Joseph Stieler

Wer war Joseph Stieler?

Joseph Stieler (1781–1858) war ein deutscher Maler des Klassizismus und der Romantik, von dem etwa 500 Gemälde überliefert sind. Zwischen 1820 und 1855 arbeitete er als Hofmaler des bayerischen Königs. Heute ist Joseph Stieler bekannt für die Schönheitengalerie in Schloss Nymphenburg wie den Staatsporträts der bayerischen Könige Maximilian I. Joseph und Ludwig I., seine Porträts von Dichtern und Gelehrten wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich-Wilhelm von Schelling, Friedrich Schiller, Alexander von Humboldt und vielen weiteren mehr.

Kindheit und Ausbildung

Der 1781 in Mainz geborene Joseph Kaspar Stieler war der Sohn des Münzgraveurs August Friedrich Stieler (1736–1789) und studierte zwischen 1800 und 1805 bei Heinrich Füger in Wien.1 Danach arbeitete er in Warschau und Krakau (ab 1805) und setzte zwischen 1807 und 1808 seine Ausbildung in Paris bei François Gérard (1770–1837) fort. Dieser lehrte ihn, sich an der Natur zu orientieren, während die Wiener Malerei nur der Kopf realistisch und der Rest „aus der Idee“ entwickelt wurde. Danach lebte Stieler in Frankfurt am Main (1808/09). Dort arbeitete er erfolgreich als Porträtist und schuf Altarbilder.

Das italienische Licht zog Joseph Stieler 1809 in Richtung Süden. Bei der Einreise wurde ein Selbstporträts Stielers vom Zoll konfisziert. Da sich der Maler daher für acht Tage in Mailand aufhalten musste, lernte er den Vizekönig Eugène de Beauharnais und dessen Ehefrau Amalie kennen. Die Tochter von Maximilian I. Joseph, dem ersten König von Bayern, begeisterte sich so sehr für die Kunst des Deutschen, dass dieser Porträts des königlichen Paares und deren Kinder malen durfte. In Rom studierte Stieler die Darstellung des Lichts von der Antike bis ins frühe 19. Jahrhundert.

München und Wien

Ab 1812 hielt sich Joseph Stieler in München auf, wo er sowohl für Maximilian I. Joseph und Ludwig I. arbeitete – wie auch für die Habsburger in Wien. Er schuf Porträts der Prinzessinnen von Bayern, die wie Nymphen auf einer Lichtung tanzen, ein aufgeklärtes Bildnis des Monarchen als ersten Beamten des Staates (am Arbeitstisch sitzend, mit für ihn wichtigen Texten). Zwischen 1816 und Herbst 1820 hielt sich Stieler in Auftrag der bayerischen Königsfamilie in Wien auf, wo er Kaiser Franz I. und Kaiserin, Caroline Auguste, porträtierte. Die am französischen Klassizismus geschulte Porträtkunst Stielers erfreute sich auch in Wien größter Beliebtheit. Am Ende seines Wiener Aufenthalts malte er im Auftrag des Ehepaars Brentano Ludwig van Beethoven.

Bayerischer Hofmaler

Ende 1820 wurde Joseph Stieler zum bayerischen Hofmaler ernannt und malte sowohl von Maximilian I. Joseph wie auch Ludwig I. repräsentative Porträts im Kronornat. Für den König entstand auch 1828 das Bildnis von Johann Wolfgang von Goethe, das neben dem Beethoven-Bildnis von 1820 wohl zu den berühmtesten Werken Stielers zählt. Mit Goethe verband Stieler fortan eine Freundschaft, so diskutierten sie Goethes Farbenlehre miteinander.

1848 stellte Joseph Stieler auf der Münchner Kunstausstellung ein Porträt seiner Tochter Ottilie (1830–1913) aus. Er zeigt sie im weißen Kleid und großen Strohhut im Garten seines Hauses am Tegernsee, im Sonnenschein, weich modelliert. Heute zählt er zu den bekanntesten Werken des Münchner Malers. Seit etwa 1830 hatte sich in München de Freilichtmalerei durchzusetzen begonnen, und Stieler reagierte in seinem Spätwerk darauf.

