und Stahlplatten, um den Raum zwischen den zusammengebauten Teilen einzufangen. Diese Methode ermöglichte es Gabo, den „inneren Raum“ in der Skulptur zu definieren, indem er die Form und Tiefe seiner Figuren durch den Raum, den sie einnehmen, beschreibt, anstatt sie als konventionelle Oberfläche und Masse zu präsentieren. Im Anschluss daran schuf er sein erstes vollständig abstraktes Werk „Kinetic Construction [auch: Stehende Welle]“ (1919/20). Wie Versionen anderer Werke in diesem Raum wurde es in der Ausstellung zum „Realistischen Manifest“ gezeigt, um Gabos letztes Prinzip des Raums und der „kinetischen Rhythmen“ zu demonstrieren. Die statischen Formen der traditionellen Skulptur überwindend, erzeugt ein einzelner Stab die Illusion einer im Raum schwingenden Form. Es ist eine der ersten motorisierten Skulpturen der westlichen Kunst.

Architektur

Naum Gabo betrachtete Kunst als entscheidend für den modernen Alltag und die künstlerische Praxis als zentral für den Aufbau einer neuen Gesellschaft. In Anlehnung an aktuelle Ideen aus Wissenschaft, Philosophie und Ingenieurwesen schuf er Entwürfe, die zukünftige öffentliche Gebäude neu konzipierten und durch den Eingriff skulpturaler Formen soziale Räume neu definierten. Der Bildhauer verschmolz Kunst mit Architektur und behauptete: „Von Anfang an war mir klar, dass eine konstruierte Skulptur durch ihre Methode und Technik die Skulptur der Architektur sehr nahebringt.“ Für eine neue Welt konstruierte Gabo neue Architekturtypen, darunter Hochhäuser, Parkplätze und hochgelegene Flughäfen des Weltraumzeitalters, inspiriert von den Möglichkeiten des zivilen Flugverkehrs.

Durch die Arbeit mit Glas und später mit neu entwickelten Kunststoffen enthüllte Gabo den Innenraum seiner Skulpturen, die mit der offenen Konstruktion der „stereometrischen“ Technik begonnen hatten. Durch sein Ingenieurstudium konnte er Denkmäler für Kommunikation und technologischen Fortschritt entwerfen. Er stellte sich eine offene Architektur aus transparentem Glas und Kunststoff vor, die durch klare Materialien und Lichtreflexe Kanten, Form und Strukturen auflöst. Die Gebäude würden durch die Rhythmen der Bewohner belebt, die sich durch und um seine dynamischen Räume und stromlinienförmigen Formen bewegen. Obwohl nicht realisiert, nahm Naum Gabos geschwungener, muschelartiger Vorschlag von 1931 für den Wettbewerb um den Palast der Sowjets, einem neuen Kongresszentrum für Moskau, den Einfluss organischer Formen auf die Nachkriegsarchitektur voraus.

Bühne und Film

Naum Gabo brachte seine Licht- und Bewegungsexperimente mit seinen radikalen Entwürfen für Sergej Diaghilews 1927 entstandene Inszenierung des Balletts „La Chatte“ auf die Bühne. In Zusammenarbeit mit führenden zeitgenössischen Choreografen schuf Gabo eine immersive Umgebung, die durch die Rhythmen von Tanz, Musik und Licht zum Leben erweckt wurde. Seine skulpturalen Ideen erweiternd, drapierte er die gesamte Bühne in glänzend schwarzem Stoff, auf dem er ein futuristisches transparentes Set platzierte. Gabo entwarf auch Kostüme mit reflektierenden Elementen, die Lichtrhythmen entstehen ließen, während Tänzer*innen die stilisierten Bewegungen von George Balanchines „mathematischer Choreografie“ aufführten. Mit einer begrenzten Palette von Schwarz, Weiß und Gelb kombiniert mit matten und glänzenden Oberflächen wurden die Kanten und Oberflächen des Sets durch helles Licht und tiefe Schatten animiert, die die Qualitäten des zeitgenössischen Films widerspiegeln.

