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Mailand | Palazzo Reale: Anselm Kiefer. Die Alchemistinnen

Veröffentlicht von ARTinWORDS.de Redaktion von 5. Februar 2026
Anselm Kiefer, Sophie Brahe, Detail, 2025 (Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer)

Anselm Kiefer, Sophie Brahe, Detail, 2025 (Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer)

Ganz ehrlich: Anselm Kiefer und die unbekannten Alchemistinnen hatte ich nicht auf meiner Bingo-Karte des Jahres 2026.1 Deshalb darf, ja muss man umso genauer die neue, ortsspezifische Installation des  deutschen Künstlers im Mailänder Palazzo Reale unter die Lupe nehmen. Kiefer präsentiert mit „Die Alchemistinnen“ eine atemberaubende Installation, die mit allen Elementen der Kiefer'schen Kunst die Sinne überwältig, während er inhatlich sich mit den kaum bis völlig unbekannten Alchemistinnen auseinandersetzt.2

„Obscurum per obscurius, ignotum per ignotius [Das Dunkle durch das Dunklere, das Unbekannte durch das noch Unbekanntere]“ (Leitspruch der Alchemie)

Anselm Kiefer. Le alchemiste
[Anselm Kiefer. Die Alchemistinnen]

Italien | Mailand: Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi
7.2. – 27.9.2026

Anselm Kiefer, Die Alchimistinnen, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer, Die Alchimistinnen, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Anselm Kiefer. Die Alchemistinnen in Mailand (2026)

Die von der Kunsthistorikerin Gabriella Belli kuratierte Ausstellung versammelt 38 monumentale Werke Kiefers, die speziell für die geschichtsträchtige Sala delle Cariatidi entstanden sind. Der von den Kriegsereignissen des Jahres 1943 - alliiertes Bombardement und eine eingestürzte Decke - gezeichnete Ballsaal aus dem 18. Jahrhundert bietet eine dramatische Kulisse für Kiefers kraftvolle Bildwelten (klassizistische Architektur von Piermarini, Francesco Conte und Antonio Galli Bibiena und Stukkatur von Giocondo Albertolli). Frauen spielen in der reichen Dekoration eine gewichtige Rolle in Form von 40 Karytiden, also Gebälkträgerinnen auf sich verjüngenden Pilastern. Auch wenn sie dem Saal seinen Namen gaben, so können sie - durch Kiefers Installation bestärkt - als Metaphern für die Rolle der Frau in der patriachalen Gesellschaft Europas gelesen werden.

Die 46 mal 17 Meter große Sala delle Cariatidi, in der 1953 Picassos „Guernica“ ausgestellt war (→ Picasso: Guernica), wird im Frühjahr und Sommer 2026 erneut zum Schauplatz künstlerischer Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung. Seit 2025 widmet sich Anselm Kiefer den vergessenen Alchemistinnen, die seit der Renaissace an medizinischen, alchemistischen Projekten tätig waren. Der Künstler entwirft in seinen monumentalen, mit chemischen Prozessen eng verbundenen Werken einen Pantheon weiblicher Kreativität und Forscherdrangs, den ich ihm bisher nicht zugetraut hätte!

Anselm Kiefer. Alchemistinnen. Mailand, Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi. Installation view © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer. Alchemistinnen. Mailand, Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi. Installation view © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Vergessene Alchemistinnen

Im Zentrum von Kiefers Werk stehen vergessene Alchemistinnen – Wissenschaftlerinnen, die maßgeblich zur Entwicklung des modernen Denkens beitrugen, aber von der bisherigen Geschichtsschreibung übersehen wurden. Vor allen Frauen, die sich zwischen Mittelalter und Renaissance alchemistischen und medizinischen Experimenten widmeten, stehen im Zentrum von Kiefers Interesse. Diese häufig übersehenen Frauen  nahmen in ihrer Forschung Methoden und Intuitionen vorweg, die in die moderne Wissenschaft einflossen - und dennoch jahrhundertelang marginalisiert und verdrängt wurde.

