Was bedeutet Anti-Form?

Der Begriff Anti-Form meint, dass die Form eines Kunstwerks von den Materialqualitäten abgeleitet wird. Diese Haltung bedeutete in den späten 1960er Jahren die Auflösung des herkömmlichen Skulpturen- und Kunstbegriffs. Damit unterschieden sich Bildhauer der Anti-Form von ihren Vorläufern, den Vertretern der Minimal Art. Im Minimalismus organisierten Künstlerinnen und Künstler das Material nach einer bestimmten, meist geometrischen Form. Dieser Zug in der amerikanischen Skulptur zeigte bald Ermüdungserscheinungen, da ihre geometrische Sprache den Gestaltungsspielraum zu stark einschränkte. Die Regelmäßigkeit wurde als Einengung empfunden, und Künstler wie Robert Morris (1931–2018) suchten die Befreiung von diesem Korsett.

Der Respekt vor den Materialien eröffnete neue Pforten für ästhetische Praktiken. Was zunächst im Kontext von Robert Morris‘ Manifest „Anti-Form“ und Harald Szeemanns Ausstellung „When Attitudes Become Form“ unerhört schien, ist heute eine wichtige und elementare Grundlage einer sich zunehmend globalisierenden Kunst geworden.

Robert Morris zu Anti-Form

1968 veröffentlichte Robert Morris in der US-amerikanischen Zeitschrift „Artforum“ seinen Text „Anti Form“. Darin erläutert er, dass der Akt des Machens das primäre Anliegen der Bildhauerei sei, und nicht die Fertigstellung von Objekten. Nach seiner Phase des konsequenten Minimalismus schlug er vor, noch einen Schritt weiter zu gehen und das Material aus der Form zu befreien. Man müsse das Material als reine Materie sehen, die Skulptur ohne Handschrift des Künstlers in einem programmatisch zufälligen Prozess herstellen. Weiche Materialien wie Filz, Stoffreste, Ton oder Fett würden sich dafür am besten eignen. Robert Morris' Skulpturen entstanden aus Filz. Größere Filzteile wurden an Wänden befestigt und entwickelten ihre Form durch ihr Eigengewicht. Der Filz von „Untitled“ hängt an sich formlos an der Wand. Der Moment des Zufalls wird – eingefroren durch Ösen und definierte Abstände – in seiner puren Materialität zur radikalen Anti-Form. Der Nullpunkt der Skulptur ist erreicht, was bleibt ist die Dreidimensionalität und das Material an sich, das nur mehr auf sich selbst verweist.

Wichtige Künstlerinnen und Künstler

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