Stielers Porträts von Gelehrten und Künstlern

Im Werk Joseph Stielers finden sich sechs Bildnisse von Gelehrten und Künstlern, die zu den herausragenden Geistesgrößen des deutschsprachigen Raums gezählt wurden und noch immer werden.

  • Ludwig van Beethoven, 1820, Beethoven-Haus Bonn. Stielers Beethoven-Porträt entstand im Auftrag der Familie Brentano.
  • Johann Wolfgang von Goethe, 1828, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Wittelsbacher Ausgleichsfond (mit Gedicht von König Ludwig I. vom Herbst 1818)
  • Johann Wolfgang von Goethe, vor 1838, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (in zwei Fassungen), 1835, Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen
  • Ludwig Tieck
  • Alexander von Humboldt, 1843, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Potsdam, Schloss Charlottenhof. Das Porträt von Humboldts entstand im Auftrag des Forschers selbst. Stieler hatte zu einem Dinner in Berlin 1843 das Porträt Ludwig Tiecks mitgebracht und so die Aufmerksamkeit des weltgereisten Naturwissenschaftlers gewinnen.
  • Friedrich von Schiller, 1850, Staatliche Graphische Sammlung, München. Das Porträt Schillers entstand posthum als Beitrag Stielers zum „König-Ludwig-Album“. Das Bildnis entstand nach einer Maske des Dichters und einem Pastell von Johann Heinrich Schröder.

Ludwig van Beethoven

→ Joseph Stieler: Ludwig van Beethoven (vor allem zur Entstehung, Ikonografie, Wirkung und Provenienz des Beethoven-Porträts)

Joseph Stielers „Ludwig van Beethoven mit dem Manuskript der Missa solemnis“ (Beethoven-Haus Bonn) vom Beginn des Jahres 1820 ist das berühmtesten Porträt Beethovens, das während der Lebzeiten des Komponisten und Musikers entstand. Es zeigt den aus Bonn stammenden Komponisten im Alter von 49 Jahren und etwa sieben Jahre vor dessen Tod, mit visionärem Blick an der Partitur der großen Messe arbeitend.

Ludwig van Beethoven ließ sich nicht gerne malen, doch für seine Freunde, die Familie Brentano, machte er eine Ausnahme. Ende 1819 und Anfang 1820 traf er sich vermehrt mit Joseph Stieler, der offenbar kostenlos das Bildnis des berühmten Komponisten anfertigte, das er im Herbst 1820 auf der Kunstausstellung der Wiener Akademie präsentierte. Da Stieler das Beethoven-Porträt selbst behalten wollte, malte er für Franz und Antonie Brentano eine zweite Fassung (verschollen).

In den Konversationsheften Beethovens finden sich Eintragungen, welche den Entstehungsprozess des Bildes nachzeichnen lassen. Silke Bettermann sieht den Beginn an der Arbeit Anfang Februar, vermutlich den 11. Februar 1820, in Stielers Atelier oder Wohnung.

Die Arbeit an dem Porträt Beethovens war am 9. oder 10. April 1820 soweit gediehen, dass Stieler und Beethoven sich über die Frage der Beschriftung des Notenblattes in der Hand des Komponisten unterhalten konnten. Beide hatten sich zuvor schon für das Credo der Missa solemnis op. 123 entscheiden. Die Beschriftung im Bild folgt der authentischen Angabe Beethovens im Konversationsheft. Die Vollendung kann mit 20. April 1820 fixiert werden, stellte Joseph Stieler das Beethoven-Porträt doch ab 24. April äußerst erfolgreich auf der Frühjahrsausstellung der Wiener Akademie aus.2 Stieler präsentierte neben dem Beethoven-Porträt noch weitere fünf Bildnisse und wurde daraufhin zum Ehrenmitglied der Wiener Akademie ernannt. Zum Erfolgsgaranten zählte, so Silke Bettermann, Stielers Entscheidung, „Beethoven […] idealisiert und als inspirierte Persönlichkeit in einer eigenen Welt zu zeigen“3.

