Tamara de Lempicka

Wer war Tamara de Lempicka?

Tamara de Lempicka (16.5.1898–18.3.1980) war eine französisch-amerikanische Malerin des Art Déco und der Neuen Sachlichkeit mit polnischen Wurzeln. Die aus wohlhabendem Elternhaus stammende Künstlerin wurde in St. Petersburg und Paris ausgebildet. Bewusst entwickelte sie eine Bildsprache, die wohlhabenden Kunstsammlern und ihren Lebensentwürfen entgegenkam und sich stilistisch an den Florentiner Malern der Renaissance orientierte.

Tamara de Lempickas Werk umfasst an die 520 Gemälde und 220 Zeichnungen und Aquarelle.

Kindheit und Ausbildung

Die am 16. Mai 1898 wurde Tamara Maria Rozalia Gurwik-Górska in Warschau geboren. Ihre Eltern Boris und Malwina Gurwicz-Górski waren wohlhabende Kunstförderer. Sie trennten sich, als Maria Rozalia ein Jahr alt war; die Scheidung erfolgte 1912. Malwina Gurwicz-Górski zog ihre drei Kinder – den älteren Bruder Stanczyk und die jüngere Schwester Adrienne (1899–1969) – gemeinsam mit ihren Eltern Bernard und Klementyna Dekler (Clémentine Declair/Dekler/Decler) in deren Haus in Warschau auf. Die spätere Malerin Tamara de Lempicka besuchte die Schule in der Schweiz, wo sie seit 1907 jedes Jahr die Sommerferien in Lausanne verbrachte.

1910 ließ Malwina Gurwicz-Górski Tamara in Pastell portraitieren. Das zwölfjährige Mädchen war mit dem Ergebnis so unzufrieden, dass sie behauptete, es besser zu können. Sie malte daraufhin ein Portrait ihrer Schwester Adrienne – ihr erstes Gemälde.

Für ihre künstlerische Entwicklung wurde eine Reise nach Italien 1911 von größter Bedeutung. Gemeinsam mit ihrer Großmutter besuchte sie viele Museen in Venedig, Rom und Florenz. Vor allem die Maler der italienischen Renaissance beeindruckten das junge Mädchen sehr.

Lempicka im Ersten Weltkrieg

1914 hielt sich Tamara mit ihrer Familie bei ihrer Tante Stephanie (Stefa) Stifter in St. Petersburg auf. Nach dem Ausbruch des Krieges, konnten sie nicht nach Polen zurückkehren, weswegen sich Tamara in die St-Petersburger Kunstakademie einschrieb. Dort lernte sie die Malerei zeitgenössischer russischer Künstler kennen, darunter Werke von Boris Grigoriew (1886–1939), Kusma Petrow-Wodkin (1878–1939) oder Alexander Jakowlew (1887–1938).

Im Alter von 18 Jahren heiratete Tamara Anfang des Jahres 1916 den jungen Anwalt Graf Tadeusz Łempicki (1889–1950) in der Kapelle des Malteser-Ritterordens in St. Petersburg. Er war ein naher Verwandter des polnischen Dichters Cyprian Kamil Norwid. Am 16. September des gleichen Jahres wurde die gemeinsame Tochter Maria Krystyna, genannt Kizette (1916–2001), geboren.

Die bolschewistische Revolution 1917 zwang Lempickas Familie Russland zu verlassen. Die Kontakte von Tamara de Lempicka ermöglichten die Flucht nach Kopenhagen wie auch kurz darauf die Freilassung ihres Mannes. Denn Lempickas Ehemann blieb noch bis 1918 in St. Petersburg, um die Interessen seiner Familie zu regeln. Nachdem er von der Geheimpolizei Cheka im Dezember 1917 verhaftet worden war, kam er für sieben Wochen in ein kommunistisches Gefängnis. Durch Hilfe des schwedischen Konsuls erhielt Tadeusz Łempicki einen schwedischen Pass. Damit konnte er die Sowjetunion verlassen und zu seiner Ehefrau nach Kopenhagen weiterreisen.

Tamaras Schwester Adrienne ermutigte sie, Gemälde für den Unterhalt der Familie zu verkaufen. Vielleicht wäre Tamara de Lempicka nie jene berühmte Malerin geworden, wenn sie nicht durch Flucht schlussendlich nach Paris verschlagen worden wäre.