Für Naum Gabo bot der Film eine Möglichkeit, seine abstrakten Formen als bewegtes Bild zu beleben. Ausgehend von seiner Erfahrung mit „La Chatte“ schlug er Projekte mit Stop-Motion-Animationen vor, bei denen mehrere Zeichnungen verwendet wurden, um Transformationen von Linien und Formen einzufangen. Beim Abspielen sollten sich die Formen im Rhythmus der begleitenden Musik bewegen.
Ein anderer Vorschlag nutzte den neuen Tonfilm, um mehrere Fotografien von Skulpturen zu drehen, die sich im Laufe der Zeit mit verschiedenen Musikstilen zu verändern scheinen. Gabos Ideen für abstrakte Filme wurden aufgrund der technologischen Beschränkungen und der damals unerschwinglichen Kosten des Filmemachens nicht realisiert.

Kräfte der Natur

Naum Gabo ließ sich oft von organischen Formen und Naturphänomenen inspirieren. Er schnitzte in Stein, um seine natürliche Dynamik zu entfesseln, und begann später, mit Fotografie zu experimentieren, um Muster im Licht einzufangen, und bekräftigte, dass „man aus dem Schmutz der Erde oder aus den Strahlen der Sonne ein Kunstwerk schaffen kann“.

Gabos Interesse an der Natur in seiner Kindheit verstärkte sich, als er 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Cornwall zog. Fasziniert von natürlichen Systemen, die Gestalten und Formen bestimmen, beschäftigte sich Gabo mit den Eigenschaften von Kristallen, organischen Wachstumsmustern und den Prozessen von Wind und Wasser. Er begann diese „verborgenen Naturgewalten“ mit neu verfügbaren transparenten Materialien auszudrücken, um Strukturen in natürlichen und geometrischen Formen zu offenbaren.

In St. Ives entwickelte er die Technik des Wickelns von Nylonfilamenten in progressiven mathematischen Mustern über innere skulpturale Stützen aus Plexiglas. Die aufgereihten Werke übertragen Bewegung und Licht entlang ihrer Fäden, um Dynamik und Ausstrahlung in ihrer inneren Form zu offenbaren. Aus diesen Skulpturen entwickelte Gabo Brunnenprojekte und öffentliche Designs, bei denen Wasserstrahlen verwendet wurden, um Linien, Kurven und Kreisbewegungen zu erzeugen. Mit der rotierenden Torsion fängt „Fountain“ die natürlichen Kräfte und Dynamiken von Wasser ein, um sich bewegende Kompositionen und visuelle Formen zu schaffen. Charakteristisch für Gabos Spätwerk wurde die Kombination natürlicher Systeme mit linearen Strukturen.

Rhythmus und Musik

Gabos Experimente in Malerei und Druckgrafik ermöglichten es ihm, sich komplexere Strukturen vorzustellen, als in skulpturaler Form geschaffen werden konnten. Er führte eine begrenzte Farbpalette ein und begann, Ton- und Lichtabstufungen zu erforschen, um Tiefe, Richtung und Rhythmus auf der Oberfläche zu bewirken. Er motorisierte auch einige seiner Gemälde, indem er sie drehte, um rhythmische Bewegungen innerhalb der gemalten Formen zu induzieren und alle möglichen Aspekte desselben Bildes im Laufe der Zeit zusammenfließen zu lassen (→ Op Art).

Naum Gabo betrachtete Musik als „die höchste und reinste Form der abstrakten Kunst“ und als die ultimative universelle Sprache. Er verstand Musik als auf einem sich wiederholenden Motiv und einem „leitenden Rhythmus“ aufgebaut, auf dem im Laufe der Zeit Harmonien aus wechselnden Tönen und Phrasen aufgebaut werden. Die wiederkehrenden Muster, die einzelne Klänge und Noten in der Musik zusammenhalten, sprachen für Gabos Interesse an Rhythmus, Tempo und Zeit. Seine Druckserie „Opus“ nimmt den Namen eines musikalischen Begriffs für eine Folge von Kompositionen, die in der Reihenfolge ihrer Entstehung nummeriert sind. Basierend auf Rhythmen in Poesie und Musik veränderte Gabo die Ausrichtung mehrerer Holzschnittabdrucke, um Variationen eines sich wiederholenden Hauptgedankens zu erzeugen.