„Bei der Alchemie geht es nicht um die Herstellung von Gold: Der wahre Alchemist interessiert sich nicht für materielle Dinge, sondern für die Transmutation, für die Wandlung des Geistes.“3 (Anselm Kiefer)

Kiefer gibt diesen Alchemistinnen Gesicht und Materie zurück, indem er ein alternatives weibliches Pantheon zur bisher gängigen Geschichtsschreibung aufbaut. Mit seiner charakteristischen materiellen und symbolträchtigen Malweise lässt Kiefer Alchemistinnen, Heilerinnen, Forscherinnen als gespenstische Erscheinungen aus seinen Leinwänden auftauchen. Er verwendet Schichten aus Öl, Acryl, Emulsion, Schellack, Stroh, Blei und anderen Materialien, um jene Frauen fassbar zu machen, die zwischen Mythos, Wissenschaft, Magie und Philosophie changieren. Da Kiefer die reich dekorierten Wände nicht als Hängefläche nutzen kann, und um der Installation einen bühnenbildhaften Aufbau zu geben, stellt er die monumentalen Gemälde auf rollende (!) Stellwände. So bilden die bildhaften Objekte Bildwände, die, einem Wandschirm gleich, an den Scharnieren leicht geknickt werden. Unterschiedliche formale Lösungen und Farbkonzepte wechseln einander ab, um eine variantenreiche und dennoch in sich geschlossene Ästhetik zu erzielen.

 

Kiefers Alchemistinnen-Zyklus

Anselm Kiefer beschäftigt sich in seinen Werken mit einer Reihe heute wenig oder gar unbekannten Alchemistinnen:

  • Maria, die Prophetin oder Maria, die Jüdin] (1.–3. Jhdt.),
  • Theosebia und Paphnutia (Ägypten, um 300)
  • Kleopatra (Kleopatra die Alchemistin; aktiv in Alexandria zwischen dem 3. und 4. Jhdt.)
  • Perenelle (oder Pernelle/Perrenelle) Flamel (Frankreich 1320–1397)
  • Blanche von Navarra (Blanche de Navarre oder Blanche d’Évreux; um 1331–1398 Neaufle-les-Saint-Martin)
  • Barbara von Cilli (oder Barbara Celje oder Barbara Celjska; Celje 1392–1451 Mělnik)
  • Caterina Sforza, Tochter des Mailänder Herzogs Galeazzo Maria Sforza (Mailand 1463–1509 Florenz),
  • Anna Kurfürstin von Sachsen (Haderslev 1532–1585 Dresden)
  • Isabella Cortese (gest. 1561),
  • Camilla Erculiani (oder Herculiana; aktiv in Padua in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts)
  • E.H. (aktiv in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts)
  • Isabella Cortese (aktiv in Venedig in der 2. Hälfte des 16. Jhdts)
  • Anne Marie Ziegler (oder Zieglerin; Pillnitz, um 1545/50–1575 Wolfenbüttel),
  • Lady Margaret Clifford of Cumberland (Exeter um 1560–1616 Brougham Castle)
  • Lady Mary Herbert, Countess of Pembroke (Bewdley 1561–1621 London)
  • Anna Vasa von Schweden (Anna Wazówna; Eskilstuna 1568–1625 Brodnica),
  • Elizabeth Grey (Sheffield? um 1581–1651 London)
  • Alethea Talbot Howard (Sheffield um 1585–1654 Amsterdam),
  • Madame de la Martinville (aktiv um 1601)
  • Venetia Stanley Digby (Tong Castle? 1600–1633 London)
  • Martine de Bertereau (gest. 1645 Château de Vincennes)
  • Rebecca Vaughan (gest. 1658 London),
  • Marie Meurdrac (Mandres-les-Roses um 1610–1680?)
  • Marie Meurdrac (vor 1613–um 1680),
  • Marie de Bachimont (aktiv in Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jhdts)
  • Margaret Cavendish (Colchester 1623–1673 Welbeck Abbey)
  • Christina von Schweden (Kristina Švedska; Stockholm 1626–1689 Rom)
  • Anne Conway (London 1631–1679 Ragley Hall)
  • Dorothea Juliana Wallich (Weimar 1657–1725 Arnstadt)
  • Leona Constantia (aktiv in der ersten Hälfte des 18 Jhdts)
  • Frau von Pfuel (aktiv Mitte des 18. Jhdts)
  • Schwestern zu Rodaun (aktiv in Wien in der Mitte des 18. Jhdts)
  • Susanna von Klettenberg (Frankfurt 1723–1774)
  • Sabine Stuart de Chevalier (vielleicht Schottin, aktiv in Paris zwischen 1764 und 1781)
  • Theosophia Sternbucta (aktiv in Deutschland in der 2. Hälfte des 18. Jhdts)
  • Madame D’Orbelin (aktiv in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18 Jhdts)
  • Mary Anne Atwood (Dieppe 1817–13.4.1910 Yorkshire)