Paris: Malerin des Art Déco (1918–1939)

Die Familie zog 1919 nach Paris, wo sie sich in einer Pension im Stadtviertel Passy einmietete. Tamara und ihr Ehemann kamen bei ihrem Cousin Constantin Stifter unter, der eine große Wohnung besaß. Bis auf ein paar geschmuggelte Juwelen und einen Koffer hatten sie nichts mitnehmen können. In Paris erfand sich die angehende Malerin neu, und nahm den Künstlernamen Tamara de Lempicka an.

Tamara de Lempicka schrieb sich 1920 an der Académie Ranson ein, wo sie Unterricht von Maurice Denis (1870–1943) erhielt. An der Académie de la Grande Chaumiére wurde André Lhote (1885–1962) ihr Lehrer. Von Denis scheint Lempicka vor allem Maltechnik gelernt zu haben; während Lhote ihr einen gemäßigten Kubismus nahebrachte. Lhote predigte, dass Künstlerinnen und Künstler eine Balance zwischen kubistischem Experiment und sichtbarer Wirklichkeit herstellen sollen, dass Malerei eine „plastische Metapher an den Grenzen der Ähnlichkeit“ wäre. Tamara de Lempicka prophezeite ihrer Schwester, nur das zu lernen, was kommerziell verwertbar sei und einen ganz neuen, teuren Stil für das reiche Publikum zu finden. Dieses Konzept wolle Tamara de Lempicka so lange verfolgen, bis ihr die Diamanten bis zum Ellbogen reichten. Monatelang experimentierte sie, bis sie Bilder in kühlen Farben, glatt wie Email, vereinfachte Formen und so an Werbeplakate erinnernd, malen konnte. Später wurden diese Werke als typisch für das Art Déco angesehen (seit 1966/68 wird der Begriff Art Déco überhaupt erst verwendet).

1922 war Lempicka zum ersten Mal mit einem Gemälde im Pariser Salon d´Autonome vertreten. Dargestellt ist ihre Freundin Ira Perrot, mit der sie eine langjährige Beziehung einging. Deshalb zog Lempicka in eine eigene Wohnung an der Place Wagram, wo ihr Cousin Constantin Stifter auch ihre vollendeten Gemälde fotografierte. Sie begann sich fein zu kleiden, wie die Damen der Gesellschaft aus den Modemagazinen, um in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Ab 1923 stellte sie regelmäßig im Salon des Indépendants und im Salon d´Automne aus, wodurch sie sich eine schönere Wohnung in der Rue Guy de Maupassant leisten konnte.

Ihren internationalen Durchbruch feierte Tamara de Lempicka 1925 auf der „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“ (April bis Oktober 1925), der Pariser Weltausstellung mit Schwerpunkt auf luxuriösem Design und Kunstgewerbe, die später als „Art Déco“ bekannt wurde. Der dort präsentierte Style Moderne, der durch das Werk von Tamara de Lempicka besonders repräsentiert wird, wird ebenfalls als Art Déco bezeichnet. Lempicka wurde eingeladen, zwei Gemälde im Salon des Tuileries und im Salon des femmes peintres auszustellen. Amerikanische Journalisten vom Harper’s Bazaar entdeckten die polnisch-französische Malerin und machten sie bekannt.
Auch Lempickas erste Einzelausstellung fand im Jahr 1925 in der Bottega di Poesia in Mailand statt, organsiert von Graf Emmanuelle di Castelbarco. Durch ihn lernte sie den Dichter und Politiker Gabriele D’Annunzio (1863–1938) kennen, mit dem die Malerin eine Korrespondenz begann. D’Annunzio galt als Ideengeber für den italienischen Faschismus und als einer der Mentoren Mussolinis. Lempicka wurde immer bekannter, wodurch sie auch zahlreiche einflussreiche Aristokraten aus der Kunstwelt kennenlernte. Noch 1925 entstand das „Porträt der Herzogin de la Salle“ und in den folgenden Jahren schuf Lempicka weiter Auftragsporträts. Auch D´Annunzio wollte sich von Lempicka porträtieren lassen, als ihr aber 1927 seine Avancen zu viel wurden, flüchtete sie vor ihm mitten in der Nacht aus seiner berühmten Villa am Gardasee.