„Ich habe die Absolutheit und Genauigkeit meiner Linien, Formen und Formen gewählt, in der Überzeugung, dass sie das unmittelbarste Medium sind, um anderen die Rhythmen und den Geisteszustand mitzuteilen, den ich der Welt wünsche." (Naum Gabo)

Kuratiert von Anne Barlow, Direktorin Tate St Ives, Sara Matson, Ausstellungskuratorin, Tate St Ives, und Natalia Sidlina, Kuratorin, Internationale Kunst, Tate Modern mit Giles Jackson, stellvertretender Kurator, Tate St Ives, Helen Bent, Registrar und Sally Noall.
Quelle: Tate St. Ives

Konstruktivismus

25. Januar 2020
Naum Gabo, Kopf Nr. 2, 1916 (vergroesserte Fassung 1964) (Tate)

St. Ives | Tate St. Ives: Naum Gabo Konstruktivist und Erneuerer der Skulptur im Überblick

Tate St. Ives stellt den aus Russland stammenden Bildhauer und Pionier des Konstruktivismus Naum Gabo in einer großen Überblicksausstellung vor.
4. Januar 2018
Carmen Herrera, Irlanda, 1965, Acryl auf Leinwand, mit gemaltem Rahmen, 88,3 x 88,6 cm (Sammlung Pérez Simón, © Carmen Herrera, Foto: Raphael Doniz)

Carmen Herrera. Grande Dame der geometrischen Abstraktion „Lines of Sight“ im K20

Carmen Herrera (* 1915), Pionierin der geometrischen Abstraktion und lange verkannte Künstlerin, wird in einer umfangreichen Retrospektive im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Die heute über 100-jährige Malerin verkaufte mit 89 ihr erstes Gemälde!
30. April 2017
Joannis Avramidis, Großer Kopf, um 1970, Bronze, H: 92,5 cm (Atelier Joannis Avramidis © Julia Frank-Avramidis, Foto: Lempertz)

Joannis Avramidis Der „Helene“ unter Österreichs Bildhauern

Joannis Avramidis (1922–2016) ist bekannt für Skulpturen, in denen er, der griechischen Proportionslehre folgend, nach strengen Gesetzmäßigkeiten ein konzeptuelles Menschenbild konstruierte. Damit orientierte sich Avramidis an Theorien der Antike und der Renaissance: Er sah die Klassische Antike als vorbildhaft an; Demokratie und Versammlungsorte der Polis bildeten gesellschaftliche Bezugspunkte für sein Werk.

Aktuelle Ausstellungen

8. November 2021
Pieter Bruegel d. Ä., Die Versuchung des hl. Antonius, Detail, Verleger Hieronymus Cock, zg. Pieter van der Heyden, 1556, Kupferstich, 26.6 x 35.4 cm (Blatt), 24.8 x 32.5 cm (Platte) (Inv. X.2327, Photo Credit: Kunstmuseum Basel Martin P. Bühler)

Basel | Kunstmuseum: Pieter Bruegel d. Ä. Kupferstiche und Radierungen

Kupferstiche und Radierungen von Pieter Bruegel d. Ä., geschaffen vom Verleger Hieronymus Cock nach den Zeichnungen des niederländischen Renaissancekünstlers: Landschaften und humorvolle Gesellschaftsanalyse machten den Maler international berühmt.
3. November 2021
Plakat für die Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen, 1892; Entwurf Ernst und Gustav Klimt (© MAK, Tibor Rauch)

Wien | MAK: Klimts Lehrer an der Kunstgewerbeschule

Ausstellung über den prägende Einfluss von Gustav Klimts Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule: Ferdinand Laufberger, Ludwig Minnigerode, Friedrich Sturm und Michael Rieser bis zu Anselm Feuerbach.
2. November 2021
William Hogarth, A Scene from ‘The Beggar’s Opera’ VI, 1731 (Tate, London)

London | Tate Britain: Hogarth und Europa

Zum ersten Mal wird diese Ausstellung Hogarths wichtigste Werke mit denen seiner Kollegen auf dem gesamten Kontinent zusammenbringen – darunter Francesco Guardi in Venedig, Chardin in Paris und Cornelis Troost in Amsterdam –, um die grenzüberschreitenden Strömungen, Parallelen und Sympathien aufzuzeigen.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.