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Van Goghs Gelb

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 5. Juni 2026
Vincent van Gogh, Sonnenblumen, Detail (pastos), 1888, Öl/Lw, 100.5 x 76.5cm (Seiji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art, Tokyo)

Vincent van Gogh, Sonnenblumen, Detail (pastos), 1888, Öl/Lw, 100.5 x 76.5cm (Seiji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art, Tokyo)

Keine Farbe ist so untrennbar mit einem Künstler verbunden wie Gelb mit Vincent van Gogh. Doch was als emotionaler Ausbruch wirkt, war kühle Kalkulation – und die Ironie des Schicksals wollte es, dass dieses strahlende Gelb der Zeit nicht standhält.

Im Juli 1890 beschrieb der Maler Emile Bernard die Beerdigung seines Freundes Vincent van Gogh in einem Brief an den Kunstkritiker Albert Aurier. Der Sarg, so Bernard, sei von Blumen bedeckt gewesen – Sonnenblumen, gelbe Dahlien, Gelb überall. Es sei, schrieb er, schließlich Van Goghs Lieblingsfarbe gewesen, „das Symbol des Lichts, das er in den Herzen der Menschen wie in den Werken der Kunst suchte.“1 Kein anderes Zeugnis fasst die Identifikation eines Malers mit einer Farbe prägnanter zusammen. Und doch ist die Sache komplizierter, als der Tod es erscheinen ließ.

Gelb war nicht immer Van Goghs Farbe. In seinen frühen niederländischen Jahren, in denen er Bauern und Weber in dunklen Interieurs malte, dominierte eine erdige Palette. Erst Paris öffnete ihm die Augen: In der Hauptstadt begegnete er der Malerei des Impressionismus, er sah Bilder von Claude Monet, Camille Pissarro und Paul Signac, deren kühne Verwendung heller Farben seine Malerei von Grund auf veränderte.2 Als er im Februar 1888 in Arles ankam und das Licht des Südens traf, vollzog sich die eigentliche Verwandlung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Das hohe Gelb als System
  2. Gauguin und das geteilte Gelb
  3. Das Erbe: Gelb als Signatur
  4. Weiterführende Literatur

„Sonnenschein, ein Licht, das ich aus Mangel an einem besseren Wort nur Gelb nennen kann – blasses Schwefelgelb, blasses Zitronengelb, Gold. Wie schön ist Gelb!“ (Vincent van Gogh, Brief an Theo Van Gogh, Arles, 5. April 1888 (Brief 659))

Vincent van Gogh, Irises, Saint-Rémy-de-Provence, Mai 1890, Öl/Lw, 92.7 cm x 73.9 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
Vincent van Gogh, Irises, Saint-Rémy-de-Provence, Mai 1890, Öl/Lw, 92.7 cm x 73.9 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
Vincent van Gogh, Sonnenblumen, 1. Dezember 1888 oder Ende Januar 1889, Öl/Jute, 100.5 x 76.5cm (Seiji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art, Tokyo)
Vincent van Gogh, Sonnenblumen, 1. Dezember 1888 oder Ende Januar 1889, Öl/Jute, 100.5 x 76.5cm (Seiji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art, Tokyo)

Das hohe Gelb als System

Was Van Gogh in Arles und Saint-Rémy entwickelte, war keine naive Farbfreude, sondern ein theoretisch fundiertes Ausdruckssystem. Er hatte Michel-Eugène Chevreuils Gesetz des Simultankontrastes (1839) studiert und besaß ein Exemplar von Charles Blancs Grammaire des arts du dessin (1867).3 Blanc popularisierte das Prinzip, dass komplementäre Farbpaare – Gelb und Violett, Gelb und Blau – einander gegenseitig intensivieren, wenn sie nebeneinander stehen. Van Gogh nutzte dieses Wissen systematisch: Die Sonnenblumen in ihrer Gelb-auf-Gelb-Version, die goldenen Weizenfelder unter azurblauem Himmel, das Gelbe Haus vor dem Blau der Fassade – all das sind keine zufälligen Nachbarschaften.