Tamara de Lempicka gelang es den „Geist“ der Zwanzigerjahre nicht nur in ihren Bildern entstehen zu lassen, sondern auch selbst zu verkörpern. Sie zeigte ihren Wohlstand, verwirklichte die Idee der femme fatale, lebte theatralisch, exzentrisch, dreist und unverfroren interpretierte sie die Neue Frau. Diese Eigenschaften teilte sie u.a. mit der damals bereits legendären Tänzerin Josephine Baker. Unzählige Maler stellte sie Frauenakte dar, darunter „Frauenbad“ von 1929 (Privatsammlung), in dem sie sich sowohl an Amedeo Modigliani wie an Jean-Auguste-Dominique Ingres orientierte. Stilistisch lassen sich ihre Werke sowohl dem Art Déco wie auch der Neuen Sachlichkeit (→ Neue Sachlichkeit) zuordnen. De Lempicka wurde als Künstlerin wie als Malerin ein Role Model, eine international renommierte Porträtistin und Illustratorin. So entwarf sie 1927 zwei Illustration für das Titelblatt der wichtigsten deutschen Modezeitschrift „Die Dame“ und malte die Bilder „Der orangefarbene Schal“ und „St. Moritz“. In ihren Bildern feierte Tamara de Lempicka die Symbole des modernen Lebens wie Telefon, Automobil, den Jachtclub, Architektur.

1928 lernte die Künstlerin den verheirateten Baron Raoul Kuffner de Diószegh (1886–1961) kennen. Er beauftrage sie mit einem Portrait seiner Geliebten, der andalusischen Startänzerin Nana de Herrera. Kurze Zeit später ging Lempicka mit ihm eine Liaison ein, darafhin ließ sich ihr erster Ehemann gegen ihren Wunsch von ihr scheiden. Baron Kuffner entstammte einer geadelten jüdischen Familie. Er wurde in Wien geboren und besaß ein ansehnliches Vermögen in Österreich und Ungarn. Nach dem Tod seiner Ehefrau wollte Baron Kuffner Tamara de Lempicka heiraten, doch diese lehnte anfangs ab. Erst am 3. Februar 1934 heiratete das Paar in Zürich und verbrachte die Hochzeitsreise in Ägypten. Für Tamara de Lempicka war die Ehe eine soziale und ökonomische Errungenschaft, die sie aufgrund ihres eigenen Erfolgs nicht mehr benötigte. Das Paar einigte sich auf eine offene Beziehung.

1929 erhielt Lempicka in Polen die Bronzemedaille der Internationalen Ausstellung in Posen. Sie malte sich im „Selbstportrait im grünen Bugatti [Autoportrait]“ – als Auftragsarbeit für die Titelseite der Berliner Illustrierten „Die Dame“. Zeitgleich hatte sie auch Ausstellungen in vier Salons, in der Galerie Colette Weil in Paris, sowie am Carnegie Institute in Pittsburgh USA. Rufus Bush, ein reicher Amerikaner, beauftragte Lempicka mit dem Portrait seiner Verlobten. Woraufhin sie ihre erste Reise nach New York unternahm. Neben mehreren Bildern entstanden auch Wolkenkratzerstudien. In den USA lernte sie Georgia O’Keeffe (1887–1986), Santiago Martinez Delgado (1906–1954) und Willem de Kooning (1904–1997) kennen.

Kurz vor 1930 malte Tamara de Lempicka einige kontroverse Gemälde ihrer Tochter Kizette. Das Bild „Die schöne Rafaela“ zeigt eine junge Frau im Bois de Boulogne, die Lempicka ansprach, weil sie von ihrer Schönheit so angetan war. Lempickas Person und ihr Werk standen für Schönheit, Jugendlichkeit, gepaart mit Alterslosigkeit, Eleganz, Extravaganz; es wurde aber auch von Feministinnen geschätzt. Während der 1930er Jahre fiel die Malerin nicht nur in eine Depression, an der sie lebenslang litt, sondern ihr persönlicher Ruhm begann ihr Werk zu überstrahlen. Pathé Cinéma filmte Lempicka 1932 in ihrem Atelier. Das Musée du Luxembourg in Paris kaufte für 8.000 Franc das im Salon des Indépendants ausgestellte Gemälde „Junges Mädchen mit Handschuhen“ (1929), und im selben Jahr ließ sich Lempicka von Madame D´Ora (1881–1963), einer der faszinierendsten Fotografinnen des frühen 20. Jahrhunderts (→ Madame d’Ora: Pionierin der Porträtfotografie in Wien und Paris ), porträtieren.

