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Bacon, Freud bis Yiadom-Boakye: 100 Jahre figurative Malerei aus London Allzu Menschliches in der Tate Britain und im Szépművészeti Múzeum

Francis Bacon, Studie für ein Porträt von Lucian Freud, Detail, 1964, Öl/Lw, 198 x 147,6 cm (The Lewis Collection © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved. DACS, London, Foto: Prudence Cuming Associates Ltd.)

Francis Bacon, Studie für ein Porträt von Lucian Freud, Detail, 1964, Öl/Lw, 198 x 147,6 cm (The Lewis Collection © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved. DACS, London, Foto: Prudence Cuming Associates Ltd.)

Francis Bacon und Lucian Freud gelten als die bedeutendsten Maler Großbritanniens des 20. Jahrhunderts. Sie sind aber auch die „Anführer“ der sogenannten Londoner Schule, die nach dem Zweiten Weltkrieg die figurative Kunst hochhielt und zu einem existentialistischen Ausdruck fand. Die Ausstellung in der Tate Britain, die im Herbst 2018 im Szépművészeti Múzeum gezeigt werden wird, zeigt in etwa 100 Werken, wie sie persönliche und direkte Erfahrungen und Ereignisse verarbeiteten. Der Einsatz der Farbe – in seiner Pastosität dem Fleisch ähnlich – destilliert rohe Gefühle. In der Schau „All Too Human“ bringen die Kuratoren Werke von Walter Sickert, Stanley Spencer, Michael Andrews, Frank Auerbach, R. B. Kitaj, Leon Kossoff, Paula Rego, Jenny Saville, Lynette Yiadom-Boakye u.v.m. zusammen. Über Generationen hinweg wird die Darstellung des Menschen im 20. Jahrhundert aufgearbeitet.

Bacon – Freud. Fotos – Modelle

Die Gemälde von Lucian Freud und Francis Bacon bestechen durch den reichen Sensualismus und die Intimität. Bedeutende Werke von Bacon aus allen Schaffensphasen zeigen, dass sein Atelier sowohl Kontext und Sujet der Gemälde ist. Im Laufe der Jahre wurde die unnachgiebige und ehrliche Darstellung der Modelle skulpturaler und konzeptueller. So nachzuvollziehen an den Gemälden wie „Frank Auerbach” (1975/76) und „Sleeping by the Lion Carpet” (1996). Im Gegensatz zu Lucian Freuds Arbeitsweise, sich mit Modellen im Atelier wochenlang auseinanderzusetzen, waren häufig John Deakins Fotografien Ausgangspunkte für Bacons Interpretationen. Dazu zählt beispielsweise das „Porträt von Isabel Rawsthorne“ aus dem Jahr 1966. Frühere Werke von Bacon wie „Studie nach Velázquez“ (1950) werden neben einer Skulptur von Giacometti gezeigt, da beide Künstler die „dauerhafte Präsenz von isolierten Figuren“ erforschten (→ Bacon – Giacometti in der Fondation Beyeler).

Figurative Malerei in England nach 1945

Walter Sickert und Chaim Soutine gehören zur ersten Generation von Malern, die den Nachkriegskünstlern als Vorbilder für das Evozieren einer intimen, subjektiven und greifbaren Realität dienten. William Coldstream unterrichtete an der Slade School of Fine Art sowie David Bomberg am Borough Polytechnic, beide Lehrer erwiesen sich zudem als extrem einflussreich. Da Lucien Freud als Assistent von Coldstream arbeitete, ermutigte der Professor Michael Andrews und Euan Uglow, die sichtbare Welt durch intensive Beobachtung auf die Leinwand zu bannen. Zu Bombergs Studenten zählten Frank Auerbach, Leon Kossoff und Dorothy Mead, die eine „körperlichere“ Lebenserfahrung verfolgten. Die Themenwahl dieser Generation ist weit gestreut: Auerbach und Kossoff begeisterten sich lebenslang an Londons Straßen und öffentlichen Plätzen. Francis Newton Souza hingegen wandte sich spirituellen und symbolischen Figuren zu, Coldstream und Freud fokussierten auf dem Körper in Isolation, im Gegensatz dazu stehen in der Kunst von Michael Andrews und R. B. Kitaj an Gruppenszenen und Geschichtenerzählen.Die Rolle von Künstlerinnen im traditionell von männlichen Protagonisten dominierten Feld der figurativen Malerei ist ebenfalls Thema der Schau: Paula Rego analysiert die Bedingungen des Frauseins in der Gesellschaft, die verschiedenen Rollen, die sie im Laufe ihres Lebens einnehmen. Dabei bezieht sie sich immer auf autobiografische Ereignisse wie in „The Family“ (1988). Ihre Arbeit zeigt einen markanten Stilwechsel, als sie wiederbegann, nach dem Leben zu zeichnen.Zu den jüngsten Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung in der Tate gehören Cecily Brown, Celia Paul, Jenny Saville and Lynette Yiadom-Boakye. Sie stellen sich in die Tradition des 20. Jahrhunderts – geben aber auch der figurativen Malerei eine neue Richtung.

Kuratiert von Elena Crippa und Laura Castagnini. Die Ausstellung wird im Herbst/Winter 2018 im Szepmüveseti Museum in Budapest zu sehen sein.

Ausgestellte Künstlerin und Künstler

Francis Bacon (1909–1992), Lucian Freud (1922–2011), Walter Sickert (1860–1942), Chaïm Soutine (1893–1943), Stanley Spencer (1891–1959), Francis Newton Souza (1924–2000), Michael Andrews (1928–1995), Frank Auerbach (* 1931), R. B. Kitaj (1932–2007), Leon Kossoff (* 1926), Paula Rego (* 1935), Jenny Saville (* 1970), Lynette Yiadom-Boakye (* 1977).

Bacon, Freud – Maler des menschlichen Lebens: Bilder

  • Francis Bacon, Porträt, 1962, Öl/Lw, 198 x 141,5 cm (Museum für Gegenwartskunst Siegen. The Lambrecht-Schadeberg Collection / Winners of the Rubens Prize of the City of Siegen)
  • Francis Bacon, Studie für ein Porträt von Lucian Freud, 1964, Öl/Lw, 198 x 147,6 cm (The Lewis Collection)
  • Francis Bacon, Triptychon, 1974–1977, Öl, Pastell und trocken übertragener Schriftzug auf Leinwand, 198 x 147,5 cm (The Lewis Collection)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.