Schönheitengalerie

Ein weiterer Höhepunkt in Stielers Werk ist die Schönheitengalerie König Ludwigs I. von Bayern (reg. 1825–1848), an der er seit 1827 für etwa 40 Jahre arbeitete. Erste Ideen zur Schönheitengalerie spannen der König und sein Hofmaler ab 1821, nachdem Stieler bereits 1817 ein Porträt der Gräfin Rambaldi, einer Mätresse des Königs, gemalt hatte. Die von Stieler in dieser frühen Phase dem König angebotenen Bildnisse der Madame Lang und der Opernsängerin Adelaide Schiasetti wurden jedoch nicht in die Galerie aufgenommen. Offensichtlich entwickelte der König selbst das Konzept, dass er sich um eine Galerie von heimischen Schönheiten handeln sollte. Ausländerinnen wurden zwar zugelassen, dennoch sollen nationale Charakteristika in den Darstellungen berücksichtigt werden. Ab 1826 wurden die Pläne für die Schönheitengalerie konkreter, plante der König doch die Präsentation der Bildnisse in der Erweiterung der Münchner Residenz mit ein.

Eine erste Präsentation von zehn Porträts erfolgte 1829 in einer Kunstausstellung, in der Stieler auch das für den König gemalte Porträt Johann Wolfgang von Goethes dem Publikum vorstellte. Beim Einzug in die Münchner Residenz waren bereits 17 Porträt fertiggestellt.

Ab 1835 war die Schönheitengalerie in zwei Konversationszimmern in der Residenz in München aufgehängt (im Zweiten Weltkrieg zerstört), seit 1944 ist sie in Schloss Nymphenburg beheimatet. Dort findet man sie im ersten Obergeschoss des südlichen Pavillons. Der Saal diente ursprünglich als kleiner Speisesaal und wurde für Königin Caroline, die Gemahlin von König Max I. Joseph eingerichtet.

Die Galerie der Schönen Frauen besteht aus 36 Bildnissen von adeligen aber auch bürgerlichen Frauen. Das erste Bildnis der Galerie ist das Porträt von Auguste Strobl (1807–1871). Zwischen 1827 und 1850 entstand eine Reihe von Bildnissen schöner Frauen verschiedener Gesellschaftsschichten, was in München zu Gerüchten und Spekulationen über mögliche Beziehungen des Königs zu den Damen führte. Von den ursprünglich 26 Bildnissen ging jenes der Luise Freiin von Neubeck verloren.

Die Schönheiten der Schönheitengalerie sind:

  • Auguste Strobl (erste Fassung), Dezember 1826
  • Auguste Strobl (zweite Fassung), 1827
  • Maximiliane Borzagam 1827
  • Isabella Gräfin von Tauffkirchen-Engelberg, 1828
  • Amalie Freiin von Krüdener (auch: Amalie von Lerchenfeld), 1828
  • Antonietta Cornelia Vetterlein, 1828
  • Charlotte von Hagn, Schauspielerin, 1828
  • Nanette Kaulla, 1829
  • Anna Hillmayer, 1829
  • Regina Daxenberger, 1829
  • Jane Elizabeth Digby, 1831
  • Marianna Marquesa Florenzi (auch: Marianna Gräfin Bacinetti), Vertraute des Königs, 1831
  • Amalie von Schintling, 1831
  • Helene Sedlmayr, Schustertochter, 1831
  • Crescentia Fürstin von Öttingen-Öttingen und Wallerstein (auch: Crescentia Bourgin), 1833
  • Irene Markgräfin Pallavicini, 1834
  • Caroline Gräfin von Holnstein (auch. Caroline Freiin von Spiering), 1834
  • Jane Erskine, 1837
  • Theresa Renard, 1837
  • Mathilde Freiin von Jordan, 1837
  • Wilhelmine Sulzer, 1838
  • Luise Freiin von Neubeck, 1839
  • Antonia Wallinger, 1840
  • Rosalie Julie von Wüllerstorf-Urbair, 1840
  • Sophie Prinzessin von Bayern, 1841
  • Katharina Botzaris, 1841
  • Caroline Lizius, 1842
  • Elise List, 1842
  • Marie Prinzessin von Preußen, 1843
  • Friederike Freiin von Gumppenberg, 1843
  • Caroline Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein, 1843
  • Emily Lady Mansfeld, 1844
  • Josepha Reh, 1844
  • Alexandra Prinzessin von Bayern, 1845
  • Auguste Erzherzogin von Österreich, 1845
  • Lola Montez, Tänzerin, 1847
  • Maria Dietsch, 1850