Die Verbindung zur Stadt Mailand zu Caterina Sforza (1463–28.5.1509 Florenz) ist besonders eng. Caterina war eine uneheliche Tochter des Mailänder Herzogs Galeazzo Maria Sforza (reg. 1466–1476), wurde im herzoglichen Palast erzogen und lebte ihre prägenden Jahre in der lombardischen Metropole. Ihr seltenes Manuskript „Gli Esperimenti“ (vor 1500, in einer Abschrift von Lucantonio Cuppano erhalten, 1525, Privatsammlung) dokumentiert 454 Rezepte für Medikamente, Kosmetika und alchemistische Formeln – ein Zeugnis weiblichen Forscherdrangs in der Renaissance.4

Dem Wissen gibt Anselm Kiefer die Materialität von Gold. So wird die dänische Astronomin und Schwester des deutlich berühmteren Tycho Bahe, Sophie Brahe (1559-1643), setzte ihre Ausbildung gegen den Willen der (adeligen) Eltern durch. Gemeinsam mit Tycho erarbeitete sie einen neuen Fixsternkatalog, beschrieb eine Mondfinsternis (1573) und einen Kometen (1577), bevor eine Ehe ihre wissenschaftlichen Studien unterbrach. In der Folge wandte sich Sophie Brahe der Chemie und Medizin zu, wirkte als Ärztin auf ihrem Gut und betrieb auch genealogische und alchemistische Studien. Aufgrund fehlender, weil nicht publizierter Schriften, ist das Werk der Dänin wenig bis nicht nachzuvollziehen. Anselm Kiefer setzt ihr in seinem neuen Zyklus ein Denkmal, indem er Sophie Brahe nach den Sternen greifen lässt. Sie (er)fasst einen leuchtenden Stern und hält ihn gleichzeitig hoch. Der goldene Schimmer erhellt eine dunkle Nacht.

Kiefer macht mit seinem neuen Werk verdrängte Frauen sichtbar - und zeigt damit gleichzeitig auf, das Wissen über viele Jahrhunderte dann doch ein Geschlecht hatte. Besonders wichtig ist diese Erkenntnis in der Medizin, da inzwischen bekannt ist, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in Symptomen, Krankheitsverläufen und Medikamentenreaktionen zwischen Frauen und Männern existieren. So bleibt zu hoffen, dass Forscherinnen auf denen Werken dieser einst bekannten und heute wiederentdeckten Alchemistinnen aufbauen können. Und das Wissen geschlechtslos wird. 

Kuratiert von Gabriella Belli.

Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, 2026, Installationsaufnahme Mailand © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, 2026, Installationsaufnahme Mailand © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Dorothea Juliana Wallich, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Dorothea Juliana Wallich, Mailand 2026, Installationsaufnahme: © Ela Bialkowska, OKNO Studio
Anselm Kiefer, Marie de Bachimont, 2025, Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer
Anselm Kiefer, Marie de Bachimont, 2025, Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer

Anselm Kiefer. Le alchemiste: Ausstellungskatalog

Gabriella Belli (Hg.)
mit Beiträgen von Natacha Fabbri, Gabriele Guercio und Lawrence Principe, die die Beziehung zwischen Kunst, Alchemie und dem Weiblichen in Kiefers Poetik näher beleuchten.
Marsilio Arte

 

Bilder

  • Anselm Kiefer, Sophie Brahe, 2025 (Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer)
  • Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Dorothea Juliana Wallich, Mailand 2026.
  • Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, Mailand 2026.
  • Anselm Kiefer, Die Alchemistinnen, 2026, Installationsaufnahme Mailand.
  • Anselm Kiefer. Alchemistinnen. Mailand, Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi.
  • Anselm Kiefer, Die Alchimistinnen, Mailand 2026, Installationsaufnahme.
Anselm Kiefer, Sophie Brahe, Detail, 2025 (Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer)
Anselm Kiefer, Sophie Brahe, Detail, 2025 (Foto: Nina Slavcheva © Anselm Kiefer)

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