Van Goghs bevorzugtes Pigment war Chromgelb, das in drei Varianten erhältlich war: Chromgelb 1 (Zitronengelb), Chromgelb 2 (reines Gelb) und Chromgelb 3 (orangegelb). Im April 1888 bat er seinen Bruder Theo in Paris, genau diese drei Schattierungen bei seinen Farblieferanten zu bestellen und nach Arles zu schicken.4 Im Laufe des Sommers verbrauchte er weit mehr Gelb als geplant und räumte ein, seine Schätzung sei diesmal völlig falsch gewesen.

 

 

 

 

 

Chromgelb (Zitrone)

Chromgelb (mittel)

Chromgelb (orange)

Ockergelb

ca. 13 € / Tube (heute)

Van Goghs Favorit

Für Tiefen / Schatten

ca. 5 € / Tube

 

Ein ungewöhnliches Hilfsmittel bezeugt, wie ernsthaft Van Gogh seine Farbstudien betrieb: In seinem Besitz befand sich eine rote Lackdose mit Wollknäueln in verschiedenen Farbnuancen. Bevor er zu malen begann, legte er die Knäuel nebeneinander, um Farbkombinationen zu erproben. Eines dieser Knäuel in verschiedenen Gelbtönen entspricht exakt den Farben, die er in seinem Stillleben mit Quitten, Zitronen, Birnen und Trauben (1887) verwendete.5 Die Dose ist heute Teil der Sammlung des Van Gogh Museums und ein stilles, aber beredtes Zeugnis methodischer Kunstpraxis.

Vincent van Gogh, Sämann bei Sonnenuntergang, Detail, 1888, Öl/Lw, 73,5 x 93 cm (© Sammlung Emil Bührle, Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Vincent van Gogh, Sämann bei Sonnenuntergang, Detail, 1888, Öl/Lw, 73,5 x 93 cm (© Sammlung Emil Bührle, Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Vincent van Gogh, Weizenfeld mit Krähen, Auvers-sur-Oise 1890 (Amsterdam)
Vincent van Gogh, Weizenfeld mit Krähen, Auvers-sur-Oise 10. Juni 1890 (Amsterdam)

Gauguin und das geteilte Gelb

Paul Gauguins Verhältnis zu Van Goghs Gelb ist eines der faszinierendsten Kapitel der Kunstgeschichte und zugleich eine Geschichte von gegenseitiger Inspiration und ästhetischer Vereinnahmung. Die beiden Künstler lebten von Oktober bis Dezember 1888 zusammen im Gelben Haus in Arles: neun Wochen intensivster künstlerischer Auseinandersetzung, die mit Van Goghs Zusammenbruch endeten.6

Gauguin erkannte früh, was Van Goghs Gelb bedeutete. In einem Brief an Van Gogh nannte er die Gelb-auf-Gelb-Version der Sonnenblumen – die Blumen auf gelbem Grund vor gelbem Hintergrund – „eine perfekte Seite eines wesentlichen ‚Vincent‘-Stils.“7 Es ist eines der präzisesten Urteile, die je über Van Goghs Werk gefällt wurden.

Noch aufschlussreicher ist, was Gauguin nach der gemeinsamen Zeit tat. Im Jahr 1889 schuf er seine sogenannte Volpini-Suite, zehn Zinkografien, die er bei der Weltausstellung in Paris als künstlerische Visitenkarte ausstellte. Gauguin druckte sie auf intensiv gelbem Papier. Er nutzte für die Volpini-Suite ungewöhnlich große Bögen, bei denen das Gelb der Fläche die eigentlichen Bildmotive nahezu überragt.8 Es ist schwer vorstellbar, dass Gauguins Wahl des Gelbs nichts mit seiner Zeit in Arles zu tun hatte.

Noch sechs Jahre später, 1894, schrieb Gauguin in schwärmerischer Erinnerung an das Gelbe Haus:

„In meinem gelben Zimmer stehen Sonnenblumen mit violetten Augen auf gelbem Grund. Sie tauchen ihre Stiele in ein gelbes Töpfchen auf einem gelben Tisch […] und die gelbe Sonne, die durch die gelben Vorhänge meines Zimmers fällt, vergoldet alles mit Gold.“9 (Paul Gauguin, 1894)

Dieser Text klingt nostalgisch und ist der Beleg, dass Van Goghs obsessives Gelb in Gauguins Erinnerung eine geradezu mythische Dimension angenommen hatte.

