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Köln | Museum Ludwig: Sisi privat Die Fotoalben der Kaiserin als kuratierte Sammlung

Ludwig Angerer, Elisabeth von Österreich-Ungarn mit ihrem Irischen Wolfshund Horseguard, Detail, 1865/1866, Albuminpapier auf Karton, ca. 9 x 6 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

Ludwig Angerer, Elisabeth von Österreich-Ungarn mit ihrem Irischen Wolfshund Horseguard, Detail, 1865/1866, Albuminpapier auf Karton, ca. 9 x 6 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sisi, sammelte in den 1860er Jahren Porträtfotografien – es war en vogue. Das Museum Ludwig verwahrt achtzehn ihrer Alben mit ca. 2.000 Fotografien im sogenannten Carte de Visite Format; dies sind auf Karton fixierte Fotografien im Format von circa 6 x 9 cm. Darauf zu sehen sind Adelige – viele Mitglieder von Elisabeths Familie –, Berühmtheiten und Kunstwerke. Erst in den letzten Jahren wurden solche Alben als kreative Collagen, Ideenräume für soziale Gefüge und als Medium der Selbstreflexion wiederentdeckt. Unter den achtzehn Alben der Kaiserin finden sich auch drei „Schönheiten-Alben“.

„Ich lege mir ein Schönheiten-Album an und sammele nun Photographien, nur weibliche dazu. Was Du für hübsche Gesichter auftreiben kannst beim Angerer und anderen Photographen, bitte ich Dich, mir zu schicken“,

schrieb sie ihrem Schwager Erzherzog Ludwig Viktor 1862 aus Venedig. Über den Minister des Äußeren ging jene Bitte kurz darauf auch an die Botschafter Österreichs in Konstantinopel, St. Petersburg, Paris, London und Berlin.

So kostbar die drei Schönheitenalben im Museum Ludwig gestaltet sind – etwa mit Amethysten, Messingbeschlägen, Goldschnitt, in Leder gebunden – so heterogen scheint auf den ersten Blick die Zusammenstellung. Wie kuratierte Elisabeth diese Werke in ihrer privaten Schönheitengalerie, ihrem Pendant zu eben jener von gemalten Porträts schöner Frauen im Nymphenburger Schloss von Joseph Stieler? Wieso legte Sisi ihren Fokus auf die Abbildung von Frauen?

Schönheitengalerie mit Vorbildwirkung

Die Antwort lautet: Sie nutzte diese hoch inszenierten Bilder für die Konturierung ihres eigenen Images, denn sie war sich des Wechselspiels von Sehen und Gesehenwerden sehr bewusst. Die Jahre, in denen sie die Alben anlegte waren jene, in denen sie, wie ihre Biografin Brigitte Hamann schrieb, aus Wien „geflohen“ war und monatelang in Venedig, auf Madeira und Korfu lebte. In dieser Zeit der Abwesenheit aus Wien und des Sammelns von Fotografien reifte sie zu einer energischeren, selbstbewussteren Persönlichkeit, deren Schönheit legendär werden sollte. Und die Vorbilder ihrer Selbstinszenierung fand sie weniger im Adel, dem sie ohnehin kritisch gegenüberstand, als vielmehr bei den Stars der internationalen Bühnen. So empfand sie die kostbaren Kleider, die sie bei offiziellen Anlässen trug, auch eher als Verkleidung, sprach von „Geschirr“, in das sie gelegt war.

Mit etwa dreißig Jahren beschloss Elisabeth von Österreich-Ungarn, sich nicht mehr fotografieren zu lassen, nicht einmal mehr für eine medizinische Röntgenaufnahme. Und als sie in den 1880er Jahren begann, intensiv zu dichten, schrieb sie – die mit dem süßlichen Romy Schneider/Sissi-Charakter der Ernst Marischka Filme kaum etwas gemein hatte – „an die Gaffer“:

„Es tritt die Galle mir fast aus, /
Wenn sie mich so fixieren; /
Ich kröch’ gern in ein Schneckenhaus /
Und könnt’ vor Wut krepieren.“

Sisi privat in Köln

In der Ausstellung des Museum Ludwig werden die Zusammenhänge zwischen Sisis geradezu obsessiven Sammeln von Frauenporträts und dem Bild, das sie von sich entwirft bzw. später verweigert, skizziert.

Die Präsentation wird unterstützt vom Österreichischen Kulturforum Berlin. Die Restaurierung der Fotoalben der Elisabeth von Österreich-Ungarn wird ermöglicht durch den Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder.

Quelle: Museum Ludwig, Köln

Sisi privat: Bilder

  • Ludwig Angerer, Elisabeth von Österreich-Ungarn mit ihrem Irischen Wolfshund Horseguard, 1865/1866, Albuminpapier auf Karton, ca. 9 x 6 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)
  • Elisabeth von Österreich-Ungarn umgeben von ihrer Familie, um 1863, Carte de Visite Fotografie nach einem Aquarell, Albuminpapier auf Karton, 8,5 x 5,5 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Museum Ludwig, Köln)
  • Fotoalbum der Elisabeth von Österreich-Ungarn, angelegt um 1862, Leder, Messing, Malachit u.a., 27 x 22 x 8 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)
  • Ulric Grob, Marie Garnier als „Venus“ in der Uraufführung der Oper „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach, Paris 1858 Albuminpapier auf Karton, 5,5 x 9,3 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Museum Ludwig, Köln)
  • Ludwig Angerer, Elisabeth von Österreich-Ungarn, 1862, Albuminpapier auf Karton, 9,3 x 5,7 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Museum Ludwig, Köln)
  • Seite aus einem Fotoalbum der Elisabeth von Österreich-Ungarn, angelegt um 1862, Albuminpapier auf Karton, ca. 26 x 20 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.