Nach dem Tod von Joseph Stieler ergänzte dessen Neffe und Schüler Friedrich Dürck (1809–1884) 1861 die Schönheitengalerie um zwei weitere Werke, die Bildnisse von Carlotta Freiin von Breidbach-Bürresheim (1861) und Anna von Greiner (auch: Anna Bartelmann, 1861).

Literatur über Joseph Stieler

  • Sonja Still, Joseph Stieler. Der königlich-bayerische Hofmaler, München 2020.
  • Ulrike von Hase-Schmundt, Zwischen Staatsporträt und Schönheiten-Galerie – Joseph Stieler. Bayerischer Hofmaler unter den Königen Maximilian I. Joseph und Ludwig I. von Bayern, in: Silke Bettermann (Hg.), In bester Gesellschaft. Joseph Stielers Beethoven-Porträt und seine Geschichte (Ausst.-Kat. Beethoven-Haus, Bonn, 17.12.2019–26.4.2020), Bonn 2019, S. 6–23.
  • Silke Bettermann (Hg.), In bester Gesellschaft. Joseph Stielers Beethoven-Porträt und seine Geschichte (Ausst.-Kat. Beethoven-Haus, Bonn, 17.12.2019–26.4.2020), Bonn 2019.
  • Silke Bettermann, Ein »künstlerisches Meisterstück« – Joseph Karl Stielers Beethoven-Porträt, in: Beethoven. Welt.Bürger.Musik (Ausst.-Kat. Bundeskunsthalle, Bonn, 17.12.2019–26.4.2020), Köln 2019, S. 222–227.
  • Silke Bettermann, Beethoven im Bild. Die Darstellung des Komponisten in der bildenden Kunst vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, Bonn 2012.
  • Ulrike von Hase-Schmundt, Joseph Stieler 1781–1858. Sein Leben und sein Werk. Kritisches Verzeichnis der Werke, München 1971 (Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, 4).
  1. Ulrike von Hase-Schmundt, Joseph Stieler 1781–1858. Sein Leben und sein Werk. Kritisches Verzeichnis der Werke, München 1971 (Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, 4).
  2. Über den genauen Zeitpunkt der Finalisierung wird in der Forschung noch debattiert, wie Silke Bettermann ausführt. Verschiedene Beethoven-Forscher haben aus den Konversationsheften unterschiedliche Schlüsse gezogen: Sieghard Brandenburg erste Sitzung um den 11. Februar bis Vollendung Ende März 1820), Michael Ladenburger (letzte Sitzung am 10. April 1820), Karl-Heinz Köhler und Dagmar Beck (Anfang April und etwa 14. April 1820). Siehe Silke Bettermann, Ein »künstlerisches Meisterstück« – Joseph Karl Stielers Beethoven-Porträt, in: Beethoven. Welt.Bürger.Musik (Ausst.-Kat. Bundeskunsthalle, Bonn, 17.12.2019–26.4.2020), Köln 2019, S. 222–227, hier S. 223, Fn. 3.
  3. Silke Bettermann, Ein „künstlerisches Meisterstück“ – Joseph Karl Stielers Beethoven-Porträt, in: Beethoven. Welt.Bürger.Musik (Ausst.-Kat. Bundeskunsthalle, Bonn, 17.12.2019–26.4.2020), Köln 2019, S. 222–227, hier S. 223.