Doch die Beziehung war keine des gleichberechtigten Austauschs. Van Gogh hatte Gauguin eingeladen, nach Arles zu kommen, und hatte mit den Sonnenblumengemälden eigens dessen Gästezimmer dekoriert – ein Akt der Ehrerbietung und zugleich ein programmatisches Statement. Gauguin seinerseits schrieb an Van Gogh, er möge für „Malerei mit einer Färbung, die poetische Ideen evoziert“.10 Damit meinte er die Emanzipation der Farbe von der bloßen Naturnachahmung. Van Gogh griff diese Idee auf: Gelb musste nicht das Licht abbilden, es musste das Licht sein.

Vincent van Gogh, Das gelbe Haus (Die Straße). Arles, September 1888, Öl/Lw, 72 cm x 91.5 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
Vincent van Gogh, Das gelbe Haus (Die Straße). Arles, September 1888, Öl/Lw, 72 cm x 91.5 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

Paul Gauguin, Der gelbe Christus, 1889, Öl auf Leinwand (Albright-Knox Art Gallery, Buffalo)
Paul Gauguin, Der gelbe Christus, 1889, Öl auf Leinwand (Albright-Knox Art Gallery, Buffalo)
Vincent van Gogh, Van Goghs Stuhl, ca. 20. November 1888, Öl auf Jute, 93 x 73,5 cm (The National Gallery, London)
Vincent van Gogh, Van Goghs Stuhl, ca. 20. November 1888, Öl auf Jute, 93 x 73,5 cm (The National Gallery, London)

Das Erbe: Gelb als Signatur

Die Identifikation Van Goghs mit Gelb war nicht nur eine Erfindung der Nachwelt. Sie begann bereits zu seinen Lebzeiten, getragen von jenen, die ihm am nächsten standen: Emile Bernard, Paul Gauguin, Theo van Gogh verbanden die Farbe mit seiner Person, seinem Streben, seiner Kunst. Als Van Gogh im Juli 1890 in Auvers-sur-Oise starb, brauchte es keine Erklärung, warum sein Sarg mit Sonnenblumen bedeckt war.

Heute sind Van Goghs Gelb und seine Vergänglichkeit Gegenstand intensiver Forschung. Die Ausstellung Yellow. Beyond Van Gogh’s Colour im Van Gogh Museum Amsterdam (13. Februar – 17. Mai 2026 →) zeigte, dass Gelb weit mehr ist als eine Lieblingsfarbe des Impressionisten: Es ist eine Kulturgeschichte in einer Wellenlänge – von der Stigmafarbe des Mittelalters über die Dekadenzästhetik der 1890er Jahre bis zu Olafur Eliassons monochromatischen Lichtinstallationen der Gegenwart.11 Van Gogh steht an ihrem Zentrum, nicht als Ursprung, sondern als ihr leuchtendster Moment.

Weiterführende Literatur

  • Yellow. Beyond Van Gogh's Colour, hg. von Ann Blokland und Edwin Becker (Ausst.-Kat. Van Gogh Museum Amsterdam, 13.02.–17.05.2026), Gent 2026.
  • Nienke Bakker / Ella Hendriks: Van Gogh and the Sunflowers. A Masterpiece Examined, Van Gogh Museum, 2019.
  • Douglas W. Druick / Peter Kort Zegers: Van Gogh and Gauguin. The Studio of the South, Art Institute of Chicago / Van Gogh Museum, 2001.
  • Leo Jansen, Hans Luijten, Nienke Bakker (Hg.): Vincent van Gogh – The Letters, vangoghletters.org.
  • Michel Pastoureau: Yellow: The History of a Color, Princeton UP, 2019.
  • Marije Vellekoop u.a.: Van Gogh at Work, Van Gogh Museum / Mercatorfonds, 2013.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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