Tamara de Lempicka in den USA (1939–1980)

Tamara de Lempicka überredete 1938 ihren Mann, seine Ländereien in Österreich und Ungarn zu verkaufen, und das Geld in die Schweiz zu bringen. Sie planten gemeinsam in die USA zu übersiedeln, und Tamara de Lempicka begann wieder mit vollem Eifer viel zu malen. Ihre Tochter Kizette ließ sie in der Obhut ihrer Schwester Adrienne und ihres Schwagers; 1942 folgte sie ihrer Mutter nach Hollywood nach.

Am 24. Februar 1939 kamen Tamara de Lempicka und Baron Kuffner mit dem Schiff in New York an. Lempicka konnte viele ihrer Werke mitbringen, sodass sie bereits am 1. Mai hatte ihre erste Ausstellung in der Paul Reinhardt Gallery in New York eröffnen konnte.

1940 zog Tamara de Lempicka mit ihrem Mann nach Hollywood, wo sie das Anwesen des Regisseurs King Vidor (1894–1982) gekauft hatten. Sie unterstützte Vereine, die sich für die im Krieg befindlichen europäischen Soldaten einsetzten, und erhielt den Grad eines Staff Sergeant im Women’s Emergency Corps, deren Uniformen sie entwarf.

Bereits 1943 zog das Ehepaar Lempicka-Kuffner nach New York, wo sie sich eine Wohnung in der East 57th Street 322 kauften, und 1949 kehrte es nach Europa zurück. Um sich neu zu erfinden, malte Tamara de Lempicka 1953 einige abstrakte Bilder. Jedoch blieben diese Werke in einer Ausstellung in der Galerie André Weil in Paris 1955 fast unbemerkt. Bereits während der 1950er Jahre zeigte sich, dass das Werk der 20er bis 40er Jahre im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, während aktuelle Arbeiten Tamara de Lempickas kaum Aufmerksamkeit erhielten. In de 1960er und 1970er Jahren reiste die Malerin viel und zog zu ihrer Tochter Kizette in die Nähe von Houston.

Die inzwischen mit pastosen Farben arbeitende Malerin beschloss 1963 nicht mehr auszustellen. Erst 1969 traf sie den jungen Kunsthändler Alain Blondel, seine Freundin Francoise, ihre Schwester Michéle Roccaflia und deren Freund Yves Plantin. Die vier Pariser hatten sich gewundert, was aus der einst so berühmten Künstlerin geworden wäre und riefen sie an. Durch einen glücklichen Zufall trafen sie die Künstlerin gerade in Paris an. Lempicka erlaubte Blondel ein paar ihrer Werke mitzunehmen. Allerdings dauerte es noch weiter drei Jahre, bis sie zustimmte, dass ihre Werke 1972 in der Galerie du Luxembourg von Blondel und Platins gezeigt wurden. Zu sehen waren unter anderem die Portraits der Herzogin de La Salle, von Ira Perrot, alle Portraits der Boucard Familie und ihres ersten Mannes von Tadeusz Łempicki aus dem Jahre 1928, „La Belle Rafaéla“, Nana de Herrera, „Adam und Eva“, „Die Frau mit grünen Handschuhen“ und ihr berühmtes Selbstportrait am Steuer des grünen Bugatti. Lempicka wurde vom Publikum und von der Presse wiederentdeckt und galt zu dieser Zeit als Sinnbild für die 1930er Jahre und das Art Déco.

Tod

Tamara de Lempicka zog sich 1978 nach Cuernavaca in Mexiko zurück. Nachdem Kizettes Ehemann an Krebs verstorben war, zog sie zu ihrer Mutter nach Mexiko, um sich um sie zu kümmern.

Tamara de Lempicka starb am 18. März 1980 im Schlaf in ihrem Haus Tres Bambús in Cuernavaca. Sie wurde 81 Jahre alt. Ihrem Wunsch entsprechend wurde ihre Asche auf dem Vulkan Popocatépetl verstreut.